Skip to main content

Full text of "Sitzungsberichte der Königl. Bayerischen Akademie der Wissenschaften"

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



Sitzungsberichte 



der 



königl. bayer. Akademie der Wissenschafben 



zu München. 



Jahrgang 1863. Band 11. 



%.^ßii^^^^^^^*^^^^*^t^S^*^*^S^*^*,mm'^^ 



München. 

Druck Yon F. Straub (Witteisbacherplatz 3). 

1863. 

In Commistion bei O. Fr am. 



Uebersicht des Inhaltes. 



Die mit * bezeidmeten Vortriebe sind ohne Anaing. 

JPkilosophischr^hüologische Classe. Sitzung vom 6. Juni 1863. 

Seite 
M. J. Müller: 1. Ibnnlkhatibs Bericht über die Pest. ... 1 

^ 2. Tod des Königs Sebastian Ton Portugal . . 84 

3. lieber die donceUa Teodor 88 

'^^pengel: Ueber Philodemus n$qi Mvit^ßiUt^ aus den Heroula- 

nensischen Hollen 40 

Thomas: üeber das Epithalamitun des Gallienns 41 

Birlinger: Schwäbisch- Augsburgisches Wörterbuch .... 48 



Mathematisch-physikai. Classe. SiUung vom 13. Juni 1863. 

von Martins: Glossaria linguarum brasiliensium 43 

Bischoff: a) Ueber die Ranzzeit des Fuchses und die erste 

Entwicklung feines Eies 44 

b) Ueber die Präparations -Methode des häutigen 
Labyrinthes des Gehörorganes durch Br. Voltolini 
in Breslau — . unter Vorlegung Ton Präparaten 

über dasselbe von Dr. Büdinger 55 

Buhl: Ueber das Faserstoff-Exsudat 59 

(Mit einer Tafel.) 



17 

Seit« 
Schönbein: Ueber die katalytische Wirksamkeit organiBcher 

Materien uncT deren Verbreitung in der Pfianzen- 

und Thierwelt 95 

Nägeli: lieber die chemisclie Zusammensetzung der Stärke- 
kömer und Zellmembranen 119 



Historische Classe. Siteung vom 20. Juni 1863. 
♦Giesebrecht: Heber die fränkischen Reichs- Annalen . . . 143 



Philosophisch-philologische Classe, Sitzung vom i. Juli 1863. 

£. Schlagintweit: Ueber das Mahayäna Sütra Digpa tham- 

chad shagpar tercboi (Zusätze) .... 149 
*St reber: Ueber die gallischen Goldmünzen mit dem angeb- 
lichen Bilde eines Auges 152 

Thomas: Ueber ein Epigramm Nicodemus Frischlings auf Ve- 
nedig 152 

Plath: Proben chinesischer Weisheit nach dem Ming sin pao 

kien 156 



Mathematischrphysikal. Classe. Sitzung vom 11. Juli 1863. 

Eolbe: Beobachtungen über neue bemerkenswerthe Isomerien 

organischer Verbindungen . . : 215 

Kner: Uebersicht der ichthyologischen Ausbeute des Herrn 

Prof. Dr. Moriz Wagner in Central-Amerika .... 220 



Mi« 

Kenngott: a) Der HeMenbergit, eine neue MmerakpecieB (mit 

Holzschnitt) 280 

b) Ueber die Grondgestalt des Hamatit .... 284 



Einsendnngen an Druckschriften 287 



Philosophisi^i-^hilologische Glosse. Sitzung vom 7. Navbr. 1863. 

^pengel: üeber die Nicomachische Ethik als ersten Theil 

von Aristotelischen Studien 253 

Thomas: Miscellen aus Handschriften der Münchener Staats- 
bibliothek: 

1) Zu Persius 254 

2) Eine Tegemseer Urkunde, die Stiftung eines Seel- 
gerätes betreffend, aus dem 14. Jahrhundert . . 260 

8) Ein Fragment su den Ordalen 262 



Mathematischrphysihäl. Glosse. Sit/stmgvoni 14. Navhr. 1863. 

A. Yogel jun.: üeber die chemische Wirkung einiger Licht- 
Ausstrahlungen 266 

Kägeli: a) üeber die chemische Verschiedenheit der Stärke- 
körner 272 

b) üeber die ungleiche Yertheüüng gelöster Stoffe in 
dem Wassertropfen eines mikroskopischen Präparates 298 
Steinheil: üeber photographische Triangulation und Vermessung 804 
Treviranus (in Bonn): Wie entsteht die sogenannte Oberhaut 

der Saamenschale (testa seminis)? . 811 



VI 

Seite 

Seidel: lieber eine Anwendung der WährBcheinlichkeitsrech- 
nung bezüglich auf die Schwankungen in denDurch- 

sichtigkeitsyerhältnissen der Luft 320 

V. Bezold: üeber die mathematischen Beziehungen zwischen 

den krystallographischen Grundgesetzen .... 350 
Gümbel: Zu seiner Abhandlung: 

üeber die Clymenien in den üebergangsgebilden des 
Fichtelgebirges 372 



Historische Classe. Sitzung vom 21. November 1863. 

^Kunstmann: üeber die ältere Verbindung Spaniens mit Afrika 

und die Besitzungen der Westgothen in Afrika 373 



Oeffentliche Sitzung der k. Akademie der Wissenschaften 

sw Feier des Allerhöchsten Geburtsfestes Sr. Majestät des 

Königs Maximilian IL, am 28. November 1868: 

Freiherr von Liebig: Einleitende Worte 375 

Nekrologe . . . ; 380 

Neuwahlen 412 



Philosophisch-philol. Classe, Sitzung vom 5. Becember 1863. 

^Thomas: üeber den Periplus des Pontus Euzinus nach Mün- 
chener Handschriften 414 



VII 

Mathematisch'physikal. Glosse. Sitzung vom 12. Dec. 1863. 

Seite 

Bisch off: Bericht über die Schrift der Herren Henneberg und 
Stohmann: Beiträge zu Begründung einer rationel- 
len Fütterung der Wiederkäuer 414 

von Martins: Zu seinem Aufsatz „die Fieber-Rinde, der China- 
Baum, sein Vorkommen und seine Gultur^^ . . 427 
'''von Siebold: üeber seine Naturgeschichte der Süss wasser- 
fische von Mitteleuropa 428 



Historische Classe. Sitzung vom 19. December 1863. 

'"Roth: üeber die Secularisation des Kirchenguts im fränki- 
schen Reich unter Pipin 428 



Einsendungen an Druckschriften 429 



Anhang: 
Birlinger: Schwäbisch-Augsburgische s Wörterbuch, Bogen 1 — 10. 




Sitzungsberichte 

der 

iönigl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 

Philosophisch -philologische Glasse. 

Sitzung vom 6. Juni 1868. 



Der Classensekretär Herr M. J. Müller übergab seine 
in der Sitzung vom 6. December 1862 gehaltenen Vorträge 
(vgl. diese Berichte 1862 H. S. 248): 

I. Ibnulkhatibs Bericht über die Pest. 

Die verheerende Pest im vierzehnten Jahrhundert hat 
das Augenmerk arabischer Aerzte vielfach auf sich gezogen. 
In der Handschrift des Eacurials nro. 1785 (bei Casiri 1780) 
£nden sich drei Schriften über diesen Gegenstand, eine sehr 
ausführliche imd sorgfältige von Abudja'far Ahmad ben 'Ali 
ben Mohammad ben *Ali benEhätimah, dne andre von Abu 
"^Abdallah Mohammad ben 'Ali ellakhnu alschaqüri, eine dritte 
von Ibnulkhatib. Da der letzte eine überaus marquante 
Persönlichkeit ist, und moht bloss als Staatsmann, sondern 
auch als vielgewandter Literat in beinahe allen Fächern des 
arabischen Wissens glänzte, so erscheint es nicht unange- 
messen, ihn auch als Arzt kennen zu lernen. Da die meisten 
seiner medicinischen Schriften verloren zu sein, zum Theil 
auch einen grossem Umfang gehabt zu haben scheinen, so 
möge die folgende kleinere Schrift hinreichen, ihn in der an* 

g^ebenen Sparte zu charakterisiren. 
[1863, IL 1.] 1 



Sitzvmg der philo».-plMl. Claate vom 6. Juni 1863. 



JU J3L43I yi^f ^ JiSLJ» iüuüuj 8U«JI &iUJf 
sj v-^j »;r^ c)* 1^/ *«5-^' 45^ (^' v:jl^ '^ 

y^fjiaJf y«a». jjo _l^ jOe ^.^ 5I (.jJI vä*aSj ^^f 
i%(}ür ULwüP wAJuiaJf S4V^L>^ |»y^flxtt IULLao v'^)' '^^Vri 

«fjüüf s;^4i3 J^^U^ u^li-t ^l^t oLmJ y»^ ^(>l v^wj 

juit^f JyUi iuil^l y'JoJU iuxw [jSc> ül, I^Uc^t ^t 
Lje(XA.f (,;).xm^ i^uJUj^ xey!^ JuS «JU )}«^t 

.UpLai»>lj ibiU^ T^^y id^\f\ sI>Uf ^t«^£«»f 



Oyil;* 



t fehlt im Codex. 



MÜOer: IbrntOkams BeridU «her die Puf. 8 

«Xibf ^ ^^^ ^JJI «^waJI oHyJt S;^^ ^' f*^ (5^^ 
J^ S^ÜbJI «sAJiJ' dlj(> odju vi* <>;^/^' «»'*<> <5^^ 

JIa r4r" ^^' ^'^ r*^' hy^ ^^'"^ v:^* '^ J^^'^^'^ 

(KxJf eai ,f j^t i Jus uj ,,;* «j/ ^ »ji^f 

..w« ^tJ.f ..^üju l^f^ s»^ .i. SSJ u^O J^kjui 




J^£jf, x$1^( oa«J u»t^ ^^ y^ SysJ y\ Jl^fj 
U« SyxÄj (Ji.! u)l^ ,i (M-&JI ««3 UAdMA. «sA^^ 

^Uüf ^f JlS^ y&, st>tjüüU^ «fjüüt ^Lu^t ^iV Jus 



4 Sitzung der phüos.'phüöl, Ckuae vom 6. Juni 18€3. 

ji,^f i ss>Ljf oL^yi «,4x«i^ v^yüf ^» ,;u^ 

S^Lilkll SJuJjÜI >i»b^ Jü li,>U L!;Lic lILU pjjf jLe, 

J^f, iajiW va^j ^jOilt 1-AJlik y^ y^jUJf 45*5 L«*W 
JüU>f I6li Ju5^ t^JiSj ^Lo<> ^ Sj-^ö« '^Kb J5^ ä^f 

«wjl^ u'^ J^***M »t^J u*^' ^' ^^ ^ ij 
^uu Uj^ ^^üJL», ^yf ^1 Uli &JI <>|^l "^J^ 

syi ^^ &«Sll JiaP ^ l^ iJbliÜI ^t^ v/* i< 

^üuj^f Sw&LJ ü&«>ljja«i.t5 L^ljutjl, L$J^> l.4 ri l.j n ,w. < 
*) Cod. ^düüf 



MHOer: IbrnUkham» Beriekt «her dU Put. 5 

^«4^ J,f Ja* llJf 



S\yji dJU «a^aiiXi &o,U«, ^^kkJ JuÄi ^LUt ^ ^^1^ 

JüfQjbfj .^Jf «a»^4i» L^UiJL.^4^ sIZmJI l^^f l^iJL^ 

Üiy öl, ««ACL, ^v&^ ^J* l^sLiöJL» SUI^ iXju JkJt 
^g,^ Li Jyüt IXd ibUJI .yiaJii ^^^ .(Ult ItU ^ 
^gia^ lo ö^ J JyÜi 8iX3U ^ 5t iUUI J^^ y,l 

luX« wü>^, uM^ '«i^ Ä «^ ;y^ iS^ oIJüUm^I 
J^ »^ lÄ^s «>UXia««M 145 ^jJjJI |»^4i« ^ y^ 

^• a ä o ,A. \ \ .1^1 ^j^u ^^1 ^^ \b\S >JLifS!\ I JJ» ^ 

aJjjjJ IJüüLmuo ^^4^( ^;V frV' c)^ &^^ vi My^ 

(^^yi w^US" Mül^ ^^ &ftit4)üe ^ ^ lüJ JU^ «JUS 

«■ 



iU4 I juju ^J(^ ^1 jjjüfl ^Jl^ ,.^4-JI «>L»il Uju-JUi 

«aJLc ^^jfllaVj luüL«^ S^JÜLäJI iuj(JL» ««^Is x^ly» u^r* «^ 

JüüUJt ^jC? SdLoJI ud«e ^ U^i^ U 4X«j J^ «L^j 



6 Sitetmg der phihs.-fJükl. CSaise vom 6. Juni 1863. 

<>» ijje «ü^L»^ y^^ i>IJüüUw^t Jux«« ^^ rJ^ «3iiLi6j> 

i ^U)l J^t^ mJlc ,t Jf JüüL^f ^ Ül kJüf S^ Jüb 
^ VrÄS ^f (MaJ' ^>^ «Ä^^ '^' ;l^ v:^ v'yüt^ 

JU« Ij^, »ijA ^\jJ\ ^jjjij au e^l sliU^XJt^ 8)lJ>f^ 
(X^l v^ JT yfge. liU ^;l^ U, «>f Jkk&J^t ^tpi J>,tY...iW 
ye, JJilf ^^ J^f ^J,^ ^ JLmjI Jou .>Uu5lf JuJ ^Lüb 
byu ^Jb JütäJf y^ y,li' L05 <>ljuu«5« ^ g^UJ» JÜU 



•• •• 






MSOeri nmOMitbi BtrielU «btr die Put. 7 

iySxJ^y iiypJL ^^Jüüt Oyt^ ^au^ Jüt, ÜJLl dU<^ 

J^ «55.>f jl ^ IJoe »i yu J*ft Ju. ^ 

lAif jt «^ sIaJI^ ^fJJt ^ ^«Jt ^, .dütX^ 

n^)) *y^ >atMÜ CU) »licLt (JJLa yj^ UÜJti J» JÜf ^t 

J^ &iU ,»»;f;), |*4J;Üllj ,^«;A^ i |lS y^ytUJI 

U^ u4_;Jt ;^ ^;L3 vjijXfti v^ J^^ -Uyi ^ 

^j,j^ j,^, fcU» J* «y* wb ^^ StU .>5y tXi, 
jjjl .«Us J^ 8(Xa.t, i*mi C^yj (J, £J^>JlJI oyyU, 
SaiaMij») ^J^ [jAiiS ^ ^^^Ul &»^ILu ;L&^ oyt^T, 

y^f ,ue^ K.fc.lju.At JU;^ ^(Ju «1)1 |UBJJUf j.».>i».Jt 

uifycftl j5*s«JL *^y:ftf j^ ^^aX-ÜI uau ^J-. |v4*lft »Df 



8 Sittmg der tMlo8.-tMei. üatt» eow 6. Jmi 1863. 

y^ (V.lAJL)l ^5^ yj^ y^fj «il^^ lUAMU »LUil | »,4, .» l ff 

ftjüt ^ ^ j|il vi^LoJI (jyt) Jmo« ^^ u^;4« <>;^ 

(j^ »Sy jyütj i^^^^cuji jk*4>) (5;^ tf/*> Ui j^r 

I ^ •* .. • 

^^mJ ^ Wy^ *«J^ (j;^! ^^ Cr^y^ |»f»A W J^ 

ikll u^^b f(U^ ^yi IJüD LJU u^^^f ^ ^ 1»$" <ju^ 



*) Am Bande findet lich folgende SteDe: ^^ U^U^i «*ii(« 



um»: BmMhaHam BmM «^ die FttL 9 

»fc^ ^1 Uil j^ ^^f ^Ul „-^1 ^ir ^j^^f, 
«44.1 .äUx? V^ Ljju «JU iyi^ v-««^ yu »^, 

J^ ^'1 ;^ Ü^T^ |H^^ ^^ I44ÜJU ^t iXa^ ooiiui 

VMXidLui^ -\y^ JutkAi Jb»twe yUe V*Ü^ L^i r^^j (WfOl 

Jt '>f^t &*^ ^ ^jüüyMjl^ juLa ^^ "^Ir^ 
ihX* Jj» JUi«) U«J>i U*»«* <>lMiü( Jk,«j^ 1«^ UfL^i L* 

A* ^ *^ ^ ^iH ^^»yf y^ gälbill i,L J«a5l 

^I^L» jüLa% V7*<J|> o/**" i^ ^ vJ^ ^ »*^' c^» 
^«>L> ,»«^4)1^ ''UJLi.L ^Uf (jXmS ^J^JJl» ijlaij SJ^a.?^ 
Sd^ ivkftf (jHyiJÜI uÄ*i JOft^ Ju&l |^( esAj «Ai j^ 



10 Sitsung der phOoe.-phiM. Ctasse wm 6. Jwti 1863. 

^ |;i>JLAJ fjj u'}^' ^^»^ V;^^ l4X)4>f v,>*x> ^ JUmA^ 















UiyS IMtf ^1^ w^f SeUc v&uka. XaS ,JÜ^ ^)Ü v^^jrt-m 

|W luxiflj ^JJI owuJt »lye Ki ^gÄMi Jo\M ^'t^i t>LkMi 

y|j ))^^>Jf Ä &«^^l "^.^^ r^' 'Ir^' «^'-^ c)^ ')r^ 
Jüüf ^ dJ j ^ ^ dU*Jf yÜ» J^ L4** (JUa^ j^f 

«fbw &s^ «.JUJÜ 1ÜU.W3 Of UJLs 1^^ 145^ ^^Jür ye, 



MäUtr: IkmMMUf BtriO* «her die Pe$t. 11 

JkA«Ml ^ liU j ^ Oüuf Lüjy* ßLyi ttxXtk;. JLi L4X2« 



j ^y}\ f>xLJ\ ^y^y \r*^ ^)^j^ Ia>Uj ^Ut 
_ U ^^1^ P Ju^ ^j,l «£«M ^t^l ju-LÜI ^1^ 

vb ^ i;JüuJÜ (jmIuüI &aJLäJ^ «sJt (Ms ^ düJJj s«^ 

SJüU»J( &JbÜÜ( SSJÜ &ipt SSJf JUJJL«^ <>fjüU«M^ 

JulS J »^^ JLJf i ^5JJüül J^ ^^ sSyf «; vömLc^ 

yt gj^ y«J J5JJI &i5l j^jeUxJI ^^yi &o^^ 



vJf^^^ i(jU S*Jb AyJ »jut JJLaS Uj^^ ^^Z«Jf 
Ji UtXs>6ii\ \yj\ yittAj i«,ÜM ua» SLJ>I L}4,Uj> 

|rftyi ^jjuo ^1 ULs Ji»t siyf ^t^ ^ <Jb U Jus 
s^jLflJf Ujyüj «Ä*«Lf i«y6iiL er^' ^J* «-ili» 

(^ ^7 '^r^ *^ cK^ ^''^^ Ä«;*^ r*^^ c;^^ 

Lji* ^^i> UU v-«MJt >t i «ftjSj ;/j *»5^ i5» 

oif9l, ^l^-iff, ^3L4f^ tf-*/*J'cH» «iUäjJ s^UJt y,ICcl 



12 Sitzm(g der pMlos.-jphiM. OUuse vom 6. Juni 1863. 

^ ^yc'i\ »tX^ jJIjÜI ,.Jk£, S^ y^ i^t Shy 

^jjejjf »y^5 ij^l^l (jLu* ,5» j^iJf %t>yi ))iyi ULs 
iJUJf ^i yD U ^;^ c^ÜCJI lü jyjiüf Lue Jf^ yjf ^LJ 
^A^f i ^A^3 JUX3I i-#li ^^ yD Uj Vt^^ V^^ ^:^• 

ibnnlkhatibs Bericht über die Pest. 

Da das Urtheil über eine Sache Ton der Vorstellimg 
abhängt, die man sich davon macht, so wollen wir zuerst 
das Wesen dieser Krankheit bestimmen, und sagen: sie ist 
eine acute Krankheit, hitzig in ihrer Ursache, gifüg in ihrer 
Materie, die zum Lebensgeist primär gelangt; mittelst der 
Luft, in die Adern sich verbreitet, und das Blut cornimpirt, 
und gewisse humores m giftigen Character verwandelt, auf 
welchen Fieber und Blutspeien folgt, und welche in Exan- 
theme pestilenzialischer Art ausbricht. 

Ihre Ursache ist 1) eine entferntere, nämlicb bedingt 
durch Zustände der Himmelssphäre, z. B. bestimmte Coniunc- 
tionen der Gestirne, welche ihren Einfiuss auf die Welt aus- 
üben, wie es die Astrologen behaupten und die Aerzte sh 
eine concedirte Sache nach ihrer Auctorität annehmen ; 2) eine 
nähere, welche in der Corruption der dem Ort ihres Auf- 
tretens spedellai Atmosphäre, sei es von Haus aus, sei es 
durch Uebertragung, liegt. 

Ihre Symptome sind die eines pestilenzialischen oder 
inflammatorischen Fiebers mit allen seinen Eigenthiimlich- 
keiten, daim Blutbrechen oder Erscheinen von Bubonen hinter 
den Ohren, oder in den Achselhöhlen oder in der Leisten- 
gegend oder auch an anderen Gliedern. 



Mm»: Ib mMsh t M hi B0HM iOer die FtH. 13 

Die Therapie ist doppelt 1) ProphyUuds ;■ diese b^ 
steht a) ia der Ausleerung der überflässigen Materie und 
Verbesserung der Nahrungsmittel, indem man solche aus- 
wählt, die von jedem Extrem sich fem halten, und etwas 
zur Kühle und Verdichtung sich hinneigen, ferner in der 
Verbesserung der umgebenden Luft und der Zimmer durdi 
kalte Wohlgerüche und Blumendüfte, überhaupt durdi alles, 
was die Schriftsteller in den therapeutischen Gompositionen 
vorschreiben, sei es, um es anzuwenden oder zu yermeiden, 
was wir also nicht zu wiederholen brauchen, b) und zwar 
▼orzüglich in der Vermeidung der Localitäten, von denen 
man eine Corruption durch den Kranken oder Oestorbenen 
▼ermuthen kann, oder Kleider, oder Gefiisse und Instrumente 
eines soldien, oder Aufenthalts in dessen Wohnung, oder 
Bezug eines Hauses in der unmittelbaren Nähe desjenigen, 
bei dessen Bewohnern die Krankheit sidi rerbreitet hat: 
ist man aber in der Nothwen£gkeit diese Art Dinge nicht 
zu y^meiden, so wage man es nxa unter der Bedmgung 
einer baldigen Entfernung ^) und mit Vorsicht , mit Einhai« 
taug des Athems, und indem man sidi auf einen wohlriechen* 
den Gegenstand büdst, dessen aus ihm sich entwickelnde 
Doftwolke den AnM des Contaglongiftes überwältigt; über- 
haupt sidi ober dem Wind der Plätze sich zu halten, die 
angesteckt sind, ist eine der hauptsächlichsten Ursachen der 
Bettung. 

2) Die eigentlidhe Behandlung der Krankheit, wenn sie 
eingetreten ist; sie besteht in der Zurückdrängung eines 
der Symptome: ist es Fieber, so muss man die Mittel 
anwende, die beim Fieber indicirt sind : ist Blutbredlien da, 



(1) Die Form vLas^I findet sich in den Lexicis nicht, auch fuhrt 

sie der Scholiast zu Hariri pag. \H und H\i*i ed. Reinand et Deren- 
borg nicht an. Hr. Dozy luit sie aber bereits naehgewiosen, Abdol- 

wahid pag. t\t*Y und Abbadid n 106 cf, 256. 



14 , Sitzung der phHoe.'pMoi^ CloBse vom €, Juni 1863. 

80 applidre man dae, was für Phthisis gut: die £ub(men 
heile man durch das, was for diese im allgemeiaen voi^e- 
schrieben ist, durch Stillung der Hitze, Zeitigung, Auflösung 
sei es durch eine Medicin, oder operativ. 

Was die Prognose betrifiPt, so stützt sie sich entweder 
a) auf allgemeine. Symptome , wozu Ohmachten, Kälte der 
Extremitäten, Geistesstörung u. a. gdiören. Dies sind xin- 
günstige Symptome, b) oder auf specielle Symptome, die. mit 
den Exanthamen zusammenhängen, so di6 grüne, schillernde 
(püauenartige) himmelblaue und schwarze Farbe derselben, 
oder Zustände, welche aus dem Appetit nach gewissen 
Früchten und Gemüsen sich ergeben, und andern Formen, 
wie diess in dem Buche Kitabulhaqq ausgeführt ist, und 
durch die Erfahrungen über Exantheme gelehrt wird, was 
man in den treffenden Stellen nachsehen möge. 

Nach diesen Erklärungen wollen wir das Auftreten der 
Krankheit im menschlichen Körper betrachten. Wenn sie 
im Körper sich ze^, entweder primär durch Prädisposition 
(dies? ist aber ein seltener Fall) oder durch Uebertragung 
und Anstecdnmg (was das gewöhnliche ist), so wird der 
liCbensgeist in das Leiden gezogen entweder mit einem 
Schlag, oder nach einem gewissen Widerstand, im Verhält* 
niss zur Prädisposition. Er erhitzt sich und es entsteht 
das Fieber, die fremdartige Hitze dringt in die Arterien, 
und wird allgemein: die Feuchtigkeiten die in den Venen 
verbreitet sind, corrumpiren sich, das Blut geräth in eine 
Wallung, welche die in ihr suspendirten verdorbenen humores 
auszupressen ^) und auszuwerfen strebt. Die Natur beeilt 
sich nach der in sie von Gott gelegten Kraf); diese auszu» 
stossen, und wenn sie kräftig ist und praevalirend und. sie 



(2) Das Adjectivum ^X^^^ findet sich in den Lexicis nicht; 
doch wird die in der üebersetzung angewendete Bedeutung gerecht-^ 
fertigt sein. 



JUMer; UnmOihtMm BeriM Über dU F$ei. 15 

dfirdti gewiSBe V^bältaisse des Mondes und Himmels unter- 
stützt wird, wie diese die Meister in den Krankheitskrisen 
lehren, so gdingt es ihr durch die Krisen, durch Secretionen 
aas den bekannten GanSlen von Harn, Excrementen, Schweiss, 
Nasenbluten und andern Hämorrhagien, und es tritt Beb» 
tung &n. 

Ist die Natur aber nicht so stark, so wendet sie das 
Pestgift zu den Stellen, wohin die Materien der edelnTheile 
fortgestossen werdoi, wenn diesen jene unbequem werden 
und sie Kraft haben, sie auszustossen, nämUch zu den Oruben 
hinter den Ohren, zur Achselhöhle, und Schamleiste: jedes 
dieser Glieder ist gegenüber seinem entsprechenden edlen 
Glied, Gehirn, Herz, Leber. Wenn das Gift nun hier seinen 
Sitz genommen hat, und yon der ursprünglichen Wider- 
Standskraft noch ein Rest übrig ist, und vermöge ihrer Leb- 
haftigkeit und Quantität der Lebensgeist noch Spielraum hat, 
80 beschränkt sich die Gontagion auf diese Stellen, und 
die natürhche W%me umkreist dieselben, um die giftigen 
Materien zu bändigen und b^innt die Materie zu zeitigen 
und sie zum Fluss zu bringen oder aufzulösen, bevor sie sich 
sammeln. Auf diese Weise kann ebenfalls Bettung ein- 
treten. 

Wenn aber die Natur nic^t stark genug ist fiir diese 
auf sie einfallende fremde Potenz und die giftigen Materien 
nicht zu überwältigen vermag, so tritt einer von zwei 
Fällen ein: 

a) Entweder die Natur wird schlaff und ergiebt sidi und 
es treten schlimme Vorzeichen und verderbliche Krisen ein: 
jene Materien werden auf die dem Sitz des Uebels nächst 
liegenden Stellen, die sie aufzunehmen fähig sind, gestossen, 
nämUch auf die Lunge wegen ihrer dünnen Structur, ihrer 
Bewegung, Passivität und Prädisposition, hervorgebracht durch 
die Theilns^ime an der giftigen Lihalation von Anbeginn: 
sie ulcerirt und es erscheinen in ihr die Symptome der 



16 Sitgimg der fikäoe.'fMM' Ohm wm €. JmU 1863, 

Phthisis: die naheliegende Theile der.Bntst iMrAna in die 
MHleidenschiift der Gorruption gezogen, un^d e» taritt Blut- 
brechen ein. Manchmal existirt in der Kat;iür nodi ein 
Best von Widerstandskraft, und jene Materien wetäem anf 
die erwähnten drei Theile und andere g0worfen, nadidem 
sie beinahe in der Longe sich festgesetzt hatten, und sich 
bereits einige der obigen Symptome gemeidet hatten, dann aber 
tritt ein Rüdcischlag ein, die Materien kehr^i, nachdem die Longe 
ihre Kraft erschöpft hat, zo ihrem Gentrom zorück, die Ge* 
walt des Giftes exacerbirt sich, sie gewinnt die Oberherr* 
Schaft, bewältigt den Lebensgeist und löscht ihn ans. 

b) Oder die Bobonen bleiben, sei es aof der Oberfläche, 
sei es dass sie sich in das Innere zorückziehen, ond das 
Verderben tritt aof diese Weise ein. Diess resultirt ans 
der Konst ond ans der Erwägung, welche det Beobachtung 
der Prämissen der Anatomie ond anderer medicinischen 
Disdplinen folgt. 

Aof diese Aoseinandersetzong wollen wir noch einige 
Bemerkongen folgen lassen, welche einigen Zweifeln begegnen 
sollen oder sonst nützlich sind. 

Wenn do fragst, was onter Prädisposition zo ver- 
stehen sei, welcher Aosdrock öfter wiederholt worde, ond 
aof welchem ein grosser Theil des Verständnisses der Gon- 
tagion beroht, so antworte ich: Prädisposition ist das Be- 
reitsein eines Dinges ^or Aofhahme eines andern w^en der 
Analogie ond Aehnlichkeit, welche zwischen beiden obwaltet, 
so dass das eine die Form des andern annimmt (ohne mit dieser 
Definition Ansproch aof vollständige Genaoigkeit zo machen). 
Wenn es sich trifft, dass das individoelle Temperament in 
einem Attribot nahe steht dem Temperament der aof es sich 
werfenden giftigen Potenz ond schon vorher, sie aofzonehmen, 
prädisponirt ist, ond zo ihr sich ohne Widerstand hinneigt, 
wie das Qoecksilber sich aof das Gold wirft, wegen dessen 



MiOkr: IbmdkhMtbs BeriM über die IM. 17 



Aehnlichkeit mit ihm, da es Bioh mit ihm amalgamirt*) 
mid seiner Analogie mit ihm, so dringt diese Potenz in 
jenes indiTiduelle Temperament nnd vereinigt sich mit ihm und 
verbreitet sich in den Säften und Feuchtigkeiten mit der Ver* 
breüimg des Lebensgeistes und cormmpirt sie wie Gifte thun. 
Wenn es sich trifft, dass jenes Temperament dieser 
Potenz fem steht in seinem Attribut, so widersteht es ihr, 
wie Gegensätze thun, hält sie ab, und strebt ihrer Auf- 
nahme entgegen, um so energischer oder weniger, je grösser 
oder geringer die Entfernung beider in ihrer Gegensätzlich- 
keit ist. Diese Entfernung kann in der Natur liegen ver- 
möge des Temperaments oder auch durch die Therapie her- 
vorgebracht werden. Daher passt das Motiv, welches die 
Aerzte, wenn sie durch Conjectur die Natur dieser Krankheit 
zu erkennen suchen, bestimmt, sich in der Behandlung zu 
einem terminus des Gegensatzes hiozuneigen, nicht in die 
Theorie der Prädisposition ^). 

Diess ist zugleich die Antwort für diejenigen, welche 
Contagion und Uebertragung desswBgen zurückweisen, weil 
viele, die mit den Kranken zu thun haben von allen übebi 
Folgm frei bleiben, trotzdem dass sie in unmittelbarer Be- 
rührung und Nähe mit einer grossen Anzahl derselben sich 
bewegten, während andere sterben, welche gar nicht oder 
nur wenig mit Kranken zu thun habai. Denn die grosse 
Menge weiss nicht, dass die Ursache des allerdings von 
Gottes Macht abhängigen Gesundbleibens oder Sterbens in 
der Prädisposition oder ihrem Mangel liegt. Wirklich ver- 
halten sich die Menschen bei ihrer Annäherung an das Feuer 



(3) Das Wort KiOUM iflt nicht deutlich in der Handschrift. 

(4) Der Satz ist mir dunkel. Das Wort ^(X^U ist sehr un- 
deutlich in der Handschrift und es mag vielleicht etwas anderes 
darin stecken. Für Behandlung wäre das gewöhnlichere Wort 

^.^ILa. In der medicinischen Sprache bedeutet yjuc)u^ Diät. 
[1863 n. 1.] 2 



18 Sitzung der phUos.-phildl. Glosse vom ß. Juni 1863. 

dieser giftigen Krankheit wie der Docht, der dem Feuer der 
Flamme der Leuchte genähert wird. Der Docht der kurz 
vorher angezündet war, Wärme fühlte und Bauch entwickeltei 
fängt im Augenblicke Feuer: und dieser ist das Bild des 
vollkommen Prädisponirten ; der Docht aber, welcher zwar 
trocken ist, aber schpn längere Zeit nicht mehr gebrannt 
hat, lässt sich erst nach Ueberwindung einer gewissen Passi- 
vität anzünden, und braucht dazu längere Zeit, als der 
vorige: dieses ist das Bild dessen, der in die Prädispition 
einzutreten beginnt. Ein. Docht aber, der feucht und von 
wässrigen Substanzen durchzogen ist, fängt Feuer erst nach 
langem Warten, Siedezischen und Widerstreben, nur nach 
Verfluss der Zeit, welche nothwendig ist, um das Wässrige 
in ihm auszutrocknen. E3 kann nun der eine Fall eintreten, 
dass er endlich nach langer Zeit und Anstrengung Feuer 
fängt, aber auch der andere, dass er das Agens, das auf iha 
einzuwirken strebt, weil es zu schwach für ihQ ist, über- 
wältigt, oder das Agens selbst erlischt, bevor es seine Wir- 
kung bethätigt hat Diess das Bild des Menschen, der ferm 
von jeder Prädisposition ist : wie wenig Chancen ein solcher 
hat, angesteckt zu werden, siehst du leicht ein. 

Aber die Unwiss^ohdt und Thorheit der Menschen it 
dieser Beziehung führt sie in Irrthümer und vervielfältigt 
ihre Niederlagen. Trefflich sagt der Dichter: 

Kein schlimmeres Unheil fügt ein Femd dem Thoren 
zu, als der Thor sich selbst. 

Wenn man aber fra^: Wie kannst du die Ansteckung 
zugestehen, da doch das religiöse Gesetz ihre Verneinung 
ausspricht? so antworte ich Folgendes: 

Die Existenz der Ansteckung steht fest durch die Er- 
fahrung, die Forsdiung, die Sinneswahmehmung , die 
Autopsie und verbürgte Kunden, und diess sind die Materien 
des Beweises. Es ist jedem bekannt, der diese Sache selbst 
gesehen oder Kenntniss davon erlangt hat, dass die meisten, 



MmOer: IbmOkhaMbs Beridd über die Pe$t. 19 

die mit den Ton dieser B^rankheit Behafteten za thon haben, 
sterben, und die bei denen diess nicht der Fall ist, gesund 
bleiben; femer dass diese Krankheit in eineni Hanse oder 
Qaartier w^en eines Kleides oder eines Gtefiisses auftritt, 
so dass selbst ein Ohrring Ursadie des Todes emer Person 
wird^ die sieh denselben anhängt, nnd selbst das gante Hans 
ins Verderben zieht, femer dass sie in einer Stadt in einem 
einzigen Hause auftritt und dann aufflammt in den Indiri* 
du6Q derer, die mit dem Kranken zu thun haben, dann in 
den Nachbaren und Verwandten mid spedell denjenigen unter 
ihnen, welche Besuche in dem Haus der Kranken abstatten, 
60 dass der Riss sich immer mehr erweitert; ferner dass 
Seestädte sieh vollkommener Gesundheit erfireuen, bis dass 
ein angesteckter Mann von dem andep Continent, wo die 
Pest notorisch herradite, ankommt und das Datum des Auf- 
tretens der Krankheit in der Stadt mit der seiner Ankunft 
zusammenfallt. Femer gehört hiertier da* Umstand, daas 
Leute, die sich ganz von der Aussenwelt abschliessen, gesund 
Uetben, wie der fromme Ibn Abu Madyan in der Stadt 
Säle: dieser glaubte auch an die Ansteckung, und hatte sich 
iiir einen gewissen Zeitraum mit Proviant versehen, und die 
rhäre seiner Wohnung für die zahlreidien Bewohner zuge- 
mauert ; und während die Stadt ausstarb, traf keine einzige 
Seele darin, während der ganzen langen Zeit, ein Unfall. 
Ebenso erzählen verbtiigte Kunden, dass Gegenden, welche 
nicht von Strassen durchschnitten, sondern abgesondert von 
der Menschheit waren, unberührt blieben. Das wunderbarste 
aber während dieser Zeit ist, dass mehrere Tausende kriegs* 
gefangener Moslimen in der Werfte von Sevilla von Gott 
geschätzt und von der Pest unangefallen blieben, während 
die Stadt beinahe völlig ausstarb. Sicher ist die Nachricht^ 
dass die zeltbewohnenden und nomadischen Araber in 
Ifriqiya und andere gesund blieben, weil die Luft nicht abge- 
sperrt uad also weniger der GkHTuption ausgesetzt war. 

2* 



30 Sitzung der pMlas.-philol. Glosse vom 6. Juni 1863. 

In diesem Betreff und bei der Hartnäckigkeit, die dabei 
eintrat, wüthete das Sehwert der Pest unter den Menschen, 
und Gott gab sie in die Gewalt einiger Rechtsgelehrten, die 
sich ihnen mit Fetwas entg^en stellten, wie sich die Azäriqa- 
ketzer ihnen mit den Schwertern entgegen stellten , und 
es verbluteten unter den Spitzen ihrer Rohrfedem soviel Per- 
sonen, dass bloss Gott ihre Zahl kennt, obwohl die Absicht 
der ilechtsgelehrten rein war, indem sie sich auf den Buch* 
Stäben der Tradition stützten. 

Es gehört aber zu den unverkennbaren Principien, dass 
ein Beweis aus der Tradition hergenommen, wenn er der 
Siimeswahmehinung und dem Augenschein widerstreitet, noth* 
wendig einer Aus- oder Umdeutung unterworfen werden muss. 
Und diess ist gerade hier der Fall bei der Meinung vieler 
Leute, welche die Ansteckung behaupten. Auch sind in dem 
heiligen Gesetze viele Stellen enthalten, welche eine mildere 
Auffassung gestatten, wie das Wort des Propheten: der Be- 
isitzer gesunder Thiere soll sich nicht dem Besitzer kranker 
Thiere nähern,^) oder das Wort eines Gefährten' des Pro- 
pheten: Ich fliehe vor dem Rathschluss Gottes zu seinem 
Rathschluss.^) Doch ist diess hier nicht der Ort weiter 
4EiUSzufiihren: und die Beurtheilung der Frage, ob Ansteckung 



(5) Siehe diese Tradition in Bocharis Qahih (Münehner Hand- 
Schrift, ohne Numero, unpaginirt, im Buche über Medicin VmJjC$^ 

i_- ^ ^f) Kapitel über die Ansteckung (^«JüiJI U^ü) U(^^%^* ^ 
d^ v^/-mJ( ^^ der am Rand angegebenen Variante (>^*^ ; in 

einem andern Isnad heisst es ^^j^jo ^^L^ \jry^ i*)*^)9^ ^ ' ^^^ 
gleiche Moslims Qahih (Mi|nch. Hdschr. pag. 375 rect.) yj^^^jo *^)yh ^ 

JLft dreimal. 

(6) d.h. ich fliehe das Land, das nach demRathschluss 
Oottes von der Pest heimgesucht ist, um in dem Lande 




Jir«S0r: IbmMiam» BeruM Über die FM. 21 

oder nicht, nadi gesetzlidien Gericbtspankten, ist nicht Auf> 
gäbe der medicinischen Wissenschaft, sondern erscheint in 
ihr bloss als inddmter oder parenthetischer Satz und Bei* 
spiel: ihre Erörtemng gehört ihrem eigenen Platze an. Im 
Ganzen verräth das Betragen der Leute, welche sich taub 
stellen gegen ähnliche Beweisführung , Bösartigkeit und Blas* 
phemie gegen Gott^) und Nichtanerkennen des Werthes der 
Seelen der Moslimen. Bereits sind auch fromme Leute in 
A&ica angestanden, die ihre frühere Meinung wideniefcD 
und förmlich documentirten, dass sie von dem frühem Fetwa 
zurücktreten, da sie sich in ihrem Gewissen beschwert halten 
durch die Ansicht, dass es erlaubt sei, sich selbst dem Ver- 
derben zu überUefem. Gott schütze uns yor Leiditfertigkeit 
und gebe uns seine Gtmst in Wort und Werkt ^) 



SU bleiben, das nach dem RathschluBs desselben Wesens 
davon verschont ist. Diese Worte sprach der Ghalife Omar 
ibn ul Ehattab, als er auf dem Zuge nach Syrien hörte, dass dort 
die Pest ausgebrochen sei. Siehe Moslims Qahth pag. 874 vers. 
Bochäri's Qahih im Buche über Mediein, Gapitel über die Pest 

(M^liaJf ^ >^^3o Le V^)' ^®B®^^® Tradition wird auch von 
Ibn abd rabbihi in seinem Iqd ulferid angeführt (Münch. Hdsch. 
pag. 467 rect.). 

(7) jäLiOJ findet sich in den Lexicis nii^ht und ich hatte es 

für denominativ von XjLö das im Qämüs durch aI^jJL ^üLUf 

^IXIL erklärt wird; oder von der Phrase JL^t« JtwÜü Aj^ 

oder JüJt^ JüflJü Ar^ oder ^%UUJ|^ ^vULtaJU A:^ 
in der Bedeutung: er hat eitel Lüge vorgebracht. Schol. 

fiariri H ed. pag. i**11. 

(8) Am Rande befindet sich Folgendes: Ich habe bei einem, der 
über die Pestilenz geschrieben hat, Worte, die auf folgendes hinaus- 
gehen, gelesen: Gontagion wird nur von zwei Arten von Menschen 
geleugnet, von Heuchlern von Natur, die mit der Zunge reden, woran 
ihr Herz nicht glaubt, von unwissenden, die nie eine Pest erlebt 
haben. 



22 Siimmg der pMhs.-pkiM, Clam pm 6. Jmi 1663, 

Wenn man uns fragt, was wisset ihr über den Ursprung 
dieser Pest, und seit wann hat sie sich auf der Erde ge* 
zeigt? so antworten wir: Sie begann im Lande Ehita und 
China innerhalb des Jahres 734: diess wird yon mehreren 
glaabwürdigen Männern, die weite Reisen gemacht haben, 
berichtet, wie y(hi dem Scheikh Qadi H44)dj Abu Abdallah 
Ibn BatAta und andern. Sie sagen, sie sei entstanden durch 
Tiele Leichname, die das Resultat eines Krieges in diesen 
Gegenden waren, welche verfaulten, nachdem in jenem Lande 
ein Feuerbrand vorausgegangen war, der Pflanzen und 
Bäume in einer Strecke von gegen zehn Tagereisen verheerte : 
in Folge hievon sei die Luft verdorben wordai und die nach* 
sten Ursachen seien durch femerliegende verstärkt worden, 
und so habe sich unter den Geschöpfen dieses Sterben und 
diese ausserordentliche Pest verbreitet, zu deren Art und 
Eigmthümlichkeiten die Fortpflanzung, Uebertragung und 
das Schleichen gehört, indem sie sich in nächst gelegenen 
Orten dieses fernen Landes von der inficirten Gegend aua 
fortpflanzte, und sie habe sich an. Personen gehängt, die 
dazu disponirt waren, trotzdem dass die sie umgebende 
Luft gesund war, bis die Infectionen in vielen Gegenden des 
Landes zahlreich und die dazwischen liegenden Parthieea 
oorrumpirt wurden; die Corruption setzte sich, wie erwähnt, 
fort und um&tsste auf diese Weise den grössten Theil der 
bewohnten Erde. Man schätzte das, was von der mensch- 
lichen Species in diesem kurzen Zeiträume ^) zu Grunde gieng, 
auf sieben Zehntel. Die kundigen Historiker kennen keine 
frühere Pest von so gewaltiger Wirkung, indem diese die 
äussersten Gränzen des Ostens und Westes ^®) umfasste, bis 



(9) Ich fasse (>At\^ als „leicht bestimmbar^' nach Analogie von 
4>«JüU0 ,,zählbar, wenig zahlreich/^ 

(10) Ich zweifle ob Ibnulkhatib Recht gehabt hat, den Ausdruck 
^üü^ in so weiter Ausdehnung zu gebrauchen. So grosse Ge» 



JfASar: UmMihat^ BmM Über Üe Fui. 28 

in die im Meer al^esehiedenen Inseln vordrang und die Be- 
irohner eines gcigebenen Hauses nnd einer Stadt auf gleidie 
Weise ausrottete, indem sie die Menschen ergriff, wie das 
Feuer Spartgras ^ ^) und Heu, durch die geringste Annäherung 
an einen Kranken oder Berührung seiner Kleider oder 6e- 
fasse; am heftig s ten, wo Spuren der Haemorrhagien sich 
zeigen, am stärksten bei dem Dahinscheiden der Mensdiea. 



wandtheit in der arabischen Diotion er, sowie die meisten seiner 
ZeitgenosBen, zeigt, so beruhte sie doch nicht auf der Uebung und 
dem instinctiven Gefühl, das eine lebende Sprache einflosst, sondern 
auf dem gelehrten Betrieb einer todten Literatursprache. Der Ge- 
brauch der classisch-orabischen Sprache bei den arabischen Litteratoren 
sp&terer Jahrhunderte unterscheidet sich nicht von dem, welchen 
die enropäischen Humanisten, wie Philelphns, A. Politianus etc. von 
der lateinischen machten. Bei aller gelehrten Eenntniss werden 
beide nicht von einzelnen Missverständnissen frei geblieben sein. 
^üü^Uf bedeutet bloss die Grenzen des heiligen Territoriums 

von Medina (siehe Qamus unter der Wurzel v»»« J und Meracidul 

ittilä* sab voce), ju^ ist gleich 8^ ein von eruptivem Gestein be- 
decktes Terrain, of. Wetzstein. Haurän pag. 98 und 99. Hr. Consul 
Wetzstein scheint nicht abgeneigt, das europäische lava an das arab. 

Jaba anznschliessen. lieber die iyj^ von Medina vergleiche Beinaud, 
Aboulfeda 104. 

(11) Bei einem andslusischen Schriftsteller darf man »LaJL^ 
unbedenklich durch espartOy Spartgras übersetzen. Pedro de Al- 
calä: Eaparto^ yerva propria ä £spana, JuÜfe» In verschiedenen Ge- 
genden scheint das Wort für verschiedene Pflanzen gebraucht worden 
zu sein. Duveyrier Zeitschrift der morgenl. G. XH. 184, sowie Zill 
im Ausland 1858, S. 1008 geben das Wort durch sUpa tencbcismma, 
Sacy, Kotices et extraits I 267 und Chrestomatie I 279, Burckhardt 
Sprnchwörter, nro. 226 (cf. 687) übersetzen es arumdo epigeia8, Lane, 
manners and customs II 807 coarse grass, Rafalowitsch im Ausland 
1849 p. 64 poa multiflora 266 Bispengras; H. P. Defert (le papiCr 
d'Alfa, Bevue de POrient nouv. Serie XH 285) Alfa ou sparte: mar 
erbclüoa tenacissima. Siehe auch Quatremere h. des Sult. Mamluka 
I, 2, 16. 



24 Sitzung der phüos.-pkilol^ Qasae vom S, Juni 1863, 

Man Erwähnt auch, dass die Krankheit in den pestilenziali- 
schen Looalitäten leichter, und bei schwachen und in beeng- 
ten Verhältnissen lebenden Personen mörderischer, und bei 
Weibern und Kindern reissender sei. 

Es haben auch vor dem Hereinbrechen dieses^ Unheils 
einige Astrologen gewarnt, welche sich mit der Fixirung der 
himmlischen Gonjunctionen bescjiäftigt^, und das Verhältniss 
der Städte, deren Constellation bekannt ist, zu der Aufnahme 
ihres Antheils von Unheil vermöge der Beweise, hergenommen 
von der Aufstellung der Conjunction, erklärt und die Wahr- 
heit getroffen. 

Wenn wir von der Krankheit sagten, sie sei acij,t, 
hitzig, so war die Ursache dieaes Ausdruckes, weil wir die 
acuten, aber nicht hitzigen Krankheiten ausschliessen wollten, 
wie Apoplexie und Krampf.^*) 

Wenn wir sagen von giftiger Materie, so schliessen 
wir die nicht giftigen aus , welche die Natur trotz langer 
Dauer ^^) erträgt, und hei welchen sich keine Schlaffheit und 
Erregtheit zeigt, wie das gewöhnlich bei Giffeen der Fall ist. 

Indem wir Materie sagen, schliessen wir immaterielle 



(12) lieber ^JLÄJ in der Bedeutung Krampf oder Tetanus 

siehe Avicenna t"t'V iUlkll lÜLfSülJI Bulaq 1248 pag. fl** und fr 
Abulfarag p. 32 Du Gat J. as. 1853 I 342. 

(13) je^tyJf hat die Bedeutung Zeitfolge, Zeitdauer, Zeit- 

Intervall. Sacy Anthologie grammaticale t^d ^' ij)^ ^^r^ (^ v^ 

«^Lftjf cf. Zeile 8 coli. pag. ,^8 Beidhawi Commentar zum Qor an 
ed. Fleischer II kH 22, II l*i 10, II \n 23, . II ^ 26, II fYt 22 

Soyüti ^jT JlW (^)Xa ^ ^Liüiiff i1 8 von unten ^ jOft ^f^ 

J«yÜ( ^ Bayanulmoghrib II fir 3 von unten m\J ^^j^ Ö^^ 
^ etc. 



MuOer: nnrnmatU» BenM ö6er die Pt$t. 25 

Agentien aas, wie die Hitze, welche ans Feuer- oder Soanflo* 
brand entsteht. 

Indem wir sagen, dass sie primär oder mimittelbar an 
den Lebensgeist sich madit, scUieseen wir das aus, was 
dorch Vermittlung eines Gliedes zum Herzen gelangt. 

Wenn wir von der Verderbniss des Blutes spredien, 
so schliessen wir die Krankheiten aus, bei denen der Lebens- 
geist erhitzt wird, ohne dass das Bhit in Fäulniss geräth, 
wie die pituitösen Fieber im materiellen Oebiet und die 
Quotidiana im andern. 

Wenn wir sagen, dass die astrologische Ursache, 
welche der Arzt als eine zugestandene Sache von den Mei- 
stern dies^ Wissenschaft empfangt, fremd semem Object 
sei, so drücken wir aus, dass dieser Umstand mit dem Ob- 
ject des Arztes nichts zu thun hat. Spricht er doch davon 
als zur Arzneikunst gehörig, so confundu-t er. 

Wenn wir von der Verderbniss der speciellen Luft 
sprechen, so meinen wir z. B. die Luft des Hauses, das ge- 
troffen wird, und dann die Luft der Stadt, indem sie sich 
dort festsetzt, während die Luft der Nachbarschaft unalterirt 
bleibt, und schliessen die Verderbniss der allgemeinen Luft 
aas, da die benadibarte. gesund bleibt. Würde eine allge- 
meine Corruption des Ooeans der Luft stattfinden, wie diess 
mit dem Wasi^er in den Teichen der Fall ist, in denen 
man gegen die Fische listige Mittel anwendet, ^^) so würde 
jenes nicht eintreten. 

Wenn man uns elhwirft: „Ihr habt erwähnt, dass 



(14) Man wirft noch jetzt in Spanien, um die Fische zu betäu- 
ben und auf. die Oberfläche zu bringen , narkotuirende Pflanzen in 
das Wasser. Dasselbe geschieht im Orient^ wie uns Hr, Petermann 
(Reise II 133) belehrt. Die Pflanze zehr semek oder hos kenne ich 
nicht: in Spanien nannte man mir, w6nn ich nicht irre, gordolobo. 
In Afrika gebraucht man iie nux vomica, siehe B. de Slane, Journal 
as. 1859 I. 337. 



26 Sitzung der philM.-pkiM. Clam vom 6. Jmm 1863. 

das ezanthematische Fleisch, das sich in den Schamleistea 
findet, disponirt ist das aufzonehmen, was von der Leber 
ausgestossen wird, und die Babonen sich besonders häufig 
in jenen Qegenden bei dieser Krankheit zeigen, die dodi 
nach euerm Geständniss eine Herzkrankheit ist'^; so ant- 
worten wir : Im Anfang besteht der Bezug der Krankh^t 
zu dem Herzen in der Verbindung ihrer Ursache mit dem 
Lebensgeiste, dann aber umfasst ihre unheilvolle Wirkung 
alle edeln Theile, und oft wirft das Herz die Materien auf 
die zunächst gelegenen Achselhöhlen, so lange die Materie 
noch nicht so weit fortgeschritten ist; ist diess aber der 
Fall, und würden die natürlichen Kräfte einen Ort, um die 
Materie auszustossen , finden, der noch weiter entfallt läge 
am untersten Theile des Körpers, so würden sie sich zu* 
sammenraffen, um dorthin die schädlichen Stoffe zu ver« 
treiben. 

Wenn man sagt: „Warum habt ihr einen ^ Gegensatz 
statuirt zwischen der natürlichen Hitze imd der fremdartigen 
giftigai Hitze, da doch beide unter dassdbe Genus fallen l^^ 
so antworten wir, dass ja durchaus der Gegensatz eintritt 
bei Arten, die einer Gattung angehören; so steht die Hitze 
des Feuers der Hitze der Sonne gegenüber, und die Lampe 
▼on gesundem Temperament der gegentheiligen und löscht 
sie aus. 

Wenn man sagt: warum vermittek das Blutspeien die 
Ansteckung leichter? so antworten wir, weil ihm mehr Kraft 
einwohnt, als andern Ansteckungsmedien: daher es auch kei- 
ner Heilung fähig ist und dann wegen der Analogie, die das 
Athemholen des einen Xndiyiduums mit dem des andern hat, 
in Bezug auf Prädisposition, und wegen der Analogie, welche 
zwischen der inficirten Lunge und der empfanglichen prädis- 
ponirten Lunge obwaltet; es passt auch hier das Wort des 
Predigers: „Wenn die Rede vom Herzen kömmt, so tritt sie 
in die Herzen ein,^' obwohl ein solcher poetischer Ausdruck 



MuOer: IbmMutl^ SerüM üt$r die F^. 27 

eigentlich nicht zu Aem Ziel» das wir yerfolgen, gebärt; eB 
muss aber hier noch angeführt werden, dass überhaupt die 
Lunge iär Ansteckung empfangUeh ist, wie bei Schwindsucht 
und andern Erankh^ten. 

Wenn man sagt, warum ist die Ansteckung bei dem 
Ausgang des Lebensgeistes starker ? so antworten wir, wegen 
des Aujsreissens der Wurzel des Lebensgeistes, der den höch- 
sten Grad der Ansteckung erreicht und die Form des gif- 
tigen Temperaments angethan hat: oft lösen sich damit aus- 
serordentlich verdorbene Theilchen auf, denen dae Leben 
noch etwas Widerstand leisten konnte durch die Reste des 
kämpfenden Temperaments, 

Wenn man sagt, warum soll die Krankheit in pestilen- 
xialischen Localitäten leichter sein? so antworten wir: wenn 
die Behauptung richtig ist, so erklärt sie sich daraus, dass. 
die Personen mit den yerdorbeuen Lüften vertraut und 
gewöhnt worden sind die Pest zu ertragen und sie sich zu 
assimiliren , wie man von einigen Mädchen erzählt, denen 
man allmählich gewisse Quantitäten Giftes beibringt und 
sie dann listigerweise als Geschenk den Königen schickt, die 
man verderben will. 

Wenn man sagt: Warum wiederholt sich der Anfall 
bei hart lebenden Menschen? so antworten wir: aus ver- 
schiedenen Gründen, wozu wir rechnen die Möglichkeit in 
Berührung zu kommen mit den Oertem wo Kranke lagen, 
mit den Leichenbegängnisse, Kleidern und Instrumenten; 
femer die Eoge der Wohnungen und die Anhäufung von In- 
dividuen in denselben, schlechte Diät, Mangel an Sorgfalt 
und Aufmericsamkdt , wml Thorheit und Unwissenheit in 
diesen Dingen in den Classen der gemeinen Leute verbreitet sind. 

Wenn man sagt: warum tritt die Krankheit bei Wei- 
bern und Kindern iui abscheulicherer Gestalt auf? so ant- 
worte! wir: wegen des üeberwiegens der Feuchtigkeit, die 



28 Sitsung der phH9e.'pküol. dasse vom ß. Jmi 1866, 

piit der Wärme zusammenhängt, \md sich yerhält wie das 
Oel zur Flamme der Lampe. 

Soweit mis^e Abhandlimg, die jedoch you ihrem Stoff 
nm* das Nothwendige beibringt mid keinen Ansprach auf 
Vollkommenheit macht: es möge für billige Nachsicht der 
Umstand stimmen, dass sie abgefasst wurde in so viel Zeit 
als das Dictiren benöthigte, nicht in bequemer Müsse. 



Aus dem ausführlichen obenangeführten Werke des Abu 
Dja*far Ahmad, der in Almeria lebte, geben wir folgende 
Stelle, weil sie topographisch wichtig ist. 






JL^ IjÜLM) !^Lv ^yXxXs lüJLc ^ Lo ^^ U^^.«aJü 

*) Cod. Uyy 
**) Cod. &3iy^. 



* ,*.. 



itmer: JümiXKhamt Beridtt iber die Pett. 29 

K;f iXa.» y», ySi)\ JiöU Jl jy^ÄÜ ^^ o^ 

tX*^ 1^^ ^^y) wl^ (J«>^ ^/»:! >^l^ O*^^ Ä V;* 



# «i^ 



y^ ye, «i* bfj^ ^5aJ^ ^yj Jf ^^^Ät^ ^^ 07* i' 

JyAA) ,.LJ>I S^^ ^^.«»Ä« «LJI ^^I f «U, «^yt jJLJt 

^^ UiuL ^^1 Jl ^JIJ)b &*-aÄJI ^l^ ^ y,f«uC» 

yt)^ i>^b >>iyu |»LiJt^l s jj» ^ J^y^' jVMJÜf Jk».LJf 

MI 



^jjp vaUXA-**!^ V^L^ ^^♦d. 



UU4> aüUpij jLmojlII x^l^^ iJÜI Jiu^ LgJ^I^ 

fUJÜt (Jüt ^^^4*^^ UJOamP S.Ua)! {^^JÜSy la^JU 



so Bitnmg der thao$.-pMM. COieme tm 6. Jmi 1863. 

V^ «äJUM ,i.mJÜ(^ «JLü i^muÜI jsi CU ^4«M^ Jlf ;^*«« 

iä^t (.L^-^f yr*! p^^t tJje, «JU«. ^ SiSUv 8;Uiül 

l^ixAJ" l«y^ ia^^l (iN^I ^ oJl».I iU^iftiÜI ^ sdü6^ 

^jj ^Lai t^A4^ aüi^j j;^ «kp vs (^y^i r^t pJ^'^ 

Sy») JL» ^ «*jy6 ^ 5|j jJJI 4^^ ,j u<^j *Ldi Jl 
oJy9 uM^t f JLi» vaJJ(U okif f<^U (43^«> i,;MiJI «IguU^ 
<iU ^ ^^ S^^l iUj Joe «»pPa2 «XS oO^ JJCäJf I tXj» 
^p SiyüC« ^y^f viuJI Jbft &i^.«3JU &IJULm &*^üy* 



&i^«ijl Jo^ ^jA JMlai^^ ^>T**!? '^''^J^' J^ l^»iiS 
4XlÄJt «ÜLl^f LjjJLft (jJuij U« <^Ö9 Jw*a| ,^^1 



Mmer: IhtmOhtMa BeriM «dir die BtH. 31 

JLuÜ^ «s^^^ ^i^ ;^^( sJobj ^LbtM J,U Ja» 
vs**^ ^1 4>iUI ^ U^ ^ ySri L4J» g^ J, 

Wenn man fragt, warum diese Pest schneller nach Al- 
meria als nach andern islamischen Städten Andalusiens kam, 
so lautet die Antwort: 

Almeria ist eine Stadt, die mehr als andere für diese 
Krankheit disponirt ist. Diess wird dir deutlich werden, 
wenn du dir eine Vorstellung der Lage derselben machst. 
Stelle dir ein Litoral vor, das sich in gerader LiniQ. von 
Westen nach Osten erstreckt; jedoch mit einer geringen Ab- 
weichung von dem Westpunkte nach Norden, und von dem 
Ostpunkte nach Süden. Das Meer liegt im Süden; auf der 
westlichen Seite des Ufers erhebt sich ein Berg von mittlerer 
Höhe, der sich eine und eine halbe Meile in das Meer hinaus 
erstreckt und das Litoral in rechten Winkeln schneidet: er 
heisst Jabal elkonesa (in der vulgären Diminutivform). 
Ganz nahe an demselben, an semer Seite g^en Osten, li^ 
die Stadt, welche von einer Mauer umgeben ist, welche, 
parallel mit dem Berge, von Norden nach Süden läuft, bis 
sie an das Meeresufer gelangt; und diess ist eine der Eds:en 
der Stadt: von hieraus wendet sie sich mit dem Ufer g^en 
Osten in gerader Richtung des Ufers, mit einer ganz unbe- 
deutenden Krümmung,, bis sie an den Ort, ar Bijl ^^) genannt, 
gelangt. Diess ist die zweite Ecke der Stadt. Von hier 



(15) Wahrscheinlich die Stelle des heutigen bahMrte de la som- 
Usaima trmidad. 



32 Sitzung: der pküas.-fMol, Classe vom 6. Juni 1863, 

wendet sie sich von Süden nach Norden aufsteigend, bis sie 
an die Spitze eines Berges gelangt, der Almorena (in der 
vulgären Diminutivform) heisst, und einen Platz desselben, 
Alorqüb genannt: diese ist die dritte Ecke. Von hier beugt 
sie sich von Osten nach Westen in einem Graben, der den 
Namen von Beb müsä trägt; dann steigt sie auf den Berg 
der Citadelle, indem sie hinter derselbwi sich hinzieht; diess 
bildet die nördliche Mauer der Citadelle bis zu dem Ende 
derselben, wo wiederum eine Ecke sich findet. Von da an zieht 
sich die Mauer von Norden nach Süden, aber nur eine kleine 
Strecke und bei^ dann von Osten nach Westen aus, bis sie 
an die Stelle gelangt, von der wir ausgegangen sind; und 
das ist die vierte Ecke der Stadt. Diese quadratische Mauer 
zerfallt in drei Abtheilungen, welche durch zwei Mauern ge- 
trennt sind, parallel laufend mit der westlichen und östlichen 
Mauer, ausgehend von den zwei Seiten der Citadelle, herab- 
steigend bis sie die Mauer am Ufer erreichen. Die west- 
liche Abtheilung heisst Alhaud, sie besteht aus einer öd^n 
Fläche, auf der heutzutage keine Bauten sich befinden, ausser 
auf den Mauern; nördlich davon befindet sich ein Graben. 
Der mittlere Theil, die innere Stadt geheissen, fasst in 
sich die Hauptmoschee, und weiter südlich die^ Alcaiceria; 
nördhch von dieser Abtheilung befindet sich die Citadelle. 
Diese ist in zwei Theile getheilt, zwischen welchen eine Mauer 
läuft. Sie gehört zu den schönsten und festesten Burgen; 
sie erhebt sich von allen Seiten und steht frei da nach allen 
Richtungen. Möge . Gott den Schutz und die Festigkeit ver- 
leihen, als Widerstandskraft und Bollwerk durch seine Macht. 
An ihrem Abhänge ziehen sich die Baulichkeiten hin. Diese 
ganze Abtheilung ist wohlbebaut mit Ausnahme eines kleinen 
Theils, der an die vorhergenannte Abtheilung gränzt. Die 
dritte, östliche, Abtheilung heisst almogalla, ihr nörd- 
licher Theil Jabaliy dieser ist eine Fortsetzung des Berges 
Almorena; um sie geht die Mauer mit einem Theil des 



MüUer: IbmdkfmUhs BeriiM iAtt die Fut. 33 

Grabens von B& mA9a i und an einea Theil des Abhangep 
derselben reihen sich die Gebäude« Diese Abtheflong ha$ 
mehr Baolichkeitoi und einen grossem Flächeninhalt al» jede 
der beiden andern , ja sie ist ausgedehnter als diese beiden 
zusammengenommen: diese sind sidi nahezu gleich am Flächen- 
inhalt. OiesB kommt davon her, dass die Citadelle von der 
mittlem Abtheilung ein grosses Stück einnimmt und die west- 
liche sich in demselben Falle befindet, ja noch etwas nach- 
steht: daher ist der Raum zwischen ihrer nördlichen Seite 
und der Mauer am Ufer enge, während der zwischen Ja&a2t 
im Norden der östlichen Mauer und der Ufermauer sich er- 
weitert. An diese dritte Abtheilung sohliesst sich die Vega 
der Stadt, eine weite Fläche, die sich am Ufer des Meeres 
g^en Osten hinzieht, bis an die Gebirge von Qabta {cabo 
de Grata): südlich davon liegt das Meer, und nördlich von 
ihr in der Nähe dar Stadt Berge, die in die Ebene abfallen. 
Nördlich und westlich von der, Stadt sind bloss rauhe Ge* 
birge, bei deren Besteigung das Athemholen beengt wird. 
Wenn du nun auf diese Beschreibung merkest und dir die 
Form dnbildest, so wirst du dir Almeria vorstellen als eine 
Stadt, am Meeresufer, ge^en Süden gelegen, offen gegen 
Osten, gegen Westen der Berg Elkonesa, der sich ins Meer 
erstreckt, nicht hinreichend um die Stadt zu decken, weil 
er zu schnell aufhört und eine geringe Höhe hat, und süd- 
lich das Meer; hinten ist. die Stadt umgeben von dem Berg 
der Citadelle und dem Stück^des Berges Almorena, welches 
Jabali heisst. Alles diess macht, dass die himmlischen 
Strahlen darauf reflectirt werden und die Südwinde freien 
Zutritt haben. — Die Nahrung und zwar die gewöhnliche 
Zuspeise der Bewohner besteht aus Fischen. Das Wasser 
ist frisch, von leiser Strömung,, entspringt aus der Tiefe eines 
Thaies, das reich an Brunnen und modernden Substanzen 
ist, in welche zur Zeit der Begen Giessbäche von weither 
sich ergiessen. Alles diess sind Dinge, welche die Passivität 

[1863. II. 1] 3 



34 Sitzung tier fhths.-phüM. (Msu vom S, Juni 1863. 

der Naturen bedingen, and die Prädisposition rerstärken, 
angemessen der Art dieser Krankheit; und es ist also nicht 
zu verwundern, dass sie an diese Stadt in höherm Grad 
heraneilte, als an andere, die nicht ihre Lage und zur Prä- 
disposition stimmende Natur haben. ^^) 



n. Tod des Königs Sebastian von Portugal. 

Es kann wohl kaum ein Zweifel darüber obwalten, dass 
Köm'g Se'^astian in der gewöhnlich nach Alcacer genannten 
Schlacht 1578 wirklich den Tod gefiinden hat;*) doch glaub- 
ten viele Zeitgenossen nicht an das Factum; mehrere Prä- 
tendenten tauchten auf, und machten den spanischen Usur- 
pator und Tyrannen in seiner stolzen Mönchsburg zittern. 
Soviel ich weiss, existirt bis jetzt noch kein arabisches 
Zeugniss über den Vorfall und man möge mir daher ge- 
statten, ein solches von einem Augenzeugen mitzutheilen, 
welcher der berühmten Schlacht selbst beiwohnte und ver- 
möge seiner hohen politischen Stellung wohl im Stande war, 
die Wahrheit zu erkeunen. 

Es findet sich nämlich in der Handschrift des Escurials 
alholal almarqümah nro 1771 bei Casiri, welche eine Ge- 
schichte der spanischen und afrikanischen Könige enthält, 
bei Gelegenheit der Erzählung der Schlacht von Tarifa (anno 
1340) folgende Bandbemerkung: 



(16) Am Bande findet sich die Bemerkung eines bigotten Lesers : die 
Dinge sind es nicht, welche die Passivität hervorbringen: der Active 
ist Gott, nicht irgend eine Ursache, noch Natur noch Stadt, noch 
Luft. Das ist der Glaube der Leute, die die Einheit Gottes bekennen. 
Was der Verfasser sagt, ist verwerflich und unpractisch. Nota bene ! 

(1) Heinr. Schäfer Geschichte von Portugal III 389, 391 lY 408. 



MOkr: Tod dm K»mg$ 8a>ßtHm von l^ftM^I. 85 



^ 1*4^« ^^ fjy ^JjHj JjüÜI pgKwgg* <-<i3( &jU ^ 
J»yr JUlA •üJ ^^ JüJÜI i)!^ SeljU ^ JU bu^ ^ 

^ JL» U, «yy( JjU&J JJU!» 4X** \,^pl ^ 
y^*i-pl ^1 »^f ^5b fXsj «S)Lu| Jjyj* ijO* 

(fdij ^ L^«» W y d Ai X m J I (»Ltj S«4Jb ^fiaAlj ^ OJ) 
^^Jl Sj^ii iS^ *^} B^y / (;)L««4-> (5<^t Uij 

«iUiM». «Juli iLüJf, SJuJuJf ^y>, (.JJÜt jJjl vsJii >^ JJ 






86 Siiinmff der p9iilo$.-fihiM. dam vorn e: Juni l$i8. 

,,Der Schreiber dieser Rax^bemerkong *) Mohammad 
ben Ahmad ben l8ä, Secretär der alidisch^' DyiuiBtie ita 
Magbrib, dessen Vater dieselbe Stelle bekleidetet, . bemerkt r 
Die Schlacht zwischen dem Fürsten der ..Gläubigen, dem 
Streitbaren, Abu Merv&n Abdt&Iiiytli£ ifnd seinem Bruder 
und. Thronfiilger dem Fürstea der QUüibigen ,. dem Streit- 
baren, Abul^abbäs Ahmad almangür einerseits und zwiachep 
Sebastian dem Konig ven Portugal und dem ehrlosen, abge* 
tetaden Ifohammad, der bei diesem Hülfe gesulohfc hatte^ 
anderseits^ fand Statt im Wädi'lmakhäzin,^) zum Gebiet von 
Alqagr gehörig; am Mondtag äe& 29. DjumädäT&lä des Jah* 
res 98£. Die Polytbeifiten würden geschlafen , obwohl sie 
mehr als 100,000 waren; zum Tbeil fielen sie, zum Theil 
geviefhen sie In Gefangenschaft; 'es eatkamen nur etwa vier 
]^erson«i geachützt dareh die DuiikeUieit ddr Kacbt. \ WSb- 
rend des Kampfes starb der Fürst der Gläubigen Abdulmalik, 
indem seine Kraft und Starke erschöpft war, ikid an ^ein^ 
Leiebe wurde fortgefcämpft. An seine 'ät^Ue 'trat deii^ Bru- 
der, der Fürst der Gläubigen al Mangiir, und seiner Hand 
verdai^ man den Sieg. Der fremde Eonig starb, durch* 
»to eben Von Lanzen, als tr hejreita. die. Flucht, er- 
griffen und den Bücken gewandt hatte. Ebenso starb 
der, welcher "seine Hülfe in Aäsprüch genomiüen ^atte, lii* 
dem er im Wädi'lmakhAzia erferimk. Er auch hatte sich der 
Flucht anvertraut, wenn ihn, das Geschick aus der Macht 
des^ Stroms geretlet . hätte» in einer ifoh. mir gedichteten 
Qacide heisst es hierüber folgendermaassen : 



(2) üeber dieve Bedeutong von 8 J0 vergleicihe Sacy Anthol. 
M3. Qirtas f*. Pedro de Alcalä: Mareen del libro: üurfa.'- 

(d) Siehe Descriptiongeographiqaede l'empire de Maro^ par 
M. Emilien Benon pag. 17 im YIII Band der Exploration scientifiqne 
de l'Alg^rie. 1846. 



MMet: Tod 4m Käfii§8 8eba8ti0m wan AriHfal. 87 

„Als die Ibeiden Heipi aufeinander stias^en, floh er; 

aber er suchte über den Fluss zu setzen, und dieser 

lesMlte ihn.^^ . 

Ich selbst habe dieser gewaltigen Scbbbcbt beigewohnt 
fiut d^ Personen ans der Residenz F£s, bülfebringeiid. Gott 
hat den Fuss kräftig g^na^ht und die Gesinnung und den 
EntsohlusB gdbäftigt, AUah in seiner erhabenen Würde 
genehmige gnädiglich diese Handlung. Diese That tilgte 
die Schuld, die der Islam durch die Niederlage von Tarifa un4 
las Navas auf sich geladen hatte. Gott sei Lob und Dankl — 

Ein anderes arabisches Zeugniss findet sich von einem 
Anonymus, der vom im Codex uro. 221 ^) derselben 
Bibliothek einige historische Notizen über die Beginne der 
Herrschaft der Soherife und das Aufhfiren der Dynastie der 
Meriniden niedergeschrieben hat; darunter folgende: 

^U^ aJÜI i)uj& ^ 4X40^ \S^y^ ^^ 1^^' ^<^ 4? ^^ 



(4) Pieße Handsohnft ist nicht« anderes ale der Kimil des be* 
rülunten Ph^ologen Almübamraä. Die kurze Notic, welche Gasiri 
von ihr giebt, beruht auf den drei Haupteigenschaften dieses Mannes : 
Unwissenheit, Flüchtigkeit und Lüge. Er sagt: liber pandec- 

tarum (Jüoljüf wLc^) auctore ÄbtUhassen Ben ainamat Carduben si 
(j^^l ijäii ^J4 ^j^^ [sie] U ^JuJ b). Von .^U 
£ndet sich keine Spur, Üordubensis ^xlff JÜt ist geradezu von Casiri 

erfunden, nach seiner Weise den Spaniern zu schmeichebi, indem ^t 
orientalische Werke häufig ihren arabischen Landsleuten zuschreibt. 
Der Abulhasan, aus dem er den Verfassec gemacht hat, ist bloes 
ein Professor, der ivit seinea Schülern dieses Buch las, wie aus d#r 

Bemerkung am Ende des Buches hervorgeht: fjü» /'^JT ^r* 

«ift jJüf ^^ X*«Jf ^J^ ^j^l ^gf\ i^f 

(6) näittlioh dUUJI Jue {S^J^ ^'^ ^^"^ einige Zeilen rorher 
die Rede witr. 



38 Süjnmg der pk&oe.^phüdl. CUust wm €. Jmi 1B63. 

d. h. Er (Muley Abdnlmalik) starb am W&di'lm&khäzin 
am letzten Djumäda'lMa des Jahres 86; an demselben Tage 
starb Muley Mohammad ben ^AbdaMh, und es starb der 
christliche Herr von Portugal auf dem Schlachtfeld von 
Wadi'lmakhäsdn, und es wurde unser Gebieter al Mangur im 
Djumädä 11 des genannten Jahres als Ghalife instalHrt. 



,111. Ueber die doncella Teodor. 

Wenn man in Madrid wl einem Barattllo tritt, und die 
für das Volk bestimmte Literatur mustert, so wu:d man 
neben den Biographie d^ modernen Helden, wie Zumala» 
carregul, Cabrera, Espartero u. s. w., neben den letzten 
Schauerthaten, den Geschichten der ninös de Ecija'und den 
altem Productionen , wie Bemardo del Garpio, Flores y 
blanca flor, los siete sabios de Roma, den Romanzen vom 
Marques de Mantua etc. etc., sicherlich auch die historia de 
la doncella Teodor finden, seit mehr als drei Jahrhunderten 
ein Lieblingsbüchlein des spsuiischen Volkes, das auch Lope 
de Vega zu einer üomedia veranlasste. Die Geschichte die- 
ses Fräuleins ist kurz folgende : Ihr Besitzer, ein ungarischer 
Kauimann, gerieth in Armuth und bietet sie, von ihr selbst 
aufgefordert, dem König von Tunis um hohen Preis an» 
Dieser lässt sie v6n hervorragenden Gelehrten esaminiren, 
welche sie. durdbr ihre Wdsheit und Kenntnisse besiegt; der 
König schenkt ihr den geforderten Kaufpreis,, und stellt sie 
selbst dem Kaufmann zurück. Herr Pascual de Gayangos 
hat ganz richtig dea orientalischen Ursprung dieses Mähr- 
chens erkannt; siehe Anmerkungen zur histoiia de la litera- 
tura espafiola por M. G. Ticknor, traducida — por D«. Pas- 



Mmer: ütber die dmeOlm Teaiqr. 39 

cnal de Gayangos y D. Enriquo de Vedia ü. Band pag. 553 
und er führt als Quelle eine arabische Erzählung an. „hay, 
empero, un libro en lengua arabiga muy pooo conoddo y 
que se pareoe tanto i este en su estructura y formas que 
a nuoatro modo de ver es predso asignarle un mismo origen. 
Intitülase: Quißsat chariat Tudur gua ma oana min haditsiha 
maa-l munachem eua al-äalem inia-n-nadham fi badhrMi 
Harun er Baxid/' Es iat aber nothwendig zu bemerken, 
dass diese Greschichte nur einen Theü der bekannten Samm- 
lung der Tausend und einen Nacht ausmacht: siehe Bu- 
laq^ Ausgabe, I Band pag. «iif», femer : Calcuttaer Ausgabe 
von Macnaghten II Band pag. ^aI» sowie Hammer, der 
tausend und eine Nacht noch nicht übersetzte Mährchen 
•1823 I 207.') Das Mädchen heisst hier übrigens nicht 
Tf/idur, was keine arabische Form ist, sondern Tawaddud 
4>«>^* oder Teweddud : wie daraus durch Versehen Tudur oder 
Teodor entstanden ist^ sieht jeder des Arabischen kundige. 
Das Urtheil Hammers ist nicht sehr günstig: es ist gewiss, 
dass dieser lange und langweilige Aufsatz nichts 
weniger als ein Mährchen ist und eigentlich als sol- 
ches in der Sammlung der 1001 Nacht keinen Platz 
finden konnte etc«, ebenso das von Silyestre de Sacy:') 

(1) Aasser den von H. Gayangos angefahrten filteren Ausgaben 
giebt es noch andere. So liegt mir ans der hiesigen Staatsbibliothek 
eine von Borgos 1554 vor (la historia de la muy 8Ma y discreta don- 
zeda Theodor — am Ende fu^ impressa esta presente obra ^ en la 
muy noble y mos lecd ciu^€id de Burgos; en casa de Juan de Junta» 
doze dias dd mes de Enero, ano de 1554. in Quart tJebrigens ver- 
gleiche noch desselben Gelehrten discurno prdiminar zu den libroB 
de cabaUeria pag. Ivij. 

(2) Wie in der Handschrift von Gayangos kommt auch sonst, 
wie andere Erzählungen der 1001 Nacht, die onsere vereinzelt vor; 
so in dem Codex Quatremere nro. 530 auf unsrer Bibliothek. 

(3) Memoire sur Porigine du recueil des contes intitule les mille 
et une nuits, pag. 46 in den Memoires deTinstitut de Fraaee, Aeademie 
des insmptions et beUes lettres tom. X. 



40 Sitzung der phüos.-ph&ot, Ülä8$e vom ß, Juni 1863, 

des contes insipides tels que celui de la hfAle Teweddoud. 
Vordchtiger drückt sichrem kenntnissreicher Beartheiler, bei 
Gelegenheit dei* Hammar^sohen Aeussenmg aus:*) „Wenn 
auch dieses Urtheil im Wesentlichen sich als völlig 
gegründet bewährt, so-muss man gleichwohl dem 
Herausgeber für diese Mittheilung Dank wissen; 
denn hier eröffnet sich vor unseYn Augen eiA einzi- 
ges, €fben so seltsames und drolliges, als belehren- 
des Schauspiel, worin die schöne Tausendkünstlerin 
einen wissenschafftlichen Wettkaippf mit den ge- 
priesensten mohammeda;nischenGelehrten«iegreich 
durchführt/* Wir lesen natürlich die orientalisohen Werke 
nicht so sehr w^en des ästhetischen Genusses, den sie uns 
gewähren, als wegen des historischen Gehaltes, den sie uns 
erschliessen : und es ist sicherlich denkwürdig, die Filiation 
eines Büchleins kennen zu lernen, aus dem der Spanier noch 
heut zu Tage eine Menge seiner Kenntnisse und superstitiösen 
Vorstellungen schöpft. Auch darf nicht übergangen werden, 
dass die arabische Erzählung, indem sie eine Art populäre 
Etfcyclopädie darbietet, einen Studlrenden rasch in die gel- 
tenden Ansichten des Lebens und die gewöhnlichsten Volks- 
kenntnisse and Vorstellungen des Orients einfährt. 



Herr Spengel hielt einen Vortrag 

„über Philodemus Twefl evöeßelag aus den 
Herculanensiscben Handschriften.^' 

Derselbe wird in den Denkschriften seine Stelle finden. 



II ■» 1 1 



i 



(4) Hermes. Band XXXIV. Taunend und ein6 Nftcht, kistorisch- 
kritisch beleuchtet. Vierter ArtÜEel. pag. fi78. 



Thomas: Das JEj^^iakmiwm de» GcMienui. 41 

Herr Thomas 8{>rach 

„über das Epithalamium des Gallienus/* 
Im Qod, lat. Mooac. 72 steht auf dem ersten Blatte 
imter aaderm Folgendes: 

Galteaus Imperator et poeta insignis admodom dam 
tempore quodam in naptiis esset, tenens manibus sponsum 
et sponsam hos mirabiles edidit versus 

Ite simul iuuenes. mutuis sudate medullis 
Omnibus inter vos. nee murmura vesira columbae 
Brachia non hederae. non vincant oscula concbae. 
Get lil mit lüt ane scheidens argk 
JSrwermt nach lib eur beider margk 
Seit süssem miirmels beid so reich 
Das euch kein taub sie mag gegleich 
Lasst arm vmbfahung weichen nicht 
Dem craut das sich den bewn vmbflicht 
Nach snecken kuss vnd stets anhangen 
Verstricht euren munt eur rote wangen. 
Hartmasm Schedel, der Besitzer und thetlweise Commen* 
tator der Handschrift, bemerkt am Bande: vide Augustalem 
Prandsci Petrarcae et ibi repeiies ista metra latina. Zu- 
ghich giebt er i:um ersten Verse die Varianten: iurenes 
pueri alü. mutuis-pariter. So hat auch die Basler Aus- 
gabe Petrarca's, welche aber ausserdem nooh non murmura 
statt nee bietet Die gleiche Discrepanz zeigt unser Cod. 
lat. zz. 714, auf dessen erstem Blatte dieselbe Anecdote 
angemerkt ist. 

Das Epithalamium des als Dichter gefeierten, als Herr- 
scher unbelobten Imperators,^) ist. in der Anthologie bei 
Meyer No. 232 nach dem Vorgange Burmanns t. 1, p. 684 
um ein Distichon länger; es. ist jedenfalls zu bemerken, dass 
sich diese Verse 



(1) aliud in imperatore quaeritur, aliud in oratore Tel poeta fla- 
gitatur, sagt sein Biograph, Trebellius Pollio c. 11. 



42 Sitzung der phtlos.philöl. Glosse vom 6. Jwn 1868. 

Ludite, sed vigiles nolite extinguere lychnos, 
Omnia nocte vident, nil cras meminere lacernae 
weder in dem Mscr. Voss., vgl. Biirm. t. 1, p. 747, Meyer 
t. 2, p. 95, noch bei Petrarca, noch auch in unseren Citaten 
finden, wie sie denn auch TrebelKus PolHo in seinen 'zwei 
Gallienus' c. 11*) nicht kennt, aus welchem rie wohl als 
erster Quelle fortgepflanzt worden sind. 

Das wenig beachtete Excerpt bei Petrarca, welches 
eigentlich dem Über Augustalis des Benyenutus de Rambaldis 
angehört, lautet vollständig: 

Oalienus filius Valeriani qui iam erat Caesar, fiactus est 
Augustus a senatu loco patiis: qui luxuriosus marcens odo 
se totum dedit voluptatibus, neglecto patre et imperio. ünde 
etiam XXX tyranni invaserunt imperium: ftrit tarnen poeta 
clarus. Unde cum semel celebraret nuptias teneais sponsum 
et sponsern per manus, dixit istos miraHles versus: 
Ite siifiul pueri pariter sudate medullis 
Omnibus intra vos non murmura vestra columbae 
Brachia non hederae non vincant oscula conchae. 

Imperavitque ännis XI. 

Man wird die drei Verse für genügend und das Dictum 
Aach unserem Gefühl für schöner abgerundet erklären, als wie 
es durch den, wie es scheint, späteren Zusatz herauskommt. 

Was den Anthdl an der kldnen Sache vermehrt und 
eigentlich ausmacht, ist die deutsche üebersetzung der Verse, 
oder vielmehr die Umbildung in ein deutsches Lied. Man 
wird dem mir unbekannten üebersetzer nicht absprechen, 
dass er in seiner Weise etwas ganz Artiges aus dem kaiser- 
lichen Hochzeitspruch gemacht hat. 



(2) Hier beginnen die Verse also: 

ite — ait — o pueri, pariter sudate medullis, 
oder wie man vulgo las: 

ite agite, o iuvenes, et' desndate medullis. 



p. Mmiius: Ohmariü Unguamtm hra&Hitmium. 48 

Der ClaBsensecretär legte vor Ton Heim Dr. Anton 
Birlinger ein 
„Schwäbisch - Augsburgisches Wörterbach/' 
Die Classe genehmigte die partienweise Au&ahme in den 
Sitzungsberichten, so dass jedem Hefte derselben einige Bogen 
als eigner Anhang beigaben werden. 



Mathematisch-physikalische Classe. 

SiUung Tom 18. Jimi 1868. 



Der Glassensecretär Herr y. Martins überreichte 

ä 

der Glasse die von ihm vor Kurzem im Drucke yol- 

lendeten 
y,Glossaria linguarum brasiliensium.'^ 

Das Hauptresultat seiner Arbeit, auf welche er durcb 
Untersuchungen über die Hausthiere und Nutz-Pflanaen 
Amerikas geleitet worden , begeht darin » dass die Sprachen 
der neuen Welt nicht gleich denen dvilisirter und schreibender 
Völker als orgmisch entwickelt und innerhalb gewisser Gren* 
zm krystallisirt und festgestellt betrachtet werden können 
dass sie yielipehr im grossartigsten Maasstab gemischt und 
zufällig oder geflissentlich verändert seien , wie die Natur- 
Tölker selbst in tausendjähriger Wanderung und Vermischung 
sich Terändert haben« Im polysynthetischen oder fidgluti- 
nirenden ühfurakter kommen diese Sprachen der Amerikaner 
auch mit jenen der rohen und nomadischen Völker anderer 
Welttheile überein; sie haben aber vielleicht auch Trümn^er 
Ton Sprachen gewisser alten Völker, denen wir verschiedenen 
Ursprung zuschreiben, wie den Kelten, in sieb aufgenommen. 

Da sich Untersuchungen dieser Art nur auf einer sehr 
breiten Basis weiter fuhren lassen, so empfiehlt der Ver- 
fasser sein Buch nur als vorläufiges Material zu wohl- 
wollender Berücksichtigung. 



44 SitfUfig dir math.-phffB, Ckwe wm 13. fymi td6S. 

Herr Bischoff sprach 

„über die Ranzzeit des Fuchses und die 
erste Entwicklung seines Eies," 

und zeigte die dieser Untersuchung zu Grunde liegenden 
Präparate vor. 

Eine Angabe Burdachs in semer Physiologie Bd. I. p. 561, 
dass sich nach Hausmann der Fuchs schon im Januar be- 
gatte, aber noch im März kein Embryo sichtbar sei, erregte 
meine Aufmerksamkeit, weil es danach möglich gewesen wäre, 
dass sich hier bei einem Fleischfresser eine ähnliche räthsel- 
hafte Erscheinung in der ersten Ei-Entwicklung gefunden 
hätte, wie bei dem Reh, wo, wie ich gezeigt, die Eier gegen 
4Va Monate nach ihrer Loslösung vom Eierstodc und Be- 
fruchtung, in ein^n durchaus unentwickelten Zustande im 
Uterus verweilen, und sich dann erst in gewöhnlicher Weise 
weiter entwickeln. Ich erliess daher in den hierigen Neuesten 
Nachrichten im Februar an Jäger und Jagdfireunde die Bitte, 
mir die Genitalien (den Tragsack) von Füchsinnen zukommen 
lassen zu wollen, welche in den nächsten Wochen geschossen 
würden. Diese Bitte erfuhr trotz ihrer Unmoralität, die mir 
in einem anonymen Briefe vorgeworfen wurde, reichliche 
Gewährung, so dat^s ich in den Stand gesetet wurde, eine 
Reihe ziemlich zusammenhängender Beobachtungen über die 
erste Entwicklung des Fuchs-Eies anzustellen, und ich mich 
zum lebhaften Danke gegen alle die Männer verpflichtet 
fühle, welche nur allein aus sachlichem Interesse sich Muhe 
und Zeit nicht verdriessen Hessen, mich mit dem erforder- 
lichen fieobachtungsmaterial zu versorgen. Allerdings kam 
leider eine grössere Zahl von Objecten nur in einem Zustande 
in meine Hände, welcher eine genaue und exacte Beobach- 
tung so ausserordentlich zarter und vergänglicher Gebilde, 
als worum es sich hier handelt, kaum mehr zuliess. Die 
Entfernungen, die im Ganzen warme Witterung, vor Allem 



^^T^ 



SiwW* ^e SmuHÜ ie$ Fm^hm. 45 

aber wohl der Umstand, dass mehrere Gömier wahrschein^ 
Mdi die Thier^ nidit sogleich naoh dem Tode aufgebrochen 
hatt?rai, sondern die Genitalien erst, nachdem sie längere oder 
kürzere Zeit in dem getödteten Thiere mit den Dcumen in 
Berührung gewesen waren, hwansgenommen wurden, dann 
auch der öftere Mangel einer zweckmässigen Verpackungs- 
weise, diese Umstände alle waren Schuld, dass ich manche 
Punkte nicht mit der gewünschten Genauigkeit untersuchen 
und feststellen konnte. 

Als allgemeinstes Resultat ergab sidi indessen mit Sicher* 
heit, dass obige Angabe Hausmanns vollkommen unbegründet 
ist. Die Ranzzeit fiel nach meinen Beobachtungen in diesem 
Jahre in die Mitte des Februar und neben allen in dieser 
Hmmcht sich geltend machenden individuellen Verschieden- 
heiten steht so viel fest, dass sich das Fnchsei nach semer 
Loslösung votOL Eierstock und erfolgter Befruchtung unmit- 
telbar, continuirlich und in vollständiger Uebereinstimmung 
mit dem Hundeei weiter bildet 

Ich lasse desshalb auch nur eine kurze Angabe der von 
mir gemachten Beobachtungen in der Reihe folgen, wie sie 
dem Entwicklungszustand , unabhängig von der Zeit, ent- 
spricht. 

Von Herrn Dr. Eugen Pachmayer in Inzell erhielt ich 
die Genitalien einer am 5. oder 6. März geschossenen Füchsin, 
bei welcher die Eier noch nicht aus dem Eierstock aus*- 
getreten, also auch noch nicht befruchtet waren. Indessen 
zeigten die Eierstöcke eine Anzahl bereits sehr angeschwol- 
lener sogenannter Graafscher Follikel, und in denselben die 
Eier in dem Zustande fast vollkommener Reife. Sie waren 
0,225 Mm. gross, besassen, wie bei dem Hunde, einen sehr 
dichten, und desshalb unter dem Mikroskop dunkel erschei- 
nenden Dotter, und die Dotterhaut, sogenannte Zona pellucida, 
war von den stark entwickelten Protoplasten (ZeUen) der 
sogenannten Membrana graimlosa oder des Discus proMgertts 



46 Sitzung der mttth.'pl^s, Chs9e wm 13. Jnni 1863, 

umgeben. Diese Protoplasten waren indess noch nicht sjan* 
delförmig ausgezogen, wie ich dieses als ein Zeichen der 
ganz Tollkommenen Reife der Eier aller von mir untersuch* 
ten Säugethiere beobachtet und angegeben haibe, sie bildeten 
noch keinen strahligen Discus, sondern waren noch rund 
und bestanden aus einem Kerne und einer denselben um- 
gebendai Plasmaschichte. ^) Ich nenne diese Körper jetzt nicht 
mehr Zellen wie früher , weil ich mich von einer sie um« 
hüllenden selbstständigen Membran nidit überzeugen kann, 
sondern an ihnen, wie gesagt, nur einen deutliche Kern 
und eine denselben umgebende mehr oder weniger dichte 
Plasmaschichte unterscheide. 



(1) Hr. Prof. C. B. Reichert in Berlin hat in seinen im vorigen 
Jahre erschienfiiien Beitragen snr Entwickinngsgeichiohte des Meer* 
seh weinchens p. 105 u. ff. meine Beobachtung and Angabe, das« 
bei völlig reifen Säugethiereiem die Protoplasten des Discus sich 
nach einer Seite hin spindelförmig ausziehen, mit ihren Spitzen auf 
der Zona aufsitzen und so dem Discus ein strahliges Ansehen geben, 
f&r falsch und fSr einen optischen Betrug erklärt. Er giebt zwar 
zu, dasB die Protoplasten oder Zellen, yfiB er sie noch nennt, au 
dieser Zeit mehr entwickelt und vollsaftiger seien, erörtert aber 
dann sehr umständlich, wie der Schein ihrer strahligen Anordnung 
durch optische Täuschung hervorgebracht wurden. Da die Sache 
indessen Gegenstand unmittelbarer Beobachtung ist, so haben wir 
eine solche Erörterung hier nicht nöthig. G. B. Reichert hat seine 
Beobachtungen entweder nicht zur rechten Zeit angestellt, wo jene 
Entwicklung der Protoplasten eben noch nicht eingetreten ist, oder 
er hat sie, wie allerdings seine Angaben vermuthen lassen, mit wenig 
Glück ausgeführt. Denn ich muss nach wiederholten Beobachtungen 
bei verschiedenen Thieren bei meinen frühem Angaben bleiben, und 
behaupte, dass die spindelförmig ausgezogenen Protoplasten keines- 
wegs Eunstproduct sind, sondern sich als solche sowohl in ihrer 
Verbindung mit dem Ei, al» auch vorsichtig isolirt sicher erkennen 
lassen. Natürlich bleibe ich desshalb auch bei meiner früheren An- 
gabe, dass dieser Zustand der Elemente des Discus ein schätzbares 
diagnostisches Kennzeichen für den völlig reifen Zustand des Eier- 
atockeies sei, was eben C. B. Reichert wegräumen mochte. 



Bücha/f: Die Bangzeit de» Fuckgee. 47 

In den Eiern selbst konnte ich keine Keimbläschen mehr 
zu Gesicht bekommen, entweder weil sie in Folge der Bei- 
fang des Eies bereits verschwunden, oder sich auch wohl 
au^elöst hatten, da das Präparat nicht mehr sehr frisch war. 

Am 25. Februar erhielt ich durch einen Landmann die 
Genitalien einer Tags zuvor geschossenen Füchsin, bei wel- 
cher die Eierstöcke lehrten, dass die Eier bereits ausgetreten 
seien, indem sie ansehnliche sogenannte gelbe Körper (corpora 
lutea) enthielten.^) Doch waren an der Gebärmutter noch 
nirgends durch die Eier heiTorgebrachte Anschwellungen zu 
bemerken. Ich fand denn auch die Eier noch in der Mitte 
der Eileiter, noch ganz von der Grösse und dem Ansehen 
der Eierstockeier; nur waren die Protoplasten des Discus 
verschwunden, und die Eier nackt nur von ihrer Zona um- 
schlossen. Es war kein Eiweis um dieselbe herumgebildet, 
sondern die ziemlich dicke und äusserlich rauhe Zona ihre 
einzige Hülle. Ich hatte die Eier sehr vorsichtig mit einer 



(2) Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, dass die Corpora lutea 
bei Fuchsen ebenso wenig wie bei Hunden jemals ein Blutcoagulum 
enthalten. Hr. Prof. Pflüger hat in seiner neuesten Schrift: Ueber 
die Eierstöcke der Säugethiere und des Menschen, Leipaig 1863, p 41, 
die Behauptung ausgesprochen, dass ein Blutaustritt in einen Graaf- 
schen Follikel bei dem Platzen desselben immer ein Artefact sei, 
welches durch die gewaltsame Tödtung der Thiere hervorgebracht 
werde. Ich halte diese Behauptung für unrichtig. Ich habe in mei- 
nen Scluriften gezeigt, dass sich bei Hunden, Kaninchen, Meerschwein- 
chen, Hatten, Beben, Schafen und Bindern ein solcher Blutaustritt in 
der That in der Begel nicht findet, und halte denselben, wenn er 
hier dennoch zuweilen vorkommt, für pathologisch. Allein ebenso 
gewiss ist es, dass ein solcher bei Schweinen und bei dem mensch» 
liehen Weibe die Begel bildet. Da bei den erstgenannten Thieren 
trotz gewaltsamer Todesart kein Blutaustritt entsteht, und er sich 
bei dem Weibe auch ohne eine solche gewaltsame Todesart findet, 
so ist die Pflüger'sche Erklärung gewiss auch bei dem SchweinCf 
welches ausserdem noch meist durch Verblutung ^etödtet wird, nicht 
passend. 



4tB Bitztmg der math-phys. Classe vom IS, Juni 1663, 

StaarnJBbdel ans dem Eileiter herausgehoben nnd in etwas 
Liquor Amnii, d^ ich zufällig besass, ohne Deckglas nnter 
das Mikroskop gebracht. Alsbald erkannte ich, dass auf der 
Zona eme Menge Spermatozoiden sassen, und zwar, was mich 
einigermaassen befremdete, alle mit dem sogenannten Kopfe 
an der Zona, während das feine Schwanzende frei nadi 
aussen in der umgebenden Flüssigkeit ilottirte. Im Innern 
der Zona war keine Spermatozoide zu beobachten, schon 
aus dem Grunde, weil der Dotter diesei^ Innert noch voll- 
ständig als eine compacte dunkle Masse erfüllte.') Aus 
demselben Grunde war auch nirgends zwisch^ dem Dotter 
mid der Dotterhaut ein Körperchen (ein sogenanntes Rich- 
tungsbläschen) zu sehen. 



(8) loh benutze diese Gelegenheit nm zu erklären, dasa ich mich 
Mich naoh den neuesten Angaben Pflügera (Ueber die Eierstoeke der 
Säugethiere und des Menschen p. 82) in keiner Weise von der Ge- 
genwart einer Micropyle bei Säugethier-Eiem habe überzeugen kön- 
nen. So lange sie von den Protoplasten des Discus umgeben sind, 
und wenn man diese mechanisch oder durch Maceration von ihnen 
abstreift, halte ich eine zuverlässige Beobachtung in dieser Hin- 
sicht überhaupt für untfaunlich. Ebenso halte ich auch eine Beob* 
abhtung an •zufällig aus zerzupften Schnittchen eines Eierstocke» 
ausgetretenen und von den Protoplasten der Membrana granulosa freien 
und noch dazu unreifen Eiern, wie dieses Pflüger angiebt, für durch* 
aus unzuverlässig. Die Zona ist bei solchen jungen Eiern noch sehr 
weich und gallertartig, man sieht sie an vielen Eiern eingerissen 
und geplatzt, oft den Dotter ausgetreten, und ich fürchte solche 
Bilder haben die Angaben Pflügers veranlasst. Jedenfalls wäre es 
wunderbar, wenn man eine Micropyle nicht bei den' reifsten, sondern 
bei unreifen Eiern am deutlichsten sehen sollte. Aber auch auf dem 
Stadium der Entwicklung der Eier im Eileiter, wo der Discus im 
natürlichen Entwicklungsgang verschwindet, und die Spermatozoiden 
eindringen, war keine Spur einer irgendwie gearteten Micropyle zu 
finden. Ich hätte sie gar zu gerne gesehen, besonders wenn, wie es 
hier schien, die Spermatozoiden mit dem dicken Ende voraus ein- 
dringen. Hoffentlich sind Andere bei gleicher AengstHchkeit der 
Beobachtung glücklicher als ich. 



Bi9ehcff: Die Rangieii des Fuehm. 49 

Leider erhielt ich weiter keine Genitalien, bei weldien 
die Eier noch im Eileiter gewesen wären, und hatte ich 
also keine Oelegenheit, die Dottertheilnng und das Eindringen 
der Spermatosoiden zu beobachten, weldie indessen Uer« 
sicher ebenso wie bei dem Hunde erfolgen werden« 

Zunädist an die im Eileiter beobachteten Eier schlössen 
sich solche an, dk ich bei einer ebenfalls, von Herrn Dr. Fach* 
mayer am . 5. oder 6. März erlegten Füdisin in der obersten 
Spitze des Uterus fand. Auch sie glichen indessen zu meiner 
Verwunderung noch den Eierstockeiem ohne Diseus, nur 
dass sie etwas grösser 0,3 — 0,35 Mm. geworden waren. 
Der Dotter war nicht in einzehie Engeln zerlegt, sondern 
bildete eine homogene Masse, die aber insofern von der des 
Eierstockdotters verschieden war, als die Kömchen, aus 
denen er bestand, grösser waren und zum Theil wie grössere 
Fetttröpfchen aussahen. Die Zona war noch didc und auf 
ihr einige Ueberreste von Spermatozoiden zu bemerken. 

Kaum verschieden von diesen Eiern waren die, welche 
ich bei einer von Herrn Landrichter von Schab zu Stam- 
berg am 25. Februar mir überschickten Füchsin beobachtete. 
Es waren ihrer fünf und alle aus dem rechten Eierstodr, 
keines aus dem linken ausgetreten. Ich fand sie in der 
oberen Hälfte des rechten Uterus zerstreut, und sie erschie- 
nen dem unbewaffneten Auge noch als kleine weisse Funkte 
wie die Eierstockeier, war^i aber doch schon von sehr ver« 
schiedenei* Grösse. Denn während das kleinste 0,245 Mm. 
maass, hatten die grösseren einen Durchmesser von 0,30, 
0,315 und 0,390 Mm. In gleicher Weise, aber umgekehrt, 
zeigte die Zona eine verschiedene Dicke, indem sie bei den 
kleinsten noch wie bei Eierstockeiem 0,035 Mm. betrug, bei 
den grössten aber nur 0,02 Mm. maass und kaum mehr 
zwei Contouren zeigte. Der Dotter erschien bei diesen Eiern 
nicht mehr wie ich erwartet, in zahlreiche Kugeln zertheilt, 
sondern bildete eine gleichförmige Masse, die von der ur* 
[1863. n. 1.] 4 



50 Sitzung der math.^hy8. Glosse vom 13. Jmi 1863. 

spränglicben des Eierstockeies darin verschieden war, dass 
die Dotteiliömchen, besonders in den grösseren Eiern, grösser 
waren und mehr wie das Licht stark brechende Fetttröpf* 
^cheh aussahen, daher dann der Dotta* im Ganzen auch ein 
durchaus anderes Ausseh^a als die der Eienitockeier darbot.^) 
Die folgenden Fuchseier, welche ioh in zwei mir von 
Herrn von Schilcher am 4. März und dem Herrn Revier- 
förster von BraumtiUer von Sonthofen am 10. März gesen* 
deten Uteri zu sehen bekam, erschienen in der bekannten 
Gestalt kleiner, etwa 1 — iV^Mm. grosser, wasserheller, aus 
zwei Schichten zusammengesetzter Bläsehen, welche bereits 
in den Hörnern der Uteri vertheilt waren. Beide Präparate 
waren nicht fnsoh genug mehr , um eine genauere Unter- 
suchung zu gestatten, als zu erkennen, dass die äussere 
Halle homogen und strukturlos, die Dotterhaut, die innere 
aus Zellen und Kernen zusammengesetzt, die Keimblase war. 



(4) Diese beiden letzten Beobachtungen sind ganz geeignet, die 
von mir bei Meerschweinchen und Beben nach ähnlichen Beobach- 
tungen aufgestellte Ansicht zu bestärken, dass bei den Sängethier* 
eiern nach dem Furchungsprozess des Dotters^ die ganze Masse des 
Dotters sich wieder vereinigt, und jetzt erst der ^ellenbildungsprocess 
in ihm beginnt, der zur Darstellung der Eeimblase führt. Hätte 
ich die betreffenden Fuchsuteri in einem vollkommen frischen Zu- 
stande zu untersuchen Gelegenheit gehabt, so wurde ich mich gan^ 
bestimmt aussprechen, was ich mir unter den obwaltenden Verhält- 
nissen nicht erlaube. Dasei ich aber fortwährend der von C. B. Rei- 
chert auch in seiner Entwicklungsgeschichte des Meerschweinchens 
p. 121 u. ff. wieder vorgetragenen Ansicht, dass die bei der Dotter- 
fiirchung auftretenden Kugeln Zellen seien, ja dass diese ganze Dot- 
terfurchung ein Zellentheilungsprocess sei, und die daraus endlich 
hervorgehenden Zellen unmittelbar die Keimblase oder die Umhül- 
lungshaut darstellen sollen, entgegen trete, versteht sich von selbst, 
da es ja nun doch wohl bald immer mehr und mehr dahin kommen 
wird, nicht in jedem rundlichen mikroskopischen Gebilde sogleich 
und ohne Weiteres eine Zelle zu erblicken, und ihm danach Bestand- 
theile isa octroyiren, die dasselbe nicht besitzt. 



Bmhoffi Die BamzeU des Fuchns, 51 

An den grösseren Eiern bemerkte ich auf der Aussenfläche 
der Dotterbaut abermals wie bei Hände* und Kaninchen* 
^em, die ersten Anfange der Zottenbildung. ^) Auffall^id 
war es mir, auf einem dieser Eier einen noch ganz wohl- 
erhaltenen Spermatozoiden zu entdecken, da dieselben, wenig* 
«tens beim Himde, um diese Zeit schon ganz verschwunden sind. 
Hieran schlössen sich die Eier eines Uterus, den ich 
sehr wohlevhaken am 24. Februar von dem Revierförster 
Herrn Mayer von Heimhausen zugesendet erhielt. Dieselben 
bildeten acht leichte Anschwellungen an dem Uterus, und 
zwar fünf auf der rechten und drei auf der linken Seite. 
Dageg^ fanden sich an dem linken Eierstock sechs und an 
dem rechten nur zwei ansehnliche Corpora lutea. Ich habe 
solche Fälle auch bei Hunden und Meerschweinchen beobach- 
tet und sie einfach so aufgefasst, dass in diesen BUlen eine 
Wanderung einzelner Eier Ton emer Seite durch den Kör* 
per des Uterus auf die andere stattgefunden habe; allerdings 
eine sehr merkwürdige Thatsache, die aber im Grunde nicht 
viel räthselhafber ist, als die Vertheilung der Eier in zweck- 
mässiger Entfernung von einander auf ein und derselben 
Seite, nachdem sie doch früher alle gleichzeitig aus dem 
Eierstock ausgetreten und alle dicht bei einander befindlich 
gewesen. In der That sind die bedingenden Ursachen für 
eine solche zweckmässige Vertheilung durchaus unbekannt 
und werden es anch wohl noch lange bleiben. ^) 



(5) C. B. Beichert erklärt diese meine Beobachtung bei Händen 
nnd Kaninchen abermals for eine Täoschnng, und die von mir for 
Zottenanfange gehaltenen Gebilde für Niederschlage des £xcretes der 
Uterindrüsen auf die äussere Eihaut. (Entw. Gesch. des Meerschw. 
p. 194.) Indessen werden andere Beobachter wohl ebenso wie ich 
dieselben als von der äusseren Eihaut ausgehend, und ihr angehörend, 
erkennen. 

(6) G. B. Beidiert findet diese von mir angenommene Wan- 
derung der Eier von einer Seite auf die andere, in seiner Entwick- 
lungsgeschichte des Meerschweinchens p. 115, „schwer begreiflich" 

4* 



52 Sitzung der fnath.'phy8* CUme vom 13. Juni 1663. 

Wa^ nun die in diesem Falle Torhandenen Eier selbst 
betrifft, so befanden sie sicli ohngefähr auf dem Stadium- 
der Entwicklang, wie bei dem Hunde am 14 — 15. Tage 
nach der letzten Begattung. Sie lagen in einer von der 
angeschwollenen Schleimhaut des Uterus gebildeten Zelle^ 
welche auch bei der sorgfaltigsten Eröffaung unter Aus- 
fliessen einer geringen Menge von Flüssigkeit zusammen* 
sank, indem die jetzt untrennbar mit der Ut^rinhant ver* 
einigte, sehr zarte äussere Eihaut unvermeidlich einriss. In 
der eröffneten Zelle lag ganz frei die etwa 2 — 3 Mm. 
grosse Keimblase, an der ganz deutlich zwei Blätter, ein 
inneres und ein äusseres , sodann auch ein bimförmiger 
Fruchthof, aber noch kerne Spur eines Embryo zu erkennen 



tind macht die Bemerkung, dasfl ich diese Wanderung selbsi 
niöht beobachtet habe. £r findet es desshalb viel wahrsoheinlich^,. 
diese Fälle so zu erklären, dass auf der einen Seite, wo sich mehr 
Corpora lutea als Eier befinden, eines oder mehrere der letzteren zu 
Grunde gegangen seien; auf der Seite aber, wo sich n^ehr Eier als 
Corpora lutea finden, ein oder mehrere der geplatzten Graafischen 
Bläschen Zwillings-Eier enthalten hätten. Beide umstände kommen 
für sich in der That zuweilen, obwohl höchst selten vor. Dennodk 
überlasse ich es gestrost dem Urtheil eines jeden Unbefangenen, wel«- 
eher Fall hier wohl der wahrscheinlichere war. Acht Corpora lutea 
waren vorhanden und ebenso acht Eier. Auf der rechten Seite wären 
also nach C. B. Reichert drei Eier böslich zu Grunde gegangen; da- 
für hätten sich auf der anderen Seite zwei Graafsche Bläschen beeilt, 
das eine drei, das andere zwei Eier zu liefern! Ist das wahrschein* 
lieher, als die von mir angenommene Wanderung? Nicht unwesent* 
lieh für die grössere Wahrscheinlichkeit der einen oder der anderen 
Erklärung ist es gewiss, dass bei mehrgebahrenden Thieren mit dop^ 
peltem Uterus und doppeltem Muttermund, bei Kaninchen, Batten, 
Mäusen etc. solche Fälle nie beobachtet wurden, obgleich auch bei 
ihnen Eier zu Grunde gehen und Zwillings-Eier vorkommen. Uebrigens 
wurde der gegenwärtige Fall von Herrn Leibchirurgus Dr. v. Schleich, 
von Hr. Prof. yoit.Hr.Dr. EoUmann und Anderen constatirt und das Prä- 
parat ist aufbewahrt, so wie auch noch ein zweites, von welchem 
sogleich die Rede sein wird. 



Bisckoff: Die Ranzzeit des Fucktes, 53 

^ar. Beide Blätter der Keimblase bestanden aas Zellen; 
in denen detf äusseren waren meist keine Kerne , aber zahl- 
reiche in und zwischen den Zellen gelagerte dunkle Köm- 
<ihen und Molecule zu erkennen; das innere bestand aus 
«iner einfachen, sehr schönen und kernhaltigen Schichte von 
anebandergedrängten Zellen. Ich sah niemals eine Zelle 
mit zwei Kernen oder eine auf Theilung hindeutende. 

Wiederum am 1, März erhidt ich von dem k. Veteri- 
aiär-Arzt Herrn Kreuzer im 4. ühevaulegers-Regiment König 
in Kempten einen Fuchsuterus, an welchem sieben Eier als 
Anschwellungen deutlich zu sehen waren. Allein auch 
dieser Uterus war, als ich ihn am 8. untersuchen konnte, 
echon so weit in der Fäulniss fortgeschritten, dass ich nur 
noch erkennen konnte, dass sich die Eier auf dem Stadium 
etwa 21 Tage alter Hundeeiw be&nden, wo sicli der Embryo 
eben zu biidon anfängt, das Medullarrohr aber sidi noch 
nicht geschlossen hat, wie ich solches in meiner Entw.-Gesob. 
des Hundes Fig. 35 abgebildet habe. Ich bedauerte es sehr, 
dass keine genauere Untersuchung möglich war, weil dieses 
gerade eines der entscheidenderen Stadien der Bildung des 
Central -Nervsystems ist, in dessen Auffassung ich foitwäh- 
rend entschieden von G. B. Reichert abweiche, wie derselbe 
Elches vom Hühner - Embryo aufs Neue in seiner Schrift: 
Der Bau des menschlichen Gehirns. Abth. II. p. 3 und ff. 
jg^eben hat. 

Die nun folgenden Uteri enthielten alle schon ziemlich 
weit ausgebfldete Eier und Embryonen, in wekhen aUe Ei- 
iheile mit der kreisförmigen Placenta, mit Nabelblase, Allan- 
tois und Amnion, sowie die Embryonen mit allen wesent- 
lichen Organen angelegt, und, den analogen Stadien vom 
Hunde nach zu urtheilen, 24 — 28 Tage alt waren. So ein 
Uterus von dem Herrn Beyierfärster zu Hafolding am 
7. März, dessen Embryonen schon 18 Mm. gross waren. 
Desgleicho) am 10. März einen Uterus dureh Herrn Stud» 



54 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 13. Juni 1863, 

Med. Metsch fibersendet von dessen Vater, in welchem die Em- 
bryonen ebenso gross waren, bei dem sich aber ein zweites Beispiel 
der Wanderung der Eier aas einem Uterushom in das andere 
fand. Denn während sich in jedem Uterushorn drei Eier 
befanden, enthielt der rechte Ei^^tock nur zwei, der linke 
vier Corpora lutea. 

Nachdem noch mehrere ähnliche Präparate eingelaofeir 
waren, erhielt ich zuletzt von Herrn Notar r. Sonnenberg 
in Moosbui^ am 17. März noch ein^ Uterus, dessen Em«- 
bryonen Qchon 20 Mm. gross waren. Alle Eitheile waren 
schon in gleicher Weise wie bis zum Ende der Träcfati^eit 
ausgebildet, und da sie in allen Stüdcen mit denen bei dem 
Hunde hinlänglich bekannten übereinstimmten, so halte idi 
eine weitere Angabe über dieselben für überflüssig. 

Aus dem Mitgetheilten ergeben sich folgende Resultate- 

1) Die Ranz- (Brunst*) Zeit des Fuchses fitUt bei uns 
in einem milden Winter wie heuer, in den Monat Februar 
und zwar vorzugsweise in die Mitte desselben. Der Aufent- 
haltsort, Gebirge oder Ebene, das Alter, wahrscheinlich auch 
Ernährungszustand, haben, wie auch sonst, auf diese Zeit 
einen Einfluss. 

2) Der Entwicklungsgang des Eies zeigt die grösste 
Uebereinstimmung mit dem des Hundes, ist ein stetig ohne 
Unterbrechung foi*tschreitender, so zwar, dass das Ei wahr- 
scheinlich nach seiner Reifung und dem Austritt aus dem 
Eierstock, und ohnzweifelhaft gleichzeitiger Befruchtung, zu 
seinem Duichgang durch den Eileiter acht Tage bedarf. 
In dem Uterus entwickdt es sich alsdann rasch weiter, so- 
dass es am 20. — 21. Tage schon so gross ist, um leichte 
Anschwellungen an dem Uteins hervorzubringen. Jetzt tritt 
auch die erste Spur des Embryo auf, und dieser, so wie 
das ganze Ei entwickeln sich nun so rasdi, dass innerhalb 
weniger Tage alle Eitheile, so wie alle Organe des Embryo 
an ihrer wesentlichen Form angelegt sind und sich bis zur 



Bisehcff: DU BanMßeü des Fmefmes. 55 

Reife des letzteren nur noch vergröesem. Die Geburt erfolgt 
bekanntlich nkch 9 Wochen. 



Ich hatte auch um Zusendung der Tragsäcke von Fisch» 
Ottern gebeten, um eine Eigenthümlichkeit an deren Eiern 
weiter zu untersuchen, die ich zuerst vor drei Jahren, am 
13. April, an einem mir von Herrn Dr. v. Dessauer aus 
Eochel gesendeten Exemplare beobachtete. Allein hier war 
ich nicht so glücklich. Ich erhielt nur zwei Exemplare, eines 
aus Gauting und ein zweites durch die Güte des k. Land» 
richters Herrn Glas zu Memmingen. Bei dem ersten schien 
allerdings die Brunstzeit sehr nahe zu sein. Die Genitalien 
waren stark entwickelt und an den Eierstöcken mebrere 
Graafische- Bläschen bedeutend angeschwollen und die Eier 
der Reife nah. Die Genitalien und Eierstöcke des zweiten, 
am 1. März gefangenen Thieres, waren dagegen ganz unent- 
wickelt. Vielleicht bringt das nächste Jahr reichlichere 
Früchte; doch hat mich die Nachricht überrascht, dass man 
im k. Zwirkgewölbe schon um Weihnachten zoUgrosse 
Embryonen bei einer Fischotter gesehen haben will. 



Derselbe machte eine Mittheilung 

,,üeber die Präparations-Methode des hau» 
tigen Labyrinthes des Gehörorganes durch 
Dr. Voltolini in Breslau, unter Vorlegung 
von Präparaten über dasselbe von Dr. Rü- 
dinger". 

Die ganz ausserordentlichen Fortschritte, welche die 
Ophthalmologie in den neuem Zeiten gemacht hat, verdankt 
man unstreitig vorzugsweise zwei Umstanden: Erstens der 
genauen anatomischen Untersuchung des Auges, namentlich 
der Netzhaut und der contractilen Gebilde des Bulbus; und 



56 Sitzung der math.-pkya. Qasse loom, 13. Juni 1$63» 

zweitens der Anwendung physikalischer Hülfsmittel zur Er« 
forschung der inneren Zustände des lebenden Auges. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass auf der eifrigen 
Verfolgung dieser beiden Forschungswege auch die Hoffiiung 
beruht, in die Geheimnisse tiefer einzudringen, welche das 
Gehörorgan bis jetzt noch sowohl in physiologisch als 
pathologischer Hinsicht umhüllen. Es ist hi^ namentlich der 
eigentlich empfindende Apparat, das sogen. Labyrinth, der 
Yorhof mit den halbdrkelförmigen Kanälen und die Schnecke^ 
die Träger der Ausbreitung des Hömerven und endlich dieser 
selbst, welche trotz bedeutender Entdeckungen in der neueren 
Zeit, zunächst von anatomischer Seite noch genauer bekannt wer- 
den müssen, wenn eine weitere Einsicht möglich werden soll» 

Aber hier stehen bekanntlich die grössten Scbwierigkeiteii 
entgegen. Das häutige Labyrinth, eines der allerzartesten Ger- 
bilde des thierischen und menschlichen Körpers, liegt bei den 
meisten Thieren und dem Menschen eingebettet in den här- 
testen, festesten und sprödesten Knochen. Alle Bemühungen, 
dasselbe aus dieser Umhüllung unverletzt herauszufordern^ 
sind bis jetzt fast immer gescheitert; man kennt dieses Ge> 
bilde genauer nur von niederen Thieren, Fischen, Amphibien 
und allenfalls Vögeln, wo es weniger unzugänglich ist, 
oder in nidit so harte Knochenmasse eingeschlossen ist; 
bei höheren Thieren und dem Menschen gelang es bis jetzt, 
immer nur Fragmente zur Anschauung zu bringen, und ich 
muss mit Professor Hyrtl sagen: ich sah noch nie und in 
keiner Sammlung ein ganzes und wohlerhaltenes häutiges 
L abyrinth. 

Ich halte es desshalb für ein grosses und lebhaft anzu- 
erkennendes Verdienst, dass Herr Dr. Voltolini, Privatdocent 
in Breslau, durch grossen und ausdauernden Fleiss uni 
Eifer, durch ein vorzügliches mechanisches Geschick, eine 
Methode der Darstellung und Herausbeförderung des häutigen 
Labyrinthes aus dem Knochen att%efunden hat, durch welche 



Bi0ch0ff: Das MmHfe Ltayrinih des ChMrorganes, 57 



«8 nicht nur ihm möglich geworden ist, ausgezeichneto 
parate darzustellen, solidem er aach Anderen den Weg hiesn 
gebahnt hat. 

Es ist nicht wohl möglich und würde zu weit fähren, 
der Glasse die Praparationsmethode des Herrn Dr. Vottolini 
genauer zu schildern. Ich begnüge mich daraof hinzuweisen, 
dass das Geheimniss ausser einer geschickten Hand, Geduld, 
Vorsicht und genauer Localkenntniss , vorzüglich in der 
Beobachtung der Reihenfolge des Angriffes der Eröffiiungi 
filosslegung und Heransbeförderung der einzelnen Theile des 
Labyrinthes hegt, ohne welche Zerreissungen und Verletzungen, 
welche die Uebersicht und Einsicht gänzlich stören, ohn* 
möglich sind. H«t Dr. Voltolini stellt, wie er sagt, nach 
seiner Methode in 4 — ö Stunden das häutige Labjrrinth, 
d. h. die Voi'faofiHUskdieii, mit den halbcirkelförmigeo Kanälen 
dar, wodurch die Möglichkeit zu deren Untersuchung auch in 
pathologischen Fällen groben ist. 

Auf mein Ansuchen hat Herr Dr. Voltolini eines sein«: 
Präparate an unsere anatomische San^^lung abgelassen, 
welches ich der ülasse hiemit Yorzul^;en mir erlaube. Das- 
selbe ist in destillirtem Wasser aufbewahrt und zur mikro- 
skopischen Untersuchong zwischen zwei Gläser platt gedrückt. 
Dr. Voltolini glaubt, dass sich das Präparat in diesem Zu* 
Stande der Aufbewahrung erhalten werde. Die halbcirkel- 
formigen Kanäle und ihre Einmündung in den Sacculus^he- 
misphaericas mit den Ampullen sind durchaus unverletzt; 
der Sadbulns selbst nicht, was auch zu den Ohnmöglichkeiten 
gehören dürfte. Die mikroskopische Untersuchung liefert in- 
dessen kein wesentliches Resultat mehr. Pas reine Wasser 
wirkt zu zerst<»rend auf die zarten hier zu beobachtenden 
Elemente. Die Nerven« Ausbreitung und Endigong ist undeut* 
lieh geworden und selbst die Otolithen haben sich nicht 
erhalte. 

Ich bin erfreut, der Glasse den Beweis vorlegen zu 



56 SiUung der math,'phys. Clasie vom 13, Juni 1663. 

könneD, dass Herr Dr. Voltolini hier in dem Herr Adjimcten 
and Prosector Dr. Büdinger einen sehr gelehpgen und glüdi^ 
lidien Nachfolger gefunden hat. Derselbe ist bereits seit 
längerer Zeit mit neuen Untersuchungen über das Gehör- 
organ beschäftigt, and hat sogleich nach Bekanntwerden der 
Methode des Hr. Dr. Voltolini auch die Darstellung des häutigeii 
Labyrinths in Angriff genommen. Diese Bemühungen sind 
äusserst gläcklich gelungen, wie die hia* vorliegenden Prä- 
parate der Classe beweisen werden. Diese Präparate sind 
nicht zur mikroskopischen Untersuchung bei starken Ver*- 
grosserungen bestimmt. Sie sind in Terdünnten Weingast 
eingelegt und so aufbewahrt^ dass sie die morphologisohec 
Verhältnisse des Labyrinths selbst für schwächere Vergrösse* 
jungen, bx vollster Wahrheit und Schönheit zur Anschauung 
brmgen. Alle Tbeile. sind vollkommen unvarletet^ äusserst 
rein und sauber herauspräparirt, und geben, besonders auch 
die mit Carminlösung imbibirten Präparate, einen sehr schönen 
Anblick. Es ist Herrn Dr. Büdinger auch bereits geglückt, 
jnehrere noch zi|pifelhafte Punkte in der Anordnung dea 
Labyrinths mit Sich^heit festzustellen. Herr Dr. Voltolini 
hat die Gegenwart eines Sacculus hemisphaericus, da: bisher 
allgemein angenommen wurde, in Abrede gestellt. HerrDn 
Büdinger hält dieselbe unbedingt aulrecht und glaubt sich 
überzeugt zu haben, dass dieses Säckchen mit der häutigen 
Auskleidung der Scala Vestibuli der Schnecke zusammen* 
hängt und gewissermaassen den blinden in dem Vorhof ge- 
legenen Anfang des Schneckenkanales bildet, in ähnlicher 
Weise wie das elliptische Säckeben den blinden Anfang der 
halbcirkelförmigen Kanäle darstellt. Herr Dr. Voltolini hat 
diesen Zusammenhang der Schnecke, und zw^ wie er sich 
ausdrückt, da* Lamina spiralis, mit dem Vorhofe ebenfalls 
erkannt, allein derselbe wurde ihm nicht klar, eben wal ihm 
das runde Säckchen entgieng. Dasselbe reisst nämlich jedes*^ 
mal bei der Eröfihung der oberen Wand, des Yorhbfes, wo 



BtM: Das FüwrsUff'ExBudat. 59 

68 aasserord^itlich zart und fein ist, ein, and wenn man nun 
nidit die Vorsicht gebraucht, seine Ueberreste Torsichtig mit 
«iner Nadel ans dem Becessas hemisphaeiioos zu lösen, ehe 
man das elh'ptiscfae Säc^hen in Angriff nimmt, so wird es 
bei der Heransnahme des letzteren ganz mid unerkennbar 
zerstört. Indem Herr Dr. Rüdinger femer auch ganz voll«* 
kommen injicirte Labyrinthe darstellte, ist es ihm geglückt 
das Verhalten der Gefösse an den halbdricelförmigen Kanälen 
zu beobachten. Ich lege der Classe auch ein solches in 
Canadabdsam aufbewahrtes Präparat vor. 

Auch die Schnecke aus ihrer knöchernen Hülle fast 
ganz uDTerletfit herauszulösen ist Herrn Dr. Rüdinger ge^ 
langen, wie mehrere hier yorliegende Präparate zeigen. 

Es ist hiena^h zu hoffen, dass der von Herrn Dr. Voltolini 
so verdienstvoll eröffnete Weg noch zu recht vielen interessan- 
t^i Entdeckungen über das ganze häutige Labyrinth ftihren, 
und namentlich auch zur Aufklärung des noch so dunklen Ge- 
bietes der Krankheiten desselben leiten wird, sobald sidi 
nur die Anatomen und Ohren- Aerzte die nöthigen Kamtnisse 
und Qesclncklichkeit hiezu aneignen werden. 



Herr Buhl hielt einen Vortrag : 

„lieber das Faserstoff-Exsudat'' 
und begleitete denselben mit Vorzeigung von Abbildungen. 

Mit einer Tafel. 

Seit man das Fibrm im Blut als einen besonderen 
Stoff k^mt (Gättbius; Malpighi's Fibra, Senac's Lympha 
coagulabilis) , und die Ansicht gewann, dass er sich im 
Liquor sanguinis gelöst befinde (J. Müller, Phys. 1834, Bd. L 
p. 120), hat man die sogenannten Pseudomembranen, welche 
insbesondere auf serösen und Schleimhäuten im Gefolge 
von Entzündung beobachtet werden, mit dem Blutfaserstoffi^ 
identificirt und es galt als einer der gesichertsten Sätze in 



60 Sitzung der math.'phy$. dorne wm 1$. Juni 1863, 

der pathologischen Anatosde, dass zum Unterschiede von dem 
normalen Emährongsmateriale und mm Unterschiede von 
den hydropisdien Transsudaten bei der Entzündung der 
Liquor sanguinis, also nicht nur das Blutserum, sondern auch 
der darin gelöste Faserstoff durch die Gefässwand hindurdi 
und auf die Oberflädien der genannten Häute henrortrete und 
daselbst gerinne. 

Dass die chemische Untarsuchung des Exsudatfaserstoffes 
einen grösseren Beichthum an Wasser, Fett, Phosphor- und 
Kalisalzen, als die des Blutfaserstoffes nachwies, beirrte 
wenig ; ebensowenig , dass der erstere viel schwerer in Sal- 
petersäure sich löste als der letztere. Diese Verschiedenheit 
ward höchstens auf eine endosmotische Leistung der Mem«^ 
brauen und Gewebe bezogen, welche der Liquor sanguinis 
bis zu seinem Erscheinen auf der Oberfläche passirte. 

Auf die Spitze getrieboi ward die Lehre von dem 
Exsudate und dessen^bhängigkeit vom Blute in der Wiener 
Schule, welche nicht nur behauptete, dass zur Production 
von viel Faserstoffexsudat auch ein Ueb^reichthum, eine Z«k 
nähme des Blutfaserstoffs nothwendig sei, sondern auch, dass 
es verschiedene Qualitäten von Faserstoffexsudat gebe, welche 
auch verschiedene Qualitäten oder im Gegensatze zu einer 
imaginären Normalqualität auch verschiedene Erkrankungen 
im Blutfaserstoffe voraussetzen. Diese Grasenlehre, so viel 
Wahres sie auch in gewissen Beziehungen enthalten möge, 
verdarb doch auf viele Jahre hinaus jede gesunde objektive Beur- 
theilung und gerade die fibrinöse Grase hatte unter all^n die 
längste Lebensdauer. Aber auch sie sdieint heutzutage 
überwunden zu sein. Nur Wenige zweifeln mehr daran, dass 
die vermehrte Faserstoffmenge im Blute anstatt Ursache viel- 
mehr Folgeerscheinung der Vorgänge ist, aus denen auch 
die örtliche Faserstoffexsudation entspringt und Jeder be^ 
k^nt, dass Niemand noch im Stande war, die vermeintlichen 
präformirten Faserstoffqualitäten im Blute nachzuweisen. 



BM: DoB Fa$erit$ir''JSx$udat. 61 

Der Faserstoff, zumal der ExsudiEfcCasentoff, spielte aber 
noch in anderer Bedehnng eine bedeatnngSFoUe Rolle. Mit 
dem An&chwunge der Zellenlehre war er es, dem man die 
eminenteste Organisationsfahij^eit zuschrieb, ja man hielt 
ihn för das alleinige Blastem, aus weldiem alle Körper* 
gewebe, namentlich aber das Bindegewebe, sich zu entwickefai 
im Stande wären. Die Umwandlung des Ausdruckes „fibri* 
nöses Exsudat" in „plastisches Exsudat" bezeichnete diesen 
Standpunkt. Dieser ebenfalls für unantastbar gehaltenen 
Meinung trat zuerst Reinhardt ^) gegenüber und sudhte zu 
beweisen, dass im exsudirten Fibrin keine Spur von Neu* 
bildung bemerid; werden könne, sondern dass vielmehr der 
Faserstoff den von anderer Seite )ier andrängenden Neu- 
bildungen durch Resorption weiche. Auch Rokitansky') 
unterschied den zweiten Bestandtheil seines Exsudates, die 
auswachsende Membran sorgfilltig von dem eigentlichen 
Exsudate. 

Allein sowohl Reinhardt's, als Rokitansky's Anschauung 
£änd wenig Anarkennung, denn man hatte sich zu sehr an den 
organisirbaren ExsudatfEtserstoff gewöhnt und den berührten 
zweiten Theil des Rokitansky'schen Exsudates konnte man 
sich nicht mehr als ursprünglidies Entzündungsprodukt 
denken. So stand die Sache, als Virchow*) sie reforma«» 
torisch geradezu umkehrte und die Behauptung aufstellte, 
der Exsudatfaserstoff stamme überhaupt gar nicht aus dem 
Blute, denn nodi Niemand sei im Stande gewesen ein Durch* 
treten von fibrinösem Stoff aus dem Blute künstlich durch 
anfache Steigerung des Seitendruckes im Gefilsssysteme her- 
vorzubringen ; bei einer gewissen Höhe des Seitendrnckes 



(1) B. Reinhardts path. auat. Untersuchungen herausgegeben von 
Leubuscher 1852. p. 42 — 44. 

(2) Lehrb. der path. Anat. 1855. I. p. 135. 141. 

(3) Ges. Abhandl. p. 135. 



62 Sitzung der math.-phifs. Glosse vom 13. Juni 1863, 

transsndire wässrige Flüssigkeit und bei einer weiteren Stei- 
gerung des Dmckes erfolgen Gtefässzerrmssungen nnd Blutong» 
Der Faserstoff w^de Tielmehr in dea Theilen erzeugt, auf 
denen er sich findet. Er sei ein Umsetzungsprodukt lym- 
phatischer Gewebe und gelange von hier aus sowohl in die 
Exsudate als in die Lymf^ und in das filut , so dass die 
fibrinöse Grase so gut Entzündungsprodokt sei, als das 
Exsudat., 

Nach alle dem muss zugestanden werden, dass eine 
Klarheit und Einstimmigkeit über diesen wichtigsten Punkt 
des Entzündungsprocesses nicht existirt und dass es vorder 
Hand wohl Jedem überlassen bleibt , sich je nach den per- 
sönlichen Neigungen der einen oder anderen Meinung anzu- 
schliessen* Es lag aber darin ein hinreichender Reiz, der 
Sache etwas nachzugelien, von meinem, dem anatomisch'^ 
histologischen Standpunkte aus das Faserstoffexsudat näher 
zu untersuchen, in der Hoffnung die Eenntniss desselben 
etwas weiter zu führen. In wie weit ich von den bisher 
aufgetretenen Ansichten abweiche, wird sich im Verlaufe er* 
geben. 

Die pathologische Anatomie verstand bisher unter 
einer Pseudomembran, unter Exsudatfaserstoff die 
blasse, milchweisse oder gelbweisse oder gelbröth- 
liche, bald durchscheinende, bald undurchsichtige 
baldcohaerentere, elastische, bald brüchigere, selbst 
weichzerreibliche Substanz, welche man auf einer 
normalen Membran lamellös, in einfacher oder 
mehrfacher Schichtung, mit zottiger oder netzartig 
erhabener Oberfläche aufgetragen findet, sich von 
jener durch die genannte Farbe und Gonsistenz ge- 
wöhnlich scharf abgrenzt und mehr oder weniger 
mit Leichtigkeit abziehen oder abschaben lässt. 

Um die Beschaffenheit der Pseudomembranen genauer 
zu ermitteln und verständlicher darzustellen , scheint es mir 



BuM : Bas Foien^- Exsudat O 

Böthigy sie an d^i zwei bevorzugten Fundorten, an einer 
Schleimfaaat und an einer serösen Haut vorerst einer geson- 
derten Prüfung zu unterwerfen. 

A. Pseudomembran von einer Schleimhaut. 

Die Schleimhäute, an wdchen pseudomembranöse Bit* 
düngen am häufigsten beobachtet werden, befinden sich im 
Ba*eiche des Bespirationsapparates. Die folgenden Angaben 
bedehen sich daher voi*zugsweise auf Larynx und 
Bronchien. 

Wenn man die Iiautähnliche Faserstofiiauflagerung von 
der Kehlkopfschleimhaut oder den cylindrischen Pfropf, der 
einen Bronchus ausfüllt, abhebt, so kann man sich der ge- 
wöhnlichen Meinung gegenüber vor Allem auf das Bestimm- 
teste davon übei'zeugen, dass das Flimmerepithel mehr 
oder weniger intakt auf der Schleimhaut, also unter 
der Pseudomembran liegt. 

Daraus geht der wichtige Schluss hervor, dass das 
Epithel nicht durch eine vordrängende faserstoffhaltige Flüs- 
sigkeit, wie etwa die Epidermis bei einer Vesikatorblase, 
von seinem Nährboden abgelöst wird, sondern dass die 
Substanz, welche die Pseudomembran und den Pfropf bildet, 
um über das Epithel zu gelangen, durch die Zellen hindurch 
gewandert sein musste. Es wäre selbst nicht passend, Wege 
anzunehmen, welche zwischen den Zelloi gebahnt worden 
wären, da diess ohne Trennung von Zellengruppen von ein- 
ander oder von der Schleimhaut kaum denkbar wäre. Ist 
es nun femer auch schwer, sich vorzustellen, dass der Liquor 
sanguinis durch die Gefässwand, die sie bedecAsende Schichte 
von Schleimhautgewebe und ^dlich das Epithel selbst passirt, 
ohne dass er irgend eine Aenderung erfährt, so ist auch 
schon zugestanden, dass die haut- oder pfropfähnlidie Faser- 
stoffinasse das Produkt einer abnormen End- und Exosmose 
sei, die ihrerseits sicherlich nicht bloss in quantitativen Ver- 



%4f Sitzung der maih.-ph^. Clasie wm 13. Juni 1663. 

fr 

Insten des oder jenes Bestandtheiles in Folge der physika» 
liscben Eigenschaften der darefadrungenen Membranen oder 
in gesteigerten Druckverbältnissen des Blutes , sondern ia 
veränderten, nicht scharf (physikalisch) definirbaren, soge- 
nannten vitalen Thätigkeiten der benannten Gewebe, insbe- 
sondere des Epithels begründet sein dürfte. 

Je nach der Zeitdauer des Prozesses bieten sich sowohl 
in der Pseudomembran , als auch in dem Epithele and der 
betreffenden Sehleimhaut einzelne Verschiedenheiten dar. 

In der ersten Zeit ihrer Bildung klebt die Pseudo- 
membran ziemlich innig auf dem Epithel an, stellt mit dem 
letzteren gewissermaassen ein Ganzes dar ; sie ist gallertartig 
durchscheinend, blassgelb, zäh, der Länge nach spaltbar und 
besteht aus einer mehr faserig geronnenen Substanz, in 
welcher eine massige Zahl von kugeligen Körpern eingebettet 
ist, die durch ihre Grösse, Gestalt, die Beschaffenheit de& 
oder der Kerne sich als Eiterkörper zu erkennen geben. 

Später löst sich die Pseudomembran immer leichter vom 
Epithel ab ; sie wird nämlich im Verlaufe trüber, gelblicher, 
verliert ihre Gerinnungsfasem immer mehr^ gewinnt eine 
feinkörnige Beschaffenheit und wird ihr entsprechend brüchi- 
ger, mürber. 

Die Eiterkörper nehmen zu und zwar in einem solches 
Grade, dass sie dicht neben einander zu liegen kommen, was 
natürlich nur ermöglicht wird durch die gleichzeitige Abnahme 
der geronpenen Zwischensubstanz. Wie di^ Zwischensubstam^ 
so werden auch die Eiterkörper kömger, leichter zerstörbar. 

Daraus geht hervor, dass die Pseudomanbran unbe- 
stimmt geschlichtet ist, dass die zunächst dem Epithel ge* 
legenen Schichten bei Weitem reicher an £iterkörp#m sind. 
Noch eine Stufe weiter, so würde die Pseudomembran «ine 
dickliche, aus weichen Flocken bestehende Eitermaste dar'- 
stellen, die in den Luftwegen wohl seltener zur Beobachtung 



Buta: Iku Fü$er8te(F'Bmidai. 65 



kömmt, da sie meist noch vor der Zeit in finiehstiicken oder 
ia Zusammenhaog ausgehustet wird. 

So köiiate man also sagen, die AblöAarkieit der Psendo« 
membran in der spatem Zeit wird dadaroh bewerintdligt, 
dass sich zwischen sie ond das Epithel geRnsBermaassen 
flüssiger Eiter einschiebt, der aber nichts anderes ist, ab die 
unterste Schidite der Pseodomembran. 

Auch das Epithel onter der Pseadomembran feht Ver* 
ändemngen em. 

Man beobachtet sowohl Wodierongs* als Degenentions* 
erscheinangien. 

Was die ersteren betnfEt, so gewahrt »an Zellen mit 
unvollendeter nnd volleodeter Kemtheilnng ond zwar weniger 
in d^i ansgebüdeten Fltnunerzellen, als in den jüngeren dar- 
unter liegenden Formen. 

Ausser dieser Kemwucheruag ist mir aber in Folge mehr* 
facher eigener und fremder Bestätigung gegenwärtig zur Gewiss» 
heit geworden, dass anch eine endogene freie Zellenbildung statt- 
hat, welche nnzweifelhait in den ausgebildeten Ffimmeczellen 
datzuthun i^ während ihr Verkommen in den darunter befind- 
lichen jüngeren Zellenlagen mötl nicht abgeleugnet werden Innn, 
aber wegen der grossen Schwierigkeit, die sich der Untersuchung 
entg^ensetzt, nicht mit gleicher Sicherheit nachweisen laset, 
und endlich dass die auf diese Wdse gebildeten Zellen Eiter^ 
körper sind. Die Masse der Eitei&örper steht auch im um- 
gekehrten VerhältBisse zu den Xen^roliferationen. Am dem 
Angegeben» geht hervor, dae& die Eätericörper, welche in 
der Pseudomembran gefunden werden, ihren Bildungsherd 
im Inhalte der Epithelzellen habai^ und dass sie von den 
Idzteren auf irgend eine Weise entlassen werden. 

Bindfleisch machte^) die Bemerkung, dass ihm ausser 
Kemtheilungen in den Epithelien und ausser den Zellen, 



(4) Virehow'8 Arch. 1861. 21. Bd. p. 486. 

[X863. n. 1.] 



66 Sitzung der maiih.'phya. Cla89e wm 13. Juni 1863. 

welche die Bildung der Eiterirörper auf dieselbe endogene 
Weise darthun, wie ich sie zuerst beschrieb, auch Zellen 
Yorkamen, welche lebhaft an die von Virchow beschriebenen 
Brutraumzetten erinnerten. Er erklarte sie für Mutt^rzellen^ 
aus welchen die Eiterkörper mit Zurucklassung anes ihr^ 
Grösse entsprechenden Hohbaumes ausgeschlüpft .waren. 

Ich kann diese seine Beobachtung nicht nur bestätigen, 
sondern auch erweitem. In Fig. 1 habe ich eine Abbildung 
zu geben versucht, welche die Gestalt der Flimmerzellen 
mit Ausnahme der Flimmerhaare noch vollständig erkennen 
lässt, obwohl sie durch den Vorgang in ihrem Innern ver«* 
grössert, feinkörnig und äusserst weich und zerstörbar sind. 
Sie enthalten 2 — 5 eiterkörpei^osse, physalidenahnliche kreis* 
runde Lücken, deren oberste, d. h. die zunächst clem Flim* 
mersaume liegende, geöfihet erscheinen. Kann man sich vcm 
endogener Zellenbildung wohl nur überzeugen, wenn man 
bestimmt geformte Zellen vor sich hat, so muss auch der 
Beweis, dafür, dass die Eiterkörper endlich freigelassen wer* 
den, nur an ebensolchen Zelleu zu liefern sein. Das Auf* 
brechen geschieht, wie es den Anschein hat, durch eine Art 
schleimiger Metamorphose der Zelle. 

Man sieht jedoch audi unbestimmbare Zellen mit einem 
einzigen Physalid^uraume. Es ist möglich, dass in ihm 
vorerst ein Eiterkörperchen gelten war; allem im Zusam* 
menhalte damit, dass solche Physaliphoren auch vorkommen, 
wo von Eiterkörpem oder endogener Zellenbildung überhaupt 
keine Rede ist, sondern wo die in dem Physalidenraume 
befindliche Substanz offenbar eia Umwandlnngsprodukt ist, 
das sich gewöhnlich schon auf den ersten Blick durch seine 
stark lichtbrechende Eigenschaft auszeichnet, Inüssen wir 
zugäben, dass sie auch hier nur eine Degeneration und 
zwar eine schleimige oder gallertartige Degeneration be- 
deuten, unter deren Einfluss die Zelle selbst zu Grunde geht. 
Die erzeugte Substanz wird dann frei und conflnirt za 



Slompen oder Schollen, an wichen imnohmal noch die 
Kerne der vamichteten Zellen hängen geblieben smd. 

Diese Zdlen lassen keine Trennung von normaleii Seere- 
tionszellen eu , in der» Inhalt das oder jenes speoifische 
Secret eizengt wird und die nnter ihrer Thätigkeit an^e- 
löst weifden; sie sind anf Scbleimhäaten sicherlich nur Ab« 
sxtm der schleimbildenden Epitheteellen. 

Noch mehr, mi^n kann die Beobachtung machen, wie 
.isicb dem Schleime auf Schleimhäuten ein Stoff beimengt, 
der freiwillig gerinnt, d. h. Faserstoff. In diesem Falle wird 
man eine Aenderung in der Thätigkeit der EinthebeUen an- 
nehmen müssen und diese liegt wirklich nicht nur in der 
Proliferation ihrer Kerne offenkundig vor, sondern yorsugs« 
wdse axißk dann, wo nebenbei freie, endogene Erseugung 
von Eiterkörpern zu sehen ist. 

So wird aus dem Gatarrhe, d. h. ans dem krankhaften 
Processe in der Schleimhaut, bei welchem eine yermehrte 
Erzeugung von Schleim und Schleimkörpem statthat, ein 
sogenannter Croup, d. h. ein Process, bei wdchem in 
Polge von Aenderung der Thätigkeit in den Epithelien anstatt 
Schkim Faserstoff und anstatt der Schleimkörper Eiterkörper 
erzeugt werden. 

Schleimkörper und Eiterkörper stehen sich genetisch 
sicherlich ebenso nahe, als Schleim und Faserstoff und 
iässt sich der Unterschied jener PrimitivkÖrperchen eines- 
theils dadurch festsetzen, dass die Zwischensubstanz in dem 
einen Falle Schleim, in dem anderen ein geronnener, kömi- 
ger, tniber Stoff ist, dass die Schleimkörper häufiger nur 
«inen Kern, die Eiterkörper häufiger 2—3 — 4 Kerne nach. 
Anwendung der Essigsäure nachweisen lassen. 

Virchow hat') die Analogie bereits hervorgehoben» 
welche zwisehen Schleim und Faserstoff besteht und dea 



(5) Gesamm. AbhandL p. 135. 



m Sitzung der nuM.-phye. Classe vom 13. Juni 1663, 

FiUBer^toff so gut wie den Sohldaei, ein Absdodenrngsprodakt 
genannt. Die mit EaserstoftexBadak verbnfidene Form voa 
fi&tzfkMhiBg nenoBit VsühoW desshaifo „Becretorisebe Ent- 
sündwog^' im G^enBatz «ir parenchymatösen, bd weloher 
die Sabstax» in das Parenchym der Organe iüffllairt Bei. 
GefwisB ist aaoh, dass beide Stoffe, ßoUeim nnd FaBtt*stoff 
wirklich in einander Übergehen, «daiBS 4er Groitp mit Catatrh 
anfängt ottd mit Catasrh endigt. . Der Faserstoff ist ihm 
jediodi, "^e ich schon Eingangs berührte, ein Umwand«- 
hmgeprodttkt nidit von DrtEsen- oder Epith^kellen , son* 
dem von lymiphatischen Geweben, insbesondere des Binde- 
gewebes. Gaius dasselbe gilt ihm tmch für den Schleim. 
CHmfd diese Amiahme zu verwerfen, will ich nnr behaupten,. 
dM6 Faserstoff oder ein fibrinähnlicher Stoff, dienso gu£ 
wie der Schleim, ein Erzeugniss der EpitheLseUen sein könne 
«od zWMr iin ^der Weise, dass d^ Epitiielien etn^ die letzte 
Frocedm: bei der Umwandlung zufällt, indem sie von dem 
BiBd^ewebe, welches sie bedecken, bereits einen schleim^ 
oder fibrinahnUchen Stoff empfangen. 

Meine Ansicht ist also folgende: 

Die Epithelien bilden unter gleichzeitiger Pro- 
liferation (Kemtheilung und endogene Bildung von Eiter* 
körpem) in ihrem Zelleninhalte eine dem Faserstoff 
ähnliche Secretionssubstanz und scheiden sie sammt 
den in ihnen erzeugt^en Eiterkörpern nach aussen ab. 

Die Croupmemhran , der Crouppfropf ist ein solches» 
Produkt dßc Epithelien. 

Daraus geht aber auch hervor, dass man Unrecht hat, 
wenn man die Pseudomembran mit dem Blutfietserstoff iden^ 
tifioirt; der Gehalt an Schleim- oder Eiterkörpem verbietet 
emen formlosen Stoff iü ihr zu sehen; der Uebergang in 
in Schleim, noch mehr aber die Veränderung der gallertigen 
JMiassen in gefaserte nnd dieser in kömige berechtigt nicht 



2ur Annahme einer bestimmten, mit dem Blntfagerstaffe zu 
yei^leich^nden (^miscbea Znaammensetsang. 

Neben der beschriebenen gsHertartigen ist auch die 
fi^tige D^^eration in den EpithelzeUen miter der Psendo« 
membran ziemlich vertreten. 

Aehnliehe Vorgänge, wie auf den Schleimhäuten, lassen 
«ich auch auf serösen Häuten beobachten; gewisse 
Pseudomembranen geben sich auch hier als secretorisches 
Dmwandlungsprodukt der Epithelien zu erkennen, das bald 
dem Schleime sich nähert, bald freiwillig gerinnt, über 
wuchernden Epithelzellen gelagert und von ihnen abziehbar 
ist. Die Epithelwucherung wird besonders auffallend, indem 
die serösen Häute im normalen Zustande nur mit einer 
einzigen Schichte platter Zellen betäfelt sind und nun durch 
vielfache UebereinandersChichtung eine bedeutende Dicke des 
Epithellagers entsteht. Unter diesen Zellen finden sich *) 
weldie mit beginnender Kemtheilung, mit 2-— 8 Kernen, und 
sind sie je nach der Zahl ihrer Kerne oft colossal ange* 
wachsen, ihre Kerne zugleich vergrössert. 

Neben diesen Wucherungserscheinungen sieht man femer 
auch Degenerationen ^) und nicht nur die mehr oder weniger 
reichliche Füllung der Zellen mit Fettkömchen, häufig mit 
röthlich gelben oder braunen Pigmentkömem als Zeichen 
stattgehabter Blutungen oder Blutstauungen, sondern auch 
die Physaliden fehlen nicht und kömmt den letzteren hier 
sicher nur die degenerative Bedeutung zu, nämlich dass in 
ihnen Schleim, Gallerte oder ein fibrinähnlicher Stoff gebil* 
det werde, da die endogene Bildung von Schleim- oder Eiter- 
körpern in den Epithelien auf serösen Häuten sehr selten 
zu sein scheint. 



(6) Fig. 2. 

(7) Fig. 3. 



70 Siteung der math^-phys. (Msh wm IS. Juni 16S3. 

EiB lässt sich somit, wie für die SchleimhäQte, so auch 
für die serösen Häute der genetisch -analoge und bestimmte 
Typus von Pseudomembranen annehiD«i und möchte ich, 
ihnen daher den Namen »epithelialer Faserstoff« 
beilegen. 

Die Beschreibung und Abbildung von Cohnheim, wie er 
sie Ton entzündeten serösen Membranen vom ersten Tage 
gibt, ^) stimmt mit dem oben angegeben^i Befunde überein» 
Derselbe schaut auch die mehrfache Schichtung des Epithel» 
gesehen zu haben, denn sie ist in der berührten Abbildung 
beiläufig wiedergegeben; gleichwohl spricht er nicht von 
einer Kemvermehrung und hebt er nur die Vergrösserung 
und fettige Degeneration der Zellen hervor. 

Auch Rindfleisch hat ^) sehr sorgfaltige Beobachtungen 
über künstlich erzeugte Peritonitis bei Kaninchen mitgetheilt, 
wo er nadi Ablauf eines Tages die Epithelzellen abgerundet, 
vergrössert, ihvea Inhalt getrübt und die schönsten Kern- 
theilungen darin sah. Die Mosaik der Epithelmembran hörte 
auf diese Weise ganz auf und gieng continuirlich in die „ent- 
zündliche Verklebungsmasse'^ über. 

Während ich diess, wie aus obigen Deduktionen ersicht- 
lich ist, unterschreibe, kann ich mich nur nicht damit ein* 
verstanden erklären, dass er aus den Epithelzellen durch 
Metamorphose Lymphkörper werden lässt. Zellen, welche 
6 — 8 und mehr Kerne enthalten, geben durch diese Kem- 
proliferation ihren ursprünglichen Charakter noch nicht auf, 
sie bleiben Epithelzellen. 

Ganz so wie auf den serösen Häuten, kann man gleich* 
artige Veränderungen auch auf dem Endocard beobach* 
ten. Im Augenblicke habe ich einen Vertikalschnitt einer 
sogenannten frischen, derben, festklebenden, nicht -kugeligen 



(8) Virch. Arch. 1861. 22. Bd. p. 518 und 522. Tab. Vül. Fig. 1. 

(9) Yirch. Arch. 1862. 23 Bd. p. 522. 



y^etatiOQ der Bkuspidalklappe vor mir. Man sieht aiudi 
liier ein mehrÜM^ gesduchtetes Epithel nnd darüber eia 
Lag^ homogenen Faserstoffes und im Epithel dieselben 
Kemtheilangen und dieselben Degenerationen des Zelleoin* 
lialtes, wie ich sie oben beschrieben habe. 

In gleicher Art, wie Scbleimhänte nnd seröse Häute, 
^erkranken endlich auch parenchymatöse Organe, in* 
sofern sie mit Kanälen durchz<^en sind. Die hi den letz-* 
teren vorkommenden pfropiahnlichen oder cjlindrischen Ge^ 
rinnsei sind epitheliale Bildungen. 

Bei der gewöhnlichen Pneumonie handelt es sich um 
Croup, in seltenen Fällen auch um denselben Process in den 
feinsten Gallengängen; bei der Bright'schen Krankheit der 
Nieren häufiger um eine einfache, nicht croupöse (d. h. nicht 
mit Eiterkörpem gemischte) epitheliale Faserstofl^roduction 
in den gewundenen Harnkanälchen , um jenen Vorgang, wel- 
cher die mikroskopischen Gylinder in den Urin führt. In 
letzterer Beziehung bemerke ich, dass man nirgends besser 
die Umwandlung des Epithelzelleninhaltes zu jenem Stoffe, 
der die Gallert- oder Faserstoffcylinder darstellt, beobachten 
kann, als eben in der Niere. 

Liegt der epitheliale Faserstoff an Oberflächen, welche 
nach aussen offen communiciren, so kann er abgestossen und 
ausgeleert werden; in den anderen Fällen wird er resorbirt 
oder er verfallt der fettigen oder käsigen, später auch der 
kreidigen D^eneration. 

Die sogenannten gallertähnlichen Exsudate auf 
«erÖsen Hauten, von denen Andral, Rokitansky, Wedl u. A. 
sprechen, sind solche epitheliale Massen im Grossen, eine 
Modifikation, die physikalisch zwischen Faserstoff und Schleim 
steht. 

Man kann sich eine solche Aenderung im Leben des 
Epithels gar nicht denken ohne gleichzeitige Emährungs« 
änderung in dem unterliegenden Mutterbod^^ Untersucht 



72 Sitzung der math.-phj^, Classe vom 13. Juni 1863. 

man diesen, so findet man aber nidite anderes, ab ver- 
mehrte Queüung durch eine mehr oder weniger beträcht- 
liche Aufnahme von Serum zwischen die Oewebselemente 
mid in diese selbst. 

Der Catarrh sowohl, als die epitheliale (ein&che oder 
CFOupöse) FaserstofiFbildong sind verknüpft mit Quellung oder 
Schwellung der Schleimhaut, der Serosa, des interstitiellen 
<lewebes röhriger Parenchyme; von Proliferationserscheinüngen 
in den sogenannten Bindegewebskörpem der Memlmuien ist 
keine Rede. 

B. Pseudomembran von einer seröse^ Haut. 

Wie für die Schleimhäute eigentlich epitheliale Exsu* 
date typisch sind, so ist umgekehrt für die serösen Häute 
eine Form von Pseudomembranen die Regel, welche selten 
auf den Schleimhäuten vorkömmt. 

Um die Darstellung und das Verständniss zu erleichtem, 
wähle ich einen Fall von Pericarditis und zwar einen, wobei 
die Krankheit beiläufig in die zweite Woche eingetreten ist 
und das aufliegende Exsudat ziemlich fest geronnen erscheint. 
Das Erste, was auffällt, ist, dass die oberen, nämlich die 
von der entzündeten Serosa entferntesten und die tieferen, 
ihr zunächst gelegenen Schichten verschieden ronstruirt sind. 

Zuoberst lässt sich eine scheinbar strukturlose Masse 
gewinnen, welche beim Zerzupfen jene feinen, ungeordnet 
netzartig verbundenen Fadengespinnste, wie im Blutfaserstofife, 
zeigt, und welche daher die Ansicht zu unterstützen schmt, 
dass der Exsudat- und Blutfaserstoff identisch seien. 

Ganz anders verhält sich die Sache, wenn man von den 
tieferen Lagen sein Präparat wählt; diese tragen das Gte* 
präge der Organisation an sich, denn hier ist Kern an Kern 
und Zelle an Zelle gereiht. 

Der zu besprechende Exsudatfiaserstoff auf serösen Hau- 



iea atottt abo zwei Sddehteii dar, eine vollkommai orgam- 
sirte und eine darüber liegende mehr Btmkturloee. 

Um das Verh&ltnies der orgamsirten Schichte zur serö- 
sen Haut genauer würdigen an können, erinnere man sich 
:an das histologische Normalyerhalten der leteteren, also 
l)ehufs meines concreten Falles des Pericardialüberzuges des 
Herzens. 

Man sieht hier auf einem Vertikalschnitte ^^) nach Ent- 
iemung des Epithels ein fast homogenes, nur höchst fein 
gestreiftes Gewebe, welches einestheils mit elastischen Fasern 
in verworrenen Schlängelungen durchzogen, andrerseits mit 
horizontal gelagerten oblongen Kernen sparsam versehen ist. 

Bei leichter Aufquellung in verdünnter Essigsäure und 
entsprechend angewandter Compression lassen sich 2 — 3, 
selbst 4 übereinander liegende, aber miteinander in Verbin- 
dung stehende Züge elastischer Fasern unterscheiden, die je 
mehr sie sich der Oberfläche zu finden, um so feiner sind. 
In dieses Gewebe der eigentlichen Serosa gelangen fast keine 
^Blutgefässe, denn die wenigen aus dem subserösen Bindege- 
webe etwas hineinragende Schlingen, können kaum als der 
Serosa angehörige Gefasse, sondern müssen als leicht faltig 
-emporgehobene Grenzmaschen der Subserosa angesehen wer- 
ben. Dasselbe dürfte von den feinsten Lymphgefässen ge- 
.sagt werden. In der Subserosa trifft man endlich, vriie be- 
kannt, auch Anhäufungen von Fettzellen. 

Als oberste Grenze der Serosa müssen die letzten, feinsten 
«elastischen Faserzüge gelten; selbst bei Aufquellung der Mem- 
bran werden dieselben von dem bindegewebigen Stroma gar 
xicht oder nur stellenweise überragt, wohl aber selbst etwas 
mit emporgehoben. 

Liegt nmi ein Faserstoffexsudat auf und versucht man 
(10) Fig, 4. 



74 tUtgung der maih.'phya. Omm vom 13. Juni 186$. 

es abzulösen, so geschieht die Trennmig gerade aber der 
obersten elastischen Schichte. 

Lässt man den Zusammenhang unzerstört und fuhrt man 
mit einem Doppelmesser einen rasche Schnitt senkredit 
durch das Faserstoffexsudat und die unterliegende Serosa, 
sei es, dass die zu untersuchendep Präparate frisch und unter 
nachträglicher Essigsäureanwendung, oder dass sie in absolu* 
tem Alkohol gehärtet imd dann in feinen Schnitten in Gar* 
minlösung gelegt worden waren, so kann man sich nicht nur 
Ton dem wirklich organisirten und dem mehr strukturlosen 
Theile der Pseudomembran, sondern auch insbesondere davon 
überzeugen, dass histologisch aufgefasst eine Grenze z¥riscbe& 
dem Faserstoff und der Serosa wohl durch die elastischen 
Faserzüge gegeben ist, dass aber das Bindegewebe der Serosa 
nnd der organisirte Theil des Faserstoffexsudates in ununter» 
scheidbarem, continuirlichem Zusammenhange stehe ^^). 

Wie schon erwähnt, besteht dieser organisirte Theil aus 
Kernen und Zellen. Ja man ist bei der mikroskopischen 
Untersuchung desselben wirklich erstaunt über den Reichthum 
an cellulären Elementartheilen. Man sieht vor Allem oblonge 
Kerne, welche so fest eingebettet liegen, dass sie nicht anders zu 
gewinnen sind, als mit anhängenden Substanzfragmenten, an 
welchen die rissigen Gonturen die Abkunfl deutlich verrathen» 
Die Anhängsel erscheinen als Zwischensubstanz, an deren 
Bestand wohl die ursprüngliche, den Kern umhüllende Zelle 
mit .Wand und Inhalt ihren Antheil hatte. Die Gestalt die* 
ser Zellen ist grösstentheils gestreckt, d. h. geschwänzt, 
Spindel- oder sternförmig; ihre gegenseitige Anordnung und 
Lagerung verhält sich dann so, dass sie peipendikuläre Beih^i 
auf der Serosa darstellen, die sich nur seitlich in geraden 
oder bogenförmigen Bündeln miteinander verbinden. 

Man trifft wohl meist nur einkernige Zellen, wie schon 

(11) Fig. 5. 



BüfU: Da» Fa$er9tetf'JBiC99dat. 75 



Cohnheim für die Serosa angibt^'); hie und da jedoeh zwei 
Kerne in der angegebenen Ri^tang dicht oder entfiumter 
liintereinander, so dass die Zellen ein doppeltspindelförmigee 
Ansehen erhalten oder als waren zwei mit ihnn Aodilufem 
in Commonikation getreten. Die Zellen scheinen aho unter 
Kemtheilnng ein Längenwadisthvai einzugehen. 

Wie schon Lehmann^*), so ist auch mir niemals ein 
Faserstoffexsudat vorgekommen, in welchem nicht theils un* 
verändert rothe, tiieUs erblasste und sphiuisdi angequollene 
Blutkörper zu sehen waren. 

Manchmal ist man so glücUioh, auch wirklich blutge* 
Mite Kanäle zu s^en ^^). 

Ein solcher Fall reizte mich dazu, eine kinstliche In» 
jektion sogenannten frischen Faserstoffes zu versuchen. Ich 
konnte mein Vorhaben durch meine beiden Assistenten, die 
Herren Dr. Götel und Erb, bei einigen Fällen frischer Peri- 
carditis rasch nacheinander ausführen lassen. Die Operation 
wurde durch eine Arteria coronaria vorgenommen und zwar 
mit Berlinerblau. Nicht nur die Gapilhu^efasse des Herz- 
muskels und seines serösen Ueberzuges, sondern auch die des 
Faserstoffbeschlages wurden so trefflich, als es nur immer 
denkbar war, injidrt. Dadurch war die Existenz von Ge- 
fassen mit geschlossenen Wänden in dem Exsudate, 
welche mit den normalen der Serosa und sofort mit dem 
Herzen im Zusammenhange stehen, unabweisHch dargethan. 

Man sidit zierliche Capülaren, welche von den mehr 
horizoi^ verlaufenden weiten Masehennetzen der Serosa 
senkrecht aufsteigen. Die Hanptreiser dersdben verzweigen 



(12) Yiroh. Arch. 22. Bd. p. 516. 

(13) Lehrb. der phys. Ohemie III. p. 140. 

(14) Rokitansky (Lehrb. d. path. Anat. I. p. 192), Wedl (Grund* 
2üge der path. HistoL 1853. p. 234), ja schon £. Home (Andral path. 
Aiuit. üben, von Becker I. p. 374) u. A. scheinen solche blntgefullte 
Gefässe in Psendomembranen gesehen zu haben. 



76 Sitzung der math^^phi^e, (Jia8$e vom 13. Juni 1863. 

fiieh büsdielföniiig, biegea ^aim schliiigeiiformig um und yer- 
binden aich netzartig mit den Ausläufern d^ nebenanliogeor 
den Hauptreiser. Diejeoigai Gefösse, welche unmiktelhar auf 
der Serosa stehen, sind oft sehr weit: 0)05--0^07 Mm.; die 
feinen Schlingen und Büsefaelgefässclien dagegen batragm 
kaum 0,012—0,016 Mm. im Durehmesser, sind daher immer^ 
hin im Ves^iche mit manchen normalen Gafttllargefössen 
des Körpers von beträditlicher Weite. An einzelnen Stellen 
bildeu die obewten Spitaea untereinaBder darch mascheur 
formige Communikation ein horizontales Grenznetz ^^X 

Bei der Ungleichheit der Wucherung an yerschiedenen 
Punkten ist es auch b^reiflich, wenn die neuen Gefassbäschd 
nicht die gliche Länge erreichen, sondern wenn abwechselnd 
lange papilläre Erhöhungen und dazwisdien Vertiefang^ 
sich ausbilden. 

Wandte man an solchen Injektionspräparaten noch die 
Carminimbibition an, um sich ein vollständiges BiU der 
Struktur des Exsudates zu verschaffen, so konnte man sehen, 
wie die untere injicirte JPaserstofflage durch eine sehr schmale 
(kaum Vis der ganzen Didce des Pseudomembran betragende) 
gefösslose Zone, welche sich vermöge ihrer geringen Imbi- 
bitionsfähigkeit, also durch Blässe bemerklich macht, von 
der obreren, bisher strukturlos genannten Faserstofflage ge- 
schieden war. 

Die letztere ist jedoch nur scheinbar strakturlos. ht 
der areolären, gleichsam spongiösen Masse, den diekwulstigen, 
gallertigen Netzen und zottigen, warzigen Erbebungen det* 
selben sah man zweifellose, roith imhibirte ZeUerikeme, wdche 



(15) Die genauere Art and Weise der Entwicklung der neuen 
Blutgefässe glaube ich übergehen zu sollen und füge idi nur bei, 
dass ich mich unbedingt jenen Forschem, insbesondere J. Meyer 
(Annalen der Oharite zu Berlin 1853. lY. p. 41) anschliesse, welche 
sie durch Sprossenbildung von den normalen Gefassen der Serosa 
aus entstehen lassen. 



in grosse Dtstttueea daroh eine veichlidhe InteroeUiilarsobfitaia 
iMnseiiuaidergedräiigt waten. ^^) Oder aiit «sdcren Worten, 
man muss anstatt einer strokturloeen nnd organisirten Parthie 
ä^ Psendomembraia bester eine gefSsslose nnd gefäss- 
balti^e nntersobetden , die letztere zellenrach nnd arm an 
Intercellularsobstanz, die erstere zelienarm nnd fast nnr ans 
btereellularsnbstasiz bestehend, beide getrennt oder Terbnn* 
den dordi eine indifferente Zme. 

Wie nun die nntere gefasshaltige Schichte der Pseado- 
fii^nbran mit dem Bindegewebe der Serosa in continnir* 
Kohem Zusammmihange st^t, so auch mit der oberen ge- 
fiisslosen, die eine getränt nnd als etwas Verschiedenes von 
äg^ anderen an&n&ssen, wäre geradezu irrthämlich. Ich 
bin daher wohl mit Reinhardt einverstanden, wenn er den 
Kut&serstoff als jeder Organisation un&hig erklärt; allein 
wenn er unter dem Faserstoffe, in welchen die Neubildung 
eindringt und der dabei zu Grunde geht, die gefasslose obere 
Schichte meinte, so kann idi ihm nicht beistimmen. Die 
gefasslose Schichte ist kein blosses Fas^stofi^erinnsel , son- 
dem ein ebenso organisirtes Oewebe ; d^ gefasshaltige Theil, 
Beinhardt's Neubildung, wächst nidt in diese scheinbar 
strukturlose Masse hinein, sondern die letztere wächst mit 
der erst^eu, ist ein Theil der ersteren, geht nur zu Grunde 
mit der a^tei*en — verhält sidi also ungefähr wie die Epi- 
dermis und das Bete MaljAghii zur Cutis, wie der hyaline 
Gr^enkknorpri zu seinem Ibiochen, den er tiberzieht. Wenn 
wirklich unbestreitbare Faserstoffgerinnsel dennoch angetra- 
gen gefunden werden — wad dass dieser Fall vorkömmt, 
ist nicht zu läugnen, so liegt eben eine Verwundung, Zer- 
reissung an gewissen Steüen der gefässhaltigen Schichte 
vor, wodurch Blutfaserstoff mit oder ohne Blutkörper- 
chen extravasirte. Die Pseudomembran unterscheidet sich 

(16) Fig, 7. 



TS Sitzung der math^-phy»^ Crosse wm 13* Juni 1S63. 

in dieser Bezidiiing nicht von einem gesimdeD Eörperthefle, ' 
wenn er Terwnndet wird, nur ist sie bei Weitem Terwmid- 
barer, als irgend ein gesmider Sörpertbeil. 

Die gefasslose Schiebte kt ausserdem in der Begel 
bespült mit serösem Transsudate; em Ejnthel ist im 
Cr^aisatze zu der fiiiher besprochenen Wndierong, hier bei 
einer gewissen Höhe der Bildung der Pseudomembran in der 
Regel nicht mehr mit Bestimn^fa^t nachweisbar. ^^) 

In den geringeren Graden dagegen findet man Epithel- 
zellen entweder noch in ihrer ursprunglichen Gruppirung 
oder isolirt, abgestossen und in der Flüssigkeit sdiwimmeud 
oder noch aufgelagert imd zwar auf den Zotten ^^) uiid 
maschenförmigen Erhebungen sowohl, wie in den Verti^ungen. 
Sie zeigen dabei häufig alle die Veränderungen, welche bei 
der epithelialen Faserstoffbildung zu sehen sind (Fettdegme* 
ration, gallertige Umwandlung, Kemproliferation, Eiterkör- 
perbildung). 

Die Zellen, welche somit in der Flüssigkeit in spärlicher 
Menge noch etwa angetroffen werden , sind sicherlich nur 
j^estreifte Elementartheile der Pseudomembran und ist 
nicht der mindeste Grund vorhanden, sie mit Rokitansky in 
der Flüssigkeit selbst entstehe zu lassen. 

Die Ursachen der wässerigen Transsudation aufzufinden, 
unterliegt nach manem Dafürhalten keiner Schwierigkeit; 
denn betrachtet man die Beschaffenheit der Pseudomembran 
in dieser Richtung, so smd diese Ursachen wirklich in hohem 
Maasse in ihr gelegen. 

, Sie ist grossmtheils ihres schützenden Epithels beraubt, 
mit neuen, einestheils weiteren und grössere Excursionen 
beschreibenden, andemtheils permeableren Gefässen durch- 
bogen, in welchen die Blutströmung sehr verlangsamt und 



(17) Dieselbe Angabe macht auch Cohnheim 1. c. p. 519. 

(18) Fig. 7. a. 



BM: I>a9 Foimio^'Exmadat. 79 

daher zu einer Art von yenÖBer StouoQg Anlass gegeben 
sein moss. 

Die seröse Transsudation erscLebt somit als Folge der 
fiildung der Psendomembran, nicht umgekehrt die Pseudo- 
membran ak Folge der Exsudation; die als Pseudomembran 
sieh darstellende Wucherung von embryonalem, gefilsshaltigem 
Bind^ewebe fuhrt bald das seröse Transsudat, mag es nun 
reichlich oder spärlich sein, mit einer gewissen Nothwendig« 
^eit mit sich, bald kann das speddlere Verhalten der Ge- 
fasse und dar ganzen Wucherung sogar von der Art sein, 
dass em seröses Exsudat dabei gänzlich fehlt. 

Aus diesem serösen Exsudate kann nun in manchen 
Fällen eine dem Blutfaserstoffe analoge Substanz herauscoagu- 
liren, die dann gewöhnlich lose in der Flässigkeit schwimmt, 
mit der Pseudomembran aber durchaus nicht identifidrt 
w^den darf. Diese Substanz coagulii-t manchmal erst ausser* 
bsSh der Leiche unter dem Einflüsse des Sauerstoffes der 
Atmosidiäre. 

Untersuchen wir die Serosa selbst, also das Bereich 
der elastischen Fasern unter der Pseudomembran^ so bemerkt 
man einestheils einen leichten Grad von ^uellung, der kaum 
jenen Grad erreicht, den man nach verdünnter Essigsäure 
beobachten kann, der aber genügt, um die einzelnen Schieb- 
ten elastischer Faeern etwas auseinander zu drängen und 
ihren gekrausdten Verlauf etwas zu strecken; andemtheils 
bemerkt man anstatt des nonniden geringen Anzahl von 
Kernen ein dichteres Gedrängtsein dersdben, doch nicht in 
denselben Maasse, als sie in der überwuchernden (faserstof- 
figen) Neubildung zu sehen sind. Die Gefasse der Serosa 
nehmen sich, da sie eb^ifidls, wenn auch weniger an Durch- 
messer^^) zugenommen haben, gefüllter aus, ihre oberste 
di^en den senkrecht aufsteigendeui gewissermaassen wie bei 



(19) Sie betragen 0,004—0,016 Mm. 



80 Sitzung der math.'pht^e. Qasee vom 19. Juni 1863, 

kriech^den Pflanzen, ak Wurzeln, wobei noch zu bemerken 
ist, dass die letztern viel stärkeren Kalibers sind, als ibre 
Muttergefilsse. 

Trotz dieses Gefassreidithumes trifft; man in der Leiche 
merkwürdiger Weise die Pseudomembran nur höchst sdten 
mit Blut gefüllt an, sie ist fast constaut blutleer und blass — 
ein Umstand, der insbesondere dazu beitrug, sie fär das 
Gerinnsel eines formlosen Stoffes zu halten. Die Ursache 
davon ist sicherlich die enorme Quellung ^ in welcher da» 
neue Gewebe sich befindet. Denn da eine künstliche Injektiol» 
so leicht zu bewerkstelligen ist, so wird die Annahme nicht 
beanstandet, werden, dass während des Lebens Blut in den 
Gefassen strömt und der Neubil<]lung dne der Schwellung 
und ebenso der Didce und Dnrchsicht^keit der über ihr 
Uzenden gefasslosen Schichte entsprechende blasse Rötbe 
ertheilt. Im Tode aber, wo die Circulation aufhört und we 
wir die Untersuchung vornehmen, ist das geschwollene pseu«* 
domembranöse Gewebe im Stande, das Blut aus den Ge» 
fassen auszupressen. Nur unter ganz besonderen Verhält» 
nissen kömmt es vor, dass schon \m Lebzeiten die Quelltmg 
einen so hohen Grad erreicht, der den Blutdruck überbietet 
und wovon die noth wendige Folge Blutleere ist'^). DieEa]i)e 
der Faserstoffneubildung ist in der Leiche dem Angegeben^i 
gemäss fast regelmässig blass, seltener weiss, meist gelbwdss 
oder gelbröthlich ; diess hängt offenbar von dem Mangel oder 
dem Vorhandensein von mdir oder weniger Blutroth ab, 
welches in das jugeidliehe Geweb imbibirt ist 

Wie die Blutleere, so kann auch die Imbibition ein&di 
cadaveröser Natur sein. Doch lässt sich nicht minder detiken, 
dass sie hie und da schon währei^ des Lebens in einem 
gewissen Grade zugegen sein konnte, nämlich ermöglicht 
durch bedeutende Verlangsamung des Blutstromes in deni 



(20) Vergleiche weiter unten die Dipktkerie. 



BM: Dß$ Fatermo/F^Bümdaf. 81 

neuea Oefässgebrate , das sich wie ein aoflgebuchtetes An- 
kaogsel zai aUgemeioen Oiroulatioosbahn rerhält; emögUoht 
«hurdh die ausnehmende Dännwandigkeit der jungen Cq»älairen; 
«rmögficfat durdt die begierige Attraktion ron Emahrungs* 
material, welche das wadieende Bindegewebe auf die Gefilsse 
aasobt und watMebeniidi erohöf^efat durch diemiMsbe Vor« 
gfinge, welche in der allgemmnen ConstitatioQ des BInte» 
gelegeD «md oder nur örffidi in dem wadisendeo Neagewebei 
sich entwickeln und unter deren Sinfluss (fie BlnÜEÖrper 
reichlich zerstört werdto nsd üir Farbstoff siob in der Blot-* 
flüssigkeit hkt. 

Kömat au der Dännwandii^t der neuen GapiUargefasse 
noch der Umstand, dass sie brttdiiger und zerreisslicher sfaid, 
ein Veriialten) weMies meistens einen allgemeinen Grund hat,- 
so zerreissen si^ wirUioh mid zwar häsfiger an ihren Schlingen« 
spiteea und obersten Orenzmaschen, als an ihrer Basb, i» 
letaterem Falle miter stttckweiser Ablösung der Pseudomem-' 
braai selbst. 

Das Blut durdbsetst roiaugsweiae den arecdäreB Theil 
des Faserstoffs in. Inseln und fliesst der grösseren Masse 
nach Sber denselben in das seröse Transsudat ab und (arbt 
es rotb.- 

Der alte Name „hämorrhagisches Exsudat^' schlieest' 
also stets in sich ein, dass eine Faserstoffaeubildung vorhan* 
den sei mit bröehigen Ga^llargefässen. 

Nach den gegeb^ien Erörterungen ist ctes Fasa^stoff* 
exsudat, die Bseiidoai^nforan , ma^g sie als cKeke Scbidite 
oder nur al» dünner, ftorälmlicher Adhig ersdieinen, als 
das^ Aber die Normalgrenzen der Serosa emporge^ 
waohsene, jugendlich wuchernde Bindegewebe der 
Serosa anzusehen, wobei auch in der letzteren Zellen- und 
Kemwuchersng ammtreffen ist. Trotzdem lassen sich da» 
Bindegewebe der Serosa und der Pseudomembran scharf von ein- 
ander scheiden. 

[1868 n. 1.] 6 



82 Sitzung der waßi^-i^»* Crosse fXun 13. Juni 1S€3, 

Die Ursache dieser Schdäung Kegt in den ekstisebeir 
Faserzügen; sie sind das Hemniss der gteiehen Artung. Un*- 
mittelbar über dem letzten Zuge derselben wird die Zellen«- 
«ntwickkmg freier mid üppiger, die Quellnng viel bedeute- 
der, so dass, obgleidi die: Gelasse eine grössere Weite be» 
sitzen und in einem grösseren Reichthume auftreteo^ dadurch 
dass sie zagläch dünnwandiger und comprimirbarer sind^ 
Blutleere, gdb-weisse Farbe, mit emem Worte, die Faserstoff- 
ähnlichkeit erzeugt wird. Wären die elastische Faserzügo 
nicht, so würde man Ton einer faserstoffilhnlioben Auflager^ 
nng auf der Serosa nichts beobachten, es- wäre keine Scheid*' 
nng in S^osa und Auflagerang (eigentlt<:he Pseudomembran) 
zu sehen, sondern b^de würden eine uniforme GowdiMmasse^ 
d^stellen, wie man es unter sonst gleichen Umständen bei 
denjenigen Sehleimhäaten, denen solche der Aalg[uelliing ImK 
derliche elastische Fasern fehlen, tagtägUdi beobachten kann. 
Darin ist der Grund zu suchen, warum man die Pseudo* 
membranen insbesondere auf serösen Häutai antrifft, wanun. 
man diese zum Lieblingssitze der ersteren gestempelt hat. 

Aehnlich kann die Pseudomembran in der Schleimhaut 
des Respirationstraktes sich . gestalten, wo unter ihr sidl eine 
Ijage elastischer Fasern befindet; diese Pseudomembran dürfte 
dann mit dem epithelialen Exsudate, dem Group nidiit ver* 
wechselt werden. 

Aber auch die serösen Häute zeigen nicht immer ihre» 
Wucherung in Form einer au%elagertea Pseudomanbran. 
Würde näi^Ucb die Kraft der elastischen Faßerli einmal über- 
wunden und sofort die Spannung, die mechanische Zusammen- 
Bchnürung durch dieselben aufgehoben werden, so würde 
^bepfallfi der Anschein einer Auflagerutig nic^t mehr Tor^ 
banden sein, ja man würde vielleicht d^. Ausdruck Faser-^ 
stoffezsudation gar nicht mehr gebraudieiQ — jedoch nur so* 
lange als die wuchernden, gequollenen Haiite nicht ein £ftser^ 
' astofiTähnliches Ansehen bekommen hätten, als sie nicht anstatt 



BM: DoB Faser$kff-Exmtdat. 83 

der Röäiung vielmehr blutleere BUisse und eine mehr weisse 
oder gelbliche oder gelbröthliche Imbibitionsfarbe angenom* 
men haben würden. Dann aber würde die ganze seröse 
oder Schleimhaut für eine Faserstoffmembran ausgegeben 
werden, denn von einer Scheidung in eine aufgelagerte Psen* 
domembran und in eine darunter Uzende und davon be* 
deckte Sdileimhaut oder* seröse Haut wäre keine Bede. 

Eine Injektion vcm Lymphgefassai in der Pseudomem* 
bran habe ich selbst nicht versucht; ich zweifelte jedoch nie, 
dass sich solche in derselben befinden. Wirklich bat auch 
Schröder van der Kolk, und wie ich auf d^ Naturforscher* 
Versammlung zu Karlsbad mich überzeugte, Teichmann Lymph- 
geiasse in Pseudomembranen injicirt 

Nerven in ganz frischen Pseudomembranen hat noch 
Niemand gesehen. Virchow*') wies sie dagegen in weiter 
entwickelten Pseudomembranen auf der Pleura und dem 
Peritoneum nach. 

An das Bishmge würde sich die Frage schliessen, ob 
denn das Faserstoffezsudat nur auf der freien Oberfläche 
von Membranen anzutreffen sei, oder ob es auch als In- 
filtrat im Parenchyme der Organe vorkomme. Die 
Antwort dafür liegt auf der Hand. Wenn der Process der 
Faserstoff^sudation in bind^ewebiger Wucherung besteht, 
so wird wohl das die Parenchyme durchzieheDde interstitielle 
J^d^ewebe in die gleiche Wudiernng versetzt werden kön- 
nen; allein man kann es nur dann mit einem Fas«*stoffexsu* 
dato oder Infiltrate vergleichen, wenn durch die Wucherung 
und Quelhmg die eigenthümliche Faserstofifarbe und Be- 
schaffenheit erzeugt worden sein würde. Zu einer ungehin- 
derten Wucherung und Quellung ist hier jedoclf wenig Raum 
gegeben, indem das interstitielle Bind^ewebe, wenn auch 
nicht durch elastische Fasern, doch durch das umliegende 



(21) Wtirzhnrg. Verhandl. 1860. I. Bd. 

6» 



84 Sitzung der mnth.'phys. Classe vtm 13. Juni 1863. 

Oi^angewebe eingeengt ist' und' es wird somit nur in seltenen 
Fällen soweit kottimen. 

Man sprach und spricht also von Faserstoff- 
exsudaf ) (Auflagerung oder Infiltrat) nur da, wo 
die entzündliche, gefässreiche Bindegewefoswucher- 
ung und Qüellung durch Vernichtung der hemmen- 
den Gewebtheile eine gewisse Freiheit erreicht hat 
and zwar in einem Grade, der im Stande ist, ihr in 
der Leiche ein faserstoffähnliches Aussehen zu er- 
t heilen. — üeber denkt man die Ergebnisse der bisherigen 
Erört^mngen, so kömmt man in Versuchung, den Namen 
,,Faserstoffex8adat^' ganz fs^en zu lassen. loh bin jedoch 
im Allgemeinen gegen die Neuermigen in der Nomenklatur 
imd halte dafUi*) dass ein althergebrachter Name keinen 
Schaden bringt, wenn man nur den richtigen Begriff zu un- 
terlegen weiss. Es entfernt sich indess das „Faserstoffexsu- 
dat meiner Anschauung^' so weit von der gewohnten, dass 
idi den Vorschlag machen möchte, anstatt seiner . den Aus- 
^rodc „faserstoffähnlich« Bindegewebwucherung^' öder 
^,desmoiden Faserstoff* einzuführen, insbesondere auch, 
am die auf den serösen Häuten typischen Pseudomembranen 
von dem epithelialen Faserstoffe, dem Ooup der Schldm- 
bättte, zu unterscheiden. — 

Die Pseudomembraoüen sehen nicht immer gleich aus. 
fioUtanskf hat diese Verschiedenheiten längst erkannt, sie 
aber auf eine verschiedene Qualität des Blutfaserstoffes zu- 
Tückzufuhren gesucht. 

Nach meinem Dafürhalten kann man dreieriei Formen 
unterscheiden. 

Was ich bisher beschrieben habe, würde die erste Form, 
der eigentliche desmoide Faserstoff mit der Abart des hä- 
morrhagischen sein. 



<(22} Natürlich ist hier nicht dae ejHthelialeFasemtoffexsadat gemeint. 



BM: Bas FaBer$k4F'JBsß$iidat. 86 

Die zweite Form ist in dem Vorfaergehenden nur i.i^e- 
deutet Sie ist jene, bei welcher «ohon während dee Lebens 
die entzündliche Bindegewebwacherm^ und Quelkug (ab 
Faserstoffinfilkat eder Auflagerung) 80 bedeutend war, dasB 
in ihr (in der Pseudomembran) die Blutströmung liberwuaden 
wurde, Compresaion der Gefime und somit Blutleere und 
Blässe im kranken Gebiete eintrat Die Abscbneidung Ton 
de^c Girculation bat dann rasch antretenden Zerfall, ein Trüb* 
und Gelbwerden dmxb reichlidies Auftreten von Molekülen 
in den Zellen uimI im i^enohymsalte, damit Verlust der 
Quellungstabigkeit, Besorption des Wass^s, ein Trocken- und 
Morschwerden der Substanz, mit Einem Worte völliges Auf- 
hören der Ernährung im Gefolge. Es ist diess jener Vor- 
gang, welcher unter dem Namen ..akute Nekrose, akute 
Verschorfung, Diphtherie oder Diphtheritis'^ bekannt 
ist und dessen Wesenheit bald in fest gerinnendem, iafilt^ir- 
tem Faserstoff, bald in übermässiger Zellen* und Ker&- 
wucherung gesucht wurde« Woiin das »,feste Gerinnen^' be- 
steht, ist jetst klar; es ist gleichbedeutend mit dem Trodcen* 
werden der Pseudomembran, mit dem Aufhören d^ Ernähr* 
nng derselbe. 

Mir ist die Diphtherie also jene Form von faser- 
stoffähnlicber Bindegewebwucherung, mag dieselbe 
als Pseudomembran oder Infiltrat auftreten, bei welcher 
ßchiiesslich Anämie und ihre Folgen in der Neu- 
bildung erscheinen. In 4en meisten Fällen wirkt hier ein 
allgemeiner Grund (all^gemeine Anämie und Girculations- 
ßchwäche mit*')* 

Hebt sich die verschorfte Masse ab, so wird natürlidi 



(23) Einige andere Frocesse, welche wohl im Resultate der 
Diphtherie ganz gleich, aber genetisch verschieden sind, ich meine 
die akute Nekrose durch Embolie oder CapiUarthrombose , durch 
Drxxck (Druckbrand), sol^n besser nicht Diphtherie, sondern eben 
embolkche, thromb^t^cdie, CoiiQprefiAiQiUQekrose genannt werden. 



86 Sitzung der moHhi-pkyif, Claase vom 13. Juni 1863, 

ein Substanzverlust (Geschwür) erzeugt, der mehr oder we* 
niger tief eii^eift, nur allem die Pseudomembran oder auch 
die unterli^ende Membran mitbetreffmi kann. 

Beschränkt sich die Verschorfdng auf die Pseudomem» 
bran allein, so entsteht unter ihr eine lebhafte Regeneration 
des Epithels. Mdirere Schichten bilden sich und sind dann 
die letzte Ursache der Abhebung der verschorften Neubil- 
dung. Dieser Umstand bringt gleichsam eine Analogie mit 
der croupösen Pseudomembran auf Schleimhäuten zu Stande, 
unter welcher ebenfalls Epithel liegt; allein dieses Epithel 
ist das normale nur wuchernde, jenes Ejnthel aber ist ein 
sich völlig neu regenerirendes, abgesehen davon, dass die 
Pseudomembran darüber sich ganz anders verhalt. 

Hebt sieh die verschorfte Pseudomembran nicht ab, 
sondern bleibt sie mit dem betreffenden Korpertheile im 
'Zusammenhange, so wird ^e durch vorschreitende Vertrock- 
nung käsig degeneriren und stellt dann die ehedem 
sogenannte gelbe Tuberkelmasse dar, die sich nach und nach 
Tesorbiren oder späterhin noch abbröckeln und so einen 
Substanzverlust hinterlassen kann. 

Reicht die Verschorfung auch in die unter dem Faser- 
stoff liegende Membran, so degenerirt diese entweder mit, 
oder, fällt der Schorf ab, so ist ein Substanzverlust in ihr 
gegeben, der vom Bindegewebe derselben aus sich r^enerirt. 

Die dritte Form endlich ist jene, bei welcher die faser* 
stoffahnliche Neubildung sich durch Production von Eiter- 
körpern auszeichnet. In dieser Beziehung muss ich mir 
erlauben, an die feineren Strukturveriiältnisse der desmoiden 
Pseudomembran überhaupt zurückzuerinnern. Ich habe als 
histologischen Befund fest eingebettete ovale Kerne und ihre 
Zwischensubstanz, ferner geschwänzte, spindelförmige und 
sternförmige Zellen aufgezählt. 

Eines weiteren Elementes Erwähnung zu thun, versparte 
ich mir, weil es bei den ersten, einfacheren Formen des 



BuJd: Bat Fasertlaff'ExBudat. 87 



«deBmoiden FaBerstoffes zu onteigeordnat auftritt, an 
Stelle — ich meine nämlich beiläufig 0^005'^' im D. hal- 
tende, kugellinrmige , aus einem schwach gnumlösen Proto- 
plasma ohne nachweisbare äussere Begrensungsmembran be- 
-stehende und mit 1 — 4 Kernen versehene Zellen (Primitiv- 
körper). Diese PrimittTkörper können eine mehrfache 
Bedeutung haben ; sie könnten nach den geläufigen Anschao- 
nngen vor Allem die erstoi Anlagen der oben angeführten 
geschwänzten , spmdel- und sternförmigen Zellen, die em- 
bryonalen Elemente sein, ans denen sich die kernhaltige 
Substanz der Neubildung entwickelt. Sie könnten aber auch 
ganz freie Körper sein, aus welchen weder das eine noch 
das andere sich ausbildet, Körper, die ihrer Gestalt und 
Grösse nach mit den farblosen Blut- und Lymphkörpem in 
eine Reibe gebracht werden miissten. 

Die erste Möglichkeit wird jedoch an Halt Terlieren, 
wenn man gegen die Schlussfolgerung, dass jene die Pseudo- 
membran aufbauenden Zellen durch Kemtheiluog und Längen- 
wachsthum hervorgehen, keine erhebliche Einwendung zu 
machen hat; denn entweder bedarf es in diesem Falle keiner 
Primitivkörper oder die aus der Ker)itheilung etwa hervor- 
gehenden kugligen Körper haben doch schon die Bestimmung 
der weiteren longitudinalen Entwicklung in sich. 

So gewinnt die letztere Möglichkeit an Boden. Ich 
bekenne mich daher vorläufig zu der Hypothese, dass die in 
•den Pseudomembranen auffindbaren Primitivkörper freie 
Körper sind, die zu einem Gewebe weiter nicht verwen- 
det werden, dass sie in grösserer Menge darin angesammelte 
Eiterkörper seien. 

, Damit ist die Frage über ihren Ursprung und ihre 
Bildungs- und Lagerstätte fi*eiUch nidit gelöst. Indem ich 
jedoch auf diesen wkditigen Punkt näher einzugehen . in den 
gegenwärtigen Blättern verzichte, bemerke ich nur Folgendes: 



SB Sitzung der mmth-phffs. Clasae tom 13, Jum 1863. 

Die Eiterkörper durchsetzen die desmoide Fasa*8toffhildsi^ 
und geben dadurch schon zu erkennen, dass sie an Ort und 
•Stelle, in der genamiteu Pseudomembran selbst erzeugt sind. 
Sie fioden sieh in den obersten Schiebten am reichlichsten 
-(pyogene Membran Hunter's), in den tieferen spfirlkher. Ihre 
Umhüllung sseigt Fettmolekule und isrtheilen sie demgemäss 
^er Pseudomembran ein gelblich-^weisses, ppakes, rahmähn* 
Hohes Ansehen; die Eiterkörper stdleii deutlidi kleinere und 
-garössere Gruppen dar, deren Zwischensubstanz , ebenfalls- 
körnig, mit Fettmolekülen versehen ist. 

Die Consistenz des Faserstoffexsudates wird dadurch 
beträchtlich vermindert; es wird brüchig, weich, zerreiblich, 
flockig und aufgelöst. Dazu kömmt, däss die Blutgefässe 
kein Blut mehr fühien und so den Zerfäll begünstigen» 
Das Faserstoffexsudat vereitert, verschwärt. 
Man könnte es zum Unterschiede yom ähidichen epithelialen 
•Croup „desmtnden Group^' nenn^i. Die vereiternde Pseud^* 
membran untersdieidet sich von vereiterndem Bindegewebe* 
in gar Nidits. 

Wenn man also unter Fasörstoff wucherndes Bindege- 
webe mit einer gewissen Beschaffenheit versteht, so wird 
man nur eine logische (Jonsequenz begehen, wenn man die 
so häufig namentlich auf serösen Häuten anzutreffenden ab- 
normen geßlsshaltigen Bindegewebbildungen als aus dem 
Faserstoffe hervorgegangen betrachtet. 

Natürlich geschieht diess in einem ganz anderen Shme 
als früher. Nicht ein formloser Stoff organisirt «ich erst äü 
Bindegewebe, sondern der Faserstoff ist berrits etwas Or- 
ganisirtes, ein Gewebe, er ist nur die eigenthümliche Vor- 
stufe von jenem Bindegewebe. 

Die faserstofiige Pseudomembran wird so zu bindege* 
webigen Zotten oder ebenen Flecken (sogenannten Seh- 
nenflecken), die Verklebung zweier Oberflächen dui*oh 



Buhl: Da$ Fu9entoff'JE!x$wdat. 89 

faser6t<^es8iidat znr biBdegewebigen Adhäsion,'^) die 
fuerstofEähnliche Wschenmg in den Färenchymen zur bakle» 
gewebigen Narbe oder Verdiehtnng. 

Bei der Weiterentwickhing d«s wnchemden Bindegewebes 
tritt unter gewisse Umständen noch ein gftaz besonderes 
Verhältniss hervor. Schon bei der fiesdueibung der neuai 
<}efä80e gab ich an, dass sie Hsnptreiser bikkten, welche 
sich verBweigen und dann gegenseitig netiartig vsrbindeü. 
Es gestaltet sich diess manchmal so auffiQlig, dass man die 
•injicirte RmdeuBUbstanz einer Lymphdrüse Tor sich zu haben 
glaubt, in welcher £e sogenannten Alveolen durch Haupte 
gefiisse getrennt lieg^i, von denen aber wohl Seitenzweige 
in die Alveolen eindringen. 

Dieses Verhältniss scheint mir für die AnlEfassung des 
Faserstoffexsudates von Bedeutung zu sein, denn die ange- 
gebenen, den Lymphdrüsenalveolen ähnlichen Bildungen im 
desmoiden Faserstoffe sind nichts anderes, als die ersten 
Anlagen der von der pathologischen Anatomie sogenannten 
Mifiartuberkel. Man trifft sie schon im Zeiträume des 
embryonalen Stadiums, also der eigentlichen Faserstoffbil- 
dung, obwohl sie gewöhnlich erst und namentlich dem unbe* 
wafiheten Auge zur Ansicht kommen, wenn das akute Sta- 
dium der Wucherung und der bedeutenderen Quellung sieh 
verliert, die Weiterentvncklung zu fertigem Bindegewebe zu 
Adhäsionen, Zotten, zu Verdichtungen vorschreitet, sie selbst 
durch Wachsthum sich vergrössert haben. In eben diesem 
writeren Stadium können sie aber vneder durch Resck-ption 
völlig verloren gegangen, die Adhäsionen, die Verdichtungen 
vneder frei von jeder Spur eines Tuberkels geworden sein. 

Kann man auch nicht behaupten, dass in j^em des- 
moiden Faserstoffe MiUartubericel mitentstehen, so ist doch 



(24) Hnnter stellte, dieses Erdresultat im Auge habend, eine 
Adhäiitenttündnng auf 



90 Sitzung der math^-phya. Claase vom IS. Juni 1863, 

der Satz umgekehrt richtig, dass sie, wenn sie auftrete, im 
akuten Zeiträume der FaseFstoflFiHldnng schon entstehen ; man 
wird jedoch von Miliartuberkulose erst dann spreöhoi, wenn 
sie im weiteren V^laufe nicht wieder zu Grunde gegangen 
sind, sandem fortleben und wachsen, so dass sie dem blossen 
Auge sichtbar werden. 

Ich hidte es nicht für passend, in die gegenwärtige 
Abhandlung die genauere histologische Beschreibung eines 
Miliartuberkels, Notizen über sdne Abkunft und Stellung, 
sowie üb^ die Schicksale einzuflechten, welche ihm bevor- 
steh^i. Hier möchte ich nur noch erinnern, dass es durch- 
aus falsch wäre, die Büdung yon Miliartuberkeln mit der 
nach Diphtherie und Group zu beobachtenden käsigen De- 
generation zu identificiren. 

Resume. 

1. Das bei Entzündung auf membranösen Oberflächen 
zu findende sogenannte Faserstoffexsudat ist mit dem Blut- 
faserstoffe nicht identisch. 

2. Es ist also nicht der Niederschlag, das Gerinnsel 
aus dem exsudirt^ Liquor sanguinis. 

8. Es ist überhaupt kein Exsudat im gewöhnlichen 
Sinne der Paäiologen , also auch kein plastisches Exsudat, 
d, h. kein exsudirtar formloser, aber organisirbarer Stoff*, 
der unabhängig vom lebenden Körper die Fähigkeit zur Or- 
ganisation in sich selbst trägt. 

4. Meinen Untersuchungen zufolge giebt sich das Faser- 
stoffexsudat in doppelter Eigenschaft zu erkennen: 

a) es ist entweder Secretionsprodukt, oder 

b) es ist eine Formation jugendlichen Bind^ewebes. 

5. Da wo das Faserstoffexsudat als Secretionsprodukt 
aufgefasst werden muss, ist es wohl ein formloser Stoff, der 
aber keine Organisationsfähigkeit besitzt und auch zu keinem 
Gewebe wird. Es liegt über dem Epithelüberzuge der ent- 



sändeten Membraa, meistens einer Schieimhant, und wurde 
in ihm erzeugt. 

Das Epithel selbst ist in ProUferation begriffen und 
tragen ausserdem die Zellra desselben in ihrem Inhalte die 
2eichen der Umwandlung zu dem Stoffe, welcher ab Faser* 
Stoff oder eine ihm analoge festweiche eiweissartige Substanz 
-erscheint. 

6. Als Secretionsprodukt hat der Faserstoff Analogie 
mit dem Schleime, der auch ein Umwandlungsprodukt epi- 
thelialer Zellen ist. 

7. Neben dem formlosen Secrete bilden sich in den 
2ellen durch freie endogene Zeugung Eiterkörper. Analog 
^bilden sich im normalen Zustande die Schleimkörper. 

Das Faserstoffexsudat ist in diesem Fall, insbesondere 
auf Schleimhäuten, mit Eiterkörpem gemengt (Croup). 

8. Der Faserstoff dieser Art — mit oder ohne Eiter- 
Icörper — verdient wegen seiner Abstammung den Namen 
-,,epithdialer Faserstoff*^ 

9. Die zweite Art des Faserstoffexsndates ist diejenige, 
welche als eine Formation jugendlichen Bindegewebes, als 
^,desmoid^ Faserstoff^' erscheint; sie findet sich insbesondere 
auf serösen Häuten, aber auch im interstitiellen Gewebe der 
Organ-Parenchyme, seltener auf Schleimhäuten. 

10. Diese Art ist nicht ein formloser Stoff, sondern von 
Anfang an ein organisirtes Gewebe. 

11. Senkrechte Schnitte durch das Faserstoffezsudat 
tind die unterliegende Membran geben eine dreifache Schich- 
tung zu erkennen: 

a) die gequollene seröse Membran, 

b) eine gefässhaltige und 

c) eine gefiisslose Schichte des Faserstoffes. 

12. Die zwei Schichten des Fas^^offes stehen in un- 
nnterscheidbarem, continuirlichem Zusammenhange mit dem 
Bind^ewebe der Serosa. 



92 Sitzung der maÜL'phifß. dlasse vom 13. Juni 1663, 

13. Die Existenz ron Gefäesea mit geBcUosseneii Wäiv^ 
den schon im frischen Exsudate, die mit den normalen in^ 
Verbindung stehen, ist unwiderl^Iich dis^gethan dardikänst- 
liciie Injektionen. 

14. Neben den Gelassen zeigt das Faserstoffexsttdsd^ 
dichtgedrängte Kerne und Zellen, welche meistens die Spin- 
delform an sich tragen. 

15. Die Gefasse des Faserstoffes sind neugebildet und 
stehen in Büschelform senkrecht auf der sAösen Mem- 
bran auf. 

16. Die gefässlose Schichte ist nicht9 anderes ^ als die 
überwuchernde Parthie des Exsudates, die sich nicht nqr 
durch den Mangel der Gefasse, sondern auch durch einen 
geringeren Gehalt an Kernen, dagegen durch mehr Intercel- 
lularsubsts^z auszeichnet. 

17. Die gefasslose Schichte büdet lockere Maschen wdä 
Zotten, welche man nur selten mit einem, imregelmaesig ge- 
staltetai Epithel bedeckt findete 

18. Das neben dem desmoiden Faserstoff sich findende 
Serum ist das eigentliche Exsudat und stammt seinem gröss^ 
ten Theile nach aus den neugebildeten Gefassen. 

Aus diesem Serum scheidet sich in manchen Fällen, 
namentlich unter Contakt mit der Atmosphäre, Fibrin ab, 

19. Was man hämorrhagisches Exsudat heisst, ist ein 
desmoider Faserstoff, dessen Gefässe geblutet haben. Es ist 
dabei gleichgiltig, ob die Zerreissung der Gefasse an den 
Schlingenspitzen oder an deren Basis stattgefunden hat. Da» 
Blut ist dem Serum beigemengt. In diesem Falle kömmt 
natürlich auch Blutfaserstoff in das Exsudat. 

20. Dass die desmoide Pseudomembran faserstofiahnlicb 
aussieht, ist zu einem grossen, wenn nicht zum grössten 
Theile Leichenerscheinung. 



BM: Bas Fas&rsitff'Extudat. 93 

21. Die Diphtherie bestellt in Bildni^ eines desmoiden 
Faserstoffes, welcher der Emährong alsbald beraubt, anämisoh, 
trodcen, morsch wird, fettig degenerirt^ versdiorft. 

22. Das flockig-eitrige Exsudat ist ein desmoider Faser* 
etoff, der in Eiterbildung auifgeht, vereitert, verschwärt. 

2B. Das unverändert Terbleibende Faserstoffexsudat endet 
in fertiges Bind^ewebe, d. h. das oberflächlich gelegene 
in sogenannte Sehnenflecken oder in freie bindegewebige 
Zotten oder in Adhäsionsbindegewebe, das mitten in Orga- 
ueia sich befindende in einer Narbe oder strahlich- narbiger 
Verdichtung. 

24. B^merkenswei*th ist auch die nicht seltene Bildung 
«da- ersttti Spuren von Miliartuberkeln schon innerhalb der 
^frischen desmoiden Pseudomembranen. 



Erklärung der Abbildungen. 

Fig. 1.'^) EfHtbelzellen der croupös entzündeten Bron- 
«cbialschleimhaut. 

a) Zellen aus den tieferen Schichten des Epithels 
mit frei-endogen erzeugten Eiterkörpem in ihrem 
Inhalte. 

b) Eine Flimmerzdle mit Eitarkörpem in Innern; 
der ursprüngliche Kern ist unbetheiHgt. 

^ c) Flimmerzellen, welche in ihrem obersten Theüe 
au%ebroch«i sind und ihren Inhalt (Eiterkörper) 
entleert haben. 

Fig. 2. Sehr grosse Epithelzellea des mit dünnem 
Faserstoff belegten Pleurauberzuges der Lungen mit Kern- 
vermehmng. 



(25) Die Abbildungen von Fig. 1— -5 und Fig. 7 sind bei einer 
30(hnaligen, Fig. 6 bei einer 50maligen Yergrösserung gezeichnet. 



94 Sitzung der fnafh.-phyB, Classe vom IS, Juni 1S63, 

Fig. 3. Polygonale Pflasterzellen des peapikar£alen Ge- 
webes (faserstoffige Pericarditis). 

a) In Fettdegeneration begriffene, abgeschuppte Zel- 
lengruppen. 

b) Epithelzellen mit Kemvermehrung. 

c) Vergrösserte Epithelzellen mit kreisföi^g abge- 
rundeten Conturen und einem zu aner gallei^* 
tigen, faserstoffähnlichen Substanz umgewandelte!^ 
Inhalte. 

d) Freie geschichtete, amylumähnliche und grössere» 
homogene Gallertmassen, bei welchen die Ab* 
stammung aus Zellen durch die Aneinanderfugung 
öder durch die noch übriggebliebenen Kerne 
erkennbar ist. 

Fig. 4. Senkrechter Schnitt des normalen serösen Peri* 
kardialüberzuges, mit verdünnter Essigsäure behandelt. 

a) Fettschichte. 

b) Serosa, bestehend aus kernhaltigem Bindegeweb 
und elastischen Fasern, deren feinste zu oberst 
liegen^ jedoch noch überragt von dem Bindege- 
webe. Die Kerne des Bindegewebes sind spar- 
sam eingelagert. 

Fig. 5. Senkrechter Schnitt eines mit Fas^^toffexsudat 
bedeckten Pericards. 

a) Fettschichte. 

b) Aufgequollene Schidite der Serosa. Die elasti- 
schen Faserzüge sind von dinander gezerrt, daa 
Bindegewebe sehr reichlich durchctidtzt mit Kernen. 

c) Schichte des Faserstoffes. Man . sieht den Kern- 
reichthum desselben und die maschenähnliche, 
scheinbar faserige Anordnung der Kerne. 

Fig. 6. Injicirte Gefässe des Faserstoffexsudates vom 
Pericard. 



Schönbein: Katdlyti9ehe Wirksamkeit crgun. Matmm ete. 95 

a) Serosa. 

b) Geiässhaltige Schichte des Exsudates. 

c) Gefasslose Schidite. 

Fig. 7. Zottenförmige Stücke von der obersten gefass* 
losen Schichte desselben Faserstoffexsudates. 

Die Kerne sind spärlich, die Zwischensubstanz reichlich. 
Bei a ist Epithel auf einem Zottenstiele. 



Herr Pettenkofer berichtet über eine von Herrn 
Professor Schönbein in Basel eingesendete Abhandlong: 

„Ueber die katalytische Wirksamkeit organi- 
scher Materien und deren Verbreitung in der 
Pflanzen- und Thierwelt". 

Sicherlich gehören sänuntlidie Erseheinongeii , welclie 
BerzeUus mit dem Namen ,,katalji;isohe Wirkungen'^ bezeich- 
nete , immer noeh zu den unverstandenen Thatsachen der 
Chemie und vor Allem diejenigen, welche sidi auf organkche 
Materien beziehen, wie z. B. das Zerfallen des Traub^izuckers 
in Weingeist und Kohlens&ure unter dem Berührungseinflusse 
der Hefe und die Bildung der oben genannten Zackerart aus^ 
Stärke und Wasse»* unter der Mitwirkung der Diastase. 

Da ich der Ansicht bin , dass diese Gatstamg von Er- 
scheinungen ein hioher theoretiBcheB Interesse besitze und an. 
die Entdeckung ihrer nächsten Ursache ein namhafter Fort-^ 
schritt der wissenschaftlichen Chemie sieh knüpfen werde^^ 
so habe ich mich in neuer und neuester Zeit viel&ch mit 
denselben beschäftiget und namentlich die di&ch das Platii^ 
bewerkstelligte Umsetzung 4es Wa^sserstofisuperoxides i& 
Wasser und gewöhnlichen Sauerstoff wie auch die unter dem 
£infiu68i3 des gleichen Metalles eingeleitete Bildung dea 



96 SüMmp der nmih.'phfs. <)la8Me vom 13, Jmi iSes. 

Wassers aus gewöhnlichem Sauer- und Wasserstoff zum 
Gegenstände meiner Untersuchungen gemacht, toq der An- 
sicht geleitet, dass diese Vorg&nge gleidisam die Urbilder 
allar katalytischen Erscheinungen seien und daher das Ver- 
ständniss derselben zu demjenigen aller Uebrigen führen 
werde. 

Was nun die erwähnte Umsetzung des Wasserstoffsuperr 
Oxides betrifft, so suche ich die nächste Ursache davon be- 
kanntlich in dem Vermögen des Platins, das mit ihm in 
Berührung tretende ® des H0+® in umzukehren und in 
der Fähigkeit dieses mit dem ® des ausserhalb der Me- 
tallberührung liegenden Wasserstoffsuperoxides zu sich 
auszugleichen, welches als Solches mit HO nicht chemisch 
verbuiiden bleiben kann. 

Zum bessern Verständniss der nachstehenden Angaben 
muss ich zuvorderst einen der thatsächlichsten Gründe, welche 
mich zu dieser ^ni^^hme bestimmt haben, hier in Erinnerung 
bringen , näjaHdi das Verbaltai des Wasderstoffsuperoxides 
zur Guajaktinktur unter Beisein des Platins. Bekanntlich 
verhält sich diese Harzlösung üum ozonisirten Sauerstoff 
(6) genau wie der Stärkekleistfö* zum Jod. Dieselbe wird 
nicht nur vcmi freien, sondern auch gebundenen Osron 
(PO + 0) tief gebläut , während das an Wasser gebun- 
dene Antozon (6) ohne alle Wii^ung auf die besagte Tink- 
tur ist. Führt man ab^ in die HOs- haltige Harzlösung 
nur Meine Mengen sauerstofffreien Plädnmohres ein, so färbt 
sieb das Gemisch unverweilt tiefblau, geradeso wie die Tink- 
tur itir sidi allein durch das Bleisuperoxid oder irgend ein 
«nderes Ozonid geMäut wird, welche Thatsache aBein schon 
zeigt, dass unter dem Einflüsse des Platins das 9 desWas^ 
serstoffsuper(»cides die chemische Wirksamkeit des Ozons 
«rlange, d. h. nach memer Spiüaeliweise in O umgekehrt 
"Werde. 

Wie ach nun das Platin verhält, so auch die fttoigen 



Schönbein: KoMt^iache WirkgamkeU argtm. MaUrim ete. 97 

edlen Metalle z. B. das Quecksilber, Qold, Silber, Osmium 
u. 6. w., welche alle die HOs -haltige Guajaktinktur rasdi 
bläuen; von den gleichen Metallen wissen wir aber auch, 
dass sie ähnlich dem Platin das Wasserstoffsuperozid se]> 
legen, ohne dabei selbst oxidirt zu werden. Hieraus erhellt, 
dass das Vermögen dieser Körper, HOt zu katalysiren, mit 
ihrer Fähigkeit, die HOs-lialtige Guajaktinktur zu bläuen, 
innig genug verknüpft sei, um aus dem einen Verhalten auf 
das andere schliessen und annehmen zu dürfen, dass die 
beiden Wirkungen von der gleichen Ursache hervorgebracht 
werden. Es ist desshalb auch die HOi-haltige Ouajaklösung 
ein äusserst werthvoUes Untersuchungsmittel, wenn es sich 
darum handelt, in bequemer Weise Stoffe aufzufinden, welche 
nach Art des Platins das Wasserstoffsuperoxid zerlegen und 
aus den nachstehenden Angaben wird man ersehen, dass die 
Anwendung dieses Mittels mich zur Entdeckung einer grossen 
Anzahl derartiger Materien in der Pflanzen- und Thierwelt 
geführt hat. Für diejenigen, welche an solchai Untersuchung 
gen ein Interesse nehmen, sei noch bemerkt, dass ich midi 
immer einer frisch bereiteten Guajaktinktur bediene, die 
etwa l^/o Harz und ebenfalls nur wenig Wass^stofisupa*- 
oxid enthält. 

Verbreitung Jcatdly tisch mrJcender Materien in derPflanj^enweU. 

Kleber. HOs -haltige Guajaktinktur mit wenig Waizen- 
mehl zusammen gerührt, färbt sich bald tiefblau und das 
gleiche Mehl in Wasserstoffsuperoxid eingeführt, veruisacht 
eine ziemlich lebhafte Entwickelung gewöhnlichen Sauerstoff- 
gases. Da die reine Stärke weder die eine noch die an- 
dere dieser Wirkungen hervorbringt, so liesse sich schon 
hieraus vermuthen, dass dieselben von dem im Mehl entr 
haltenen Kleber herrühren. Beim Zusammenbringen frischen 
oder alten und von Stärke völlig befreieten Klebers mit. 
Wasser Stoffsuperoxid treten in der That an jenem bald so 
[1863.11. 1.] 7 



\ 



98 Sümng der math-phys. Glaase vom 13. Jmi 1863. 

viele Luftbläscben auf, dass diese ihn in die Höhe heben, 
und fan^ man das hierbei sich entbindende Gas auf, so 
verhält es sich bei näherer Untersuchung als gewöhnlicher 
Sauerstoff. 

Diastase. Geschrotetes Gerstenmalz bläut die HOt- 
haltige Harzlösung ziemlich rasch und tief, wie es auch 
unter sichtlicher Entbindung von Sauerstoffgas das Wasser- 
stoffsuperoxid verlegt. Filtrirter wässriger Malzauszug (bei 
gewöhnlicher Temperatur erhalten) vermag ebenfalls die 
HOt -haltige Tinktur zu bläuen und aus HOs eine noch be- 
merkliche Menge Sauerstoffgases zu entwickeln. Mit ver- 
hältnissmässig viel HOs vermischt, trübt sich der besagte 
Auszug unter Ausscheidung kleiner Mengen einer weissUchen 
fein zertheilten Materie, welche sowohl die HOs -haltige Harz- 
lösung zu bläuen, als auch das Wasserstoffsuperozid zu ka- 
talysiren vermag. Das erwähnte Gemisch einige Stunden 
lang sich selbst überlassen und dann filtrirt, liefert eine 
Flüssigkeit, welche die HOs -haltige Tinktur nicht mehr bläut 
und ebensowenig HOs katalysirt, während der reine Malz- 
auszug bei gewöhnlicher Temperatur diese Fähigkeit bei- 
behält, selbst nachdem er sauer geworden, sie aber bei der 
Siedhitze des Wassers augenblicklich einbüsst. Da weder 
das Dextrin noch der Traubenzucker (lösliche Bestandtheile 
des Malzes) die erwähnten Wirkungen hervorbringt, so steht 
zu vermuthen, dass an denselben diejenige im Malz enthal- 
tene Materie Theil habe, welche man Diastase zu nennen 
pflegt. Weiter unten wird man jedoch sehen, dass in jeder 
auch nicht gekeimt^ Getreideart eine in Wasser lösliche 
Materie enthalten sei, welche kalalysirend auf das Wasser- 
stoffsuperoxid einwirkt und die HOs -haltige Guajaktinktur 
2U bläuen vermag. 

Emulsin. Geschälte süsse Mandeln mit Wasser zu 
einon Brei angerieben, färben die darüber gegossene HOs- 
haltige Harzlösung in kurzer Zeit tiefblau , wie auch der 



SMtibem: JEfttal^lMbe Wirksamkmi wr^am. Mmerim eU. 99 

gleiche Brei mit HOt zusammengebracht, eine noch ziemlich 
lebhafte Entwidcelnng Ton Saaersto£^ verursacht Beim 
Erhitzeo der zerstoesenen Manddn mit Wasser auf 100^. Ter* 
Heren sie die erwähnte Wirksamkeit scfort, was yermothen 
lässt, dasB es das Emnlsin sei, weldies die besagten Wir- 
kongen yemrsacbt. 

My rosin. Wasser erst mit schwarzem Senf zosammen« 
gerieben und dann filtrirt, liefert eine Flüssigkeit, welche die 
HOa-haltige Guajaktinktnr rasch und auf das Tie&te bläut 
und übergiesst man den zerriebenen Senf mit Wasserstoff- 
superoxid, so tritt sofort eine lebhafte Entbindung von Sauer- 
stoffgas ein, welche Wirkung aber auch schcm die ganzen 
Saamenkömer hervorbringen, wie aus dm zahlreichen Luft- 
bläschen abzunehmen ist, die man bald vom Senf aufsteigen 
sieht. Beim Vermischen des wässrigen filtrirten Senfauszuges 
mit HOi findet zwar eine schwache, doch aber nodi sicht- 
liche Gasentwickelung, wie auch eine Trübung des Gemisdies 
statt, in Folge der Ausscheidung einer weissen, das Wasser- 
stoffsuperoxid jedoch nicht katalysirendoi Materie, und ver- 
mischt man eine hinreichende Menge HOa mit dem erwähn- 
ten Auszuge, so vermag derselbe die HOt -haltige Harzlösung 
nicht mehr zu bläuen. Schwarzer Senf in kochendes Was- 
ser geworfen oder dessen wässriger Auszug bis zum Sieden 
erhitzt, verliert die beschriebene Wirksamkeit beinahe augen- 
blicklich. Gelber Senf mit Wasser zerquetscht, verursacht 
ebenfalls die Bläuung der HOa-haltigen Tinktur, obwohl 
nicht ganz so rasch wie diess der schwarze thut, wie auch 
schon die ganzmi Saamenkömer bald und ziemlich lebhaft 
Sauersto%as aus HOi entbinden, und kaum dürfte nöthig 
sein, ausdriiddich zu bemerken, dass auch der gelbe Senf 
bei der Siedhitze des Wassers sein katalytisches Vermögen 
einbüsse. Dass die erwähnten Wirkungen von dem im 
schwarzen und gelben Senf enthaltenen Myrosin hervor- 
gebracht werden, dürfte um so eher zu vermuthen sein, ala 

7'^ 



100 8iUm/itg der m(ii^.-|)%«. Ciasge vom 13. Jufd 18ßS. 

alle Mittel, durch welche die Wirksarnkdit dieses Fermentes 
gegenüber dem myronsauren Kali aufgehoben wird, den Senf 
aadi .gegen das Waßserstoffsuperoxid u. s. w« untbätig mach^. 
Hefe. Dass die Bierhefe nach Art des Plaldns das 
Wasserstoffsuperoxid zerlege, hat schon Schlossberg^ beob* 
achtet und die Ergebnisse meiner eigenen darüber angestell- 
ten Versuche bestätigen durchaus die Angaben des verstor- 
benen Chemikers; ich kann aber noch beifügen, dass die 
Hefe, nachdem sie einige Zeit HOs katalysiii; hat, dieses Zer* 
setzungsvermögen verliere, wie ich auch finde, dass Hefe 
auf irgead eine Weise ihres Vermögens beraubt, die geistige 
Gährung des Traubenzuckers zu verursachen, des Gänzlichen 
unfähig ist, das Wasserstoffsuperoxid zu katalysiren. Merk» 
würdiger W^e macht jedoch die Hefe eine der wenigen 
Ausnahmen von der Jlegel, gemäss welcher Substanzen, die 
nach Art des Platins HO2 ^zerlegen, auch die HOs -haltige 
Guajaktinktur bläuen, eine Wirkung, welche die Hefe aua 
einem mir noch unbekannten Grunde nicht hervorzubringen 
vermag. Weit entfernt indessen, dass die Zahl der vegeta- 
bilisdi^ Substanzen, welche HO2 katalysiren, auf die oben- 
genannten fermentartigen Materien sich beschränkten, sind 
nach meinen Versuchen derartige Stoffe durch das Pflanzen- 
reich so allgemein verbreitet, dass es wohl kaum ein einziges 
Gewächs geben dürfte, in welchem ein solcher nicht vor- 
käme. Ich habe bereits Hunderte sehr verschiedener Pflan- 
zen (natürlich im frischen Zustande): kraut-, strauch-, baum- 
artige u. s. w., wie sie mir der Zufall gerade in die Hände 
gab, wie auch Pilze, Schimmelpflanzen u. s. \w. untersucht 
und bis jetzt noch keine gefunden, in welcher nicht eine das 
Wasserstoffsuperoxid katalysirende Materie vorhanden gewesen 
wäre. Vorab fehlte eine solche Materie weder dem Saamen 
noch der Wurzel irg^d einer der von mir untersuchten 
Pflanzen und sehr häufig finden sich derartige Substanzen 
auch in andern Theilen, z. B. in den Stielen, Blättern, Enos* 



r 



Schantein: KäMtfitstM Wirkaamkeit otyofi. MmUrimek. 101 

pen, Blöthen, Früohtea, der grimen Binde baumartiger 6e>* 
wachse u. 8. w. 

Um die Anwesenheit besagter Materien in diesen oder 
jenen PflanzentheQen zu ermittehi) hat man zunächst nichts 
Anderes zu thun, als eine kleine Menge davon mit einigen 
Tropfen Wassers in einem Spitzglase mittelst eines Glaa- 
stabes zusammen zu stossen und dann darauf ein wenig 
HOs-haltige Guajaktinktur zu giessen; färbt sich letztere 
mehr oder weniger rasch blau, so kann man sicher sein^ 
dass der untersuchte Pflanzentheil auch eine Materie mithalte, 
welche nach Art des Platins das Wasserstoffsuperozid ztt 
katalysiren vermag. Auf diese Weise die Saamen oder 
Wurzeln der Pflanzen untersucht, wird man finden, dass sie 
alle die HOa-haltige Guajaktinktur bläuen, wie auch HOi 
mehr oder minder lebhaft katalysiren, zu welchen Versuchen 
man sich der nächste besten Saamen und Wurzeln bedienen 
kann, z. B der ungekeimten Gerste, des Walzens, Hafers^ 
der Hirse, des Mohns- oder Eressensaamens, der Wurzel des 
Leontodon taraxacum, der Lactuca sativa, der rohen Ear^ 
toffel und namentlich deren Schaalen, welche besonders wirk* 
sam sind. Auch die in der Kälte gemachten und filtrirten 
wässrigen Auszt^e der Saamen und Wurzeln sämmtlicher 
Ton mir geprüften Pflanzen bringen die erwähnten Wirkungen 
hervor, was beweist, dass die in ihnen enthaltenen das 
Wasserstoffsuperoxid katalysirenden Materien in Wasser lösr 
lieh sind. Bemerkenswerth ist noch die Thatsache, dass beii 
der Siedhitze des Wassers die Saamen, Wurzeln u. s. w. 
wie auch deren wässrigen Auszüge rasch und vollständig 
ihre katalytische Wirksamkeit verlieren. Was die allgemeine 
■chemische Natur der besagten katalytisch wirkenden Pflan- 
zenmaterien betrifft, so ist all^ Grund zu der Vermuihung 
vorhanden, dass sie albuminoser Art oder dasjenige seien, 
was man Pflanzeneiweiss zu nennen j^egt. Bei der Rich- 
tigkeit dieser Vermuthung würde somit zwischen dem 



102 SiUung der ma(h,'phy$* Ckuae wm 13, Jum 1663, 

vegetabilischen und animalischen Albumin der grosse Unter* 
schied bestehen, dass jenes das Wasserstoffsuperozid zu ka- 
talysiren yermag, während diesem nach meinen Versuchen 
eine solche Fähigkeit des Gänzlichen abgeht. 

Verbreitung Tcatalytisch wirTcenäer Materien in der Thierwdt, 

Dass der Blutfaserstoff nach Art des Platins das Wasserstoff- 
superoxid zerlege, hat bekanntlich schon Thenard beobachtet' 
und unlängst ist von mir gezeigt worden, dass in einem 
ausgezeichneten Grade das gleiche Vermögen auch den Blut* 
körperchen zukomme. Mir vorbehaltend, späterhin ein voll* 
ständigeres Verzdchmss der thierischen Materien mitzutheilen^ 
welche katalysirend auf HOs einwirken, will ich für jetzt 
nur einige wenige namhaft mach^i, an denen man meines 
Wissens dieses Vermögen noch nicht wahrgenommen hat. 
Menschlicher Speichel (am wiiicsamsten ist der des Morgens 
ergossene) mit HOs-haltiger Guajaklösung zusammengerührt^ 
färbt dieses Gemisch ziemlich bald und noch deutlich blau, 
wie er auch unter noch merklicher Entbindung von Sauer* 
stoffgas HOf zerlegt, welche Wii^amkeit ebenfalls dem 
Nasenschleim zukommt. Frischer oder getrockneter Kälb^* 
magen katalysirt HOs ziemlich lebhaft;, macht aber gldch 
der Hefe dadurch eine Ausnahme von der Regel, dass er 
die H02-haltige Guajaktinktur nicht zu bläuen vermag. Wie 
der Kälbermagen verhalten sich auch alle die von mir bis 
jetzt untersuchten Schleimhäute, z. B. die Harnblase des 
Schweines u. s. w. 

Ehe ich in weitere Erörterungen der oben mitgetheilten 
Thatsachen eintrete, muss noch einer eigenthümlichen Wirk* 
samkeit katalytischer Art Erwähnung geschehen, wdche zwar 
nicht allen, doch aber vielen derjenigen Materien zukommt, 
die nach Art des Platins das Wasserstoffsuperoxid zerlege. 
Schon vor vielen Jahren ermittelte ich die ThatSache, dass 
Alle edlen Metalle den mit ihnen in Berührung tretenden 






SchMfein: KatälytMte WMsamkeit argtm, MaUrim ete, 103 

gewöhnliehoi Sauerstoff za bestimmeii yermögen, mit dem 
in Weingeist gelösten Guajak die gleiche blaue Verbindmig 
zu bilden, weldie das freie oder gebundene Ozon mit diesem 
Harz erzeugt, aus welcher Thatsache ich den Schhiss zog, 
dass unter dein Berührungseinflusse besagter Metalle der 
unthätige Sauerstoff chemisch erregt oder ozonisirt werde. 
Auch will ich hiw noch an die frühere Angabe erinnern, 
dass seiner Flüssigkeit halber das reine Quecksilber am 
Besten dazu sich eigne, die erwähnte Wirksamkeit augen- 
fiUhg zu machen, zu welchem Behufe man etwa 50 Gramme 
des Metalles und ebensoviel frisch bereitete Ghiajaktinktur 
in einer etwas geräumigen Flasche mit reinem oder atmo- 
sphärischem Sauerstoff nur kurze Zeit zusammen zu schüt- 
teln braucht, um die Harallösung auf das Tiefste zu bläuai. 
Nach meinen Beobachtungen besitzen das gleiche Vermögen 
nidit wenige derjenigen Pflanzenmaterien, welche nach Art 
der edlen Metalle das Wasserstoffsuperoadd zerlegen und 
schon vor langer Zeit machten mehrere Chemiker, z. B. 
Blanche und Taddei , darauf aufmerksam , dass bei Gegen- 
wart von atmosphärischer Luft die Guajaktinktur sich blaue, 
wenn man sie auf die Scheiben der Wurzeln oder Knollen 
mancher Pflanzen, z. B. des Leontodon tarazacum, Solanum 
tuberosum, Colchicum autumnale u. s. w. tröpfelt, wie sie 
auch der Thatsache erwähnten, dass das Guajakharz beim 
Zusammenreiben mit frischem Kleber in der Luft sich blau 
iäxbe. In einer frühem Abhandlung über die freiwillige 
Bläuung, welche die Hüte und Stiele einiger Pilze, z.B. des 
Boletus luridus, beim Zerbrechen an der Luft zeigen, habe 
ich dargethan, dass in diesen Pflanzen dn dem Guajak ähn- 
liches Harz, überdiess aber auch eine in Wasser lösliche 
Materie enthalten sei, mit der Fähigkeit b^abt, gewöhn- 
lichen Sauerstoff aufzunehmen und so zu verändern, dass 
er wie das Ozon oder die Ozonide die Guajaktinktur zu 
bläuen vermöge, bei welchem Anlasse noch erwähnt wurde. 



104 Süisung der math-phifa. CUnsee «m» 13. Juni 1863* 

dass die genannte Harzlösung auf die zerbrochenen Hüte 
oder Stiele mancher solcher Pilze gegossen, welche sich an 
der Luft nicht verändern, rasch gebläut werden. Aus diesen 
und andern Thatsachen schloss ich damals schon, dass der- 
artige Pilze in Wasser lösliche Materien enthalten, welche 
den gewöhnlichen Sauei-stoff zu ozonisiren vermögen. 

Aus den Ergebnissen meiner neuesten Versuche geht 
nun hervor, dass in allen Pflanzen, deren feste Theile, Säfte 
oder wässerige Auszüge, bei Anwesenheit von Luft für sich 
allein die Guajaktinktur bläuen, immer auch Materien vor- 
handen seien, welche gleich den edlen Metallen das Vermögen 
besitzen, das Wasserstoffsuperoxid zu katalysiren, so dass also 
aus der Fähigkeit eines Pflanzentheiles , an der Luft die 
Bläuung der reinen Guajaklösung zu verursachen, mit Sicher- 
heit auf die Anwesenheit einer organischen Materie geschlos- 
sen werden kann, welche nach Art des Platins das Wasser- 
stoffsuperoxid zerlegt. In dieser Hinsicht zeichnen sich die 
Schaalen der rohen Kartoffeln, die frischen Wurzeln, Stiele, 
Blätter und Blüthen des Leontodon taraxacum, Senecio 
vulgaris, Lactuca sativa u. a. m. ganz besonders aus, welche 
im zerquetschten Zustande die darüber gegossene Guajak- 
tinktur sofort auf das Tiefste bläuen. Stampft man die 
Schaalen der Kartoffel oder die Blätter, Stiele u. s. w. des 
Leontodon mit einigem Wasser zusammen, so wird der 
ausgepresste und filtrirte Saft die Guajaklösung ebenfalls 
stark bläuen, jedoch nach mehrstündigem Stehen diese 
Eigenschaft nicht mehr zeigen, wohl aber noch die Fähigkeit 
besitzen, die HOa-haltige Tinktur zu bläuen, um jedoch die- 
selbe nach einiger Zeit ebenfalls zu verlieren. Bemerkens«- 
werth hierbei ist die Thatsache, dass in der R^el die er^ 
wähnten wässerigen Auszüge mit der Abnahme ihres Ver- 
mögens, die Guajaktinktur zu bläuen, sich dunkler färben, 
in welcher Beziehung diejenigen der rohen Kartoffelschaalen 
oder der Blätter des Leontodon sehr augenföliige Beispiele liefern. 



Sch&nbein: jE«te%ftaeM WirkacM^ceit organ» MaUnm etc, 105 

Es kann wohl keinem Zweifel unterworfen sein, dass 
die Fähigkeit besagter Aasziige, die Onajaktinktur zu bläuen, 
a%if einem Ozongebalte dersdben beruhe und mehr als nur 
wahrsoheinlich ist, dass dieses Ozon unter dem fierübrungs* 
oinfittsse derjenigen Materien, welche das WasserstofFsuper^ 
oxid katalysiren, aus atmosphärischem seinen Ursprung 
nehme. Lässt man einen derartigen ozonhaltigen Pflanzen- 
ii*ü8zug, anstatt ihn mit Guajaklösung zu y ermischen, sich 
selbst über, so wirkt das vorhandene Ozon oxidirend zu- 
nächst auf die katalysirende Materie selbst ein, in Folge 
dessen sie zerstört wird, wie daraus erhellt, dass ein solcher 
Auszug nach längerem Stehen weder das Wasserstoflfsuper- 
ozid zu katalysiren, noch sdbst die HOs^haltige Guajaktink- 
tur zu bläuen vermag. Wahrscheinlich werden aber audi 
noch andere vorhandenen Substanzen oxidirt und dadurch 
wie ihr chemischer Bestand so auch ihr optisdies Verhalten 
verändert, wie diess aus dem Dunklerwerden des Auszuges 
hervorgeht. (In einer frühem Mittheilung habe ich gezeigt, 
dass solche oxidirenden Wirkungen auch die Nitrite und 
Nitrate hervorbringen können, welche so häufig in den Pflan- 
zensäften vorkommen.) 

Wohl bekannt ist, dass die meisten frischen Pflanzen- 
gebilde, wenn sie mechanisch verletzt, z. B* Aepfel zerquetscht 
oder durchschnitten werden, an der Luft sich bald bräunen, 
welche Färbung ohne Zweifel die Folge der Oxidation dner 
in dieser Frucht enthaltenen Materie ist. Nach meinen Ver- 
suchen enthält aber auch das Parenchym frischer Aepfel, 
Kartoffeln u. s. w. eine das Wasserstoffsuperoxid ziemUdi 
lebhaft katalysirende Substanz, wie das gleiche Parenchym 
darauf g^ossene Guajaktinktur zu bläuen vermag. Diese 
letztere Thatsache zeigt «omit, dass die besagte Substanz 
das mit ihr in Berührung tretende in überführe und 
eben dieses es sei, welches die Bräunung des zerquetsch- 
ten Apfels u. s. 'w. dadurch veranlasst, dass es auf diese 



106 Sitzung der math^-phys* Ciasse vom 13, Juni 1S63, 

oder jene in der Frucht enthaltene Materie oxidirend ein- 
wirkt. Ich mtt88 es desehalb für höchst wahrscheinlich hal- 
ten, dass die chanisehen Veränderung^, welche die mecha» 
nisch verletzten Theile so vieler frischen Pflanzen an der 
Luft so rasch erleiden, zunächst durch diejenigen in ihnen 
enthaltenen Materien eingeleitet werden, welche nach Art 
des Platins HOa zerlegen und gleich diesem Metall auch das 
Vermögen besitzen, dem mit ihnen in Berührung tretenden 
unthätigen Sauerstoff die oxidirende Wirksamkeit des Ozons 
zu ertheilen. 

Da obigen Angaben gemäss alle organischen Materien^ 
welche HO» zu katalysiren vermögen, schon beim Siedpunkt 
des Wassers diese Fähigkeit verlieren und mit derselben 
auch das Vermögen einbüssen, für sidi allein ^schon die 
Guajaktinktur zu bläuen, also chemisch erregend auf atmo- 
sphärischen Sauerstoff einzuwirken, so macht es diese That- 
Sache erkErlich, wesshalb pflanzliche und thierische Gebilde, 
nachdem sie erhitzt worden, nicht mehr die gleidien und 
so raschlli Zersetzungserscheinungen zeigen, welche wir an 
ihnen im frischen und verletzten Zustande schon bei gewöhn- 
licher Temperatur auftreten sehen. 

Nachdem gezeigt worden, dass durch die ganze Pflan- 
zen- und Thierwelt Material verbreitet seien, welche nach 
Art des Platins HOs in Wasser- und gewöhnlichen Sauerstoff 
umzusetzen vermögen, so dürfte es jetzt am Orte sein, die 
Beziehungen hervorzuhebai , in welchen diese allgemeine 
Thatsache zu anderweitigen katalytischen Erscheinungen stehe* 
Von einer Anzahl vegetabilischer Materien ist wohl bekannt, 
dass unter ihrem Berührungseinflusse gewisse organische 
Körper in verschiedene Substanzen umgesetzt oder gespalten 
werden, ohne dass die erstem zur Bildung der letztere 
stofflich etwas beitrügen. Die Hefe zerlegt den Trauben- 
zucker in Weingeist und Kohlensäm*e; das Emulsin das 
AmygdaUn in Traubenzucker, Bittermandelöl und Blausäure; 



Seh&nbein: KaMytUehe Wirksamkeit organ. Materien eU, 107 

das Mj^osin das myronsaure KmIi in das flüchtige Senfol, 
Traubenzacker , Kalisul&t und Schwefel, wie uns Letzteres 
die neuesten Untersuchungen MilPs in so schöner Weise 
gezeigt haben. Andere organische Materien besitzen das 
entg^engesetzte Vermögen, gewisse Substanzen zur chemi- 
sehen Verbindung zu bestimmen , ebenfalls ohne dabei in 
stoffliche Mitleidenschaft gezogen zu werden. Unter dem 
Berührungseinflusse der Diastase oder des Speichels vereini- 
gen sich Stärke und Wasser zu Tranbenzudcer, wie nach 
meinen Versuchen auch der Kleber und das Emulsin die 
gleiche Wirkung hervorbringen. Es scheint mir nun eine 
höchst beachtenswerthe Thatsadie zu sein, dass alle die 
genannten fermentartig- oder katalytisch wirkenden Materien' 
zugleich auch die Fähigkeit besitzen, nach Art des Platins 
HOs zu zerl^en, ein Zusammengehen verschiedener Wirk- 
samkeiten, welches der Vermuthung Baum geben muss, dass 
dieselben aus der gleichen Ursache entspringen. Und einer 
solchen Vermuthung kann man sich um so weniger erwehren, 
als die Erfahmng lehrt, dass mit der anen dieser Wirk- 
samkeiten auch die andere verschwindet. Werden z. B. das 
Myrosin, Emulsin, die Hefe, Diastase u. s, w. bis zum Sied- 
punkte des Wassers erhitzt, so büssen sie dadurch nicht nur 
das Vermögen ein, die Umsetzung des myronsauren Kalis, 
Amygdalins, Traubenzuckers oder die Zuckerbildung aus 
Stärke und Wasser zu bewerkstelligen, sie sind nun auch 
nicht mehr fähig, das Wasserstofisuperoxid zu katalysiren. 
Wenn aber angenommen werden darf, dass die erwähn- 
ten Umsetzungen u. s. w. durch die gleiche Ursache bewirkt 
werd^, welche die Katalyse des Wasserstoffsuperoxides ver- 
anlasst, so wird es auch gestattet sein, die letztere als 
einen Vorgang zu betrachten, der gleichen Gattung von Zer^ 
Setzungserscheinungen angehörig, zu welcher wir z. B, die 
Umsetzung des Traubenzuckers in Weingeist und Kohlen- 
säure zählen, d. fa. als eine ächte Gährung, bei welcher das 



108 Sitzung der math^-phys. ClasBt vom 13, Juni 1863, 

Superoxid die Rolle des Zuckers und das Platin diejenige 
der Hefe spielt. Bekanntlich hat schon Berzelius die durch 
die edlen Metalle verursachte Zersetzung des Wasserstoff- 
superoxides mit der durch die Hefe bewiikten geistigen 
Gährung des Traubenzudcers verglichen, ohne jedoch in eine 
weitere Erklärung dieser Erscheinungen einzutreten. 

Gehen wir nun von der Annahme aus, dass die besagte 
Umsetzung des Wasserstoffsuperoxides in Wasser und ge- 
wöhnlichen Sauerstoff ein Vorgang sei, seiner nächsten Ur- 
sache nach vergleichbar mit der Umsetzung des Trauben- 
zuckers in Weingeist und Kohlensäure, so dürfte es auch 
zulässig sein, aus der erlangten KenntHiss der nächsten Ur- 
sache de» einen dieser Erscheinungen auf diejenige der an- 
dern zu schliessen oder doch Vermuthungen darüber zu 
schöpfen, und da nach meinem Dafürhalten bis auf diese 
Stunde das ganze GeMet der Gährungsphänomene ein noch 
unaufgelöstes Räthsel für uns ist, so muss jede Andeutung, 
welche irgendwie verspricht, der Enthüllung dieses Geheim- 
nisses uns näher zu führen, dem chemischen Forscher höchst 
willkommen sein. 

Die Ergebnisse meiner neuesten Untersuchungen haben 
mich in meiner alten, schon zu wiederholten Malen ausge- 
sproch^en Vermuthung nur bestärken können, dass die 
durch das Platin bewerkstelligte Zerlegung des Wasserstoff- 
Superoxides das Urbild aller Gährungen sei und dessbalb 
auch geneigt gemacht, die Deutung , welche ich jenem Vor- 
gange gebe, im Allgemeinen auf sämmtliche katalytische 
Erscheinungen auszudehnen. Wiederholt habe ich darzuthun 
versucht, dass die durch das Platin verursachte Katalyse des 
Wasserstoffsuperoxides auf einer allotropen Zustandsv^n- 
derung beruhe, welche dieses Metall im zweiten Sauerstoff- 
äquivalent jenei' Verbindung bewerkstelligt. Worauf nun .^ 
auch immer der eigenthümliche Zustand dieses Sauerstoffes 
selbst beruhen mag, sicher ist, dass jede Veränderung des- 



Schotibeini EaM9ti$€ke WirJuamkeit ergan. Materim eU. 109 

selben dasZerfaUen des Superoxides oach sieh ziehen müsste 
und es kommt also jetzt nur darauf an, ob wohl ermittelte 
Thatsadien vorliegen, welche zu der Annahme Tei*8chiedener 
Zustände des Sauerstoffes und ihrer Ueberfiihrbarkeit in 
einander berechtigen^ Ich habe diese Frage schon längst 
im bejahenden Sinne beantwortet und desshalb die Zerlegui^ 
nicht nur des Wasserstoffsuperoxides , sondern auch noch 
einer grossen Zahl anderer sauerstoffhaltigen Verbindungen, 
nnter dem Einflüsse gewichtloser Agentien: der Wärme, des 
Lidites und der £lektricität (die Thermo-, Photo- und Elek« 
trolyse) bewerkstelligest, auf allotrope Zustandsveränderungen 
des Sauerstoffes als die nächste Ursache zurückzufuhren ge- 
sucht. Wenn ich aber vom Sauerstoff eine solche Verschie- 
denheit und Veränderlichkeit allotroper Zustände annehme, 
so muss ich es für möglich halten, dass auch noch andere 
einfachen Stoffe ein ähnliches Verhalten zeigen und diess 
um so eher, als bereits Thatsadien vorliegen, welche die 
AUotropisirbarkeit des Kohlenstoffes, Phosphors u. s. w« 
ausser Zweifel stellen und zugleich darthun, dass auch das 
chemische Verhalten dieser Körper mit ihren allotropen Zu* 
ständen mehr oder weniger sich ändere. Könnten nun ein 
oder mehrere Grundstoffe, welche in die Zusammensetzung 
einer organischen Materie eingehen, verschiedene solcher Zu- 
stände annehmen und liessen sich dieselben wie diej^gen 
des Sauerstoffes ineinand^ überführen, so müsste eine der- 
artige Materie entweder eine isomere Modification oder eine 
Umsetzung in verschiedenaiüge Substanzen erleiden, sobald 
unter dem Einfluss irgend eines Agens auch nur ein Be- 
standtheil der besagten Verbindung eine solche Zustandsver- 
änderung erlitte, weil dadurch die ursprünglichen Beziehungen 
aller ihrer Elemente zu einander ebenfalls verändert würden* 
Was diejenigen organischen Materien betrifft, unter 
deren Berührungseinfluss gewisse Substanzen, z. B. Wasser 
und Stäi*ke sich chemisch verbinden, so gleichen sie auch 



110 SiUung der fmUh.-phys, Clasae vom 13, Juni 1B6S. 

in dieser Hinsicht dem Platin, welches bekanntlich den nn- 
thätigen Sauerstoff ~7a bestimmen rerma^, schon bei gewöhn- 
lidier Temperatur mit dem Wasserstoff zu Wasser sich zu 
vereinigen, wie auch noch anderweitige Oxidationswirkungen 
herrorzubringen , z. B. den Weingeist in Essigsäure zu ver- 
wandeln, welche Wirkungen zu verursachen dieser Sauerstoff 
für sich allein nicht fähig wäre. Dass nun das Vermögen 
des Platins, HO + @ in HO und umzusetzen, eug zu- 
sammenhänge mit der Fähigkeit des gleichen Metalles, H 
und zur Wasserbildung zu bestimmen, kann wohl kaum 
bezweifelt werden, welcher Zusammenhang nach meinem 
Dafürhalten auf dem Vermögen des Platins beruhet, wie das 
6 des Wasserstoffsuperoxides, so auch das freie in 6 
tiberzuführen, wodurch in dem einen Fall eine Zersetzung, 
in dem andern eine Verbindung bewirkt wird. Vergleichbar 
der erwähnten Synthese ist die unter dem Berührungseinflusse 
der Diastase oder des Speichels bewerkstelligte Bildung des 
Traubenzuckers aus Stärke und Wasser, welche letztere Materien 
als solche eben so wenig fähig sein dürften, sich chemisch 
miteinander zu verbinden, als der gewöhnliche Sauerstoff in 
der Kälte mit dem Wasserstoff sich vereinigen kann; indem 
es scheint, als ob die Stärke erst in das ihr isomere Dex- 
trin übergeführt werden müsste, ehe sie mit Wasser zu der 
besagten Zuckerart zusammenzutreten vermag und desshalb 
vielleicht anzunehmen wäre, dass die Stärke durch die Dia- 
stase u. s. w. in ähnlicher Weise verändert werde, wie der 
gewöhnliche Sauerstoff durch das Platin. Eine weitere be- 
meikenswerthe Aehnlichkeit zwischen der Wirksamkeit dieses 
Metalles und derjenigen emer Anzahl organischer Materien 
besteht darin, dass die letztem gleich dem Platin, sowohl 
zerlegend als verbindend, auf gewisse Substanzen einwirken 
können. Das Emulsin z. B. zerlegt das Amygdalin, bestinunt 
aber auch die Stärke und das Wasser, zu Zucker sich zu 
verbinden; die Hefe spaltet den Traubenzucker in Weingeist 



Schonbein: KtxtaHytüehe Wirksamkeit organ. MaiUrien etc. Hl 

und Kohlensäure, wie sie den Bohrzndcer anr^, mit Wasser 
Traabenzucker zu bilden. 

Den Yorangegangenen Auseinandersetzungen gemäss gienge 
also meine Ansicht dahin, dass alle die besprochenen Zer- 
setzungen, isomeren Veränderungen und chemischen Verbin- 
dungen unorganischer und organischer Materien, welche unter 
dem Berührungseinfluss gewisser Körper bewerkstelUget wer- 
den, zunächst auf allotropen Zustandsveränderungen des einen 
oder andern dabei betheiligten dementaren Stoffes beruhten, 
dass also z. B. das Zerfallen des Traubenzuckers in Wein- 
geist und Kohlensäure herbeigeführt würde in Folge eines 
allotropisirenden Einflusses, welchen unter geeigneten Um- 
ständen die Hefe auf einen oder mehrere Grundstoffe des 
Zuckers ausübte, wodurch deren chemische Beziehungen zu 
mander so verändert würden, dass sie in ihrem ursprüng- 
lichen Verbindungszustand ebensowenig ab die Bestandtheile 
des unter den allotropisirenden Einfluss des Platins gestellten 
Wasserstoffsuperoxides verharren könnten. Wie also unter 
solchen Umständen HOs in Wasser und gewöhnlichen Sauer- 
stoff zerfällt, so der Traubenzucker in Weingeist und Koh- 
lensäure. 

Aus dem Gesagten ersieht man, dass die Ansichten, 
auf welche meine Vermuthung über die nächste Ursache der 
katalytischen Erscheinungen sich stützt, wesentlich abweichen 
von d^ heutigen Vorstellungen der Chemiker, für welche 
die Unveränderlichkeit eines einfachen Stoffes mit dem Be- 
griff eines Elementes zusammenfallt und die desshalb auch 
annehmen, dass alle chemischen Vorgänge auf einer Ver- 
bindung der für unveränderlich gehaltenen kleinsten Thdl- 
chen verschiedenartiger Elemente mit — oder auf einer 
Trennung derselben von einander beruhen. Diesen Vorstel- 
lungen gemäss muss man daher die Ursache der Bildung 
oder Zersetzung einer chemisdien Verbindung ausserhalb der 
Stofflichkeit ihrer elementaren Bestandtheile suchen: in An- 



112 Süetmg der m(iUih.--phy8, Gasse vom 13. Juni 1663, 

Ziehungen oder Abstossungen, d. h, in Bewegungen ihr^ 
kleinsten Theilchen, durch die Wärme, das Licht, die Elekr 
tricität u. s. w. veranlasst und darf man natürlich nicht 
daran denken, dass die nächste Urs^^che chemischer Verbin- 
dungen und Trennung^ auch in Zustandsyeränderungen li&r 
gen könnte, welche die kleinsten Theilchen der dabei bethei- 
ligten Grundstoffe selbst erleiden. Wenn ich nun in den 
chemischen Erscheinungen noch etwas Anderes als ein blosses 
An-, üeber-, Durch- und Auseinanderschieben gleich- oder 
verschiedenartiger Atome sehe und eine gewisse Veränder- 
lichkeit der Stoffe, welche wir einfache nennen, für mehr 
als nur wahrscheinlich halte, so bedarf meines Bedünkens 
eine solche Abweichung von den herrschenden Vorstellungen 
d^s Tages um so weniger einer Entschuldigung, als die 
heutige chemische Atomistik selbst nichts Weiteres als eine 
Hypothese und noch weit davon entfernt ist, uns von dem 
gesammten Erscheinungsgebiete der Chemie genügende Rechen- 
schaft geben zu können. 

Noch muss ich einige Bemerkungen über die physiolo- 
gische Bedeutung machen, welche mir die Thatsacbe zu ha- 
ben scheint, dass die ganze Pflanzen- und Thierwelt von 
katalytisch wirkenden Materien im eigentlichsten Sinne des 
Wortes durchdrungen ist, eine Thatsache, von der kaum an- 
genommen werden dürfte, dass sie eine rein zufällige sei. 

Wenn die Erfahrung lehrt, dass keinem der bekannten 
Fermente das Vermögen fehlt, nach Art des Platins das 
Wa^sserstoffsuperoxid zu zerlegen und es ferner Thatsache 
ist, dass der Verlust ihres Vermögens, Gährungen zu ver- 
ankssen, immer ^uch denjenigen ihrer Fähigkeit, HO2 zu 
katalysiren, nach sich zieht, so dürfen wir aus dem unzer- 
trennlichen Zusammengehen und Verschwinden dieser Wirk- 
samkeiten wohl schliessen, dass beide von der gleichen Ur- 
sache herrühren, also z. B. die Hefe aus demselben Grunde 
den Traubenzucker in Weingeist und Kohlensäure umsetze. 



Si^i&nbein: KiUalyti$6he Wirksamkeit wgon. MaUrim etc. IIS 

wesshalb sie das Wasserstoffimperoxid in Wasser and Sauer- 
Stoff zerlegt, mag dieser Grand liegen wo nur immer« 
Ueberdiess ist aber noch wahrscheinlich, dass jede organische 
Materie, welche nach Art des Platins HOi z« zerlegen ver- 
mag, aach die Fähigkeit besitze, noch anderweitige kataly- 
tische Wirkungen synthetischer und analytischer Art auf 
pflanzliche oder thierisdie Substanzen hervorzubringen, in 
ähnlicher Weise, wie das Myrosin, Emulsin u. s. w. diese 
thun. Die Thatsache, dass durch das ganze Pflanzen- und 
Thi^rreich Materien verbreitet sind, welche das Wasserstoff* 
Superoxid katalysiren, gibt daher auch der V^muthung 
vollen Raum, dass dieselben sämmtlich wirkliche Fermente 
d. h. Substanzen seien, mit dem Vermögen b^abt, auf diese 
oder jene mit ihnen in Berührung kommende organische 
Materie katalytisch einzuwirkooi. 

Bdcanntlich ist schon öfters die Ansicht aasgesprochen 
worden, dass manche in leb^iden Pflanzoi und Thieren 
stattfindenden chemischen Vorgänge auf ähnlichen Ursachen 
beruhen dürften, durch welche die sogenannten Gährungen 
veranlasst werden, ohne dass aber für die Richtigkeit dieser 
Vennuthung bis jetzt genügende thatsächliche Beweise bei- 
gebracht worden wären. Ich halte nun dafür: die allgemeine 
Verbreitung katalytiscli wirksamer Materien durch die Pflan- 
zen- und Thierwelt spreche deutlichst zu Gunsten der An- 
nahme, dass eine grosse Zahl stofflicher Veränderungen, 
welche im lebendm Organismus Platz greifen, auf eine ganz 
ähnliche Weise bewerkstelUget werde, wie die Umsetzung 
des Traubenzuckers in Weingebt und Kohlensäure durch die 
Hefe, die Ueberführung der Stärke in Gummi durch die 
Diastase und die Bildung des Traubenzuckers aus Stärke 
arnd Wasser durch den Speichel u. s. w. 

Von einer ganz besondem chemisch-physiologischen Be- 
deutung sdieint mir die Thatsache zu sein, dass dieSaamen 
^ämmtlicher von mir untersuchten Pflanzen eine Materie ent- 

[1863 n. 1.] 8 



114 Sitzung der math,'phj/8. Clas^e vom 13, Juni 1S6S, 

halten, welche das Wasserstoffsuperoxid zu katalysiren ver- 
mag , also das allen Fermenten gemeinschaftliche Merkmal 
besitzt, wesshalb auch die Vermuthung sehr nahe liegt, dass 
eine solche Substanz schon bei dem Keimen der Saamen 
eine einflussreiche Rolle spiele, d. h. die stofflichen Verän- 
derungen einleite, welche den Keimungsvorgang begründen. 
Diese Vermuthung scheint mir durch die Thatsache zur Ge- 
wissheit erhoben zu werden, dass die Keimungsfähigkeit jedes 
Pflanzensaamens durch alle die Mittel aufgehoben wird, 
welche denselben seines Vermögens berauben, das Wasser- 
l^toffsuperoxid zu katalysiren oder die HOs^ haltige Guajak- 
tinktur zu bläuen. 

Da mir diese Thatsache für die vorliegende Frage von 
grosser Bedeutung zu sein scheint, so will ich hier nach- 
holen, was schon weiter oben hätte vorgebracht werden 
sollen, nämlich die Angabe eines Mittels, durch welches alle 
organischen Materien ihres Vermögens, HOt zu katalysiren, 
sofort beraubt werden können und dieses Mittel ist der 
Schwefelwasserstoff. Wird zu den frischen wässerigen Aus- 
zügen von Pflanzentheilen , z. B. der Kärtoffelschaalen , der 
Blatter des Leontodon taraxacum, des schwarzen Senfes u. s. w., 
welche noch sichtliche Mengen Sauerstoffgases aus dem ihnen 
beigemischten Wasserstoffsuperoxid zu entbinden und ent- 
weder schon die reine oder doch die HOs- haltige Guajak* 
tinktur zu bläuen vermögen, nur eine verhältnissniässig sehr 
kleine Menge HS -haltigen Wassers gefügt, so verlieren sie 
die erwähnte Wirksamkeit augenblidclich geradeso, als ob 
sie bis zum Sieden erhitzt worden wären. Lässt man mit 
einer das Wasserstoffsuperoxid katalysirenden Materie be- 
haftete Pflanzentheile, z. B. Blätter des Leontodon oder die 
Schaalen roher Kat offein in einer HS -haltigen Atmosphäre 
einige Zeit verweilen, so verlieren sie ihr katalytisches Ver- 
mögen: es entwickeln sich an den so behanddten und in 
HOs eingeführten Schaalen u. s. w. keine Gasbläschen mehr 



Schönbein: Katalytische WirJesamkeit crgan. Materien ete, 115 

» 

und haben sie auch die Fähigkeit verloren, den gewöhnlichen 
Sauerstoff zu ozonisiren , d. h. die Guajaktinktur zu bläuen. 
Worauf nun auch immer diese Zerstörung des katalytischen 
Vermögens besagter Materien beruhen mag, sicher ist, falls 
dasselbe nach meiner Annahme eine maassgebende Rolle bei 
der Keimung spielen sollte, dass diejenigen Saamen, welche 
der Einwirkung des Schwefelwasserstoffes gehörig lange aus- 
gesetzt gewesen wären, nicht mehr keimen könnten. Und 
so verhält sich in der That die Sache auch. Mohnsaamen u.s. w., 
welchen ich 36 Stunden lang der Einwirkung des Schwefel- 
wasserstoffgases ausgesetzt sein liess, hatte seine Keimungs- 
fähigkeit gänzlich verloren, wie derselbe auch im Z3rstampf- 
ten Zustande die darüber gegossene HOs- haltige Guajak- 
tinktur nicht mehr zu bläuen vermochte. Selbstverständlich 
wird die Keimkraft der Saamen auch dadurch zerstört, dass 
man dieselben einige Zeit in HS-haltiges Wasser eingeweicht 
sein lässti 

Aus diesen Angaben erhellt somit, dass ein Pflanzen- 
saamen mit seinem Vermögen, das Wasserstoffsuperoxid zu 
katalysiren, auch die Keimfähigkeit verliert, woraus wohl 
geschlossen werden dürfte, dass die katalytische Wirksam- 
keit der Saamen an der Keimung derselben wesentlich be- 
theiliget sei. Bereits ist erwähnt worden, dass alle organi- 
schen Materien mit dem Vermögen begabt, HOt zu kataly- 
siren, dasselbe bei der Siedhitze des Wassers verlieren und 
wohl bekannt ist, dass unter den gleichen umständen auch 
die Keimfähigkeit der Saamen verloren geht, eine weitere 
Thatsache, welche zu Gunsten der Annahme spridit, dass 
die in jedem Saamen vorhandene das Wasserstoffsuperoxid 
katalysirende Substanz es sei, welche den Vorgang des Kei- 
mens einleite. Hieraus scheint mir auch die von Herrn Dr. 
Fritz Burkhardt gemachte Beobachtung erklärlich zu werden^ 
welcher gemäss schon bei 60^ das Keimen der Saamen nicht 
mehr stattfindet. 

8* 



116 Sitzung der matK-phy». Cla8$e vom 13, Juni 1863, 

Es darf wohl als sicher ermittelte Tbatsache gelten^ 
dass die Anwesenheit von SauerstofiFgas eine unerlässUch 
nothwendige Bedingung für d)as Keimen sei und da bei die* 
sem physiologischen Vorgange Kohlensäure gebildet wird, 
so darf man hieraus auch schliessen, dass im ersten Stadium 
der Entwickelung der Pflanzen Oxidationsprocesse innerhalb 
des keimenden Saamens stattfinden. Da aber der den Saa- 
men umgebende atmosphärische Sauerstoff im unthätigen 
Zustande sich befindet, so muss derselbe erst zur chemischen 
Wirksamkeit angeregt werden, bevor er auf irgend dnen 
Bestandtheil des Saamens oxidirend dnzuwirken vermag und 
wie ich vermuthe, ist es gerade eine Hauptbestimmung der 
keinem Saamen fehlenden katalytisch wirksamen Materie, 
den mit ihr in Berührung tretenden atmosphärischen Sauer* 
Stoff chemisch zu erregen, also audi in dieser Hinsicht pla- 
tinartig zu wirken. Ich habe in der Tbat mehr als eine 
Saamenart gefunden, welche mit wenig Wasser zusammen- 
gestossen, die darauf gegossene reine Guajaktinktur sofort 
mehr oder weniger tief bläuete, in welcher Beziehung der 
Saamen der sogenannten Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica) 
sich ganz besonders auszeichnet, eine Eigenschaft, welche 
erwähntermaassen mit dem Vermögen einer Materie, den 
gewöhnlichen Sauerstoff nach Art des Platins zu ozonisiren, 
eng zusammenhängt. Wenn nun erfahrungsgemass dem Pia* 
tin das zweifache Vermögen zukommt, HOs zu katalysiren, 
und dem unthätigen Sauerstoff die chemische Wirksamkeit 
des Ozons zu verleihen, so dürfte jede organische Materie, 
welche mit ersterm Vermögen begabt ist, auch das andere 
in schwächerem oder stärkerem Maass besitzen und da nach 
meinen Versuchen keinem Saamen die Fähigkeit, HOs nach 
Art des genannten Metalles zu zerlegen, gänzlich abgeht, so 
dürfte derjenige Saamenbestandtheil, welcher diese Wirkung 
hervorbringt, es auch sein, der den bei der Keimung statte 
findenden Oxidationsvorgang einleitet und zwar durch die 



Schönbein: Katälf tische Wirkeamkeit organ. MeOerien, 117 

Ton ihm bewerkstelligte Ozonisation des atmosphärischen 
Sauerstoffes. 

Obigen Angaben gemäss fehlt me d^m Saamen, so 
uadi der Wurzel keiner Pflanze eine das Wasserstoffsuper^ 
oxid katalysirende Materie, also gerade demjenigen Theile 
der Pflanzen nicht, welcher für ihr Bestehen und Wachsthum 
80 unerlässlich nothwendig ist und eben so finden sich der- 
artige Substanzen in andern Organen der Gewächse, wo 
wichtige Vorrichtungen vollzogen werden, d. h. die Bildung 
organischer Materien entweder Torbereitet wird, oder wirk- 
lich stattfindet, wie z. B. in der frischen Rinde des Stam- 
mes und der Zweige von Bäumen, in Blüthen u. s. w., 
welche Thatsache sicherlich keine Zufälligkeit sein kann und 
ihre physiologische Bedeutung haben wird. 

Da nun sowohl in der Pflanzen- als Thierwelt diejenigen 
Materien allgemein verbreitet sind, welche nach Art des 
Platins auf das Waaserstoffsuperozid einwirkai, so kann es 
kaum fehlen, dass sie hier wie dort durch ihr katalytisches 
Vermögen eine wichtige chemisch - physiolc^ische Rolle spie- 
len, d. h. sehr wesentlich zu den unaufhörlidien und zahl- 
reichen Stofifwandelungen beitragen, welche im thieriscben 
Organismus stattfinden. In einer meiner letzten Mittheilungen 
ist bereits gezeigt worden, dass die Blutkörperchen ein sol- 
ches Vermöge in einem ausgezeichneten Grade besitzen und 
ich gedenke demnächst auf diesen so merkwürdigen Gegen- 
stand zurückzukommen, wie überhaupt die katalytische Wirk- 
samkeit thierischer Materien etwas einlässlicb zu behandeln. 

Mag nun, um zum Schlüsse dieser Abhandlung noch 
einige Worte zu sagen, die allgemeine Deutung, welche ich 
den katalytischen Erscheinungen zu geben versucht habe, 
richtig oder irrig sein, jedenfalls haben nach meinem Dafür- 
balten die oben besprochenen Thatsachen ein nicht geringes 
theoretisches Interesse ^ ind^n sie in der That die höchsten 
Fragen der chemischen Wissenschaft berühren, wesshalb die- 



}18 Süzung 'der mathrphy», Ciasee vom 13. Juni 18$3, 

selben namentlich der Beachtang der Physiologen werth sein 
dürften und zwar um so eher, als diese es am Besten wissen 
müssen, wie äusserst lück^haft und unvollkommen unsere 
Kenntnisse von der nächsten Ursache der stofflichen Um- 
wandelung und Erzeugung organischer Materien im lebenden 
Organismus und wie wenig begriffen selbst die einfachsten 
physiologischen Vorgänge der Pflanzen- und Thierwelt der* 
malen noch sind. 

Die Ergebnisse der Versuche, welche wir mit organi- 
schen Stoffen in unsem Laboratorien anstellen, können wohl 
auf die chemischen Vorgänge, wie sie im lebenden Organis- 
mus stattfinden, bisweilen einiges Licht werfen ; indessen will 
es mir doch scheinen, als ob in der Regel die Art und 
Weise , wie der Chemiker mit dieseij Materien umgeht , im 
Vergleich zu den Umständen, unter welchen in Pflanzen und 
Thieren die Stoffbildungen und Wandelungen zu Stande 
kommen, so gewaltsam sei, dass bis jetzt nur in wenigen 
Fällen yom Chemismus des Laboratoriums auf denjenigen 
der lebendigen Natur geschlossen werden konnte und man 
leider von dem Erfolg unserer mühevollsten Arbeiten dieser 
Art mit dem Dichter nur zu oft sstgen muss: „Zum Teufel 
ist der Spiritus, das Phlegma nur geblieben^'. Es muss 
desshalb äusserst wünschenswerth erscheinen, Mittel und 
Wege der Forschung aufzufinden, mehr als die bisherigen 
geeignet , uns zum Verständniss der so feinen chemischen 
Vorgänge zu führen, welche in der lebendigen Thier- und 
Pflanzenwelt stattfinden. 



Nägeii: Stärkekämer und ZeUmewifMranen, 119 

Herr Nägeli sprach 

„Ueber die chemische Zusammensetzung 
der Stärkekörner und Zellmembranen.^ 

Die Untersuchungen über die Beaction des Jod, welche 
Gegenstand mehrerer früherer Mittheilungen (Sitzung vom 
13. Dec. 1862, 14. Febr. und 16. Mai 1863) waren, lassen 
Auch einige Schlüsse über die chemische Zusammensetzung 
der Stärkekömer und pflanzlichen Zellmembranen zu. Da 
das Amylum und die Mehrzahl der Zellen aus isomeren Ver- 
bindungen zusammengesetzt sind, welche die nämlichen Zer- 
äetzungsprodukte liefern, so wurden bisher zur Unterscheidung 
dieser Verbindungen die verschiedene Löslichkeit und das un- 
gleiche Verhalten gegen Jod als die einzigen Merkmale be- 
nutzt, und der jetzige Standpunkt unserer Kenntnisse erlaubt 
noch keine f^idere Behandlung. 

Die grosse und fast unüberwindliche Schwierigkeit be- 
steht nun aber darin, dass Stärkekömer und Membranen nie 
ganz ohne fremde Einlagerungen sind, dass die letztem in 
Quantität und Qualität unzählige Abstufungen und Combi* 
nationen zulassen, und dass schon aus diesem Grunde, selbst 
wenn die Gmndlage der Stärkekömer und Membranen die 
nämliche wäre. Lösliohkeit und Jodreaction die mannigfaltig- 
sten Erscheinungen zulassen würden. Desswegen war es 
nicht gerechtfertigt, wenn Schieiden früher die Behauptung 
aufteilte, dass^ die membranbildenden isomeren Verbindungen 
in zahllosen Modificationen und Abstufungen yorkommen, 
und ebenso wenig wird der in neuester Zeit gemachte Vor- 
schlag von F r e m 7, ein halbes Duzend verschiedener Stufen 
zu unterscheiden, von zwingenden Gründen unterstützt. 

Doch muss eingeräumt werden, dass die entgegengesetzte 
Ansicht von Payen und von Mohl, es bestehe die Gmnd- 
lage aller Pflanzenzellmembranen aus der nämlichen Verbin- 



120 Sitzung der nuxi^-pliys, Glosse vom 13. Juni 1863. 

dang, Dämlich aas Cellalose, nicht besser begrändet ist. 
Denn am sie zu dieser Einheit zu fähren, müssen manche 
mit Aetzkalilauge and manche mit Salpetersäure gekocht^ 
viele überdem mit concentrirter Schwefelsäare behandelt 
werden. Diese Procedaren, welche anter dem Titel der 
Beinigang ausgeführt werden, könnten ebensowohl eine che- 
mische Veränderung, d. h. denUebergang von verschiedenen 
isomeren Verbindungen in Cellalose bewirken. 

Zu den angeführten Schwierigkeiten kommt noch die 
hinzu, dass bei den Stärkekörnem und, wie ich zeigen werde» 
auch bei Zellmembranen, die Substanz aus einer innigea 
Mischung von zwei isomeren Verbindungen besteht. Wena 
es nun auch gelingt, die eine derselben auszuziehen und da- 
durch die andere allein darzustellen, so ist es bis jetzt doch 
unmöglich geblieben, die erstere durch Entfernung der zwei- 
ten ebenfalls für sich zu erhalten, so dass wir die Ver- 
gleichung nur zwischen einem Gemenge zweier Verbindungen 
und einer derselben bewerkstelligen können. 

Um das Maass der Schwierigkeiten voll zu machen, 
bestehen Stärkekömer und Zellmembranen aus verschiedenen 
Partieen (Schichten, Streifen), die physikalisch und chemisch 
ungleich constituirt sind und somit auch den Lösungsmitteli) 
ungleichen Widerstand darbieten. Daraus folgt, dass die 
Analysen vorzugsweise unter dem Mikroskop ausgeführt wer* 
den müssen, da es in keinem Falle möglich ist, eine grössere 
Menge Substanz zu gewinnen, deren kimste Partieen die 
gleiche physikalische und chemische Besdiaffenheit haben. 

Ich will mich heute auf wenige Fragen beschränken; 
sie betreffen die Identität der Cellulose in den Stärkekörnem 
mit derjenigen der Zelbnembranen und die Unterscheidung 
der Granulöse und Cellulose. 



Nägdi: Stär^hämer und Zelbnembranen, 121 

I. Identität der üellulose in den Stärkekörnern 
und Zellmembranen. 

Nachdem - ich im Jahr 1856 die Entdeckung gemacht 
und auf der Naturforscherversammlung in Wien veröSent- 
licht hatte, dass die Stärkekörner aus zwei VerbindungSQ 
zusammengesetzt seien, von denen die eine (Granulöse) durch 
Jod sich bläut, die andere (Cellulose) nicht, so machte Mel* 
&ens im Jahr 1857 (Institut 1857 pag. 161) bekannt, es 
Bei ihm gelungen, die durch Jod sich bläuende Substanz 
durch organische Säuren, Diastase, Pepsin auszuziehen. Ueber 
den Rückstand sprach er die Vermuthung aus, derselbe be- 
stehe aus einer stickstoffhaltigen und einer der Cellulose 
verwandten Verbindung. Eine weitere Mittheilung ist von 
Melsens meines Wissens nicht veröffentlicht worden. Ueber 
die von demselben erwähnten Lösungsmittel habe ich keine 
Untersuchungen angestellt; von Mo hl wird bemerkt, dass 
der Versuch, die Stärkekömer mit organischen Säuren zu 
behandeln, ihm kein günstiges Resultat geliefert habe (Bot. 
Zeit. 1859 p. 226). 

So weit es nur die mikroskopische Beobachtung der 
Kömer betrifft, so lässt die Behandlung mit Speichel nichts 
zu wünschen übrig. Aber es war mir unmöglich, aus grossem 
Mengen Stärkemehl die Granulöse auszuziehen, so dass man 
den Rückstand für eine makro-chemische Untersuchung hätte 
verw^den können. Die Sdiwierigkeit besteht darin, dass 
die Körner ungleichzeitig angegriffen werden, und dass man 
nach dniger Zeit neben solchen, die alle Granulöse verloren 
haben, noch solche findet, die ganz unverändert sind. Dem 
köimte vielleicht abgeholfen werden, wenn durch eine pas- 
sende Vorrichtung das der constanten Wärme ausgesetzte 
Gefäss in fortwährender Rotation erhalten würde. 

Jedenfalls war es wünschenswerth, noch ein anderes 
Verfahren zu finden, wodurch man die Granulöse aus dem 



122 Sitzung der math.-phtfs, Gaaae vom IS. Juni 1863. 

Stärkemehl, und zwar bei gewöhnlicher Temperatur, ausadehen 
kann. Ich setzte im December 1861 mehrere Gläser mit 
Kartoffelstärkemehl und verschiedenen Flüssigkeiten (Schwefel- 
säure/ Salzsäure, Aetzkalilösung und Aetzkalilösung mit Spei- 
chel) an. Die Säuren, sowie die Kalilösimg wurden soweit 
verdünnt, dass ein Aufquellen der Stärkekömer nicht mehr 
erfolgte. Die Gläser standen im Zimmer und wurden von 
Zeit zu Zeit geschüttelt. 

Diejenigen, in welchen Kalilösung mit oder ohne Spei- 
chel sich befand, gaben kein brauchbares Resultat; es traten 
zwar Auflösungen in sehr geringem Maasse ein, aber diesel- 
ben ergriffen die ganze Substanz, so dass der übrigbleibende 
Theil sich färbte, wie ein unverändertes Stärkekom. Dage- 
gen erwiesen sich sowohl die Salzsäure als die Schwefelsäure 
für meine Zwecke günstig ; die erstere hatte nach ^/4 Jahren, 
die letztere nach einem Jahr das Stärkemehl soweit verän- 
dert, dass es ausgewaschen durch Jod und Wasser sich nicht 
mehr blau, sondern blass gelblich färbte. Nach ^/i Jahren 
blieben die Kömer aus der verdünnten Salzsäure bei Zusatz 
von Jod vollkommen farblos. 

Ueber die Veränderungen, welche eine solche langdauernde 
Einwirkung von verdünnten Mineralsäuren in den Stärke- 
kömem hervorbringt, werde ich bei einer spätem Gelegen- 
heit Bericht erstatten. 

Den Rückstand des mit Speichel bei massig erhöhter 
Temperatur behandelten Stärkemehls habe ich als Cellulose 
bezeichnet, da ich in den bekannten Reactionen zwischen 
demselben und den gewöhnlichen Zellmembranen keinen Un- 
terschied fand. H. V. Mo hl hat gegen diese Deutung Wider* 
Spruch erhoben (Bot. Zeit. 1859 p. 225); er behimptete die 
zurückbleibende Substanz sei von der Cellulose verschieden, 
und zwar erklärte er sie als eine neue Verbindung, für die 
er den Namen Farinose vorschlug. Er führte für seine An-^ 



Nägdi: Stärkehomer und ZeUmembranen, 129 

sieht zwei Gründe an ; der eine stützte sich aof das optische 
Verhalten, der zweite auf das Verbalten gegen LösungsmitteL 

lieber die Erscheinungen, welche das polarisirte Licht 
in den organisirten pflanzlichen Substanzen (Stärkekömern 
und Zellmembranen) hervorruft, habe ich in einer frühem 
Mittheilung (Sitzung vom 8. März 1862) gesprochen. Ich 
habe gezeigt, dass die MohTsche Unterscheidung von posi- 
tiven und negativen Farben, von denen die ersteren den un- 
veränderten oder durch Speichel ausgezogenen Stärkekömern, 
die letztem den meisten Zellmembranen zugeschrieben wur- 
den, insofern dieselbe eine optische Differenz anzeigen soll, 
auf einem Irrthum beruht. Denn die kleinsten Theilchen 
der Membranen sind optisch zweiaxig, und über ihre positive 
oder negative Natur ist mit Ausnahme weniger Fälle, wo 
sie sich mir als positiv erwiesen, nichts bekannt, üeberdem 
geben zuweilen die Membranen von nahe verwandten Zellen 
und selbst die Theile der gleichen Zellen, wo eine chemische 
Verschiedenheit durchaus nicht anzunehmen ist, ungleiche 
(positive und negative) Farben im Sinne Mohl's. 

Mit Rücksicht auf die physikalischen Eigenschaften sagt 
Mohl, dass die durch Speichelferment ausgezogenen Stärke- 
kömer durch verschiedene Mittel gelöst werden, welche ge- 
reinigte Cellulose nicht merklich angreifen; er nennt kau- 
stische Kalilauge, Ghlorzinkjodlösung, Kupferoxydammoniak, 
!Nickeloxydammoniak, Salpetersäure, Salzsäure. 

Dieser Einwurf überraschte mich einigermaassen an 
einem Vertheidiger der Ansicht, dass alle Zellmembranen aus 
der gleichen Verbindung bestehen. Ist ja ihre Löslichkeit 
80 ausserordentlich verschieden, dass die einen bekanntlich 
schon in kochendem Wasser sich lösen, andei-e von Salzsäui*e, 
Salpetersäure, verdünnter Schwefelsäure, Aetzkalilösung selbst 
bei der Siedhitze nicht angegriffen werden. Diese ungleiche 
Löslichkeit hat auch Fremy die Veranlassung gegeben, 
mehrere chemische Verbindungen zu unterscheiden. Nun 



124 Sitzung der math.'phys. Gkisse vom 13. Ju»i 1863, 

weiss aber der Mikroskopiker, dass es nicht einzelne bestimmte 
Grade in den Löslichkeitsrerhältnissen der Zellmembranen?* 
sondern eine allmähliche Abstofmig von dem «inen Extrem 
bis za dem andern giebt. 

Sollte M h 1, da er schlechthin von gereinigter Cellulose 
spricht, etwa die Ansicht hegen, dass die ungleiche Lösb'ch« 
keit der Zellmembranen allein durch die eingelagei-ten fremd- 
artigen Substanzen bedingt werde? Eine solche Behauptung 
wäre zwar ferne davon, bewiesen zu sein, da Niemand auch 
nur den Beweis anzutreten versucht hat. Allein die Mög- 
lichkeit lässt sich nicht bestreiten, wenn auch, wie mir scheint, 
die Wahrscheinlichkeit nur gering ist. Wenn die festem 
Zellmembranen (z. B. Tannenholz, Baumwolle) durch alle 
möglichen Mittel gereinigt wurden, so sind sie immer noch 
unlöslicher als manche andere Membranen tmd Membran- 
theile, die gar keine Behandlung erfahren haben. 

Nach meiner Ansicht kann eine chaniseh gleich con- 
stituirte Substanz dm*ch die ungleiche Organisation auch eine 
ungleiche Löslichkeit erlangen. Sie kann mit viel Wasser 
weiche Membranen bilden, die leicht aufquellen und sich 
leicht lösen; mit wenig Wasser kann sie feste Membranei^ 
darstellen, die den Quellungs* und Lösungsmitteln viel mehr 
Widerstand darbieten. Es scheint mir diess eine Thatsache 
zu sein, welche sich dem Mikroskopiker so sehr aufdrängt, 
dass er sie wenigstens nicht ignoriren darf, wenn auch <Ue 
ungleiche Organisation ihm noch ein ungelöstes Räthsel ist^ 

Ich bezweifle nun nicht, dass man von zwei verschiede* 
nen Membranen die festere durch Behandlung mit verschie- 
denen Mitteln soweit verändera kann, dass sie ebensoleicht 
löslich wird, als die andere. Aber so weit meine Erfahrun- 
gen reichen, quillt sie dabei immer so weit auf, dass sie 
die Weichheit der weichem annimmt. Damit scheint mir 
ziemlich sicher angedeutet zu sein, dass die leichtere Lös- 



Nägdi: Stärkekörner und Zeümembranen, 125 

lichkeit nidit allein Folge der Bemigung, sondern auch der 
veränderten MolecolarBtnictnr ist. 

Ans diesem Onmde halte ich dafür, dass, wenn man 
yerschiedene Substanzen organisirter Gebilde räcksichtlich 
ihrer Löslicbkeit vergleichai will, es nur dann geschehen 
darf, wenn sie einen gleichen Grad der Dichtigkeit (oder 
Festigkeit) besitzen. Als ich daher sagte, dass die Stärke 
leichter löslich sei als Cellnlose, so habe ich ausdrücklich 
haiTorgehoben, dass beide im Zustand gleicher Reinheit und 
gleicher Dichtigkeit sich befinden müssen; und Mohl hätte 
bei der Veigleichung des durch Speichel ausgezogenen Stärke- 
mehls mit der Cellulose ebenso verfahren sollen, wenn er 
den Beweis leisten wollte, dass beide von verschiedenen Ver- 
bindungen gebildet werden. 

In der That giebt es Formen der Cellulose, welche 
ebenso leicht und leichter löslieh sind, als die durch Spei- 
chel ausgezogenen Stärkekömer. Die letztern ertragen die 
Einwirkung des kochenden Wassers, ohne sich zu verändern. 
Wenn man aber Durchsdmitte durch die Saamenlappen von 
Hymenaea üourbaril eimge Secunden kocht, so zeigt 
schon die mikroskopische Untersuchung, dass gewisse Par- 
tieen der Wandungen v^schwunden sind; es werden näm- 
lich die mittleren Schichten theilweise gelöst, indess die 
ausserste und die innerste der Einwirkung widerstehen. Bringt 
man einen Tropfen des Wassers, in welchem die Schnitte 
gekocht wurden, auf einen Objektträger, und setzt etwas Jod 
und Jodwasserstofisäure zu, so bildet sich sogleidi ein in- 
t^isiv blauer oder blaugrüner Nied^schlag. Die Gotyledo- 
nen von Mucuna verbalten sich ebenso. 

Ja, nicht nur das kodiende, sondern selbst das kalte 
Wasser löst einen bemerkbaren Thdl der Zellwandungen aus 
den Saamen.von Hymen aea, Mucuna und andem Gattun- 
gen, wie ich später zeigen werde. 

, Die Zellwandungen in den Saamenlappen von Hymenaea 



126 Sitzung der math-phys, Glosse vom IS. Juni 1863, 

und Mttcuna sind zweifellos Cellulose (von Mo hl werdeit 
sie als vorzugsweise reine Cellulose betrachtet). Aus ihrem 
Verhalten zu kochendem Wasser geht hervor, dass der Grad 
des LösHchkeit keinen durchgreifenden unterschied zwischen, 
den Zellmembranen und dem Rückstand des mit Speichel 
behandelten Stärkemehls begründe kann. 

M h 1 führt noch an; dass die Substanz der mit Speichel 
ausgezogenen Stärkekömer sehr brüchig, reine Cellulose da-* 
gegen in bemerkbarem Grade zähe sei. Wenn die wesent- 
lich verschiedene Anordnung der kleinsten Theilchen (zu einer 
soliden Kugel im einen, zu parallelschichtigen Häuten im 
andern Fall) und der durch das Ausziehen von •/» — */4 der 
Substanz gelockerte Zusammenhang der Theilchen mit dem 
daraus sich ergebenden mechanischen Folgerungen berück- 
sichtigt werden, so kann wohl der angeführte Unterschied 
nicht ernsthafter Weise für die Begründung einer chemischen: 
Verschiedenheit in Anspruch genommen werden. 

Die Annahme der „Farinose" Mohl's beruht daher ia 
allen Beziehungen auf gleich ^unhaltbaren Grundlagen; und 
wir haben nicht Ursache, sie als verschieden von der Gruppe 
von Stoffen zu trennen, welche die Substanz aller Zellmem- 
branen bilden, und die wir unter dem Namen Cellulose zu- 
sammenfassen. Ich bemerke aber ausdrücklich und ich 
werde am Schlüsse noch darauf zurückkommen, das& 
möglicher- ja wahrscheinlicher Weise unter der Cellulose 
Payen's und Mohl's mehrere chemisch-differente Verbin- 
dungen sich befinden, und dass die Amjlocellulose eine- 
d^selben ist. 

Ich habe früher (StarkekSrner pag. 182) diö Vermuthung^ 
ausgesprochen, dass manche Zellmembranen, gleichwie die 
Stärkekömer, aus Granulöse und Cellulose zusammengesetzt, 
seien. Die Vermuthung gründete sich auf die Annahme,, 
dass die betreffenden Membranen mit Jod und Wasser eine^ 
blaue Farbe aimehmen ; sie bat sich in der That durch die 



Nägeli: Stärkekdmer tmd ZeUmembratim, 127 

Versuche vollkommen bestStigt, so weit nämlich jene An* 
nähme richtig war. Wie ich in meiner letzten Mittheilmig 
(vom 16. Mai 1863) zeigte, sind es unter den Zellmembra- 
nen bloss die Flechtenschlänche, welche sich durch Jod und 
Wasser bläuen. Dieselben stimmen in ihrem Verhalten in- 
sofern mit den Stärkekömem ttberein, als ihnen durch Salz- 
säure die durch Jod sich bläuende Substanz entzogen wird. 

In allen übrigen Zellmembranen kann, seitdem nachge- 
wiesen wurde, dass Jod und Wasser keine Blaufärbung her- 
vorzurufen vermag, selbstverständlich auch die Anwesenheit 
von Granulöse nicht mehr supponirt werden; und es ist die 
Vermuthung einer analogen Zusammensetzung auf die Asci 
der Lichenen zu beschränken. Von denselben können wir 
vor der Hand annehmen, dass sie aus einer Vereinigung von 
Granulöse und Cellulose bestehen, wobei aber ebenfalls immer 
die Möglichkeit offen bleibt, dass diese beiden Verbindungen 
von der Granulöse der Stärkekömer und von der Amylo- 
cellulose, sowie von den Celluloseformen der übrigen Mem- 
branen verschieden sind. 

II. Unterschied zwischen Granulöse und Cellu- 
lose rücksichtlich ihrer Beaction gegen Jod. 

Da die Granulöse bis jetzt nicht für sieh dargestelli 
werden kann, so lässt sich auf ihre Eigenschaften nur in* 
sofern sdüiessen, als man eine Mischung von .Grannlose und 
Cellulose, d. h. die Stärke selber mit CeUuloee vergleicht* 
Es ist offenbar^ dass die Versohiedenbeiten, welche die Stärke 
g^enüber der Cellulose zeigt, ihrem Gehalte an Granulöse 
zugeschrieben weiden massen. 

Ich habe früher (Stäikekömer pag. 189, 198) den Un* 
terscfaied zwischen Stärke und Cellulose darin gefunden, dass 
£e letztere durch Jod rndtki blau gefärbt werde, und dass 
sie bei gleicher Dichtigkeit sdiwerer aufqadle und aaäx löse« 



128 Sitzung der math,'php$. Clas9e wm 13, Jum 1863, 

In Folge seitheriger UntersucLungea lassen sich diese beiden 
Uatarscbiede viel genauer präcisiren. 

Wenn ich Ton den Eigenschaften der Stärke spreche, 
so verstehe ich darunter vorzugsweise diejen^en der innem 
Substanz der Eartoffdstärkekömer. Freilich geltai sie im 
Allgemeinen für alle Stärke, da nur eine sehr dünne äusserste 
Schicht der gewöhnlichen Stärkekömer und nur von sehr 
wenigen Pflanz^organen die ganzen Stärkekömer so arm an 
Granulöse sind, dass sie sich nahezu wie Cellulose verhal- 
ten. Cellulose nehme ich in dem Sinne Payen's und 
MohTs und begreife darunter die Substanz aller Zellmem- 
branen mit Ausschluss der Flechtenschläuche, wobei aber zu 
bemerken ist, dass gewisse Membranen zuvor mit Schwefel- 
säure, andere überdem mit Aetzkali oder Salpetersäure be- 
handelt werden müssen. Die Differenz zwischen Stärke und 
Cellulose rücksichtlich ihrer Reaction auf Jod, muss nun 
folgendermaassen formulirt werden: 

1. Die Stärke färbt sich durch Jod und Wasser 
indigoblau; die gleichzeitige Anwesenheit von Jod* 
wasserstoffsäure oder Jodmetallen verändert, nach 
Maasagabe der Goncentration, diese Farbe in Vio- 
lett, Both und Gelb. Die Cellulose wird durch Jod 
und Wasser nicht gefärbt; bei gleichzeitiger Ein- 
wirkung einer geringern Menge von Jodwasserstoff- 
säure oder eines Jodmetalls erfolgt blaue Färbung, 
während steigende Mengen dieser Verbindungen sie 
in Violett, Both und Gelb umwandeln» 

Ich hatte früher ang^eben, dass reine Cellulose Uass- 
ond schmutzig - röthlich bis kupferroth oder röthUch- 
braun gefärbt werde. Diess ist, insofern es sich um die 
Einwirkung von Jod und Wasser allein handelt, unrichtig, 
wie die bessern Untersucbu^smfdthoden zeigten. Ebenso ist 
es nach den jetzigen Mittheilungen überflüssig, auf die in 
MohTs Entgegnung meiner Darstellung gegenüber aasge* 



s(H-odiene Behaoptong, „die Beaction von CeHolose und 
Stärice gegen Jod Mete gar kern braacbbares Keimzeiehen 
zur Untersoheidong dieser beiden chemischen Verbindnngeift 
dar^^, noch ireiter einsutreten. 

2. Das Jod hat eine grössere Verwandtschaft 
zu Stärke, als zn Cellulose, gleichTiel, welche an- 
dern Substanzen ausser Wasser zugleich anwesend 
sind; nur bei den höchsten Concentrationsgraden 
der Jodwasserstoffsäure, des Jodzink und d-er Schwe- 
felsäure vermag die Gellulose eine stärkere An- 
ziehung auf das Jod auszufiben, als die Stärke. 

Dieser Un^schlag in der Verwandtschaft von Jod zu 
Stärke und Gellulose ist characteristisch. Die Versuche, 
welche ihn darlegen, sind folgende. Wenn man in JodziiA:^ 
in welchem etwas Jod gelöst ist, Kartoffelstibkemehl und 
Baumwolle bringt, so färben sich die Kömer des erstem 
dunkelbraun, die Fäden der letztem rothviolett. Lässt man 
das Präparat auf d^m Objektträger ojffen stehen, so fangen 
die Stärkekömer am Rande des Präparats an aufzuquellen; 
sie, werden dabei nach Umständen intensiv kirsehroth oder 
violett, dann h^l-rosenroth und zuletzt farblos. Diese Ver- 
ändamngen des Stärkemehls schreiten alhnählieh nach der* 
Mitte des Präparats hin fort; zuletzt ist dasselbe ganz in 
farblosen Kleister umgewandelt. Die BaumwollfSden bleibe 
darin noch längere Zeit (mehrere Tage oder selbst Woch^) 
gefilrbt; sie sind zuerst violett, dann blass-rosenroth und 
werden zuletzt ebenfalls farblos. 

Diese Thatsache liess zwei Erklärungen zu: entweder 
hatte die Gellulose der Baumwolle zuletzt wirkfich^ eine 
grössere Verwandtschaft zu Jod als die Stärke, oder ihre 
dichtere Masse vermochte das Jod gegenüber Aßt Vmlunstnng 
mit grösserer Kraft zurfickzuhalten, als der stark aufgequol- 
lene Stärkekleister. Folgende Versuche zeigen, däss die erste 
Erklärung die richtige ist 

[1863. II. 1.] 9 



130 ' Sitzung der nuith.*phyi. Cla9Be tom 13, Juni ISSS. 

Der erste Versuch bestand darin, dass das Präparat, 
als es farblos geworden war, wieder langsam durch Jod- 
splitter gelarbt wurde. Die Baumwollfäden nahmen das 
Jod rascher auf; sie waren blas8*rosa, während der um* 
gebende : Kleister noch ganz farblos erschien ; sie waren 
darauf sdimutzig-rothviolett , als der Kleister erst gelb ge- . 
worden; siebehielten die nämliche Farbe, indess der Kleister 
sich nach und nach schmutsdg-blauTiolett färbte. 

Der zweite Versuch sollte zeigen, welchen.Einflass über- 
haupt die Dichtigkeit der Gellulose auf die Anziehung und 
auf die Festbaltung des eingelagerten Jod ausübt. Baum-* 
woUe wurde mit Clilorzink eiwärmt, bis sie zum Theil des- 
oiganisirt und gallertartig geworden. Nach dem Erkalten 
wui*de das Präparat mit Wasser ausgewasdbea» dann unver^ 
ändeiiie Baumwolle beigemengt^ und darauf Jodzink mit 
wenig Jod zugesetzt. Die Gallerte &rbte sich etwas schneller 
und viel intensiver, als die unveränderten .Fäden ; jene war 
intensiv-rothviolett, als diese erst bräunlichgelb war^. Bei 
Zusatz von mehr Jod nahmen die Fäden bald die gleiche 
braunrothe Farbe an, wie die Gallerte. — Das Präparat 
blieb dann mehrere Tage lang unbedeckt. Die unveränder- 
ten BaumwoUßiden Valoren zuerst das eingelagei-te Jod; sie 
waren ganz farblos, als die Gallerte noch intensiv- und leb- 
haft«kirschroth erschien. — Daraus geht hervor, dass die 
dichtere Substanz das Jod langsamer aufnimmt und sdmeller 
abgiebt, als die weichte. 

Wie die Gellulose verhält sich in dieser Beziehung auch 
die Stärke. Wenn man unverändertes Kartoffelstärkemehl 
und Kartofielstärkekleister untereinander mengt und durch 
Jod äusserst langsam färbt, so nimmt der Kleister das Jod 
«twas schndler auf, als die in demselben befindlichen un- 
anfgequoUenen Kömer. Jener ist intensiv -blau, während 
^ese erst hellblau sind. 

Diese verschiedenen Versuche beweisen, dass bei Cellu- 



Nägdi: SiätkMmer mi ZeOmmbrtmm. 131 

lose und Stihke, mit«: übrig«»« gloeheii Umstäiiden, die 
weieher^ Substanz eine grössere AiSnität so Jod hat, das« 
selbe rascher anfiiinisit nnd länger axrBdchäk, ab die dich* 
teöre. Sie zagen, dass in dem urspriingUchen Versuche die 
Cdlnlose der fiaam#olttUen ans dem Gründe länger gefärbt 
bleibt, weil sie eine grössere Anziehung auf das Jod aoszu- 
üben vermag, als die Stärke. 

Um Stärke und CeUnleise mit einander zn vergleichen, 
vnrde ferner Baomwidle in dner Afischung von Chlorzink« 
and Jodzinklösang zn einer Gallerte gdEoeht, darauf in 
Wasser aitsgewasdien, m mehrere flache Uhrgläser vortheili, 
und damit Kartoffdstärkemehl gemengt. Zu den verschie- 
denen Präparaten wurde JodzinUösung in ungleicher Üon« 
Oentration und geringe Mengen von Jod zugesetzt. Es firbte 
sich allein das Stärkemehl und zwar bei der geringsten 
Conoeniration des Jodzinks blau, bei steigender C(»centnir 
tion violett, rothbraun oder roth und oidlich feuerroth oder 
orange. Die Baumwollgallerte blieb in atl^ Fällen voll« 
k<H9QLmen farUos, wenn das Jod nicht im Ueberschuss vor- 
handen war. — Die Uhi^läser wurden unbededct stehen 
gelassen, die Farbe des Stäirk^nehls gi^g dabei in allen 
Präparaten in Feuerroth tiber, weil die JodzinUösung durch 
Verdunstung concentrirter wurde. Später quollen in Fol^^ 
noch stärkerer Verdunstung des Wassers die Stärkekömer 
auf und wurden violett, nadiher hellrosenroth und zuletzt 
fEUrblos. 

Wurde aber durch eine hinreichende Menge Jod nicht 
nur die Stärke , sondern auch die gallertartige Baumwolle 
g^rbt und darauf das unbedeckte Präparat der Verdunstung 
überlassen, so behielten die aufgequollenen Baumwollfäden 
noch ihre kirsohrothe Farbe, während die ganze übrige Masse 
farUos gewordm war. 

Eine ganz analcge Beobachtung wurde an dem Gewebe 
der Saamenlappen von Mucuna gemacht. Färbt man Durch« 

9* 



183 SiUuHff äer iii«r0^.-|»Ay#. Oki$H ^ma IB. JmU 1863. 

schnitte derselben ganz langsain mit einer Losung Von Jod- 
sink, die ^wenig Jod enthält, so färben nch anerot die in den 
Zellen enthaltenen Stärkektirner , nachher die ZeHitrände. 
Lässt man Präparate, an denen die Membranen int^ndi^ 
gefirbt sind, offen steben, so verlieren aoerst wieder die 
letzteren durch Verdampfung ein^ Tfaeil ihres Jod. Sie 
sind ziemlich hellyiolett, während die 8tärkdi6raer noch 
schwärz bleiben. Mittlarweile wird aber auch die Zinklosung 
därch Verdunstung ooncentrirter und die Stärfaekdmer in 
den bellen werden nun ihrerseits ganz farUos, indess die 
Zrilwandungen nodi lange ihren rothviolettai Ton behalten. 

Die aus diesen Verziehen henrorgehende Thatsache^' 
dasi^ die Oellnlose, wenn sie von sehr ooncentrirter Jodzink* 
lösung durchdrungen ist, eine grössere Anziehimg auf Jod 
auszuüben vermag, als die ganz unter den nämlichen Be* 
dingungen befindlkbe Stärke, dient auch dazu, eine Diffi^end 
in der Reaction gegen Jod, die man an den verschiedenen 
Schichten der Stärkeköm^ selbst beobachtet, zu erktären. 
Wenn man Kartoffelstärkemehl diuroh Jodzinkjodlösung färbt 
und das Präparat offen stehen läset, so quellen die Stäiike* 
kömer in der durch die Va^iunstung c<»centrirter werden» 
den Jodzinklösüng auf. Der frühere braune Ton geht dabei 
in Violett über. Sowie das Aufquellen beginnt, coneentrirt 
sich die stärkste Färbung auf den Umfang. Verdampft das 
Jod noch mehr, so wird die innere Masse ganz farblos und 
nur die äusserste dichtere und celluloserdche Rinde zeigt 
sich noch gefiirbt. 

' Noch schöner stellt sich die nämliche Erscheinung dar, 
wenn durch Jod gefärbtes Stärkemehl von Schwefdsäure 
durchdrungen aufquillt, wie ich sohon in emer frühem Mit» 
theilung (vom 14. Febr. 1863) erwähnt habe. Die innere 
Masse entfärbt sich vollständig, die Rinde wird intensiv Mau* 

Nach den vorher über das Verhdt^ der Stärke und 
Celluloae angeführten Beobachtungen ist nun die Ericlärung 



N^di: 84ärkekwner und Mkitm^imm, 1$3 



4ftwa Biobt cUisn zu socbea, d«sa ^ innere MlMue dtt* 
Stärkekörner in Folge der stärkeren Aufquellmig und der 
J)eBorgaM$ation eine geringere Verwandtichaft zu Jod habe, 
als die dichtere and geschiditete Binde. Die letztere deht 
bei Anweienhfiit stark ooaoentrirten Jodaiaks oder Ton Sohwef el- 
fi^nre das Jod nur deaswegen ^nei^scher an, weil sie mehr 
^JMluloae enthält. 

UL Unterschied zwischen Granalose und Cellur 
lose rücksichtlich ihrer Quellnngsfähigkeit and Löa- 

lichkeit. 

Obgleich die Oranaloee nicht fiir sich bekannt ist , so 
durfte doch, wean es sich am die Beaction g^en Jod han- 
delte, ihre Identität mit der Stärke angenommen werden, du 
4er eine Bestandtheil der letztem, nämlich die Cdlulose, 
durch Jod und Wasser gar nicht gefärbt winL Schwieriger 
.wird der Vergleich zwischen Granulöse und üellnloae, wenn 
tes sich um Quellungsfahigkeit und liöelichkeit handelt, da 
dieee Eigenschaften beiden Verbindungen, aber in uns^eichefl[i 
Maaase zuk<Hnmen. Wenn nun das Stärkemehl in einem 
Lösm^gsmittel leichter, in einem andern schwieriger löslich 
ist, als die Cellulose, so imterli^ es gar kdnem Zwrifel, 
4as8 das verschiedene Verhalten im einen imd im andern 
Falle durch den Gehalt an Granulöse bedingt wird. Wir 
werden auch geneigt sein anzunehmen, dass die Granulöse, 
wenn «e für -sich dargestellt werden könAte, in den gleichem 
Bfitteln sich leichter lösen würde, als Cellulose, in denen 
eich das Stärkemehl leichter löst und umgekehrt Allein ge- 
wiss wäre diess doch nicht; es bestände immer auch die 
MögUchkeit, dass die durch Molecularkräfte zu Stärke ver- 
bundenoi Gellalose und Granulöse sidb verhielten, wie die 
Legirungen der Metalle, welche in Lösliofakeit und andern 
jdiysikalischen Eigenschafiten häufig nicht zwischen den beiden 



134 Süsung der maiüh^phy». ClasH vom 13. Juni 1863. 

constitilireiiden Verbiadai^en bleiben, sondern über beide 
hinausgehen. 

RäeksiditKch der beiden in Frage stehenden EägeiK 
Schäften ist non als Regel festzuhalten, dass 

Stärke in Wasser, in Säuren und in Alkalien, 
sowie bei erhöhter Temperatur rascher aufquillt 
und leichter löslich ist, als reine Gellulose von 
gleicher Dichtigkeit, dass dagegen Kupferoxidam- 
moniak auf Gellulose ein grösseres Quellungs« und 
Lösungsvermögen ausübt, als auf Stärke yon der-- 
selben Dichtigkeit. Ghlorzink und Jodzink scheinen 
bezüglich ihrer Einwirkung gewissermaassen die 
Mitte zu halten, in der Art, dass sie die Stärke stär* 
ker aufquellen machen, die Gellulose aber leichter 
lösen. 

Wenn ich hier von Löslichkeit der Gellulose und Stärke 
spreche, so füge ich mich dem allgemeinen Sprachgebrauche 
und verstehe darunter die Fähigkeit einer Substanz, eich so 
in der Flüssi^eit zu vertheilen, dass dieselbe von blossem 
Auge und unter dem Mikroskop betrachtet klar und hell 
bleibt, durch das Filtrum geht und beim Stehen keinen 
Bodensatz bildet. Insofern es sich um organisirte Sub* 
stanzen handelt, reichen diese Merkmale nach meiner An» 
sieht aber nidit aus. Die unter Umständen (z. B. bei Ein«^ 
Wirkung von concentrirter Schwefelsäure auf Stärkekömer 
und manche Zellmembranen) stufenweise zunehmende Ver* 
theilung d^ Substanz in der Flüssigkeit kann so weit 
gehai, dass sie durch die angegebenen Griterien von der 
wirkhchen Lösung nicht unterschieden werd^ kann, obgl^cb 
sie diosmotisch noch nicht wie dne Lösung wirkt. Wenn 
ich nicht sehr irre, so verhält es sich so in den meiste, 
wo nicht in allen Fällen, wo Lösung der Stärke und Gellu«- 
lose angenommen wurde. 

Zuvörderst bemerke ich, dass die weichsten Formen, 



NägeU: SUIrkek&mer mid ZdlmembnMen. 135 

sowohl der Starke als der Cellalose, in diesem Siime schon 
in kaltem Wasser löslich sind. Für das Stärkemehl ist 
diess 6ch<m wie^holt und von Yerschiedenen Seiten behaup- 
tet, aber theib weit übertriebe, theils unrichtig dargestellt 
worden. Aus unverletzten Stärkekömem scheint kaltes Wasser 
nichts auszuziehen; aus zerdrtidcten Körnern löst es nur 
äusserst wenig auf; die geringe Menge der „gelösten^* Sub- 
stanz kann ziemlich gesteigert werden, wenn man durch 
längeres Zerrriben die mechanische Vertheilung befördert. 

Von dieser Löslichkdt kann sich jeder Mikroskopiker 
leicht überzeugen, wenn er auf dem Objektträger etwas 
Stärkemehl zerquetscht oder zerreibt. Ja, die geringe Zahl 
der gespaltenen Kömer in dem käuflichen Kartoffelstärke* 
mehl reidit sdion hin, um den Beweis zu liefern. Wen 
unter einem Präparat in destillirtem Wasser nur wenige 
zerbrochene Stärkekömer sich befinden und man einige Jod- 
stüdcchen auf dasselbe 1^, so wird man den Rand des 
Wassers entweder überall oder stellenweise sich blau färben 
sehen. 

Von der Cellulose wird allgemein angenommen, dass sie 
in Wasser sowohl bei gewöhnlicher, als bei erhöhter Tem«* 
peratur unlöslich sei; auch Mo hl bebt ihre „völlige Unlös- 
lichkeit in Wasser als einen Unterschied gegenüber der 
Stärke^ ^ hervor. Diess ist unrichtig, wenn wir dem Begriff 
Cellulose die Ausdehnung geben, wie von Payen und von 
Mohl vorgeschlagen wurde, d. h. wenn wir sie als die 
Grundlage der mosten pflanzlichen Zellmembranen anerken- 
nen. In diesem Falle verhält sie sich analog der Stärke; 
sie ist bei hinreichender Weichheit nicht nur in kochendem, 
sondern selbst in kaltem Wasser löslich. 

Ich habe bereits Eingangs angeführt, dass bestimmte 
Schichten der Zellwandungen in den Saamenlappen von Hy- 
raenaea und Mucuna dui*ch kochendes Wasser verschwin- 
den. Bei den gleichen Membranen löst auch das kalte 



136* Sitzung der math.-phy$. Glosse vom 13, Juni 1863, 

Wa86^ «iaea, wenn auch yiel geringem Theil auf. Fertigt 
man Durchschnitte an, die man in ^ea Tropfen Wasder 
auf den Obj^träger legt, so fai'U sich bei Zusatz von Jod 
in Jodwasserstoffsäure oder Jodzinldösuag der Rand des 
Präparates blau. Wendet maa Jod allein an, so tritt die 
Beaction erst nach einiger Zeit (wenn sich Jodwasserstoffisäure 
gebildet bat) ein. Die nämliche Beobachtung kaoii man an 
manchen Saamm (Albumen oder Cotyledonen), welche keine 
Stärke enthalten, machen. 

Die weichstai Partieen gewisser Zellmembranen lösen 
sich also in kaltem Wassei*, wie es die weichsten Partieen 
der . Stäikekömer thun. Im Uebrigen jedoch widersteht bei 
gleicher Dichtigkeit die Substanz der Membranen beinahe 
allen Lösungsmitteln viel energischer, als das Amylum. Es 
ist überflüssig Beispiele hiefur anzuführen^ 

Ich will nur einiger Thatsachen ^^ähnen, welche die 
mit verdünnter Salzsäure oder Schwefelsäure behandeltei 
Kartoffelstärkekömer darbieten. Da aus ihn^ die Granulöse 
ausgezogen wurde, so ist es sicher, dass sie auf ein gleiches 
Volumen mehr Wasser und weniger Substanz enthalten, als 
das unveränderte Eartoffelstärkemehl, dass ihre Substanz 
also eine geringere Dichtigkeit besitzt. Wenn wir somit 
gewöhnUcbe und ausgezogene Stärkekörner mit einander ver- 
^eichen und die erstem eine grössere Löslichkeit darbieten, 
so darf für Substanzen von gleicher Dichtigkeit die Differenz 
eher noch grösser angenommen werden. Innerhalb bestimm- 
ter Grenzen gilt diess auch für die QueUungsfähigkeit. 

Ein Tropfen der verdünnten Salzsäure mit den darin 
befindlichen ausgezogenen Kartoffelstärkekömern wurde auf 
einen Objektträger gebracht und damit gewöhnliche Kartoffel- 
stäikekömei: vermengt. Das Präparat bUeb unbedeckt stehen. 
In der durch Verdunstung des Wassers concentrirter wer- 
denden Salzsäure quollen die gewöhnlichen Stärkdcömer auf 
und bildeten einen Kleister, der nach und nadi eintrocknete* 



Näffdi: S^ifedtörnar umd ZMmembranm. 137 

Die an^igezogenea Köroer dagegen trodraeten ein, ohne auf- 
zuquellen. Das Präparat bestund nun aus einer homogenen, 
kleisterartigen Masse, in welcher kleine solide Kömer lagen. 

In gleicher Weise wurde ein Tropfen der verdünnten 
Schwefelsäure mit den darin befindlichen ausgezogenen Kar- 
toffelstärkekömem sammt darunter gemengten gewohnlichen 
Stärkekömem auf einem Objektträger der Verdunstung über- 
lassen. Die letztem quollen bald auf, indess die erstem 
Wochen und Monate lang unv^ändert blieben. 

Auf einem andern Objektträger von hinreichender Grösse 
wurde ferner ein Tropfen der verdünnten Schwefelsäure mit 
deq diurin befindlichen ausgezogenen Stärkekömem ausge* 
breitet; daneben wurde ein Tropfen der nämlichen Schwad* 
säure aber ohne die ausgezogenen Kömer gebracht, und in 
demselben gewöhnliches Kartoffelstärkemehl vertheilt, wobei 
darauf geachtet wurde, dass in beiden Tropfen sich unge- 
fähr gleiche Mengen von Körnern be&nden. Nach 5 Minuten 
war in Folge der Verdunstung des Wassers der Tropfen 
mit dem gewöhnlichen Stärkemehl in Kleister verwandelt. 
Die ausgezogenen Kömer schwammen nach zwei Monate 
noch scheinbar unverändert in dem andern Tropfen herum. 

Wenn m Tropfen verdünnte Schwrfelsäure auf einer 
Glasplatte, wie es in den b^den eben erwähnten Versuchen 
der Fall war, der Verdunstung prdsgegeben ist, so stellt 
sich bald ein stabiler Zustand ein, in welchem die Neigung 
des Wassers zu verdunsten und die Anziehung von Schwefel- 
säure und Wasser sich das Gleichgewicht halten. Die Gon<^ 
centration in diesem Zustande ist wenigstens so bedeutend, 
dass eine geringe Menge gewöhnliches Stäricemehl in kurzer 
Zeit in Dextrin übei^gefühii; wird, indess ^ die ausgezogenen 
Stäi'kekömer Monate lang widerstehen. Bemerkenswerth ist, 
dass dieselben nicht einmid aufquellen. 

Diess veranlasste mich noch einige Versuche, betreffend 
die Quellungsfähigkeit der ausgezogenen Stärkekömer, anzu- 



138 Sitzung der math-phfe, Gasse vom 13. JwU 1663, 

stellen, wobei sich ergab, dass diese Eigenschaft denselben 
beinahe ganz mangelt. Die mit Saksänre ausgezogeiKeki 
Kartoffelstärkekömer worden sowohl in der unveränderten 
Flüssigkeit, in der sie sich befanden, als aach nachdem dieselbe 
mit Wasser nodi mehr verdünnt worden war, bis zum Sie- 
den arhitzt und selbst mehrere Minuten lang gekocht. Sie 
quollen dabei nicht auf und bildeten somit auch keinen 
Kleister. Ebenso trat eine Lösung nicht ein, wohl aber zer- 
fielen die Kömer, indem sie sich abblätterten. Es fanden 
«ich daher nach dem Kochen in der Flüssigkeit theils schalen- 
förmige, theils kugelige Bruchstücke: die erstem bestehend 
aus einer oder mehreren Lamelle, die sich von einem 
Korn abgelöst hatten, die letztem besteheild aus der in- 
nersten durch das Abblättern frei gewordenai Partie. — 
Wurden die ausgezogenen Kartoffelstärkekömer auf dem 
Objektträger mit hinreichend concentrirter Schwefelsäure in 
Berührung gebracht, so wurden dieselben aufgelöst ; der Lö- 
sung gieng ein nur sehr unbedeutendes Aufquellen voraus. 

Wiewohl die ausgezogenen Stärkeköraer der verdünnten 
Schwefelsäure, welche dem Verdunsten ausgesetzt ist, bei 
gewöhnlicher Temperatur und der verdünnten Salzsäure bei 
der Siedhitze widerstehen, so wird doch ein sehr geringer 
Theil derselben selbst bei Abwesaiheit von Schwefelsäure 
und bei gewöhnlicher Temperatur gelöst. Diess wird durch 
folgenden Versuch bewiesen. 

Wenn man einen Tropfen der verdünnten Salzsäure mit 
den darin befindlichen ausgezogenen Kartoffelstärkdcömem 
auf dem Objektträger ausbreitet und einige Jodstückchen 
darauf legt, so färben sich die Kömer nadi einiger Zeit, 
sobald nämlich eine hinreichende Menge von Jodwasserstoff- 
säure gebildet ist , violett und blau. Etwas früher nimmt 
der Rand der Flüssigkeit stellenweise die gliche Färbung 
an. Setzt man von Anfang etwas Jodwasserstofibäure zu, 
60 tritt die Bläuung sowohl der Kömer als des Flüssigkeits-^ 



Ndgeli: SUhrhMrtier mi4 ZeUmembr^mm. 199 

randes Tiel rascher ein. Es ist also ein geringer Tfaeil der 
Cellulose in der yerdiinnten SaLssäare gelöst oder einer LS» 
snng äbolich yertheiH, und hanft sich, wie es mit den gi^ 
lösten Stoffen gewöiinlich der Fall ist, an dem Umfange des 
flachen Tropfens an. Der blaa werdende Rand enthält nicht 
etwa die aasgezogene und aufgelöste Granulöse, denn die 
£lauung durch Jod tritt erst bei Anwesenheit Ton Jodwasser- 
stoffsänre ein. 

Bemerkenswerth ist das Verhalten der unverändoten 
und ausgezogenen Stärkekömer gegen Kupferoxidanunoniak. 
Ich wusch in einem Uhrglas eine geringe Meiige des durc^ 
Salzsäure ausgezogenen Kartoffelstärkemehles aus, und über- 
goss dasselbe nach Hinwegnahme des Wassers mit einigen 
Tropfen Kui^eroxidammoniak. Die Kömer wurden alle rasch 
aufgelöst« In ein anderes Uhrglas gab ich eine gleiche 
Menge unTeränderten Kartoffelstäricemehls, befeuchtete das- 
selbe mit etwas Wasser und fügte dann eine gleiche Quan* 
tität der nämlichen Kupferoxidammoniaklösung bei. Die 
Kömer quollen ziemlich langsam auf; keines wurde gelöst 
Ein Theil derselboi wurde überhaupt nicht angegriffen, konnte 
also selbst nicht einmal zum Aufquellen gebracht werden. 

Mit dem durch Schwefelsäure ausgezogenen Stärkemehl 
wurde der gleiche Versuch angestellt, und lieferte ein ana* 
loges Resultat. Doch wurde es etwas langsamer aufgelöst, 
was damit zusammenhängt, dass es durch die Säure etwas 
weniger verändert (nicht so vollständig ausgezogen) war, als 
das in verdünnter Salzsäure befindliche. In beiden Fällen 
verschwanden die Kömer in Kupferoxidammoniak, ohne auf* 
zuquellen. 

Ghlorzink und Jodzink verhalten sich ähnlidi wie Kupfer* 
Oxidammoniak. Ein Tropfen der verdünnten Salzsäure wurde 
mit den darin befindUchen ausgezogenen und ausserdem mit 
gewöhnlichen Kartoffelstärkekömem auf den Objektträger 
gebradit und dann concentrirte Ghlorzinklösung zugesetzt 



140 Sitmmg der mafh.'phys. Glosse vom 13, Juni 1863. 

Diessdibe machte zuerst die gewSlinlichen Stärkekömer sehr 
atark aufqueUen, Neben d^selben blieben die aasgezoge^ 
TMia Körner noch kurse Zeit unverändert; dann wui*den m 
gelötti iadess die erstem nur noch stärker aufquollen, aber 
mdit in Lösung übergiengai. 

Der Versuch wurde auch so angestellt, dass zwei Tropfen 
der verdünnten Salzsäure auf einem Ol^ektträger sich neben 
einander befanden, von denen der eine nur angezogene, der 
asidere nur gewöhnliehe Eartoffelstärkdcömer in gleicher 
Mäige enthielt. Nach Einwirkung des Chlorzinks war der 
eine Tropfen in Kleister verwandelt,' der sich durch Jodzink 
blau färbte. Der andere enthielt eine Lösung, die durch 
Jodzink mne braune Färbung erhielt 

Femer wurde eine geringe Quantität des durch ver- 
dünnte Schwefelsäure ausgezogenen Stärkemehls in einem 
Uhrglafi ausgewaschen, das Wasser entfernt und dann Chlor- 
zink zugesetzt. Die Kömer lösten sich ohne aufzuquellen. 
Nach Einwirkung von Jodzinkjod zeigten sich fein granulirte 
viol^e Flocken in der Flüssigkeit. In einem andern Uhr- 
glas wurde eine gleiche Menge gewöhnlichen Kartoffelstärke- 
mehls befeuchtet und dann mit einer gleichen Quantität 
Chlorzink behandelt. Die Kömer quollen sehr stark auf 
und varsohwanden, indem sie einen scheinbar homogenen 
Kleister bildeten. Zusatz von Jodzinkjod färbte schön blau, 
und zeigte deutlich, dass nur ein sehr starkes Aufquellen, 
nicht eine Lösung stattgefunden hatte. 

Was das Jodzink betrifft, so wendete ich dasselbe nur 
in Verbindung mit Jod an. Ein Tropfen der verdünnten 
Salzsäure mit den darin befindlichen ausgezogenen und mit 
darunter gemengten gewöhnlichen Kartoffelstärkdcömem wurde 
auf dem Objektträger ausgebreitet und darauf JodzinUösung, 
in der wenig Jod enthalten war, zugesetzt. Die gewöhnlichen 
Stärkekömer färbten sich intensiv braun, die ausgezogenen 
blieben farblos. Das Präparat wurde unbedeckt stehen ge- 



N䧀li: Stäribehämer inmI ZeUmtm&nmm. 141 



laases. Die brannen (gewöliiilidien) Körner qaoUen 
edar weniger aaf und wurden rotbfiolett bis Uaanolett 
Die farblosen (anegeiogenen) Kömer wurden, meietena ohne 
aufzuquellen, immer ondeatlidier und Tersehwanden aidetafe 

Yollständig. 

Der nämlidie Versuch wurde femer so ai^estellt, dase 
mit Jod gesättigtes Jodzink in Anwendung kam, und zugleich 
60 varürt , dass auif einem andern Objektträger die gewöhn* 
liehen und die ausgezogenen Stärkekörner in zwei Tropfm 
der gleichen Flüssigkeit getrennt waren. Beide Arten von 
Körnern färbten sich sohwarzbrami. Die Präparate blieben 
unbedeckt stehen. Mit dem Verdunsten des Wassers und 
des Jod quollen die gewöhnlichen Stärkdcörner auf and 
wurden violett, Die ausgezogenen dagegen lösten sich aiif^ 
dabei blätterten sie sich in der Regel zuerst etwas ab, darauf 
wurden die Gonturen undeutlich, und schliesslich zerfloss 
das Korn, wie eine yerschwindende braune oder nolette 
Wdke. Durch Zusatz von Jod oder Jodzinkjod konnte keine 
zusammenhängende, ungelöste Substanz in der flüssigkeit 
mehr nachgewiesen werden. 

Eine kleine Partie des mit verdünnter Schwefelsäure 
ausgezogenen Kartoffelstärkemehls wurde in einem Uhrglas 
ausgewaschen, nach Wegnahme des Wassers mit Jodzink« 
lösung, welche mit Jod gesättigt war, übergössen, dann un-^ 
bededct stehen gelassen. Die schwarzbraunen Körner wurden 
auch hier mit dem Verdunsten des Wassers aufgelöst, indem 
sie mit brauner oder violetter Farbe zerflossen. 

Ich habe unter den Mitteln, welche die Gcilulose leich- 
ter lösen, als das Amylum, das Ferment der fitnlenden Kar-^ 
toffeln nicht angeführt, indem ich die Ueberzeugung nidit 
aufgeben kann, dass die S^llmembranen bloss wegen der 
eingelagerten Proteinverbindungen schneller der Zersetzung 
und Auflösung verfallen (Stärkekömer pag. 194). Mohl 



142 8i$mnff der inath.'pkif$. Gaue wm 13. Jtmi 1863. 

ifag^geQ meint, ehe diese ErklSnmg tut richtig anerkaant 
werden k&mte, mässte sie ,^dtiroh vergleicheade Beobaoh« 
tmgea über die Wirkimg dieses Fermentes auf gerdnigte 
üeUidose imd auf Stärkemehl erwiesen werd^i.'^ 

Darauf muss ich bemerken, dass nach meiner Ansicht Mohl 
sidi im Irrthnm befindet, wenn er den thatsächlichen Beweis 
mir zuzuschieben sucht. Es handelt sich um die Erklärung 
des Factums, dass in den faulenden Kartoffeln die Zellmem« 
brauen verschwinden und die Stärkekomer unverletzt bleiben. 
Ich erkläre dieses Factum aus ein^ fiir andere Fälle schon 
lange bekannten und allgemein anerkannten Ursache; ich be« 
finde mich dabd in Uebereinstimmung mit Chemikern und 
Technikern, welche seit Jahren die Cellulose des Holzes da- 
^lurch zu schätzen suchen, dass sie die eingelagerten Protein« 
Substanzen entweder z^stören oder binden. Für die faulen- 
dai Kartoffeln wird nun eine andere Erklärung vorgeschlagen; 
es wird hier ein lösendes Princip angenommen, das bisher 
tinb^cannt war. Nun scheint mir doch, dass eher die An- 
hänger dieser Theorie für ihr Novum den factischen Beweis 
zu leisten hätten. 

Ich kann mir übrigens nicht recht denken, wie Mohl 
einen Versuch ausführen will, der den Anforderungen der 
Kritik genügt. Eiweissartige Verbindungen lösen Cellulose 
und Stärke auf. Um zu ermitteln, welche der beiden Sub- 
stanzen leichter gelöst werde, mfissten beide im Zustande 
Reicher Reinheit, gleicher moleculärer Beschaffenheit (weil 
dadurch die Löslichkeit wesentlich bedingt wird) und glei- 
cher mechanischer VerÜieilung (weil die Proteinsubstanzen 
vi«rzttgsweise die Oberflächen angreifen) sich befinden. Ich 
kake es für unmöglich, diesen Bedingungen praktisch zu 
genügen. 



Nägdi: Stärlsekorner tnul Z^membranm* 143 

IV. Eine Bemerkung fiber die cheinischen Ver« 
Bindungen, welche die Zellmembranen und Stärke« 
körner zusammensetzen« 

Idb habe schon Eingangs bemerkt, dass die Frage, ob 
cBe Zellmembranen aus der nämlichen oder ans mehreren 
Verbindungen bestehen, noch weit von einer Lösung ^itfernt 
ist. Wir können bloss soviel mit Bestimmtheit sagen, dass 
wenn es nur Eine Verbindung giebt, auch die Grundlage der 
Stärkekörner mit derselben identisch i%U Die Bemerkung, 
die hier zu machen ich mir erlaube, betrifft nur die Unter* 
suchungsmethode. 

Es ist eine charakteristische Eigenthümlichkeit der or- 
ganisirten Substanzen, dass sie nicht nur fremdartige Stoffe 
in den verschiedensten Mengenverhältnissen und den mannig- 
faltigsten Gombinationen eingelagert enthalten, sondern dass 
sie überdem meistens aus zwei oft isomeren Verbindungen 
bestehen, welche innig mit einander gemengt sind. So sind 
die Stärkekörner aus Granulöse und Cellulose zusammenge- 
setzt; eine ganz analoge Zusammensetzung haben, wie ich 
oben ei-wähnte, die Flechtenschläuche und die Zellwandungen 
in verschiedenen Saamen. Auch die Protein- und Farb- 
crystalloide lassen sich in zwei Stoffe von ungleicher Lös- 
lichkeit zerlegen. Einige Thatsachen lassen mich vermuthen, 
dass noch manche andere Zellmembranen sich ebenso ver- 
halten, ja dass es vielleicht eine allen Membranen gemein- 
same Eigenthümlichkeit ist. 

Wenn diese Vermuthung gegründet ist, so kann die 
gewöhnliche mikros^emiacbe Untersuchung über die chemische 
Natur der die Zellmembranen zusammensetzenden Verbin- 
dungen lediglich keinen Aufschluss geben. Die Membranen 
müssen nicht bloss von den freunden Einlagerungen (Sal* 
zenetc.) gereinigt, sondern sie müssen auch in die verschie« 
denen isomeren Verbindungen zerlegt werden. Diess ist nun 



144 Sitzung der matfu-phys. Glosse vim 13. Juni 1663. 

nicht duioh die gewöhnliche Behaadlungsweise zu bewerk- 
stelligen; da es sich um Verbindungen handelt, welche sehr 
wenig von einander verschieden sind, so kann die leichter, 
lösliche nur durch die lange , viele Woch^ ond Monate 
dauernde, ja vielleicht Jahre erfordernde Einwirkung eine^ 
schwachen Lösungsmittels entfernt werden. Ueber den fort** 
schreitenden Erfolg dieser Einwii'kung kann bloss die mikro- 
skopische Untersuchung Aufsclüuss geben; desswegen muss» 
jedenfalls eine mikro - chemische Untersuchung vorausgehen 
und der schliesslichen chemischen AnalysQ das Material kri-^ 
tisch zurechtlegen. 

Eine andere Frage, welche sich unmittelbar anknüpft^ 
und welche die Beziehung der eine Membran oder ein Stärke- 
korn zusammensetzenden isomeren Verbindungen unter einan- 
der betrifft, muss ebenfalls auf mikroskopischem Wege gelöst 
werden. Es handelt sich darum, ob die genannten Verbin- 
dungen in genetischer Beziehung zu einander stehen, ob die 
eine aus der andern sich bilde und auf künstlichem oder 
natürlichem Wege wieder in sie übergehen könne. Diese 
Frage ist nicht nur an und für sich von Interesse, sie ge- 
winnt an Wichtigkeit, weil sie auch ihrerseits zur Entschei- 
dung des Problems beitragen kann, ob die Membranen und 
die Grundlage der Stärkekörner aus einer einzigen oder aus 
verschiedenen chemischen Verbindungen bestehen. 

Wenn man die Entwickelungsgeschichte der Stärkekör- 
ner und gewisser Zellmembranen studirt und die verschie- 
denen Alterszustände mit einander vergleicht, so drängt sich 
oft der Gedanke auf, ob nicht von den beideil constituiren- 
den Verbindungen die leichter lösliche in die festere über* 
gehe. Wenn man femer jene Gebilde mit verscMedeneik 
Quellungsmitteln behandelt, so scheint es wieder, als ob die 
festere Verbindung in die leichter lösliche zurückgeführt 
werde. Offenbar steht die Lösung beider Fragen im eng- 
sten Zusammenbang. Der Beantwortung der erstem stellen 



Nägdi: SulfkdDömer und Zdbnembranen, 145 

sich, wie tiberall, wo es sich um die Bildungsgeschichte 
chemischer Verbindungen in dem pflanzlichen Organismus 
handelt, &st unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Der 
zweiten lässt sich eher beikommen. 

Ich bin firiher der Annahme Schleiden's, dass die 
Cellulose durch Behandlung mit Schwefelsäure in Stärke, 
d. h. thdlweise in Granulöse übergehe, gefolgt. Mo hl hat 
dagegen Einsprache erhoben (Bot. Zeit. 1859 p. 234). Es 
iät überflüssig, die daselbst vorgebrachten Einwürfe näher 
zu erörtern; ich würde meine frühere Ansicht aufrecht hal- 
t^, wenn die Zellmembranen, nachdem sie die Einwirkung 
der Schwefelsäure erfahren haben, durch Jod und Wasser 
wirklich gebläut würden. Ich habe nun aber in einer früheren 
Mittheilung (Sitzung vom 16. Mai 1863) gezeigt, dass die 
Zellmembranen, mit Ausschluss der Flechtenschläuche, wenn 
sie durch Jod bei Anwesenheit irgend einer Verbindung, sei 
es Schwefel- oder Phosphorsäure, sei es Jodwasserstoffsäure 
oder eines Jodmetalls, blau gefärbt wurden, nach yoUstän* 
digem Auswaschen auf die Einwirkung von wässriger oder 
frischer weingeistiger Jodlösung nicht mehr bläu reagiren. 
Wenn ausnahmsweise auf einzelnen Präparaten stellenweise 
eine blassblaue Färbung zum Vorschein kam, so war dieselbe 
Folge davon f dass das Auswaschen unvollkommen stattge- 
funden hatte. Da nun bei mehreren dieser Versuche die 
Cellulose zum Theil aufgelöst und in Dextrin übergeführt 
worden, so hätte auch ein Theil in Granulöse umgewanddt 
sein müssen, wenn diese ein Uebergangsprodukt wäre, und 
da die Anwesenheit emer geringen Menge Granulöse durch 
eine intensive Bläuung sich kund giebt, so hätte diese Jod- 
reaction dieselbe jeden&lls verrathen müssen. Ich glaube 
also sicher annehmen zu dürfen, dass die Cellulose der mei- 
sten Zellmembranen, wenn sie in Dextrin übergeht, vorher 
nicht eine Umwandlung in Granulöse erfährt. 

Ueberdem kann diese Frage nun als obsolet betrachtet 
[1863. n. 1.] 10 



146 Sitzung der matK-phys. Classe vom 13. Juni 1863, 

werden. Sdtdem es feststeht, dass die gewöhnlichen Zell- 
membranen durch Jod und Wasser sich nicht bläuen, und 
dass sie keine Granulöse enthalten, fallt auch der Grund 
weg, warum man früher jene Umwandlung erwarten durfte. 
Es bandelt sich jetzt darum, ob von den beiden constituiren- 
den Verbindungen die festere in die leichter lösliche über* 
gefuhrt werde. Bloss für die Stärkekömer und die Flech*? 
tenschläuche behält die Frage ihre frühere Fassung, ob 
nämlich die Celluloseformen, welche ihre Grundlage bildeUi 
in die damit vermengten Granuloseformen übergeführt wer» 
den können oder nicht. Meine Beobachtungen reichen in 
dieser Beziehung nicht aus, und ich muss die Frage noch 
offen lassen. Wenn die durch Säuren ausgezogenen Eartof- 
fielstärkekörner , welche durch Jod und Wasser keine oder 
nur eine gelbliche Farbe annehmen, dmch Jod in Jodwasser- 
stoffsäure intensiv blau gefärbt, darauf gut ausgewaschen 
und dann mit frischer Jodtinktur oder mit wässriger Jod* 
lösung behandelt werden, so färben sie sich sogleich fleisch* 
roth oder orange und gehen theilweise bald in ein mattes 
Violett oder selbst in ein helles und mattes Blau über. 
Diess beweist, dass die Körner schon durch die Einwirkung 
der Jodwasserstoffsäure eine Veränderung erfahren; allein 
es bleibt eine doppelte Erklärung möglich. Diese Verän* 
derung kann dai*in bestehen, dass ein Theil der Amylocellu« 
lose in Granulöse übergeführt wird, oder auch darin, dasa 
zurückgebliebene Granulosetheilchen , die von der Cellulose 
eingeliüUt waren, durch die quellende oder lösende Wirkung 
des Jodzinks blossgelegt und dem Jod zugänglich werden. 

Die ausgezogenen Eartoffelstärkekömer ertragen keine 
energischere Einwirkung. Wenn man sie mit Jod in Jod- 
wasserstoffisäure oder bloss mit Jod eintrocknen lässt (wobei 
sich ebenfalls Jodwasserstoffsäui-e bildet) und dann mit Was- 
ser befeuchtet, so zerfliessen sie meistens in eine blaue oder 
violette Wolke. Das Nämliche geschieht, wenn man sie mit 



Sitzung der hiHarisehm Ckuae. 143 

Jod und Schwefelsäure behandelt Es lässt sich daher auf 
diesem Wege nicht ermitteln, ob eme Umwandlmig der 
AmylocelMose in Granulöse bewirkt werden könne oder 
nicht. 



Historische Classe. 

SitEong Tom 20. Juni 1868. 



Herr Giesebrecht hielt einen Vortrag 

„über die fränkischen Beichs-Annalen^^ 

Der Vortrag soll mit einer zweiten Abtheilung ver- 
mehrt in das Jahrbuch der historischen Classe aufgenommen 
werden. 



\ 



A 

\ 



^./ 



^y^ 



b 



a^ 




\-. 



Oy 







^ 



; . 



^iH-'-^v-:.-? '.üt\^^ ff \ 





■r^''S 




Ji/^. 



/■ 



/^v- 



c> */ 






..^ 



-^ 



-7 



^1 ■: 



/ ;\y 'J / 



i ,.C; 






Vl5 



rf 













JV>^ 



«». 



;i3<^--y' 






,.-Ofc 



<2^ 



t .'■■ 







^' 



i 




Si/7icfi7iffsbf'ri^M& äsrh b AoadjBmie'{l Uri803,Ä, / 






-\ 





Taf. 1 



Taf. 1 



^./ 



J^^.S. 



a.^ 






.«- 





B. 



A 






C^ 








>^<v^ 



^' 





■<? 



© 



> 



w. 



V?^ #^c^ 



jt^:- 



^^ 



,/o>: 















/ 

/ 







\ 






-^ .«-» 



^^^ 







a/ 



SifJZfuiff.vbf^r/^'Me' derk. b Academie'il U^i803,M, i 






S.Jtüaü^irr-'s liiA. .Aruixle. J/ätteii/z, 



Sitzungsberichte 

der 

königl. bayer. Akademie der Wissenschaften« 



Philosophisch -philologische Classe. 

Sitzung vom 4. Juli 1868. 



Herr Dr. Birlinger überschickt eine Fortsetzung 

„des schwäbiscb-Augsburgisdhen Wörter- 
baches/' 

(Vgl. oben S. 43.) 



Herr Dr. E. Schlagintweit übersendet folgende Zu- 
sätze zu seiner Abhandlung: 

„Ueber das Mahäyäna Sütra Digpa. thamchad 
shagpar terchoi". ^) 

Der Uebersetzung dieses Sütra, welches in der Februar- 
Sitzung der k. Akademie vorgelegt wurde, erlaube ich mir 



(1) Vgl. Sitzujigaberichte 1863, 1. S. 81-99. 
[1863. n. 2.] 11 






150 SUsmng der phüaa.'phOol. CUuse vom 4. Jidi 1863. 

noch einige Venrollständigangen beizufügen ; sie beziehen sich 
theils auf jene Stellen , welche in meinem Manuscripte ver- 
wischt waren, theils sind es Varianten. Ich verdanke ihre 
Mittheilong der Gefälligkeit des Herrn Professor Foucanz, 
der die Güte hatte, sie aas einem Manuscripte der Pariser 
Bibliothek für mich zusammenzustellen. 

Das Pariser Manuscript ist überschrieben : s Dig-&shags- 
jrser-gyi-^u-gri-zhes-bya-va«zhug^-so : „Dieses ist das goldene 
Scheermesser der Beichte der Sünden". In meinem Origi- 
nale kommt dieser Titel, mit Weglassung der Worte zhes- 
bja-va-5zhug$-so , nur im Texte vor; als Titel steht dem 
Gebete vor : „Reue über alle Sünden, Lehre des verborgenen 
Schatzes^^ 

Auch die Trennung des Gebetes in zwei Theile fehlt 
in dem Pariser Exemplare. Es hat dieses aber an der 
Stelle, wo in meinem Exemplare die erste Abtheilung schliesst, 
noch einige Worte beigesetzt, wdche sie mit dem folgenden 
Satze verbindet, so dass sie den Sinn dieses Satzes verän- 
dern; es dürfte dadurch meine Vermuthung bestätigt sein 
(vergl. Note 42), dass an dieser Stelle Aenderungen absicht- 
lich vorgenommen worden seien, um dem Traktate den 
Charakter eines Schutzgebetes für das Kloster zu geben, in 
welchem der Chorten, der es enthielt, aufgestellt wurde. 
Da auch die vorhergehenden Sätze etwas anders lauten, als 
in meinem Exemplare, so erlaube ich mir eine Uebersetzung 
auch dieser Stelle zu geben. Die Abweichungen beginnen 
üi Zeile 4 bis 9 Seite 7 der Tafeln mit dem Originaltexte. 
Diese Zeilen geben nach dem Pariser Dokumente folgen- 
den Sinn: 

„Wenn die Menschen nur für ihr zeitliches Wohlergehen 
-8<Mrg6n; wenn schlechte Thaten aufgehäuft werden; wenn 
Dankbarkeit aufhören wird; wenn Feinde, Krieg und Krank- 
heit kommen, und Hungersnoth eintreten wird; wenn das 
Innere jener Hölle mSaet-med voll sein wird, in welche 



E. 8c9Ü0^nltoeU: ü^ber das Mcü^Wm S9tra etc. 151 

^c^^iug^ii Meosohea (verdammt) sind, welche scUeGhte IJand- 
famgea verrichtefc haben — dann möge dieses «dig-ishaga* 
jjrteFHdihos gefunden werdm. Das Gebet des Lehrers JSli9- 
.sg^b wird dann allgemein sich yerbreiten ; die Wesen dieser 
traurigen Periode der Trübsal werden es lesen, und in Folge 
des Hersagens desselben mit lauter Stimme werden alle 
Sünden getilgt w^en. Diese verborgene Lehre, ein SobotK 
für die Wesen von dem göttlichen, erhabenen JT ha*6grub, -*-** 
(aber bisher) verborgen unter den Schätzen ähnlich wie der 
Felsenlöwe im Rohrhaine') — wird dann als ein Segen 
ausgestreut werden^^ 

Hier ist als Verfasser dieses Beichtgebetes fhu-^grub, 
in Sanskrit Nägärjuna, genannt, der Stifter der MahSyäna 
Lehre, welchem überhaupt die Schriften dieser Schule zuge- 
schriebai werden. 

Von den übrigen Varianten dürfte noch zu erwähnen 
sein, dass am Schlüsse des Gebetes im Pariser Manuscripte 
die Notizen fehl^ über den Schreiber und die Zeit, die er 
dazu brauchte, sowie die Bitte um Nachsicht, „im Falle die 
Buchstaben des Alphabets nicht richtig gebraucht worden 
seien'^ Auch sind dieDhäranis andere; nach der Glaubens* 
formel folgen die Sanskritsprüche : Om supsatishthitavajräya; 
subham astu sarva jagatam: sarva mangalam; yasas mahä* 

Ich setze in genaue Transliteration den Text der oben 
angeführten Stelle bei: 

T8*he-phyi-ma-ma-drin-'di-ka-bsam-pa'i-das ; dus-kyi-ma- 
lan-las-ngan-bsags-pal-lan ; du8-mi-*gyur-te-mi-mi-mams-'gyur- 
bas-lan ; pha-rol-dmag-ts*hog5-nad-dang-mu-ge-dar-ba*i-dus ; 
dmyal- mnar-med-skye-ba'i-sems- chan* las-ngan- chan- mang- po- 



(2) Es bezieht sich dieses auf die Zurückgezogenheit SSkyamuni's 

in die waldigen Niederungen in der Zeit, ehe er die Buddha-Weis» 

heit erlangte. 

11* 



152 Süjfung der phOoe.'phiM. Classe wm 4, Juli 1803, 

yod-pa-de-rnamS'kyi-nang-na-bsags-pa-chan-'ga'-yod-pas ; sdig^ 
tebags-gter-chhos- 'di-dang-'pfarad-par-shog'-ches • slob-dpon-kla 
figrub-kyi-smon-lam-btab^pa-lags-po ; 'di-bskal-pa-snyigs^maV 
semS'dian-bsags-pa^chaii-rnams-kyis-'di-ldog-dang ; kha-'dcm* 
b7a&-na-sdig-pa-tham8-chad-byang*bar-gs!mgs*80 ; 'di*grong- 
chig-na -bzhugs-na-grong-khyer-de'i-sdig-pa- thams-chad-byang* 
I)&r-^iiiigs-80 ; gier - chhos-'di - 'gro-ba'i - mgon-po - klti-sgrab* 
snyuig-pos-Ihas-simg-maDg-tslial-gyi-brag-seng-ge-'dra-pa^i-og» 
ta-gter-da-sbas-nas-^mon-lam-bstab-skad. 



Herr Streber trug vor: 

„Ueber die gallischen Goldmünzen mit dem 
angeblichen Bilde eines Auges/' 

Dieser Vortrag wird in die Denkschriften aufgenom- 
men werden. 



Herr Thomas sprach 

„Ueber ein Epigramm Nicodemus Frisch* 
lin's auf Venedig." 

Nicod. Frischlin besuchte als Rector von Laibach Vene- 
dig im Herbste 1583; vgl. David Strauss Leben und Schrif- 
ten des Dichters und Philologen N. Frischlin, S. 256. 



Thamoi: Ein Ej^camn N. FrüMin's. 158 

In einem der Mannheimer Sammeloodioes, jetzt Cod. 
laL Mon. 108 L6 steht aaf derBädcseite von f. 231, welches 
•das 'Epigramma Ant. Borckij in tumulom eiusdem, gedruckt 
enthält, folgendes Sinngedicht auf Venedig (nach f. 152, wo 
es abschriftlich wiederholt ist, sonst unbekannt u. unausgegeben 
— epigramma Nie. Frischlini quod in eius operibus non 
rqieritur — ). 

Es mag gestattet sein, das artige Erzeugniss dem Ur- 
heber und der altgefeierten einzigen Stadt zulieb hierorts 
2U veröffentlichen. 



Clm. 10816 fol. 152, coli. 23r. 

Epigramma Nie. Frischlini quod in eius operibus 

non reperitur. 



Aut Venus a Venetis sibi fecit amabile nowen 

Äut Veneti Veneria namen et omen haJbeni. 
Orta maris spuma fertur Venus, at Venetorum 

8i videas urbem^ creditur orta mari. 
Jupiter est Uli genitor^ sed Mars pater huic est, 

Mtdciberi coniux illa sed illa Maris, 
domplet amare sui Venus omnia, qui Venetam urbem 

Non amat, hunc nunquam debet amare Venus. 



Fecit Yenetiis a. 1583. 



1Ö4 SUjnmg der ]^Hlo8.'phihL dam wm 4. Juti t863. 

In demselbeQ Codex steht noch ein Epigramm „eor 
thermis Wisbadensibns/^ was wohl in die Zeit seiner Reisen 
naeh der Verbannung aus Würtemberg fallt, und ein gaii2: 
kurzer Abriss seines Lebens, die Haupt*Data von seiner Q^ 
burt bis zu seinem tragischen Tod enthaltend. 

Noch eine Notiz aus unserar Bibliothek verdient hiebet 
bekannt zu werden. Das Exemplar „Susanna ^) Gomoedia 
nova, Sacra et lectu iucunda atque utilis: in qua foeminei 
pudoris exemplum proponitur scripta a Nicodemo Frischlino 
Poeta Coronato, Gomite Palatino Gaesareo. Apud Alexan* 
drum Hockium, M*D* LXXVIII.'^ mit der neuen Signatür 
P. 0. lat. 579. 8^, — von Herrn Direktor Halm aus den 
Doubletten, wozu es schon gestellt war, glücklidl gerottet — 
hat auf dem Titelblatte am unteren Bande die eigenhändige 
Pedication dieses !|Sxemplars an Orlando di Lasso; nämlidE 

„Nobili et praestantissimo viro, Orlando Di Lasso: Mu» 
sicorum principi, d.dt. autor amicitiae causa.^^ 

Ausser dem Werthe des Autographon ersehen wir zu- 
gleich eine nähere Verbindung zweier in ihrer Zeit mit Recht 
berühmter Männer, die vielleicht sonst nicht bestätigt W£a*e. 



(1) Ueber diese Dichtung handelt Stranss a. a. 0. 112 ff. 



Phik: IVotoi ehmes. WeidieiL 155 



Herr Plath hielt einen Vortrag 

„Proben chinesischer Weisheit nach dem Ming 
sin pao kien/^ 

Vorerinnerung. Wenn die Chinesen zu einem so grossen 
Volke von mehr als 400 Millionen angewachsen sind und 
ihr Reich bereits über 4000 Jahre besteht, obwohl sie wieder« 
holt theilweise oder ganz von Barbaren unterjocht wurden 
und, wie jetzt, so auch schon früher, 10 — 20jährige Bürger- 
kriege im Lande wütheten und ihre Organisation mannigfal- 
tige Mängel zeigt, während das römische und alle andern, 
anscheinend weit kräftiga:«n Reiche längst zu Grunde ge- 
gangen sind, so muss bei ihnen zweifelsohne doch manches 
Gute sein, was trotz alle-dem diesem Volke Dauer und Be- 
stand verlieh. W^m nun weniger die Kriege und Aufstande, 
die Kabalen und Hofintriguen, als eine genauere Darstellung 
der innem Verhältnisse dieses grossen Volkes die Tbeilnahme 
Europa's für das ferne China erwecken kann, so ist diese 
gute Grundlage aufzusuchen yor Allem von Interesse. Dazu 
gehörai nun vorzugsweise ihre vortrefflichen und gesunden 
Moralgrundsätze. Sind sie auch sicher nicht immer geübt, 
so wurden sie doch von den Weisen der Nation dem Volke 
immer als Spiegel und Muster vorgehalten und blieben im 
Volksleben doch nicht ohne Wirkung. Die kleine Spruch- 
sammlung, von der ich hier handeln will, lässt uns in die 
Grundsätze ihrer Moral und Lebensweisheit einen Blick wer- 
fen und hat daher schon früher das Interesse mehrerer 
Missionäre, namentlich der F. P. Navarette und Noel, erregt 
Der Titel des Werkchens ist: Ming sin pao kien d. i. der. 
kostbare Spiegel das Herz zu erleuchten. Meine Ausgabe 
des Werkes ist ohne Vorrede. Der Name des Verfassers 
ist wohl unbekannt. Es ist diess auch insofeme nicht er- 
h^dicb, als es nur eine Sammlung von 673 Sentenzen und 



156 Siteung der phüos.-phiiM. Glosse wm 4, Juli 1863. 

Aussprüchen ist, von welchen un Einzehien die Verfasser 
fast immer genannt wurden. Die Verfasser derselben sind 
daher zunächst in Betracht zu ziehen. Diess wird auch 
über die Zeit der Abfassung und über den Charakter des 
Buches einigen Aufschluss geben. Ich habe die Liste der- 
selben ausgezogen und, wenn ich recht gezählt habe, werden 
110 Autoren citirt; es sind diess aber nicht lauter Werke, 
sondern oft nur Ausspräche von einzelnen Fürsten, Kaisem, 
Weisen und Lehrern (Sien-seng). Wir müssten eine viel 
genauere Eenntniss aller Persönlichkeiten und der ganzen 
unermesslichen Literatur Ghina's haben, als wir uns rühmen 
können, um über alle den nöthigen Aufschluss zu geben; 
wir erwähnen daher nur der Werke und Personen, die uns 
näher bekannt sind, möglichst in chronologischer Folge. 

Der J-king wird dreimal citirt Cap. 1, §. 8 und 18 
und Cap. 11, §. 206; der Schu-king 5mal Cap. 5, 32 und 
61, Cap. 11, 37 und 111 und Cap. 13, 19; der Schi-king 
2mal Cap. 4. 1 und Cap. 11, 124; der J-li einmal Cap. Sse- 
siang-kien-li C. 18, 3; derTscheu-li einmal C. 11, 233; der 
Li-ki lOmal C. 3, 6, C. 4, 5, C. 5, 54; C. 9, 2, 7 und 16, 
C. 10, 19, C. 11, 98, C. 12, 10 und C. 16, 19; der Ta-hio 
' einmal C. 7, 15; der Tschung-yung einmal C. 6, 14; der 
Lün-iü namentlich 5mal C. 5, 35, C. 9, 20, C. 11, 99 und 
203, C. 16. 20, aber ausserdem sind auch noch viele Aus- 
sprüche des Confucius und seiner Schüler aus ihm; Meng* 
tseu 21mal C. 2, 1, C. 3, 2, C. 4, 13 und 16, C. 5, 11, 
15, 47 und 50, C. 7, 54, C. 10, 8, C. 11, 72, 166, 178, 
193, 208, 211, 226, C. 13, 18, C. 16, 5, u. Hund C. 19, 9. 
Von Confuoius^) werden 65 Aussprüche angeführt; gewöhn- 
lich heisst er der Meister (Tseu), aber auch Kung-tseu. 
Die meisten Sprüche von ihm sind aus dem Lün-iü, aber 

(1) Die Aussprudle des Confucius und seiner Schüler werden wir 
im Leben desselben berücksichtigen. Der Spruch, welcher Cap. 9, 1 
dem Confucius beigelegt wird, ist nach Lün-iü II, 19, 6 von Tseu-hia. 



PUäh: Fir(^>m chinea. Weisheit 157 

einige auch aas dem Eia-iü; aus diesem sind auch die, 
irelche Gonfiidus angebUch auf einer Bildsäule im Ahhea- 
tempd Heu-tbsi's sab, C. 7, 62; auch -mid G. 12, 5 ein be* 
sonderes Werk noch citirt: Kung-tseu-San-ki-tü- Von seinen 
Schülern werden Sprüche angeführt von Tseu-lu G. 17, 5 ; 
Ton Yen-tseu G. 1, 14 n. 17, G. 11, 238; von Tseu-hia 
G. 3, 1; Ton Tseng-tseu G. 4, 14 und 15 und G. 16, 10; 
Von Tseu-kung C. 5, 18 u. 41, G. 7, 10, G. 11, 60, C. 13, 
14 und 18, 14; Ton Tsai-iü (oderngo) G.5, 70; TonTseu^ 
yeu G. 11, 78; yon Tseu-tschang G. 8, 8 und G. 13, 16; 
endlich von Yeu-tseu G. 16, 6. Diese Aussprüche sind 
meist aus dem Lün-iü, Meng-tseu und dem Li-ki. 

Lao^tseu wird 13mal dtirt G. 1, 23 und 25, G. 5, 
26, 42, 60 und 66, G. 6, 5, G. 8, 13, G. 11, 27, 148, 
196 und 213 und G. 17, 2. Der Tao-king wird G. 7, 
16 noch angeführt und ein moralisches Werk der Tao-sse 
der Tai-8chang-kan«yng-pien (S. Schotts Katalog 
pi 35 Nr. 5) Gap. 1, 27. Aus Büchern der Tao-sse scbei-» 
nen auch die Sprüche G. 2, 5 und G. 12, 7 zu sein. 

Von dai sog. Philosophen (Tseu) wird citirt der Tao^ 
Bse Lie-tseu G. 3, 9; Tschuang-tseu (386 v. Ghr.) 
6mal a 1, 10 u. 22, G.2, 9, G. 7, 35, G. 9, 5 und G. 15, 3; 
Siün-tseu (375—332 v. Ghr.) 8mal G,5, 10, 46 und 63- 
C. 6, 6, G. 11, 110, 112 und 207 und G. 18, 22. 

Von buddhistischen Werken werden nur G. 8, 5 
Fo's Aus8i»-üche <Fo-iü) und dann Fo-king G. 11, 181- 
angeführt, aber auch die Sprüche G. 11, 103 und 217 sind 
buddhistisch. Auch der Li-sao-king, das classische- Buch, 
wekhes von der Unruhe trennt G. 18, 10 ist wohl ein buddhi- 
Btisches Werk; das emzelna Gitat daraus zeigt indess nichta 
Buddhistisches. 

Von andern alten oder spätem W^k^n werden ange^» 
führt: der Tso-tschuen von Gonfudus' Zeitgenossen Tso- 
kieu-miirg G. llj 31; der Sse-ki G. 11, 100 - aus diesem 



158 Siteung der phihä.'phiM CkuM vm 4. Juli 1863. 

ist auch ein Gespräch Lao-tsea'»; — die Reden oder SjMicb» 
Wörter aus d^a Reiche Tsin (Tsin-kue-iü) C. 1, 12; das 
Bach vom Reiche Thsu (Thsu-schu), G. 1, 32; das 
Buch Tom Rdcbe Haa (Han-schn) C. 10, 6, G. 11, 77, 
116 und 221; die sog. Hausgespräche des Gonfucias (Eii^*iü) 
Slual B. 11, 86, 151, 201, 214 und G. 19, 4; aus diesen 
sind aber auch einige Aussprüche des Gonfucius noch, wie 
C. 20, 1 (ausKia-iü G. 19, foL 7), G. 5, fd. 89 (aus Eia-iü 
0. 11 fol. 2). Der Schue-yuen wird 5mal angeführt G. 7, 
36 G. 11, 56, 205 und 209 und G. 12, 13; das Buch von 
berühmlen Frauen Lie-niü-tschuen G. 40, 8. 

Einzelne Ausspräche von Fürsten und Kaisern 
werden angefahrt: ausser dem Gespräche zwischen (Tsdieu) 
Wu-wang (1122 v. Ghr.) mit seinem Bruder Tai-kung 
(siebe unten S. 160) von Wen-kung von Tschü (665— 61S 
▼. Ghr.) G. 7, 26 und 9, 11; von Wen*kung yon Snng 
(610—588 V. Ghr.) G. 7, 26: von Wen-ting-kung aus 
dem kleinen Reiche Hu G. 5, 26; yon Eung-kung von Ln 
(376—354 V. Ghr.) G. 5, 9; von Wen-kung von Han 
(886—376 V. Ghr.) G. 9, 9; von Tschao-lie von der 
grossen Dynastie Han (221 n. übt.) G. 1, 9; von Thai«^ 
tsung von der grossen Dynastie Thang (627 — 750 n: Gbr.) 
Aus der Dynastie Sung sind wohl die von Tschin-tsung 
Hoang-ti 998—1023 G. 11, 144; Jin-tsung Hoang-ti 
(1023— 1064) G. 11, 145 Schin^tsung Hoang-ti (1068— 
1086) G. 11, 146; Hoei-tsung Hoang*-ti (1101—1119) 
G. 9, 13 und Kao-tsung Hoang-ti 1127-1131 G. 11, 
147. Es sind immer Uwe kaiserlichen Verordnungen 
(Yü-tschi), weldie citirt werden. Kaiser der spaterm Dy^ 
nastieen finde ich nicht angefShrt, so dass die Dynastie Bxmg 
die letzte wäre, aus welcher Sprüche in unser«: Sammlung 
▼orkmmen* Aus dieser ist wohl auch das Buch über die 
Maturordnuag Sing-li-schu, w^ldies G. 9, 4, G. 11, 244 
nnd G. 12, 6 angeführt wird. Weniger bekannt sind Ngan<» 



Plath: Probm chims. Weisheit 159 

tseii C. 16, 1; Tsohang-tsea C. 12, 12; Wen-tschung«» 
tsen C. 14, 14; Sse-ma-wen-knng'B Kia-hiiiii d. i. Hans« 
lehren G. 1, 20, C. 10, 1, C. 14, 1 a. 11 und C. 17, 6 n. der 
sehr häufig, z. B. G. 1, 21 dtirte King-hing*la u. a. 

Wir erwähnen noch die Belehmng für die Jagend 
(Thnng-mung-hiün) C. 13, 3; die Ueberliefemng weiser 
Literaten (Hien^^sse-tschuen) G. 6, 64; Yen-schi's Haus- 
Idiren (Kia-hiüu) C. 15, 1, die auch im J-sse B* 95 dtirt 
werden. Die Titel anderer Werke allgemeineren Inhaltes 
lass» sich nicht immer, ohne das Bach selbst vor Atigen 
za haben, sicher übersetzen: J«tschi-8cha ist etwa das 
Bach zur Vermehrang der Einsicht G, 2. 8, G. 7, 44, G. 11, 
222, G. 17, 7; Tsching-li-scha das Bach der rechten 
Ordnung oder Vemanft G. ^ 1; öfter wird noch citirt Sa- 
scha G. 3, 5, G, 5, 6, 55 and 60, G. 7, 7 and 27. Man 
sieht, es gewährt das Büchelchen auch einen kleinen Beitrag 
zar chinesischen Literatargeschichte. G. 12, 16 und 17 sind 
ans Saipmlungen ron Inschriften, mit welchen die Ghinesen 
bekanntlich Winde and Möbel verzieren. 

Die nächste Frage ist die nach der Aathenticität 
der angelührtmi Aassprädie, ob sie nämlich von den Man* 
nem, welchen sie beigelegt werden, wirklich herrähren. Um 
die aller constatiren za können , mfissten ans aUe aogefiihr* 
ten Werke za Gebote stehen, was bei Weitem nicht der 
FaQ ist. Aber wo diese uns aach zugänglich sind , isf das 
Anfsachen der einzdnen Sprüche sehr schwierig, da die 
diinesischai Bücher ohne alle Real-, Personal- and Wort* 
Indiees sind; man müsste daher, am zu wissen, ob and wo 
^ Sprach oder eme Nachricht von einer Person in einem 
bestimmten Budi enthalten ist, es im Kopfe haben oder es 
jedesmal erst ganz durchUättem, eine migeheore Arbeit, die 
hier gar nicht die Mühe lohnen würde. Zum Bdiofe des 
Lebens des Gonfacias haben wir den Aeosserongen , die 
ihm und seinen Schiilem beigelegt werdoi, nachgeforscht» 



160 Sitzung der phths^-pkUol. Cla89e wjm 4. Juli 1863. 

Dia meisten fanden wir im Lün-iü, Meng-tsen u. s. w., ein* 
zelne aber auch, wie bemerkt, minder zuTerlässigen Quellen, 
wie dem Eia-iü, entnommen. Die Stelle Meng-tseu's G. 4, 13 
findet sich Meng^tseu II, 7, 26 , aber in unserer Sammlung 
mit einem Zusätze, der sich b^ Meng«tseu selbst nicht findet. 
Die angebliche Stelle aus Meng-tseu Gap. 11 ^ 211: „kein 
Weiser regiert nicht die Bauern, (Landleute); kein Bauer er» 
nährt nicht die Weisen^' kommt in' d^ Art in Meng-tseu 
nicht Tor. Der Verfasser hatte wohl die Stelle Meng-tseul, 
5 (3)j 4 vor Augen : „die von den Menschen regiert werden, 
ernähren die Menschen (Andern); die welche die Menschen 
regieren, werden von den Menschen (Andern) ernährt"* 
Einige angebliche Aeusserungen von Gonfudus und seinen 
Schülern haben wir noch nicht ffefunden. Dagegen kommen 
die von Lao-tsett angefahrten Aussprüche so im Tao-te* 
king nicht vor. Es muss also entweder noch sonstige Schrif'* 
ten von ihm geben, oder jene Aussprüche sind apokryph; 
das Gespräch Lao-tseus mit Gonfudus Gap. 11, 148 ist aus 
dem Sse-ki B. 47 fol. 4. Wir haben im I-sse noch das 
83. Buch, welches von Lao-tseu handelt : Lao-tseu Tao^-kiao, 
d.i. die Belehrung über den Tao des Lao^tseu. verglichen, aber 
diese Sprüche auch dort nicht gefunden« Derl-sse gibt nur 
die Notiz des Sse-ki über ihn, dann die spätem Legenden 
aus Schin-sien-tschuen, d. i. die Ueberlieferung von göttlichen 
Genfen, die man aus Prof. Julien's Ausgabe des ^Tao-te king p* 
XXIII und XXVI kennt, und dann den ganzen Tao*te-king mit 
dnigen Auszügen aus Schriften von spätern Tao'sse-Philösophen* 
Dass auch mancherlei Apokrypha mit aufgenommen sind^ 
migea die angeblichen Aussprüche. Tai-kungs, der 22mal 
angeführt wird: G. 1, 15 und 24. G. 4, 10. G. 5, 8, 12, 
24, 29, 44, 45, 52, 59 u. s. w. Dass hier der Bruder 
Wu-wang'S) des Stifters der 3. Dynastie Tscbeu (1122v.Ghr.), 
gemeint ist, ergibt sich aus dem angd>lichen Gespräche Tai^ 
kung's mit Wu-wang G. 12, 18. . .Der^eichen Gresprädie 



IMh: Proben ehines, Weisheit 161 

zwischen beidep fährt audb der J*s8e B. 20 fol. 10 au« dem 
Scbue-yuen und fol. 4 aus einem alten Bache Lo-kao , die & 
Behälter, an. Es sind diess fingirte Gespräche, wie zwischen 
Sctpio und Lälius beim Cicero. Tai-kung wird zwar im 
Sdiu-king öfter angeführt, aber die Aeusserungen von ihm 
in unserem Büchelchen sucht man da vergebens. Auch die 
moralischen Sprüche, welche Gonfucius in der Hauptstadt 
der Tscheu auf dem Rücken einer Bildsäule im Ahnentem- 
pel Heu-thsi's gelesen haben soll, wie es hier C. 7, 62 heisst, 
eine Stelle, die aus dem Kia-iü G. 11 fol. 2 entlehnt ist, 
ygl. Amiot M6m. conc. la Ghine T. XII p. 65 und 858y 
sind schwerlich acht. 

Wir geben noch eine Uebersicht des Inhalts, wie 
sie sonst die bessern chin. Ausgaben haben, welche aber in 
unserer fehlt. Es zerfallt das Büchelchen in 20 Gapitd Ton 
adir ungleicher Länge ; die 10 ersten Gap. heissen der obere 
und die 10 letzten der untere Abschnitt (Schang* und Hia* 
kMuen). Nach der Ueberschrifb jedes Gap. ist die Zahl der 
darin enthaltenen Sentenzen angegeben. Es sind aber z. B. 
11, 27 zwei Sprüche, einer von Gonfucius und einer von 
Lao-tseu und ebenso G. 4, 14 zwei von Tseng -tseu und 
Meng-tseu zusammengefasst. Dagegen ist 10, 8 und 9 die 
Stelle Meng-tseu's II, 7. 18 in zwei Paragraphen getrennt. 
Daher stimmen ein paarmal diese Zahlen mit der Abtheilung 
der Sprüche in unserer Ausgabe nicht. Wir setzen die Zahl 
der Sprüche jedes Gap. in Parenthese hinzu. Gap. 1 Ki-*) 
sehen, etwa: folgen dem Guten (44); G. 2 Thien-li: die 
Himmelsordnung (12); G. 3 Scbün^ming: der Bestimmung 
gehorsamen, oder sich der Schickung fügen (9) ; G. 4 Hiao- 
hing: die Uebung der Pietät (17); G. 5 Tsching-khi: sich 
selbst regeln oder rechtmachen (73) ; G. 6 Ngan-fen : zufrie- 
den sein mit seinem TheUe (14); G. 7;, Thsün^sin: sein Herz. 



(2) Ei heisst yerbinden, sich folgen, aasfuhren. 



1C2 Sitzung der pl^.-pkiki. OoMe vom 4. Juli 1863. 

(war Laetarn) bewahren (63); G. 8 Kiai«8iog: seme Natur 
bdiäten (15); C. 9 Khiuen-bio: Erxnuntenmg zum Studium 
(22); C. 10 Hiün-tseu: die Kinder unterweisen (21); C. 11 
Sing-sin: sdn Herz prüfen (240); C. 12 Li-kiao etwa: 
die Unterweisung feststelloi (18); C. 13 Schi-tsching: die 
Führung der Regierung (21); C. 14 Schi-kia: die Leitung 
der Familie oder vom häuslichen Rogimeote (15); C. 15 
Jin-i: von Humanität und Gerechtigkeit (diese Ueberscfarift 
entspricht aber dem Inhalte nicht; vielleidit steht hier Jia 
Humanität für Gl. 9 Jin d^ Mann, oder ist dieses dafür 
?tt lesen, dann heisst es: das Recht des Mannes oder der 
Menschen) (5); G. 16 Tsieu-li: die Beobachtung der Ge^ 
brauche (Li) (21). Der Titel von G. 17 ist ganz wie der 
von G. 7 Thsün-sin, aber der letzte Gharakter scheint hier 
ein Druckf^ler, indem statt dessen (G. 61 Sin, Herz) das 
gleichlautende Sin Treue (Gl. 9 und 149) dem Inhalte des 
Gapitels nach gelesen werden muss, es heisst dann IVen 
und Glauben halten (7); G. 18 Yen-iü: von Worten imd 
Reden (24); G. 19 Eiao-yeu: der Vark^ mit Freunden (25) 
und G. 20 Fü-hing: das Betragen der Frauen (9). 

Meine Ausgabe des Büchelchen ist zwar bis auf mehrere 
Stellen ein ziemlich deutlicher Abdruck, aber ohne alle Inter- 
punktion, ohne alle Accente und ohne alle erklärenden No* 
t^, mit manchen Druckfehlern, wie wir deren schon eben 
bemerkt haben; es sind gleichlautende Gharaktere verwecb- 
selt, ähnliche einer für den andern gesetzt, auch wohl der- 
selbe Gharakter statt eines andern gleichlautenden irrig wie- 
derholt; vgl. 1, 23, 27. 5, 49. 7, 26. 10, IL 11, 114. 12, 
7. 19, 12. Mehrere Sprüche aus dieser Sammlung führt 
der P. Noel in seiner Philos. sin. Tr. I p. 52, besonders 
Tr. ni, p. 17 an, die wir augenblicklich nicht vergleichen 
konnten, da das seltepe Buch in der Staatsbibliothek fehlt» 
Eine grosse Anzahl hat der P. Navarette Trat. Histor. Polit. 
ethic. 7 religiös, de la Monarchia de Ghina. Madrid 1676, 



Fk^t Ft9bm ckh^, WeitMt. U8 

fol. I, p. 173 fgg. spamsdi übenetet, aber oft sehr frei, man'* 
dien Spruch mdi irrig wiedergaben; er sagt selbst er 
habe mehr die Gedanken als die Worte gegeben. Seine 
Ausgabe acheint älter und correkter als die unsrige, aber 
aneh, wie es bei solchen Sammelwerken öftar der Fall ist, 
Yon unserer mehrfach abweichend gewesen zu sein, indan 
er einige Sprüche hat, die in unserer Ausgabe fehlen und 
dagegen unsere viele, die sich bei ihm nicht finden, wenn 
er sie nicht ausgelassen hat. Da das Büchelchen in unserer 
Ausgabe 40 Blätter oder 80 Seiten stark ist, konnex wir 
das Ganze nicht mittheilen, sondern geben nur einen grossen 
Auszug mit Rücksicht auf unsere Bemerkung zu Anfange; 
so lassen wir £e bloss persönlichen Aeusserungen über 
Gonfudus und seine Schüler wie 5, 71. 7, 52. 11, 60 und 
148. 16, 14. 17, 5. 19, 7 aus, ebenso die Stellen aus kais. 
Verordnungen und manche Wiederholungen; unsere unoorrekte 
Ausgabe macht das Verständniss emiger Sprüche auch schwierig 
und es wäre ohne den Abdruck der chinesischen Texte und 
eine genaue philologische Erklärung dieser eine Uebersetzung 
nicht thunlich. Wo ich die Quelle gefunden habe, setze ich 
sie in Parenthesen gleich hinzu. 

Cap. 1. Deih Guten folgen. 1. Gonfucius sagt (Kia- 
iü G. 20 foL 29 V.). Wer Gutes thut, dem vergilt der Him- 
mel mit Glück; wer Nicht-gutes thut, dem vergilt der Him- 
mel mit Unglück (2 und 3 sagen ziemlich dasselbe). 

4. Das Gute hat Gutes zum Lohne, das Böse hat Böses 
zum Lohne; wenn die Vergeltimg nicht gldch erfolgt, so ist 
Zeit und Stunde nur noch nicht gekommen. 

9. Der Kaiser d. D. Han-Tschao-He hinterliess sterbend 
seinem Sohne den Spruch: Wenn das Böse (der Fehler) 
auch noch so gering ist, thue es nicht ; wenn das Gute auch 
noch so gering ist, unterlasse nicht, es zu üben. 

10. Tschuang-tseu sagt: wenn du auch nur einen Tag 
nichts gutes denkst, so erhebt sich (keimt) alles Böse von selbst. 

11. Ein überirdischer, wahrhafter (tschin) Lehrer von 
dem Westberge (Si-schan) sagt: Erwähle das Gute, halte 



164 Sitzung der phOoB.-phaQl, C^a$߀ wm 4. Jtdi 1863. 

es täglich sorgsam fest ; w&m das Ohr nur gute Worte hört^ 
yerfällst du nicht in die dreierlei Fehler; hat der Mensch 
ein Verlangen nach dem Guten, gewiss (folgt) begünstigt der 
Himmel ihn. 

^ 12. Ein Sprichwort aus dem Reiche Tsin sagt: dem 
Outen folgen, ist wie Aufsteigen, dem Bösen folgen, wie den 
einen Berg herabstürzen. 

13. Tai-kung sagt: Eine guteThat ist sofort erwünscht; 
einer bösen freut sich Keiner. 

14. Yen-tseu sagt: Das Gute ist an sich selbst mehrend 
fvortheilhaft), das Böse ist durch sich selbst mindernd (nach- 
theilig); drum erstrebt der Weise seine Vermehrung und 
meidet die Verminderung, nicht um Ruhm zu suchen und 
Schande zu entfernen. 

15. Tai-kung sagt: Siehst du etwas Gutes, (so sei es)^ 
als ob du (darnach) dürstetest; hörst du etwas Böses, (so 
thue), als ob du taub wärest; thust du Gutes, so (hast du 
yiele) sammelst du Freude; gehst du den Weg des Rechten 
(Li), so erreichst du Grosses. 

22. Tschuang-tseu sagt: ist einer gut gegen mich, so 
bin ich wieder gut gegen ihn; ist einer schlecht (böse) gegen 
mich, so bin ich doch gut gegen ihn ; wenn ich andern nicht 
böse bin, so können andere auch mir nicht böse sein ! 

28. Lao-tseu sagt: der guteM^sch sei des nidit-guten 
Menschen Führer; der nicht-gute Mensch sei für den Guten 
ein Stoff (Tse ^) vgl. 5, 22). Das Weiche überwindet das 
Harte, das Schwache überwindet das Starke; drum kann 
die Zunge, *) die weich ist , bestehen , während die Zähne, 
die hart sind, vergehen (zerbrechen). 

24. Tai-kung sagt: der Humane und Liebevolle (Tseu) 
lebt lange; der Böse und Grausame vergeht. 

27. Der Tai-schang-kan-yng-pien (ein moralisches Werk 
der Tao-sse) sagt: Glück und Unglück haben kein (Ein* 
gangs-) Thor; der Mensch zieht sie sich selber zu; dem 
Guten und Bösen folgt der Lohn, wie der Schatten dem 
Körper folgt, daher wenn eines Menschen Herz sich zum 

(3) Tse ist eine werthvolle Sache, die zum Gebrauche iiotliwen- 
dig ist. 

(4) Meine Ausgabe hat hier den Druckfehler Sehen gut, der 
keinen Sinn gibt, statt Sehe (Gl. 185) die Zunge; so hat auch iNava- 
rette und dasselbe Gleichniss wiederholt sich Cap. 8, 6« 



Hatht IVod«f> dhinea. WeitheU. 165 

Guten erhebt und er es aacli noch nicht übt, so folgt doch 
der Geist des Glückes ihm; dagegen wenn einer sich zum 
Bös^ yersteigt und er das Böse auch noch nicht übt, so 
folgt doch der Geist des Verderbens ihm. Hat einer Böses 
gethan, er bessert sich aber selbst,^) und es reut ihn anhal- 
tend, so erjagt er sicher das Glück und er verwandelt das 
Unglück in Glück. 

28. Ein heiliger Kaiser des Ost-Yo (einer der 5 heili- 
gen l^rge) hinterliess die Lehre: Himmel und Erde sind 
nicht parteiisch (Sse). Wenn der Geister Einsicht das 
Verborgene piüft, so senden sie nicht wegen fetter Opfer 
Glüdk herab, noch senden sie wegen unterlassener Geremo- 
nien Unglück herab. 

29. Jeder Mensch, der Macht (und Einfluss) hat, darf 
nicht zu viel darauf geben; wer Beichtbum hat, darf nicht 
allzusehr sich dessen freuen; Armuth und Bedrängniss dür- 
fen einen nicht allzusehr kümmern. Diese drei Dinge : Him- 
mel und Erde ändern und wechseln sie; sie kreisen und 
gehen zum Anfange zurück* Thut daher einer auch nur einen 
Tag das Gute, wenn dann das Glück ihn auch noch nicht 
erreicht, so entfernt sich doch das Unglück schon von ihm; 
thut er aber nur einen Tag Böses und das Unglück erreicht 
ihn auch noch nicht, so entfernt sich doch das Glück schon 
von ihm. Ein Mensch, der das Gute thut, ist wie eine 
Pflapze in einem Frühlingsgarten ; man sieht ihr Wachsthum 
nicht und doch nimmt sie täglich zu. Ein Mensch, der das 
Böse thut, ist (dagegen) wie ein Stein, auf dem man ein 
Messer schleift; man sieht seine Abnahme nicht und doch 
vermindert er sich täglich. Andern Abbruch zu thun, um 
sich zu mehren (zu seinem Vortheil), muss man billig sich 
hüten. 

30. Ist es auch nur etwas (ein Bischen) Gutes, so theile 
es den Menschen mit; ist es auch nur etwas Böses, so er- 
mahne sie, es nicht zu thun. Wenn Kleidung und Nahrung 
deinem Stande gemäss sind und du hast Freude daran, wozu 
dann noch nach deiner Bestimmung (nach einem langen 
Leben) forschen? wozu die Loose befragen? Die Menschen 
täuschen (betrügen), ist Unglück; freigebig gegen Andere 

(5) Meine Ausgabe liat wieder einen Druckfehler Pe (Cl. 106) 
weiss, für den ähnlichen Charakter (Cl. 152) Tseu selbst. 

[1863. II. 2.] 12 



166 Sitzung 4er ph^oa.-phü&l. Cla$9e txnn i. JitU 1863. 

«ein, dfts iat Gläcls:. Des Himmels Netz ist weit, weit; seine 
Belohnung kommt schnell. Sorgfillti^ höre auf meine Worte, 
4ann soi^en die gut^ Geister (Schin) für dich nnd die 
bösen Geister (Kuei) liegen zu Boden. 

32. Das Buch (des Beiches) Thsusagt: Das Reich Thsvi 
«diätzt nicht Eostbarkeit^n , nur das Gute hält es für eine 
Kostbarkeit. 

33. Confucius sagt: (Lün-iü 11, 16, 11): Siehst du 
<rinen Guten (oder et¥ras Gutes), so (sei es) als ob ^n ihn 
nicht erreichtest; siehst du einen Nichtguten (oder etwas 
Nichtgutes), so (sei es), als ob du die Hand in heisses 
Wasser steddiest (Ltin-iü I, 4, 17). Siehst du einen Weisen, 
so denke daran, dich nach ihm zu regeln; siehst du einen 
Nichtweisen, so gehe in dich und prüfe dich selber. 

Oap« 2. Des Himmels Ordnung. 1. Meng-tseu [II, 
1 (7) 6] sagt: Wer dem Himmel gehorsam ist, besteht; wer 
dem Himmel widerstrebt, vergeht. 

3. Tschu-ko-wu-heu sagt: Sachen berathen (Pläne ent^ 
werfen) steht beim Menschen, (aber) die Sachen ausführen^ 
steht bdm Himmel. Der Mensch wünscht sich wohl diess 
und das; aber des Himmels-Ordnung (oder die Vorsehung) 
tfant noch nidit so, thut noch nicht sol 

4. Der Lehrer Kang-tsie-tschao sagt: Der Himmel hört 
(auch) das Verborgene (Stille Tsi) und Tonlose. Forsches* 
du, wo der Himmel sei; er ist weder hoch noch ferne; 
er ist in des Menschen Herzen. Wenn in des Menschen 
Herzen ein Gedanke entsteht, Himmel und Erde (kennen) Alles; 
sie wissen das Gute und Schlechte; erfolgt keine Vergeltung, 
so haben Himmel und Erde (Kien und Eoan)®) (dabei) ihre 
besonderen Absichten (Sse). 

5. Der dunkle Kaiser^ in seinen Unterweisungen sagt: 
Auch die privaten Zwischengespräche der Menschen — der 
Himmel hört sie wie den Donner und er sieht die Schlech* 
tigkeit des Herzens in der verborgenen (stillen) Behausung 
mit dem Geistes-Aüge wie den Blitz. 

9. Tschuang-tseu sagt: Wenn rin Mensch das Nicht* 
gute thut und Glanz und Ruf erlangt und die Menschen 
schaden ihm nicht, so wird sicher der Himmel ihn bestrafen. 

(6) Kien und Koan, die Bezeichnung von Himmel und Erde 
im J-king. 

(7) Hiuen-ti, der Gott des Nordens, wohl eine Gottheit der Tao-sse. 



IMh: Proben a^ineB. Weiäieit. 167 

10. Wer Kürbisse säet, erhält (ämdtet) KttrbiBse, wer 
HülsenfrKohte^) säet, erhält Hülsenfirüchte. Des Himmels* 
Netz ist weit, w^t, und nicht voll Löcher (dass einer ent- 
schlüpfen könnte). Wenn einer auch tief ackert und seicht 
säet und der Himmtel sendet ein Verderben, so g^t der 
Oewinn verloren und der Mensch erhält nicht seinen Lohn (dafEhr). 

11. Gonfucius sagt: (Lün-iü I, B, 13): Wer sich g^en 
den Himmel vergeht, hat keinen (Geist), den er (um Hilfe) 
imrufen könnte. 

Oap. 3. Der Bestimmug folgen oder der Schickung 
sich fügen. 1. Tseu-hia sagt: (Lün-iü II, 12, 5) Tod und 
Leben haben ihre Bestimmung (Ming); Reichthümer und 
Ehren stehen beim Himmel. 

Meng-tseu (I, 2) sagt: Geht es. Einer wirkt es; steht 
es (tritt eine Henunung ein), einer hemmt es; Gehen und 
Stehen- machen ist nicht was der Mensch vermöchte. 

3. Audi nur ein Trunk, ein Bissen (Speise); alle Dinge 
sind im Voraus fest bestimmt. Da die 10,000 (alle) Dinge 
einmal so vertheilt und fest bestimmt verfliessen, was er* 
sch(q>fen (bemühen) die Menschen sich so emsig? Von allen 
Dingen hängt auch nicht eins von der Berechnung der Men- 
schen ab; alle sind durch die Bestimmung ruhig geregelt. 

5* Der Su-schu sagt: Man sieht Missfalliges und kamt 
ihm (es) nicht entgehen (verhüten); man sieht einen Vor- 
theil u^d kann ihn nicht erlangen. 

7. Gonfucius sagt: Der Mann, der (seine) Bestimmung 
kennt, sieht einen Vortheil und er bewegt (rührt) ihn nicht; 
€r sieht den Tod vor Augen und es kümmert ihn nicht. 

9. Lie-tseu sagt: Die Familie eines Idioten, eines Tauben 
und Stummen erlangt Reichthümer, (während) der Einsichts- 
tolle und Intelligente v^armt. Jahre, Monate, Tage, Zeiten 
alles ist fest bestimmt; drum erwäge, dass das Kommende 
von der Bestimmung und nicht vom Menschen abhängt. Da 
die Bestimmung nun ihre Zeit und ihren Moment hat, so 
mufis man, wenn die Zeit noch nicht da ist, nicht mit aller 
Gewalt etwas zu erlangen suchen. 

Oap. 4. Von der Uebung der Pietät. 1. Der Schi- 
(king) sagt : Der Vater erzeugte mich, die Mutter nährte mich 



(8) Teu Cl. 131. Nftvarette hat: trigo, Walzen. 

12* 



166 Sitzung der pMos.-phäol* CkMe-tom 4, Jidi 1663, 

unter grossen Beschwerden. Vater und Mutter erzeugten 
mich unter Mühen und Arbeiten; wünschte ich (auch) ihre 
grosse (tiefe) Liebe zu vergelten, der erhabene Himmel reichte 
nicht hin. 

2. Confucius sagt: Meinen Leib, meine Glieder, Haare 
und Haut habe ich von Vater und Mutter emp£angen; mich 
nicht zu unterstehen, sie zu zerstören oder sie zu verletzen, 
ist der Anfang der JPietät. Seine Person erhalten, den rech* 
ten Weg (Tao) wandeln, seinen Namen (Ruf) ausbreiten bis 
zu den späteren Geschlechtern, um Vater und Mutter zu 
verherrlichen, ist das Eud- (Ziel) der Pietät. 

3. Die Sache des frommen Kindes ist es, bei Lebzeiten 
der Eltern sie höchlichst zu ehren und bei ihrem Unterhalte ihnen 
Freude zu machen; wenn sie erkranken, um sie tief bekümmert 
zu sein; bei der Trauer sie tief zu beklagen; bei den (Todten-) 
Opfern, den grössten Ernst zu zeigen. Drum wer seine El- 
tern nicht liebt und liebt andere Menschen, von dem sagt 
man, er widerstrebe der Tugend; wer seine Eltern nicht 
ehrt und ehrt andere Menschen, von dem heisst es: er 
widerstrebe dem Brauche (Li). 

4. Der Weise dient seinen Eltern (Tshin) fromm, drum 
kann er seine Redlichkeit (Tschung) auf seinen Fürsten über- 
tragen; er dient seinem älteren Bruder mit Bruderliebe (Ti), 
daher kann er seine Folgsamkeit auf die Aelteren (Oberen 
Tschang) übertragen. Herrscht in seinem Hause gute Ord- 
nung (Li), so kann er die Leitung auf die Beamten übertrag^i. 

6 — 8. Die Aussprüche über das Verhalten eines from- 
men Sohnes gegen seine Eltern aus Li-ki I Gap. Kio-li und 
Lün-iül, 4, 23 und 19 undl, 1, 11 S. stehen schon in meiner 
Abb. Ueber die häuslichen Verhältnisse der alten Chinesen 
S. 43 u. fg. 

10. Tai-kung sagt: Wenn einer fromm ist gegen seine 
Eltern, so werden seine Kinder auch fromm gegen ihn sein^ 
wenn er selbst aber nicht fromm ist, wie können dann seine 
Kinder fromm sein! 

13. Meng-tseu (II, 7, 26) sagt: Dreierlei rechnet ma& 
zur Impietät; ohne Nachkommen sein , ist die grösste; — 
Kinder aufziehen, und (ruhig) das Alter zu erwarten, ist wie 
Früchte einsammeln, um der Hungersnoth zu wehren (der 
letzte Satz findet sich nicht bei Meng-tseu). 

14. Tseng-tseu sagt: (im Li-ki Gap. Tsi-i Cap. 24 



Pla^: Pü^oben clwnes, WeiaheU. 169 

fol. 54 V.)- ^^nn Vater und Mutter dich lieben, so freue 
dich und vergis» es nicht; wenn Vater und Mutter dir bÖBe 
sind, so scheue das, aber zürne ihnen nicht. Wenn Vater 
«nd Mutter em Vergehen begehen, so ermahne sie, aber 
^derslrebe ihnen nicht. Meng-tseu sagt: Unter den 3000 
Verbrechen, welche die 5 (Arten von) Strafen verdienen, ist 
keines so gross als die Impietät. 

15. Tseng-tseu sagt: Pietät und Liebe sind die Orund- 
lage der 100 Handlungen. Nichts übertrifft die Pietät; er* 
stredkt sie sich auch gegen den Himmel, dann folg^ Wind 
xind Regen zeitig; ei*streckt sie sich auch gegen die Erde, 
dann vollenden alle Diage ihre Umwandlung; erstreckt sie 
sich auch gegen die Menschen, dann erlangt man alleReich- 
thümer. 

16. Meng'tseu sagt: Was die Zeit Impietät nennt, be- 
greift iünferlei: Auf seine 4 Glieder nicht achten und so auf 
Vaters und Muttei^ Ernährung nicht sehen, ist die erste Art 
von Impietät. Würfel spielen und das Weintrinken lieben 
und dabei nicht auf Vaters und Mutters Ernährung sehen, 
ist die zweite Art der Impietät. Beichthümer und Sehätze 
lieben, eine specielle Zuneigung zu Frau und Kindern hegen, 
und dabei nicht auf Vaters und Mutters Ernährung sehen, 
ist die dritte Art der Impietät. Der Augen und Ohren Lue^ 
folgen und dadurch Vater und Mutter tödten (schädigen), 
ist die vierte Art von Impietät. Tapfer den Streit lieben 
und dadurch Vater und Mutter gefährden, ist die fünfte Art 
der Impietät. 

Oap. 5. Sich selbst regeln. 1. Der Tsching-li«*scha 
sagt: Siehst du an einem Andern etwas Gutes, so prüfe 
dein eigenes Gute (ob du es auch habest); siehst du an 
einem andern etwas Böses (einen Fehler), so prüfe deine 
eigenen Fehla*, dann wirst du Fortschritte machen (dich 
mehren). 

3. Confucias sagt: (Lün-iii I, 1, 8): Wenn der Weise 
nicht ernst (Tschung, gravis) ist, hat er keine Würde (Wei) ; 
studiert er, so (ist sein Studium) nicht solide. Hauptsache 
sind Redlichkeit und Treue. 

6^ Der Su^schu sagt : Wer sich selber gehen lässt (Schi). 
und andere belehren will, findet Widerstand ; wer sich ab^ 
selber regelt, um andere zu belehren, dem folgt man. 

7. Su^sdu sagt: Du darfst nidkt, weil du selber etwas 



170 Sitzung der pkOm^-phiM. CZam vom 4. Juli 1863. 



kuamt (vermagst), andere tadeln, daas sie es nicht können; 
du darfst nicht, weil du selber lang bist, andere tadeln, 
weil sie kurz sind. 

8. Tai-kungsagt: Du darfst nicht, weil du selbst gedu?i 
bist, Andere gering achten^ weil du selber gross bist, den 
Andern für klein halten; nicht auf deine Stärke (Matk 
Tung) vertrauend den G^ner gering (leicht) achten, 

9. Lu's (Fürst) Eung-kung sagte: Wer durch Tugend 
die Menschen übertrifft (besiegt), ist stark; wer an Beich'^ 
thümem die Menschen übertrifft, ist in Gefahr; wer durdi 
Gewalt die Menschen bezwingt (besiegt), geht zu Grunde 
(ähnUch 10). 

1 1 . Meng-tseu (1, 3, B) sagt : Wer durch Gewalt die Menschen 
unterwirft, dem unterwerfen sich nicht die Herzen; wer (aber) 
durch Tugend sie unterwirft, da freut sich ihr ganzes Herz 
nnd sie unterwerfen sich wahrhaftig (in Wahrheit). 

12. Tai-kungsagt: Siehst du einen Andern etwas Gutes 
tbun, so verbreite es sofort; siebst du einen Menschen etwa» 
Böses thun, so verbirg es sofort. 

13. Confucius sagt : Anderer Gutes verhehlen, heisst die 
Weisen verbergen (Pi) ; Anderer Fehler (Schlechtigkeiten) 
yerbreiten, zeigt einen Un weisen (Siao-jin eigentlich einen 
kleinen Menschen). Spricht man von dem Guten Anderer, 
so ist es, als ob man es selber (an sich) habe; spricht man 
von den Fehlem anderer, so ist es, als ob man sie selber 
anndime. 

14. Ma-yuen sagt : Hörst du von den Fehlem und Ver* 
sehen Anderer, so sei es, als ob du Vaters und Mutter- 
Ruf hörtest, (d. h. als ob es ihren guten Namen anginge); 
die Ohren können es wohl hören, aber der Mund darf nicht 
weiter davon reden. 

16. Meng-tseu (11,8,9) sagt: Wer Nicht-gutes von An« 
dern erzählt, wird später noch Verdruss davon haben. 

16. Der Lehrer Kang-tsie-tsohao sagt: Hörst du Andere 
dich herabsetzen, so zürne desshalb noch nicht. Hörst do 
Andere dich erheben, so freue dich noch nicht darüber* 
Hörst du Leute von Andern Böses sagen (Schlechtes erzäh- 
len), so vereinige dich nicht mit ihnen. Hörst du (dagegen) 
Leute das Gute von Andern erzählen, dann tritt hinzu, dich 
mit ihnen zu vereinigen ; folge ihnen und freue dich darüber» 
Daher sagt das Lied: es ist eine Freude» einen guten Men» 



FUUh: Proben Mm$. Weitheü. 17] 

wfhm zusehen; eineFreade, von einer gatenThat 2ai boren; 
eine Freude, ein gutes Wort anzuführen; eine Freude, eine 
gute Absicht auszufahren. Von eines Menschen Fehlem 
hören, ist wie mit Stoppehi und Domen beladen sein; das 
Gute von Andern hören, ist wie (die duftenden Pflanzen) 
Lan und Hoei am Gürtel tragen. Wenn das Herz keinan 
verkehrte Gedanken hegt, thun die Füsse keinen verkehrten 
Schritt; wenn der Mensch keine schlechte Verbindung unter* 
hiäit, wild er nichts Schlechtes in sich aufn^men. 

17. Kin-sse-lu sagt: Erhebe dich zum Guten mit der 
SdineUigkeit des Windes, bessere deine Fehto wie Donner 
und Blitz. 

18. Tseu*knng sagt (Lün-iü II, 19, 21): Des Weisen 
Vergehen sind wie Sonnen- und Mond* Finsternisse; alle 
Menschen sehen sie, aber wenn sie sich ändern (bessern), 
bKdron auch alle Menschen zu ümen hinauf. 

19. Wer seine Fehler erkannt hat, bessere sie; wenn 
das erreicht, vergesse man sie nicht. 

20. Confucius (Lün-iü II, 15, 29) sagt: Fehlen und sich 
nicht bessern, das ist (erst recht) fehlen. 

22. Confucius sagt (Lün-iü I, 7, 21): Gehen wir zu 
dreien zusammen, so ist gewiss (einer darunter) mein Lehrer 
(Führer); ich wähle den Guten aus und folge ihm, den 
Nicht-guten bessere ich. 

23. King-hing-lu sagt : Wer wenig spricht und eine Aus* 
Wahl trifft bei .(seinem) Verkehre , der entgeht vielen Ver- 
driesslicbkeiten und hat keinen Eummei* und keine Schande. 

24. Tai-kung sagt: Sorgfalt ist eine Kostbarkeit von 
einem unschätzbaren Werthe; Aufmerksamkeit (Schin) schützt 
das Leben wie ein Eönigsbrief (Fu). 

26. Lao-tseu sagt: Viele Worte fügen nichts hinzu zu 
seinen Gliedern; hundert Geschicklichkeiten lassen seinen 
Körper (den schwachen Menschen) nicht vergessen. 

27. Confucius sagt: Die Menge der Begierden schadet 
dem Geiste (Schin); die Menge der Schätze fesselt den Körper. 

29. Tai-kung sagt: Wenn das Herz Begierden hat, scha- 
det man sich selbst; ein scharfer Mund verletzt die Person. 

80. King-hing*lu sagt: (Berauschende) Töne und schöne 
Gesichter verderben das Geräthe der Tugend; viel Nach*^ 
denken und Ueberl^en verletzt des Lebens Wurzel. 



172 Sitzwng der philos.-phüöl. Gasse vom 4. Jidi 1863, 

31. Confuciüs sagt: Wenn Alle dich lieben, so prüfe 
dich doch; wenn Alle dich hassen, so prüfe dich auch. 

32. (Der Schu-king III, 5 imCap.) TaMria sagt: Wenn 
der Himmel Ungemach sendet, kann man es noch ertragen; 
wenn man aber sich selber Ungemach zuzieht, kann man 
ihm nicht entgehen; das will das sagen. 

33. King-hing-lu sagt: Der, welcher, wenn er ein gutes 
Wort hört, sich verneigt, und wenn er erinnert wird, dass 
er einen Fehler an sich habe, darüber erfreut ist, ist das 
Bild eines Heiligen und Weisen. 

39. Gonfudus sagt (im Kia-iü Gap. 16 fol. 13 und im 
Schue-yuen im J-sse 86, 4, 17): Eine gute Medidn ist bitter 
dem Munde, aber nützlich gegen die Krankhet; eine wahr- 
hafte Rede mag dem Ohre zuwider sein, ist aber nützlich 
zur Anwendung. 

42. Lao-tseu sagt: Wer sich selber nur sieht (zeigt), 
ist nicht einsichtsvoll (ming belle) ; wer sich selber für recht 
hält, glänzt nicht; wer sich selber angreift (schlägt), ist 
ohne Verdienst; wer sich auf sich selber stützt, nimmt nicht 
zu (wird nicht gross; tschang, lang). 

43. Lieu-hoei sagt: Wer Korn und Seide einsammelt, 
furchtet weder Hunger noch Kälte; wer Recht (Tao) und 
Tugenden einsammelt, fürchtet nicht Gefahren noch Miss- 
gesci^ick. 

44. Tai-kung sagt: Wer andere Menschen beurtheilen 
(bemessen) will, der beurtheile zuvor doch ein Bischen sich 
selber. Wer Andere mit Worten verletzt, der gehe (doch 
auf sich) zurück, wie ihn selbst das verletzen würde. Wer 
den Mund voll Blut nimmt, um Andere zu bespeien, besudelt 
zunächst selbst seinen eigenen Mund. 

45. Tai-kung sagt: Der Arme wird leicht sehr indolent, 
der Reiche sehr gewaltthätig (li). 

46. Siün-tseu sagt: Ein guter Ackersmann unterlässt 
auch wegen Wasser (Ueberschwemmiung) und Dürre nicht 
das Ackern; ein guter Handelsmann unterlässt, wenn der 
Preis auch abschlägt, doch nicht zu Markte zu gehen. So 
wird ein Beamter (Sse) und ein Weiser auch bei Armuth 
und Noth nicht träge, den rechten Weg zu gehen (Hü-tao-ti). 

47. Meng-tseu sagt: Die Menschen, die blods essen und 
trinken, werden von den Menschen gering geachtet, weil sie 
das Kleine unterhalten und das Grosse (Wichtige) versäumen* 



FMhT Proben cMnes. Weüheit 173 

48. Alle Spiele (EB) nutzeii nichts (fugen nichts hinzu) ; 
nur Sorgfalt und Fleiss (Kin) haben Verdienst. 

49. Tai-kung sagt: In ein Kürbisfeld tritt nicht ein, dir 
die Schuhe anzuziehen,^) unter einem Pflaumenbaume binde 
dir nicht den Hut fest (um- keinen Verdacht zu erregen). 

50. Meng-tseu (11,7, 4) sagt: Liebst du einen Menschen 
und er liebt dich nicht wieder, so gehe zurück und prüfe 
dein Beti'agen gegen den Menschen ; ^^) leitest (regierst) du die 
Menschen und sie sind nicht (recht) geleitet, so gehe zurück 
auf deine Einsicht; bist du artig (li) gegen die Menschen 
und sie erwiedem es nicht, so gehe zurück auf deine Auf- 
merksamkeit (King, ob ne nicht zu geringe war). 

52. Tai-kung sagt: Hat einer mitten im Hause etwas 
Uebels gethan^ so weis es draussen gleich das Gerücht; hat 
einer eine Tug^d geübt, dann rühmt der Mensch sich sel- 
ber und Terbreitet sie. 

53. Wenn ein Mensch nicht weise (hien) ist, so unter* 
halte keine Verbindung mit ihm; wenn eine Sache nicht ge* 
recht ist, so nimm sie nicht an; wenn ein Gedanke (Fen) 
nicht gut ist, so hege (^hebe) ihn nicht; wenn eine Sache 
nicht wahr (richtig) ist, so discurire nicht darüber. Wer 

^^ sorgfaltig verföhrt, hat keinen Kummer; wer geduldig ist, 
hat keine Schande; wer stille (friedfei-tig) ist, hat beständig 
Ruhe, wer sparsam ist, wird immer genug haben. 

57. Wenn das Ohr Anderer Fehler nicht hört, wenn 
das Auge Anderer Mängel (Toen Kürze) nicht sieht, wenn 
der Mund von den V^gehen Anderer nicht spricht, fehlt 
wenig am Weisen. 

58. Wer innerhalb des Thores ein Weiser ist, ist ausser» 
halb des Thores eip höchst Weiser; wer innerhalb des 
Thoties ein Unweiser ist, ist ausserhalb des Thores ein höchst 
ünweiser. 

59. Tai-kung sagt: Wenn man in einer Sache etwas un- 
terlässt, kommen hundert Dinge zu FsJle. 

60. Lao-tseu sagt : Einen klaren Spiegel wird der Staub, 
den eine Antilope macht, nicht trüben; ein reiner Geist, der 
auch die Lust kostet, kann daran nicht hangen bleiben. 

(9) Meine Awigabe hftt sinnlos xweixnal Li PflAumenbaom, das 
erstemal soll das gleichlautende Li die Schuhe anziehen stehen. 

(10) Jin, sonst Humanität, aus C. 9 der Mensch und C. 7, 2 zu- 
sammengesetzt, also das Verhalten des Menschen gegen den Andenu 



174 Sitzung der pkOcß.'pMpl. dam «oni 4. Juli 1863. 

62. tioofucii^ (Liitt^itt U, 13, 26) sagt: Dar Weise ist 
hochherzig (grossartig Thai), aber nicht hocbmüthig; der Ua* 
veise hochmütbig, aber Bicht hochherzig. 

66. Lao^seu sagt: Die heiligen Männer sammeln Tu- 
genden ein und sammeln nicht Schätze, das Rechte eq(reif(m 
(Tao-tsiaen) verYollkonunnet die Person: den Vortbeil er- 
greifen schadet. 

67. Tsai-pe-kiai sagt: Wenn Freude und Zorn im Her^ 
«en sind, so können die Worte, die aus dem Munde hervor- 
geben, nicht sorgfältig (schin) genug erwogen werden. 

68. Der Fürst Ton Wei (Wei<pe) sagte: Libm'alität, 
Wohlwollen und angestrengte Thätigkeit sind die Grundlage 
der Liebe und Achtung der Person; fleissiges Studium ist 
die Grundlage (Wm-zel) der Stellung einer Person. 

69. Wenn die Personen, die reich und geehrt sind, sich 
herablassen^^) können zu Andern, welcher Mensch wird 
sich dann den Reichen und Geehrten nicht ergeben? Wenn 
die in einer höheren Stellung sind, (ihre üntargebenen) lieben 
and achten können, welcher Mensch wird sich dann unter* 
stehen, sie nicht auch zu lieben und zu achten? Wenn die 
in einem Amte (oder Posten) sind, ernst und würdig s^in 
können, welcher Mensch wird sich dann unterstehen, si^ 
nicht zu furchten und zu scheuen? Wenn der, der ein Wort 
ausgehen lässt, durch Vernunft (Li) geleitet wird und in 
Uebereinstimmung stdit mit der Regel (dem Richtmaasse 
Kuei), welcher Mensch wird dann wagen sich dem Befebte 
2U widersetzen? 

70. Yen-schi sagt: ein Mann, der ein Buch leihet, muse 
. jeden Augenblick es liebevoll (sorgfiLltig) bewahren und wenn 

es beschädigt und ruinirt wird, muss er es ausbessern und 
zurecht jachen lassen. Diess ist eins T<m den hundest 
(jeschäften eines Sse und Ta-fu. 

Otüf» 6. Zufrieden-sein mit seinem Theile. 1. Eang- 
hing-lu sagt: Wer sich zu genügen weiss, kann Freude ha* 
ben; viel begehren macht Kummer. Wer sich zu genügen 
weiss, hat) wenn er auch arm und niedrig gestellt ist, doch 
Freude; w^ sich nicht zu genügen weiss, hat, wenn er auch 
reich und geehrt ist, doch Kummer. Wer sich zu genüg^i 
weiss und immer genügt, hat sich sein lebelang nidit zu 

■ ■ ■ ■■■■■■■■■■■■■ ^p< 

(11) Für Pa, nicbtmoss eul Cl. 126 gelesen werden, wie imFol- 



Baih: Proben i^ima. Wtiakeit, 179 

sdüaen. Wer seine Stelluiig erkennt un4 immer sie wt^ 
nimmt, der wird sein lebelas^ ^ nicht erröthen. Vergleiobt 
er sich mit einem Obern, so hat er nicht genügend; vei^ 
gleidit er sich aber mit einem unter ihm, so hat er übw^ 
flüssig; vergleicht er sich mit einem unter ihm, so bat sein 
Herz nie nicht (immer) genug. 

3. Confucius sagt (Lün-'iü I, 4, 5): Beichthümer und 
Ehren sind was die Menschaa sich wünsdien, aber wenn 
(der Weise) sie nicht auf seine (die rechte) Art erbuigt, so 
nimmt er sie nicht; Armuth imd Niedrigkeit sind was die 
Menschen hassen (verschmähen); aber wenn er es nicht auf 
dem rechten Wege kann, meidet er sie nicht. Ungerechter 
Beichthum und £hr^ sind mir wie eine xerfliessende (flüch- 
tige) Wolke, 

5. Lao-tseu sagt: Wer seine Bestimmui^ ericettnt, be* 
wahrt seine Scheu (Jo, Scham). 

6. Siün-tseu sagt: Wer sich selber erkeimt, zürnt nicht 
dem Menschen; wer seine Bestimmung erkennt, zün^ nicht 
dem Himmel. Wer den Menschen zürnt, ist elend; wer dem 
Himmel zürnt, handelt planlos (ohne Absicht wu-tschi). Wer 
sich verlässt und sich entgegentritt, wie sollten nicht auch 
die Menschen sich von dem entfeamen? 

10. Erwäge was eingebt (im Haushalte) und miss ab was 
ausgeht. 

11. Confucius sagt: Der Weise kann aitn (el^d) sein; 
der Unweise, wenn er elend ist^ wird unzuverlässig (abwei- 
chend vom Bechten lan). 

14. Der Tscbung-yong ((Jap. 14) sagt: Wer reich und 
geehrt ist, benehme sich wie ein Reidier und Geehrte; wer 
arm tmd niedrig ist, betrage sich wie ein Armer und Nied- 
riggestellter. Ein Barbar (J-ti) benehme sich als Barbar; 
wer bekümmert und in schwieriger Lage ist, benehme sich 
wie ein Bekümmerter und einer der in schwieriger Lage ist. 

15. Confucius (Lün-iü I, 8, 14) sagt: Stehst du nicht 
in einem Amte, so ertheile keinen Rath in Hinsicht der 
B^erung. 

Gap. 7. Sein Herz (vor Lastern) bewahren. 5. Fan- 
tschung Siue-kung ermahnt seine Söhne und jungem Brüd^ 
und sagt : Wenn ein Mensdi auch äusserst dumm ist, andere 
zu tadeln, ist er immer dnsichtvoll (ming, helle). Wenn einer 
auch voller Einsicht ist, bei seiner Selbstbeurtbeilang ist 



176 Sitzung der philos.-ph^M. Ch98e vom 4. Jtdi 1963, 

(sein Blick) getrübt. Wer aber Andere tadelt, der tadelt 
nttr sich selber; wer sich selber etwas nachsieht, sieht auch 
Andern etwas nach. Ohne Kummer (Pein, Huan) gelangt 
(bringt) man (es) nicht zu einem Heiligen, einem Weisen 
oder 2U irdischen Würden. 

7. Der Su-schu sagt: Studiere riel (tief), frage ernst* 
lieh nach, so wirst du eine grosse (weite) Einsicht (Wissen) 
erlangen. Hohe Thaten, wenig Worte dJenai deine Person 
KU schmücken. 

8. Gonfucius «agt: (Lün-Jü I, 8, 13): Wer fest vertraut, 
das Studium liebt und bis zum Tode daran fest hält (dabei 
bleibt), der geht den guten Weg. 

9. Wer einsichtsvoll, erleuchtet, kenntnissreich und in* 
telligent ist, erhalte sich (diese Eigenschaften) , indem er sich 
ungeschickt (roh) bezeigt. Wer an Geschicklichkeit das Reich 
(die Welt) übertrifft, bewahre sie sich durch demüthiges 
Betragen (j^^S)* ^^^ ^^^ Muth (Yung) und Stärke der 
Welt beisteht, bewahre sie durch Gesetzlidikeit (Fa). Wer 
die Reichthümer der vier Meere besitzt, erhalte sie sich 
durch Sparsamkeit (Khien). 

10. Tseu-kung sagt: Arm sein und nicht schmeicheln; 
reich sein und nicht hochmüthig. ^*) 

11. Gonfucius sagt (Lün-iü U, 14, 11): Einen Armen 
(zufindea), der nicht klagt (zürnt), ist schwer: einen Reichen, 
der nicht hochmüthig ist, dagegen leicht. 

15. Der Ta-hio (S. 6) sagt: Was man nennt seine Ab- 
sichten regeln, ist dieses : täusche (betrüge) dich nicht sdbst. 
(Hasse das Laster) , wie du hassest (meidest) garstige Ge- 
riidie; (liebe die Tugend), wie du liebst schöne Gesichterw 

20. Wenn das H^z (tschün-sin) nicht verdunkdt ist^ 
sind die 10,000 Gebote (Gesetze Fa) alle klar. 

22. Beständig denke daran, dass du den Tag deinen 
Feind (Gegner) sehen (treffen) kannst. Das Herz gleiche 
immer der Zeit, wo man eine Brücke passirt. 

23. Eing-hing-lu sagt : Der Redliche (Tsching) hat nichts 
zu bereuen; der Friedfertige (Nachgiebige) hat keinen Hass 



(12) Xiän-iü I, 1, 15 fragt Tseu-lu, was von einem solchen zu 
halten sei und Confacius erwiedert : es sei schon gut, aber nicht zu ver- 
gleichen mit dem Armen, der heiter und dem Reichen, der ein ar- 
tiges (civiles) Betragen (Li) beobachte. 



PUOh: Ft<^^ chrnM. Weisheit. 177 

(yuan) ; der Einträelitige (Ho) hat keinen Streit (Feinebchaft) ; 
der Geduldige erfal^rt keiae Beschimpfung (Schmaeh Jo)« 

24. Wer die Gesetze scheut, kann jeden Morgen heiter 
sein; wer das gemeinsame (Wesen) betrügt, wird Tag für 
Tag Kummer haben. Ein kleines Herz (ein DemütMger) 
kann zum Reiche hinausgeben: wer aber einen hochfahren«» 
den (starken) Lebensgeist (Khi) hat, kann nur mit Mühe 
einen Zoll oder Schritt weit weggehen (sich yerändern). 

25. Confucius sagt : Denke nichts Verkehrtes (Schlechtes)* 

26. Tschtt's (Fürst) Wen-kung sagte: Bewahre den 
Mund wie eine Flasche. Hemme (hüte) deine Gedankea 
(Absicht) mit Sorgfalt. Wer den Mund zu yiel öffnet, hat 
nur Verdruss (davon); der Grund aller Gewaltthätigkeiten 
geht aus dem Streite hervor. ^•) 

28. King-hing-lu sagt: Das Verlaagen (Than) folgt den 
Dingen nach Aussen; die Wünsche (Yo) bewegen uch im 
Innern. ' 

29. Der Weise liebt Schätze; nimmt er sie aber, seist 
es auf dem rechten Wege (Tao). 

30. Der Weise ist bekümmert um den rechten Weg, 
ihn kümmert nicht die Armuth. Der Weise denkt an den 
rechten Weg, er denkt nicht an das Essen. 

33. Jedermann fege nur vor seiner Thür den Schnee 
weg und sehe nicht durch das Femrohr nach dem Reif 
(Rauchfrost) oben auf dem Hause des Andern. 

34. Das Herz, das ohne (Schulden-) Last ist, braucht 
Angesichts der Menschen keine Scham zu zeigen. . 

36. Der Schue-yuan sagt : Wähle aus die Weisen, eriiebe 
die Fähigen, birg (bedecke) die Fehler, verbreite das Gute 
(Anderer). 

39. Von den Mängeln (Toen Kürze) Anderer reden, ist 
inhuman; der Menschen Schlechtigkeiten begünstigen, ist 
nicht recht. Dinge, die schwer zu ertragen sind, ertragen, 
ist eine Nachsicht von Menschen ohne Einsicht (Ming Helle)» 

42. Kheu - lai - kuDg erwähnt sechs Sachen, die einen 
reuen. Der Beamte, der seinem Privat -Vortheile (Sse) nach- 
geht und krumme (Wege Kio) geht, den wird es reuen zur 
Zeit, wenn er abtritt. D^ Reiche, welcher nicht sparte, 

(13) Für Seh an Berg Cl. 46 in meiner Ausgabe ist Tschu her- 
vorgehen zn lesen; für Ten, Kopf in meiner Aasgabe, ist besser zn 
lesen das gleichlautende T eu Streit, wie Navarette hat. YgL 4, 16. 



176 Süzung der phUos.-pkm. ütime wm 4, Jtdi 1863. 

wird zur ^eit der Verarmung Reae empfiBden. Der Talent«* 
volle, der Bicht ein wenig lernte, wird, warn die Zeit vorbei 
ist, Rene empfinden. D^, der auf sein Geechäft zu sehen 
hat und nichts krtit, wird zur Zeit, wo ^ es braucht, Reue 
empfinden. Den Trunkenen, der nachher unnunige (anstossige) 
Reden führt, wird es reuen 2Ur Zeit, wenn er aus der Trun- 
kenheit erwacht (Tsching)* Wer Ruhe (Gesundheit) hat und 
nicht in der Austragung nachlässt (Si aufathmet), den wird 
es reuen zur Zeit der Krankheit. 

44. Der J-tsdn-schu sagt: Besser ohne Affairen (Streit 
Sse) sein in einem armen Hause, als solche haben in einem 
reichen Hause; besser ohne Affairen sein in einer Stroh« 
hätte, als solche haben bei Oold uBd Edelsteinen, besser 
ohne Affairen ein grobes Brod essen, als krank sein und 
eine gute Medicin essen (einnehmt). 

47. Gonfucius sagt: Man muss nicht hastig etwas be» 
gehren; nicht auf einen kleinen Vortheil sehen. Begehrt 
msm etwas hastig, so dringt man nicht durch (erlangt eß 
nicht); sieht man auf einen kleinen Vortheil, so kann man 
eine grosse Sache nicht durchfähren (zu Stande bringen). 

48. Künstliche Reden verwirren die Tugend; eine Klei- 
nigkeit nicht ertragen können (eine kleine Ungeduld), stört 
(verwirrt) grosse Rathschläge (Entwürfe). 

49. King-hing-lu sagt : Wer Andere tadelt, erlangt keine 
vollkommene Verbindung; wer sich (nur immer) entschul- 
digt, ändert (bessert) seine Fehler nicht. 

53. (Confttcius sagt) Lün-iü (II, 1% 15): Der Weise vol- 
lendet das Gute (Schöne Mei) von Andern; er vollendet 
nicht das Schlechte Anderer. Der Unweise thut das Gegentheil. 

54. Meng-tseu sagt: Der Weise zürnt nicht dem Him- 
mel, er tadelt (yeu) nicht die Menschen. Diess ist zu einer 
Zeit, das zu einer andern; 

55. Den Spruch des Gonfucius aus Lün-iü 11, 16, 8 
haben wir schon in unsrer Abh. Ueber die alte Religion der 
Chin. IS. 23 mitgetheilt. 

56. King-hing-lu sagt: Wer früh aufsteht und spät 
(Abends) zu Bette geht, nur auf (an) Rechtschatfenheit und 
Pietät denkt, wenn die Menschen ihn auch nicht anerkennen, 
sicher kennt ihn der Himmel. 

60. Wenn das Herz sich dem Vortheile zuwendet, kehrt 
es dem Redite (rechtem Woge Tao) den Rücken zu; wenn 



PMh: Frebm 6kine$. WeMcU, ITft 



maa seine Absicht nur auf das Frivatintor^se (Sse) richtet, 
dann vernichtet man das allgemeine-Interesse (Kung). 

62. Die moralischen Maadmen, welche üonfucias angeb** 
lieh auf einer Bildsäule im Ahnentempel HeU'tsfs fand, und 
die hier aus Kia-iü Gap. 11, fol. 2 mitgetheilt sind, werden 
wir im Leben desGonfocius besprechen. S. Torläufig Amiot 
Mem. da la Chine T. XII, p. 65 und 358. 

64. Weichheit und Biegsamkeit erhalten des Körpers 
(Lebens) Wurzel (Grundlage) ; Kraft- und Gewalt- Aeusserung 
Bind dagegen die Wurzel des Unglücks. 

Gap. 8. Seine Natur bewahren. 1. King-hJng-hi 
sagt: Des Menschen Natur ist wie das Wasser; wenn das 
Wasser ^nmal seitwärts (abfliesst khing), kann es nicht 
wieder zurücklaufen ; wenn die Natur einmal sich gehen Hess, 
kann sie nicht wieder umkehraa. Um das Wasser zu regefai, 
bedient man sich der Barrieren und Damme; um das Na^ 
turell zu leiten, bedient man sich der Bräuche (Li) und 
Gesetze (Fa). 

2. Der Gdst (Kraft Khi) eine Zeitlang etwas zu ertra- 
gen, überhebt einen des Herzeleides von 100 Tagen. 

3. Wer erlangt hat etwas zu ertragen (Jin), ist gedul- 
dig; wer es erlangt hat, sich zu hüten (Kiai), ist behutsam. 
Wer nicht geduldig und behutsam ist, macht aus einer klei* 
neu Sache eine grosse. 

6. Die Geduld ist ein Schatz der Person; die Ungeduld 
ist das Verderben derselben. Die weiche Zunge erhält sich 
beständig im Munde, die Zähne dagegen werden zerstört, 
obwohl sie hart (fest) sind. Wer über das Wort Geduld 
meditirt, ei'freut sich eines frohen, ruhigen Lebens; wer da- 
gegen nicht einen Augenblick, nicht eine Stunde G^uld 
haben kann, der hat Tage und Monate lang Verdriesslichkeiten. 

d. ist ein längeres Gespräch von Gonfucius mit Tseu- 
tschang über die Geduld (Jin). 

9. King-hing-lu sagt: Wer sich duckt, kann auch unter 
der Menge wohnen; wer es aber liebt, (Andere) zu bewäl- 
tigen (unterwerfen), trifft sicher auf einen Gegner. 

10. Tschang-king-fu sagt: Das ist ein kleinlicher Muth 
(Yung), wo der Zorn aus dem Blute und der Lebenskraft 
(Khi) hervorgeht; der grosse Muth ist der Zorn für Ord- 
nung (Recht Li) und Gerechti^eit. Den Zorn, der aus dem 
Geblüte und der Lebenskraft hervorgeht, darf man nicht 



18p Sitztmg der ghÜ6e,»pUM* CHasse vom 4» Juli 1863, 

haben, aber der Zorn für Recht und Gereebt^keit darf nicht 
fehlen. Wer dieses weiss (einßieht), erkennt das Richtige in 
der Natur der Leidenschaften und weiss den Unterschied 
(Antheil Fen) zwischen des Hioimels Ordnung (Li) und der 
Menschen Verlangen. 

IL Wenn ein schlechter Mensch einen guten schmähet, 
80 darf der gute Mensch das durchaus nicht erwiedem. 
Wenn der gute Mensch es erwiedert, so ist das oime Klug- 
heit und Einsicht (gehandelt); erwiedert er es nicht, so ist 
(bleibt) sein Herz rein und lauter, während des Schmähen- 
den Mimd wie kochendes i^nd heisses Wasser aufsprudelt 
(Fei). Es ist gerade, als wenn ein Mensch den Hinunel 
anspiee; es fallt nur auf ihn selber wieder zurück. 

12. Wenn dieser Mensch mich schmähet, so stelle ich mich, 
als ob ich taub wäre und nicht reden könnte. Es ist da 
(die Schmähung) zu vergleichen mit einem Feuer, das in 
einem leeren Räume brennt, unterhält man es nicht, so er- 
lischt es von selber; bläst man es (aber) an, so ist es, 
als wenn man Brennbolz in's Feuer würfe. Bleibt unser 
Herz davon unberührt G^^^)) ^^ höre ich (ruhig) mit an, 
wie du Lippen und Zunge bewegst. 

13. Lao-tseu sagt: Ein Sse oberer-Classe streitet nicht; 
ein Sse unterer-Classe liebt zu streiten. 

Cap* 9. Ermunterung zum Studium. 1. Confucius 
(Lün-iü II, 19, 6 aber Tseu-hia) sagt: Ein ausgedehntes 
Studium, ein fester Entschluss (to-tschi), viel Fragen und 
genau (sorgfaltig, Kin in der Nähe) darüb^ nachdenken, 
führt mitten zur Humanität (Tugend Jin). 

2. Der Li-ld sagt: Wer viel fragt, kräftig eindringt, 
forscht, dabei Demuth übt, Gutes tbut und nicht müde 
wird, ist ein Weiser (Kiün-tseu). 

3. Confucius sagt: Wer fleissig ist und zu lernen liebt, 
errötbet nicht, auch die unter ihm stehen zu fragen. 

4. Der Sing-li-schu sagt: Die Ordnung beim Studium 
ist: Umfassend studieren, nachforschen und fragen, sorgfaltig 
(über das Gehörte) nachdenken, deutlich unterscheiden und 
angestrengt (öeissig) es ausführen. 

5. Tschuang-tseu sagt: Ein Mensch, der nicht studiert, 
ist wie einer, der den Himmel ersteigen will ohne Leiter. 
Wer studiert und das Ferne erkennt, der ist wie eine oflFene 
glückliche Wolke, durch die man den reinen Himmel sieht: 



lUttk: Ptobm Mna. WeitkeU. 1dl 

ine einer der einen hohen Berg besteigt, um die vier Meere 
m schauen. 

7. Der Li-ki sagt: Wenn ein Jaspis (Yüstein) nicht be- 
arbätet wird, wird kein vollendetes Gefass daraus; ohne 
Studium erkennt man nicht die Naturordnung (Li). 

8. Tai-kung sagt: der Mensch, der nicht studiert (lernt), 
bleibt verfinstert, wie wenn er immer in der Nacht wandelte. 

10. Ein Mensch, der nicht zu lernen (studieren) weiss, 
ist den Ochsen und Schafen zu vergleichen. 

11. Tschü's (Fürst) Wen-kung sagte: Sprich nicht: 
diesen Tag will ich nicht studieren; es ist ja noch einkom* 
mender Tag. S^nich nicht, dieses Jahr will ich nicht stu« 
dieren, es ist ja noch ein kommendes Jahr. Tage und Mo"* 
nate vergehen; die Jahre gehen nicht beständig mit uns; 
sie rufen dem Greise zu, wessen Fehler war es? 

12. Wenn eine Familie auch arm ist, so darf sie doch 
nicht auf ihre Armuth sich stützen, um das Studieren (Ler- 
nen) zu unterlassen. Wenn eine Familie reich ist, so darf 
sie doch auf ihren Reichthum vertrauend nicht lässig sein 
im Studieren. Der Arme, wenn er fleissig studiert, kann für 
seine Person eine Stellung erlangen; der Reiche, wenn er 
fleissig studiert, Namen, Glanz und Ruhm erlangen. Wer 
studiert, dessen Glanz (Ruhm Hien) dringt durch; wer nicht 
studiert, wird nicht vollkommen. Der Studierende schmückt 
seine Person; der Studierte ist ein Schmuck der Generation. 
Wer daher studiert, kaum ein Weiser werden; wer nicht 
studiert, bleibt un weise (ein kleiner Mensch); daher ist es 
recht und billig, dass Jeder sich anstrenge. 

16. Der Eo-li (Cap. 1 des Li-ki) sagt: Wenn der Stu- 
dierende keinen Freund hat, ist er einsam und beschränkt 
und hört wenig (oder erlangt wenig Ruf, kuawen). 

17. Die Bücher, die einer bei sich hat (die einem folgen), 
sind ein Schatz und Reichthum ^*) der Person, des Reiches 
und der Familie Zier. 

18. Confucius sagt (Lün-iü I, 3, 17): Lerne, als ob du 
es nicht erreichtest und fürchtetest, es (wieder) zu verlieren. 

21. Confucius sagt (Lün-iü I, 1, 6): Der Schüler übe 
daheim Pietät, nach aussen Bruderliebe; er sei sorgsam, 

(14) Tsai Talent, Macht, Geschickliclikeit passt hier nicht; ich 
nehme es daher hier für das Compositum, mit Zusatz von Cl. 154^ 
T.Bsi Beichthum. 

[1863 IL 2.] 13 



182 SitMung der fMäi.-pMol. Ckme vom 4.Jvii 1863. 

(flaisfiig) und treu, zeige allgemoiae MenseheDliebe, liebe £m 

Humanität und wenn er dann noch Kraft übrig hat, studiere 
er die Literatur (Wen). 

Gap. 10« Die Kinder unterweisen. 2. üeu-tün-tiea 
ermuntert zum Studium (hio-wen): Wenn Vater und Mutter 
Kinder aufziehen und sie nicht unterrichten, so lieben sie ihre 
Kinder nicht; wenn sie sie wohl unterrichten, aber keine 
Strenge (yen) anwenden, so lieben sie ihre Kinder auch nicht. 
Wenn Vater und Mutter sie unterrichten und sie lamen nicht, 
so lieben die Kinder ihre Person (sich selbst) nicht; lernen 
sie wohl, aber nicht fieissig, so lieben 'sie auch sich nicht. 
Drum wenn man Kinder au&ieht, muss man sie unterrichtan ; 
beim Unterrichte mit Strenge yerüähren; bei dier Strenge 
mit Sorgfalt (Fleiss); bei solcher Sorgfalt werden sie voll- 
kommen. Studiert einer, so kann auch der Sohn des ge* 
meinen Mannes es bis zum Grafen (Kung) und Minister 
(Khing) bringen ; lernt er aber nichts (studiert er aber nicht), 
so wird der Sohn eines Grt^en und' Ministers ein gemeiner Mann. 

5. Tschuang-tseu sagt: So klein auch ein Gesdiäft ist, 
wenn es nicht gethan wird, wird es nicht vollendet. Wenn 
Söhne und Enkel roh sind, so werden sie ohne Unterricht 
nicht erleuchtet. 

6. Das Buch der (Dynastie) Han sagt: Gelbes Gold im 
Handel gewinnen, ist nicht wie sdne Söhne in einem King 
(classischen Buche) unterweisen. Seinem Sohne tausend 
Kiu (zu 25 Pfund) schenken, ist nicht, wie dem Sohne eine 
Geschicklichkeit beibringen (lehren). 

7. Unter den höchsten (Freuden) Genüssen ist keins 
wie Bücher lesen. Keine Lust ist grösser als seine Kinder 
(Söhne) zu unterrichten. 

8. Kung-sün>-tscheu (bei Meng-tseu U, 7, 18) sagt: Dass 
der Weise nicht (selber) seinen Sohn unterrichtet, wie ist 
das? Meng-tseu erwiedert (sagt): Strenge, das geht nicht 
(darf er nicht anwenden). Wer aber unterrichtet, mua» 
sicher auf das Rechte scJien. Wenn (der Sohn) nun aber 
das Bedite nicht thut, dann setzt (der Vater den Unterricht) 
fort im Zorne, dann verletzt er aber (seinen Sohn) (und der 
sagt): Meister belehrt mich über das Rechte, aber Meister 
geht selber noch nicht aus auf das Rechte. So verletzen 
sich dann Vater und Sohn gegenseitig: wenn aber Vater 
und Sohn sich gegenseitig verletzen, so ist das ein UebeL 



IMki ^robm Miu$. WHAeH. 18S 



9. IHe Alten taasritten daher ihre Söhne aus, uite sie 
zu unterrichten. Zurechtweisungen zwischen Vater und Sohd 
sind nieht gut; ist die Zurechtweisung auch gut, so entsteht 
doch eine Entfremdung (Trennung); Entfremduiäg aber zwi*« 
sehen Vat^r und Sohn ist unter aUem Unglück das grössta. 

10. Liü-yung-kung sagt: Wo drinnen (im Hause) kein 
weiser Vater und älterer Bruder ist, draussen kein gestrenger 
Lehrer und Freund, dass einer da vollendet (yollkommen) 
werden kann, das ist selten. 

IL Tai-kung sagt: Wenn Knaben (und Mädchen)^') 
dea Unterricht nicht haben (versäumen), werden sie heran- 
gewachsen Dummköpfe sein; wemi Mädchen den Unterricht 
versäumen, werden sie herangewachsen ungebildet und roh sein. 

12. Die Regel bei Erziehung von Knaben ist, dass tie 
nidit auf täuschende (betrügerische, kuang) Worte hören; 
die Regel beim Aufziehen der Mädchen ist, dass kein Un-* 
terricäit sie von d^ Mutter entferne. 

1^. Den erwachsenen jungen Mann muss man nicht g^ 
wohnen an Wein (Zechen) seine Freude zu haben; das er^ 
Wachsaie junge Mäddien darf nicht veranlasst werden forb- 
(aus-) zugehen. 

14. Von einem strengen Vater gehen fromme Kinder 
aus, von einer strengen Mutter geschickte Töchter. 

15. Liebt man sein Kind, so giebt man ihm viele 
Schläge (Klapse mit der Hand, Fung), ist man ihm nicbt 
gewog-en, so giebt man ihm viel zu essen. 

16. Liebt man ein Kind ohne Verdienst, so wird man 
es hassen (ihm abgeneigt sein), wenn es zu Kräften kommt»- 

17. Wenn dn Maulbeerzweig noch klein ist und man 
lässt ihn buschig wachsen, so kann man, wenn er gewachsen 
und ein grosser Busch geworden ist, ihn nicht errächen. 

19. Die Stelle aus Li-ki Cap. Nui-tse über die Wahl 
der Pflegetaitttter. S. in meiner Abh. Ueber die häuslichen 
Verhältnisse der alten Chinesen S. 31. 

Cap. 11. Sein Herz prüfen. 4. Kostbare Steine 
und Perlmuscheln nutzen sich durch den Gebrauch ab ; Recht- 
jschaffenheit und Pietät erfreuen einen ohne Ende. 



(15) Der Text hat so: Nan niü, der Gegensatz aber mit dem 
folgenden Niü^tseu, Idädchen, fordert statt dessen: Nän-tseo. 
Knaben zn^esen. 

13* 



184 Sitzung der phOoi.-phOa. Glasse vom 4. Jtdi 1863. 

6. Wer nur einen frommen Sohn (am Leben) hat, was 
bedarf der vieler Söhne und Enkel? 

7. Der Vater hat keinen Kummer im Herzen, der auf 
de6 Sohnes Frömmigkeit sich stützt; der Mann hat keinen 
Verdruss, wenn er eine weise (yerständige) Frau hat. 

10. Aus der höchsten Freude entsteht Pein. 

11. Wer eine Gunst erlangt hat, denke an die Schande; 
wer ruhig (wohnt) weilt, gedenke der Gefahr (des Einsturzes 
des Hauses). 

13. Wer einen grossen Namen hat, der hat (den trifft 
sicher) auch schwerer Tadel; wer grosses Verdienst hat^ 
hat sicher auch grosse Noth. 

14. Wer viel zu haben liebt, verliert viel ; wer sich sehr 
erhebt, geht tief zu Grunde; bei hoher Freude giebt es tie- 
fen Kummer; bei grosser Schande (Erröthen) einen tiefen 
Untergang. 

17. Silin -tseu sagt: Wer keinen B^g erstieg, kennt 
nicht des Himmels Höhe , wer nie in ein Bergthal hinabsah, 
kennt nicht der Erde Tiefe (Dicke); wer nicht hörte der 
früheren weisen Könige Lehre (Tao) und Reden, weiss nicht 
zu studieren die grossen Fragen. 

18. Su-schu sagt: Nach dem Alten prüfe das Neue, so 
wirst du in keine Zweifel gerathen. 

19. Willst du das Künftige (Kommende) wissen, so 
erforsche zuvor das Vergangene. 

20. Gonfucius sagt : Ein klarer Spiegel kann die Gestalt 
(der Dinge) zeigen; gehe auf das Alte zurück, so erkennst 
du das Gegenwärtige. . 

22. King-hing-lu sagt: Eines klaren Morgens Geschäfte 
können an einem dunkeln Abend nicht besorgt werden ; eines 
dunkeln Abends Geschäfte können Mittags nicht besorgt werden. 

23. Der Himmel hat unergründliche Winde und Wolken; 
der Mensch hat Morgens und Abends Glück und Unglück. 

24. Dem noch nicht 3 Fuss Landes zufielen, der erhält 
schwer lebenslang seine Person ; dem 3 Fuss Landes zufielen, 
der erhält schwer 100 Jahre seinen Grabhügel (Fun). 

28, King-hing-lu sagt: Wenn der Baum hat, was ihm 
Nahrung giebt, dann schlägt er Wurzeln, befestigt sich, be- 
kommt Zweige und Blätter voll üeppigkeit und liefert Bau- 
holz und (Material zu) Säulen. Wenn das Wasser hat, was 
es ernährt, so dass es aus starker, reicher Qudle fliesst» 



PkOk: Proben ddnes. WeükeU, 186 

-dann brix^ es Natzea als Trinkwasser und zum Bewassem; 
Wenn der Mann hat, was ihn ernährt (auferzieht), so dasp 
seine Absicht und san Lebensgeist (Khi) gross wird, and er 
ein Beamter (od^ Literat Sse) voll Einsicht, Klarheit, Red- 
lidikdtt und Gerechtigkeit ist, wie muss er da nicht genäbit 
(erzogen) seinl 

30. King-hing"lu sagt: Wer selbst treu ist, dem yer^ 
trauen die Menschen auch ; in U und Yuei ^*) sind alle Brü- 
der. Wer selbst zweideutig ist, an dem zweifeln auch die 
Menschen und aussen sind lauter feindliche Reiche. 

31. Der Tso-tschuen sagt: Harmonieren die Absichten, 
dann haben U und Yuei sich gegenseitig einander lieb ; har- 
monieren die Absichten aber nicht, dann werden Enochea 
find FIdsch zu Feinden und Gegnern. 

32. Su-schu sagt: Die selbst zweifelhaft (i) sind, farauen 
auch Andern nicht ; die selber treu sind, zweifeln auch nicht 
«n Andern. 

N 33. Eines zweifelhaften Menschen bediene dich nicht; 
bedienst du dich aber des Mensche, so zweifle an ihm nicht. 

34. Das Sprichwort sagt: Wenn eine Sache auf die 
•Spitze gelangt ist, so geht sie zurück; nach der höchsten 
Freude entsteht Kummer; auf Zusammengehen folgt Ent* 
zweiung ; auf vollendete Fülle der Macht der Verfall (ähnl. 35). 

36. Der Eia-iü sagt: Wer der Kühe geniesst^ darf nicht 
vergessen der Gefahr ; bei einer (guten) Regierung darf man 
nicht vergessen der Unruhen. 

38. Der Fung-lui sagt: In des Wassers Tiefe sind die 
Fische; an des Himmels Grenze die (wilden) Gänse (Yen). 
Obwohl so hoch, schiesst (triffi;) man sie doch; auch in der 
Tiefe kann man angeln. Des Menschen Herz ist ganz nahe* 
bei, aber, obwohl so nahebei, kann man des Menschen Herz 
doch nicht ermessen. 

39. Des Himmels Antlitz kann man ermessen, die Erde 
kann man abmessen, aber des Menschen Her^ kann man 
nicht behüten (fang). 

40. Man zeichnet den Tiger, man (zeichnet) sein Fell, 
aber schwer zeichnet man (seine) Enochen* Man kennt den 
Menschen, kennt sein Gesicht, aber man kennt nicht sein Herz. 

42. Tai-kung sagt: Alle Menschen können nicht wid^- 



(16) Frühere Reiche in Süd-Ghinar 



186 Sitzung der pkdh».-pMdL doMC «om 4. JvHi 1863. 

ftiAsBBL der Prüfung (Siang), aber es ist schwer, das Wasser 
des Meeres mit dem Sching und Teu auaznmessen. (Das 
Maass Sehing hält 10 Ho, der Teu oder Pick 10 Schmg.) 

48. Mau ermi^e den Fürsten, aber nähre kernen Hass 
(Kie^yuen). Ist der Hass ti^, so ist er schwer «aszttrottea 
(zu lösen). Der Hass, den du einen einzigen Tag nährst, 
tausend Tage reichen nicht hin, ihn wieder zu za*stören. 
Wenn du mit Ortite (Wcrfilwollen) dem Hass begegnest (ver- 
gütsi), so ist das, ab wenn du heisses Wasser auf Schnee 
gössest. Wenn du dag^en Hass mit Hass vergiltst, so ist 
das, als ob ein grosser Wolf einen Holzwurm ansähe. Sehe 
ieh einen Menschen von Hass ergrifPen, so suohe ich diesen 
durchaus zu zerstören und zu zermalmen. 

44. Eing-hing-lu sagt: Feindschaft unter den Menschen 
anstiften (anknüpfi^), heisst Ungltick säen; wer das Gute 
unterlasst und nicht thut, bestiehlt sich selber. 

48. Artigkeit (ein civiles Betragen Li) und Gerechtig'* 
keit ( J) entstehen bei genügendem Reichthum ; Diebstahl und 
Baub entstehen bd Hunger und Kälte (Frost). 

49. Wer sich vollgegessen hat und warm gekleidet ist, 
denkt an (verfallt auf) Ausschweifungen (Yn) ; bdm Hungern*- 
den und Frierenden entsteht die Neigung (das Herz, Sin) 
zum Diebstahle. 

50. Wer beständig an die Armen, Gefährdeten und Er- 
«chöpften (eigentlich die in schwieriger Lage und in GefalHr 
und eingeengt sind) denkt, wird selbst nicht übermtithig 
werden. Jeder, der an die gekochten (Arzeneimittel) der 
Kranken denkt, wird nicht traurig und bekümmert sein. 

51. Tai^kung sagt: Das Gesetz legt dem Weisen nichts 
auf (kia, addit); die (gebotene) Artigkeit (Li) verletzt den 
Dnweisen nicht. 

53. Der J-king sagt: Die Regeln der Artigkeit (Li) sind 
0hl Damm (Zaum) für den Weisen; die Strafgesetze (Liü) 
ein Damm für den Unweisen. 

54. King-hing-lu sagt: Wer Schmausen (Essen), schöne 
Gesichter, Reichthümer und den Vortheil liebt, dessen Le* 
bensgdst (Ehi) wird begierlich werden (Lin); wer dagegen 
Verdienste , Ruhm (Namen) , Tbaten und eine gute Stellung 
liebt, dessen Lebensgeist wird leidit hochmüthig. 

55. Gonfudus sagt (Lün*iü I, 4, 16): DerWdse strebt 
nach Gerechtigkeit; der Unweise sinnt auf seiniMi Vortheil. 



IMk: Fr&ben e^im. WMKeit. 147 

6& Der Sohne-jaen sagt t Reiohihnm wt, iras der Weise 
l^ering (leicht) aditeC; Sterben gilt dem Unweiseii für be- 
deutend (tschang, eigentiidi lang). 

57. Su-Wa sagt: Hat der Weise nel Vermögen, so 
Teryollkornnmet ^^ er seine Absiditen; wenn der rohe Mensch 
dhigegen viel Vermögen (erh&lt), so Termebrt er nur sdne 
Veigehen. 

58. Lao-tseu sagt: Viele Otter (Reiohthtfmer) lassen 
einen die Soigfalt (Schin) nicht bewahren; viel »tucMeren 
erregt Zweifel an dem was man gehört hat. 

61. Der Arme ist von wenig (kurzer) Einsicht; der 
Reiche bot (iesi höchsten) viel Herz und Oeist (Verstand ling). 

67. Wenn du einem andern Menseben schadest, kum 
der andere Mensch auch dir schaden, wie da? 

68. Zarte Pflanzen fürchten den Reif; der Reif fürchtet 
die Sonne; der böse Mensch ist selbst der Beibstein des 
bösen Menschen. 

70. W^ Mosdius hat (bei sich führt), duftet von selbst; 
was braucht er erst dem Winde ausgesetzt zu sein (stehen)? 

72. Meng-tseu sagt: Wer den rechten Weg (Tao) er- 
reicht hat, findet viele Hilfe (Unterstützung); wer den rech* 
ten Weg verloren hat, hat wenig HiUe. 

75. Tai-kuilg sagt : Der Arme darf nicht verachtet wer^ 
den; der Reiche darf nicht auf seine Macht pochen; Dunkel 
and Helle wechseln beständig und kdu-en zu ihrem Anfange 
zurück. 

78. Tseu-yeu sagt <Lün-iü I, 4, 25): Wer einem Fiu^ 
sten dient und ihm seine Fehler vorrechnet, fällt in Ungnade 
(Jo, Schimpf); wer einen Freund und Genossen oft tadelt» 
wird ihm entfremdet. 

79. Tausend Leang (Tael) gelben Goldes werden hoch'^ 
geschätzt; aber von einem Mensdi^ ein gutes Wort hören, 
ist mehr werth, als (übertrifft) tausend Kin (a 25 Pfund). 

80. Tausend Kin sind leicht zu erlangen, ab^ ein gutes 
Wort ist schwer zu finden (suchen). 

(17) Sun Medhorst hat mit die Bedeutung to diminisli, to 
blame, to injure, to lose, die passen hier aber aUe nicht. Der Cha- 
rakter ist zasammengwetst ans GL 64 Hand, Cl. 164 die Muiiohelscliale 
und einem Zeichen, das wie Cl. 3G der Mond, aussieht, aber nadb 
dem alten Bilde ist es das Zeichen für rund; also eigentlich mit 
der Bland eine Muschelschale abrunden; dadurch wird dio Masse 
Yermindert, aber die Gestalt auch yerrollkommnet. 



IB6 Sitsnmg der pMo8.-pka0l. Cktsn vom i. Juli 1863, 

61. Einen MmBcheti atfsuohen (find^), ist nicht wie 
sich selbst suchen ; die Flöte (Euan) spielen können, ist nicfat 
wie eine Autorität (Einen) üben können. 

83. Ein kleines Schiff kann kane schwere Last tragen; 
einen tiefen Seitenweg muss mim nicht allein g^en. 

84. Wer einen festen Boden betritt, ist frei von Be* 
schwerden (Verdruss Fan-nao). 

i 86. Hier ist Krankhdt, hier ist Kummer (Eu) ; hier ist 
jRuhe, hier ist Freude. 

87. Nicht der Reichthum schadet einem; böse Reden 
verwunden den Menschen. 

88. Der M^sch stirbt bei dem Streben (Suchen) nacb 
Beichthum ; der Vogel geht wegen des (Suchens nach) Speise 
zu Grunde. 

89. Eing-hing-lu sagt: Der Vortheil darf nur gemein- 
sam und nicht für sich allein sein. Berathen kann man nur 
mit Wenigen und nicht mit Vielen. Einen alleinigen Vor* 
theil verliert man; wo Viele berathen, geht der Rath aus* 
einander. 

90. Ein Plan, der nicht verborgen wird, läuft uiiglück- 
Uch aus. 

91. Der ünfromme erzürnt Vater und Mutter, wer ia 
Schulden geräth (Pu-tschai), erregt den Unwillen des Herrn 
des Eapitals (Tsai-tschu). 

92. Die viel zu verzehren wünschen, sind keine kleine 
Häuser; der Arme wünscht nur einen Nachbar zu haben. 

93. Ist er (der Arme) zu Hause, so besuchen ihn wenig 
Gäste ; geht er aus auf die Strasse, so kennt er wenig Ga^ 
gebei*, (die ihn bewirthen). 

95. Wenn der Arme auch mitten auf dem Markte wohnt^ 
kennt ihn kein Mensch; der Reiche dagegen, wenn er auch 
tief ihm Gebirge ist, hat weithin Vwwandte. 

98. (Das Capitel des Li-ki 19) Yo-ki sagt : Wenn einet 
Schweine aufzieht und Wein bereitet, ist das (entsteht daraus) 
noch kein Unglück; aber wenn viele Streitigkeiten und Prof- 
cesse entstehen, wenn die Zechenden ausschweifend leben, 
dann entsteht das Unglück. Daher haben die früheren wei* 
sen Eönige (Wang) die Gebräuche beim Trinken so geord^ 
net, dass bei dem Ritus einer einzigen Darbringung dem 
Gast und dem Hausherrn hunderterlei Verbeugungen aufer- 
legt wurden, so da^s sie den ganzen Tag Wein zechen komir 



liaiUi IM^ chüm* WeMeU. 1»9 

tea and doch nii^t tnmli^ii wurden. Dadurch verhinderteii 
die früheren weisen KiNoige das Unglück beim Zechen. 

101. Gmifttcius sagt (Lün4ü I, 6, 20): Die Manen und 
Geister (Kud*6chin) ehr^, aber sie ferne halten, kann klug 
genannt werden, 

102. Was nicht dein Mane (Kuei) ist, dem opfern ist 
Schmeichelei. Das Recht einsehen und sieht üben, heisst 
ohne Muth sein (Confucias Lün-iü I, 2, 23). 

103. Wer Fo's (Buddha's) Ritus (Li) beobachtet, wet 
Fo's Tugenden ehrt, wer Fo's gedenkt, wer Fo's Liebe (Qunst) 
sucht, wer Fo's classische Bücher sieht (liest), wer Fo's 
Ordnung (Li) in's Licht stellt, an der Erde sitzt und medi« 
tirt, Fo's Orenze (King) betritt, erlangt die Erweckung 
<Wu) und bewährt Fo's Lehre (Tao). 

107. Was ^er selbst thut, das empfängt er selbst 
wieder (zur Vergeltung). 

108. Gonfucius sagt (Lün-iü 11, 15, 8): Der entschlos« 
sene Sse (Beamte oder Literat), der humane Mann sucht 
nicht sein Leben (zu erbalten) zum Schaden der Humanität; 
(vielmehr) tödtet er den Leib, um die Humanität zu yoUenr 
den (durchzuführen). 

109. Ein Sse, dessen Absicht auf den rechten Weg 
(Tao) gerichtet ist und der noch erröthet über einen schlecht 
ten Anzug, der ist noch nicht genügend, dass man ihn (nach 
dem Rechte) befragt. 

110. Siün-tseu sagt: Wer für das allgemeine Interesse 
ist (Eung-seng), ist erleuchtet; wer für ein Privatinteresse, 
ist v^dunkelt (getrübt). Der Tugendhafte dringt durch; 
der Böse stösst auf Hemmungen. Der Redliche und Treue 
ist ein Geist (Sciün); der Aufgeblasene, Prahlerische geräth 
in Zweifel. 

113. Tai-kung sagt: Wer ein Reich verwaltet, der be- 
diene sich keiner sich einschmeichelnder (ning) Diener (Be- 
amten) : wer ein Haus verwaltet , der bediene sich keiner 
einschmeichelnden Frau. Ein guter Beamter ist ein Schatz für ein 
Reich; eine gute (liebevolle, hao) Frau ist des Hauses Schmuck» 

114. Ein schmeichelnde (tschan) Beamter richtet Un» 
ruhen (Verwirrung) im Reiche an, eine eifersüchtige^^) Frau 
Verwirrung im Hause. 

(18) Für GL 38 mit CL 112 Stein in meiner Aasgabe ist C1.38 mit 
Ol. 63 Thür zu lesen; beide ähnliche Charaktere werden verwechselt^ 



190 Sitzung öm fhOöit.^M. (Mam v^m 4. JM 1863. 

115. Wenn der Pflug kramiii geht, verebt er ein gutee 
Feld; Sohmeidilerreden rerderben gate Mensohen. 

121. Der Himmel hat die 10,000 Dinge tir den Men- 
icben, der Menech nicht eine Sache für den Hfanmel. 

122. Der Himmel liess keinen Menschen oime EinkSnfte 
entstehen ; die Erde (erzeagt) lässt keine Pflanze ohne Wnr- 
sei entstehen. 

123. Der grosse Reiditbum stammt rom Himmel; dei^ 
kleine Beichthttm entsteht durch Fleiss. 

124. Das Lied sagt: Bei grossem Reichthnm wird maa 
hochmüthig ; bei grosser Armuth sorgenvoll (Yeu) ; der Sor- 
genvolle wird dann Dieb, der Hochmüthige wird grausam. 

125. Kein Haus (Familie), wo der rechte Weg betretest 
wurde (Tao), war noch nicht Vollkommen. Einer vollkom* 
menen Familie Sohn wm*de noch nicht geboren. Kein Haus, 
worin der Tao, wurde vernichtet (pho); der Sohn eines ver* 
sichteten Hauses war nicht gross. 

120. Die Kinder eines vollkommenen (tsching) Hause« 
betxuchten den Mist wie Grold; die Kinder eines verfallenden 
fiauses brauchen das Gold wie Mist. 

150. Wang-leang sagt: Wünscht einer sdnen Fürsten 
0u kennen, so besehe er sich erst dessen Diener (Beamte 
TscMn); wünscht einer einen Menschen zu kennen, so be* 
«ehe er sich erst dessen Freunde; wünscht einer einen Vater 
zu kennen, so besehe er sich erst seinen Sohn. Ist der 
Fürst ein Heiliger, so ist der Diener rechtschaffen; ist der 
Vater liebevoll, so ist der Sohn fromm. 

151. Ist eine Familie arm, (so zeigt sich) d^ fromme 
Sohn in (seinem) Olanze; ist die Zeit unruhig, so erkennt 
man den rechtschaffenen (redlichen) Beamten. Der Kia4ii 
sagt: Ist das Wasser sehr rein, dann hat es keine Fische; 
ist mk Mann höchst scharfsinnig (einsichtsvoll), so bat er 
keine Schuler. 

158. Confucitts sagt (Lün-iü II, 16, 9 und Tschung-yung 
Cap. 20): Wer von Natur etwas weiss, ist der Oberste, wer 
durch Studium etwas weiss, ist der Zweite; wer in beengten 
Verhältnissen ^') doch studiert, folgt auf diesen; den, der in 



(19) Der Charakter Khiuen ist CL 75, ein Baum in einem ab- 
geschlossenen Kanme (€1. 81); es heisst dann beengt, erschöpft^ 
arm, bekümmert. 



JPlath: J^roben thmeß. Wmheit 191 

beengten Verhältnissen nichts lernt (studiert) , achtet dat 
Volk für den Untersten. 

154. Der Weise bedenkt dreierlei, das man wissen 
muss: dase w«m er kldn (jung) nichts lernt, er ^wachsea 
(kog^schang) nichts kann; dass wenn et alt Andere nicht 
belehrt, er, wenn er im Sterben ist, nicht (weiter dan^) 
denken kann; dass wenn er hat (etwas besitzt) und davon 
üidit mittbelt, er verarmt niohts geben kann. Driun, wenn 
der Weise jung ist, d^kt er an das Heranwachsen und 
strengt sich an beim Studieren; alt denkt er an seinen Tod 
und diess treibt ihn, (Andere) su unterrichten. Hat (besitzt) 
er, so denkt er an sein (mögliches) Verarmen und diess 
treibt ihn zum Wohiämn an. 

155. King-hing«lu sagt: Wer sich (nur selber) liebt, 
kaan die Menscboi nicht vervoUkommen. Wer sich selber 
täuscht, wird über Andere nichts vermögen. Wer selbst 
sparsam ist, kann gegen Andere nicht freigebig sein. Wer 
aelber (vieles) ertiilgt, ^der fugt auch Andern wohl Schade» 
mi. Das ist nicht anders. Gutes thun ist schwer, Böses 
thim ist leicht. 

156. Reiche und Anges^ene können leicht Gutes thun; 
Böses zu thun, wird ihnen auch nidit schwer. 

159. Der Himmel kürzt den Leuten ihre Einkünfte 
nicht; eine Person versieht (umgibt) sie damit, eine andere 
verkümmert sie ihnen. 

160. Der Mensch, der nicht an F^nes denkt, wird 
wegen Naheliegendes Noth haben. 

162. Hiü-king-tsung sagt: Den Früfalingsregen, wenn er 
dicht (fett) fällt, mögen die Reisenden nicht wegen des 
Schmutzes, (den er macht). Der Mond im Herbste setzt das 
Volk in Bewegung, aber die Diebe hassen ihn w^en seines 
glänzenden (lallen) Spiegels. 

164. Bei äussern Angelegenheiten (Sachen) giebt es 
kein klein und gross; von B^erden im Innern (der Mitte) 
giebt es fladie und tiefe; schneidet man sie ab, so lebt man, 
schneidet man sie nicht ab, so stirbt man. Ein grosser 
Mann (Ta- tschang «^fu) macht daher aus dem Abschneiden 
(ihrer Vertilgung) das Erste (Vorderste). 

166. Meng-tseu sagt (I, 3, 1): Wenn einer auch höchst 
einsichtsvoll und inteltigent ist, ist es doch nicht, wie die 
Macht (Einfluss) haben; wenn einer auch ein gutes Acker* 



192 Sitzung der phik>8,-phüol. CktsH vom 4. Jtdi 1863, 

geöräth (Tse-ki) hat, ist es doch nicht wie die (rechte) Zeit 
abwarten (ein Sprichwort in Thsi). 

170. Ein Mensch, der seine Vergeben nicht kennt, ist 
(wie) ein Ochs, der (seine) grosse Kraft nidit kennt. 

174. Des Menschen Herz gleicht dem Eisen, des Beam- 
ten Gesetz dem Ofen, (der es schmilzt)» 

176. Wenn der Himmel (das Wetter) sich ändert (kai) 
und es giebt keinen anhaltenden Wind, so (giebt es) Regen; 
wenn der Mensch sich ändert und er erkrankt nicht dauernd, 
BO stirbt er. 

177. Ein Gedicht von Tschuang-yuen sagt: Wenn das 
Beich in Ordnung (richtig, tsching) ist, so ist des Himmels 
Herz günstig (schün , folgsam) ; wenn die Beamten rein 
(lauter) sind, ist das Volk von selbst ruhig; wenn die Frau 
weise ist^ ist des Mannes Unglück nur klein; wenn der Sohn 
iromm ist, ist das Vaterherz weit (freundlich, khuan). 

178. Meng-tseu sa^ (II, 7, 3): Die drei Familien (die 
drei ersten Dynastieen) erlangte das Reidi durch Humani- 
tät (3m) \ sie verloren das Reich (die Herrschaft) durch In- 
humanität. Wodurch die Vasallen-Reiche (Kue) verkommen 
oder emporkommen, sich erhalten oder zu Grqnde gehen, 
ist dasselbe. Wenn der Kaiser nicht human ist, so bewalui; 
er nicht die vier Meere ; wenn die Vasallen - Fiirstai nicht 
human sind, so bewahren sie nicht die (ihre) Opferstätten 
(Sche-tsi) ; wenn die Minister (Khing) und Grossen (Ta-fu) 
nicht human sind, so erhalten sie nicht ihre Ahnentempel; 
wenn die Beamten (Sse) und das gemeine Volk nicht human 
sind, so erhalten sie nicht ihre vier Glieder. Nun aber Tod 
und Vernichtung scheuen und dennoch an der Inhumanität 
sich erfreuen, das ist wie Trunkenheit verabscheuen und 
doch stark zechen. 

180. Das Holz, welches die Linie annimmt (nach der 
Richtlinie zugeschnitten wird), wird gerade; der Fürst, der 
Ermahnungen annimmt, wird ein Heiliger. 

183. Su-tung-po sagt: Wer ohne (gerechten) Grund 
tausend Ein erlangt, hat, (wenn er) einsichtsvoll, ein grosses 
Glück; aber er kann auch grosses Unglück haben. • 

185^. Confucius s«: Der Handwerker, der seine Sachen gut 
machen will, schärft gewiss zuvor sein Geschirr (Lün-iüII, 15, 9). 

187. Der Lehrer Eang-rtsie-schao sagt: Es giebt Leute, 
•die kommen das Loos zu befragen, was unglücklich und 



Bath: Proben (kinea. Weiäk^H, 193 

glücklich sei; wenn ich Andermi Vorwürfe mache (Ei), so 
ist das ein Unglück, wenn die Menschen mir Vorwürfe 
machen (mich tadeln), so ist das ein Glück. 

188. Ein grosses (Seiten)-Oebäude hat tausend Zwischen* 
räume (Eien); aber Nachts schläft der Mensch (nur) auf 
8 Fuss. Ein gutes Feld hält 10,000 King (zu 25 Morgen) ; 
aber den Tag v^^peist man nur zwei Sching (a 10 Ho ein 
Fassmaas, etwa wie eine Pinte). 

191. Zur Zeit des Durstes ist ein Tropfen Wasser wie 
süsser Than ; wenn einer trunken ist, (dagegen) eine Schaale 
Wein wie nichts. 

192. Der Wein berauscht den Menschen nicht, der 
Mensch berauscht sich selber; nicht Schönheit (Se) verblen* 
det den Menschen, der Mensch verblendet sich selber. 

193. Meng-tseu sagt: Der Humane ist nicht reich, der 
Reiche ist nicht human. 

199. Confucius sagt: Der Weise, wenn er hochgestellt 
ist , ist 'niedrig (demüthig) und fügt (hat) Bescheidenheit 
(Khien) dazu; der Unweise dagegen, der in Gunst ist, stützt 
sich auf seine Gewalt und wird hochmüthig und verschwen* 
derisch. Der ünweise ist leicht kurz und leicht voll; der 
Weise dagegen zeigt sich immer tief und es lasst sich schwer 
ihm etwas hinzufügen. 

200. Der Weise, wenn er auch arm ist, hält beständig 
auf den Brauch (oder die Artigkeit Li) und das Recht (J). 

202. Confucius sagt (Lün-iü H, 20, 3 zu Ende) : Wer 
(seine) die Bestimmung nicht kennt, wird kein Weiser; wer 
den Brauch (Li) nicht kennt, besteht nicht; wer die Worte 
nidit versteht, kennt den Menschen nicht. 

203. (Im) Lün-iü sagt (II, 14, 5 Coniucius): Wer die 
Tugend besitzt, hat auch das Wort (die Sprache derselben) ; 
aber wer die Sprache derselben führt, hat noch nicht die 
Tugend. 

204. Der Lehrer Lien-khi sagt: Der Gewandte ^biao) 
spricht, der ünintelligente (Tschue) schweigt; der Gewandte 
arbeitet (müht) sich ab, der ünintelligente lässt sich gehen j 
der Gewandte wird ein Dieb, der ünintelligente ist tugend- 
haft; der Gewandte geräth in Gefahr, der ünintelligente ist 
glücklich. Ohf Wenn im Reiche nur üninteUigente 
sind, fallen Strafen und Regierung weg; es herrscht, 
oben Ruhe, unten Folgsamkeit (Gehorsam); die Sitten sind 



IH Sitzung dar pha$9,'fhiM. Ohm vom 4. Jidi 1863. 

r^in, cbs Schlechte ist abgesebnitteii (dmer Ausspruch M 
im Geiste Lao-tseu's im Tacnte^king). 

205. Der Scbue-yuen sagt: Wenn ein Berg seine ge« 
kmge Höhe erreicht hat, entstehen Wolken und Regen; 
wenn ein Wasser seine gehörige Tiefe erlangt hat, sa ent^ 
steh^ Krokodille und Drachen darin; wenn d€r Weise sen* 
nen (den rechte») Weg (Tao) erreicht hat^ bewahrt er Beidlr 
thümer und Einkünfte. 

206. Der J-king sagt : (Wo) wenig Tugend bei hoher 
Würde ist, (wo) wenig Einsicht imd (man doch) vielen Bath 
erthdlt, dass da kein Unglück eintritt, ist seltai. 

207. Siün-tseu sagt: Wer auf dnem geehrten (hohen) 
Posten steht, hüte sich vor dem Sturze; wer eine schwere 
(Last) tragt, hüte sich vor dem Falle; wer in Gmist steht^ 
hüte sich vor der Schandel 

208. (Confucius bei) Meng-tseu (II, 7, 8) sagt: De» 
Maisch verachtet erst sich selber und darnadi verachten 
ihn die Maischen (Andere); eine Familie ruinirt erst sieh 
selber und darnach ruixnren sie die Menschen; ein Beieh 
schlägt sich erst selber und dann sohlten es die Menschen* 

üeber 211 s. S. 7. 

213. Lao-tseu sagt : Wenn die 6 Grade von Verwandten 
nicht in Harmonie (einträchtig, ho) leben, giebt es keine 
Eindesliebe, noch Pietät; wenn im Beiche und in einer Fa- 
ncdlie Verwirrung herrscht, giebt es keinen redlichen Diener» 

217. Keiner lache (spotte) über die Armuth einer an- 
dern Familie. Die Seelenwanderung (Lün*hoei, eigentlich 
^ Badumwälzung) macht gemeinsam den Weg. So spotte 
man auch nicht über das Alter des Andern; am Ende er^ 
reicht es im Kreislauf auch uns. 

218. King-hing-lu sagt : Ein übervolles Gefäss läuft über; 
ein übervoller (übermüthiger) Mensch kommt zu Falle. 

221. Das Buch der Han sagt: Gold und Jaspis (Yü) 
kann man bei einer Hungersnotb nicht essen, bei der Kälte 
sich damit nicht bekleiden; von Alters her waren daher 
Früchte (Korn) und Seidenzeuge geschätzt. 

222. Der J-tschi-schu sagt: Wenn ein weisser Jaspis 
(Yü) auch in den Koth fällt, wird seine Farbe dadurch doch 
nicht beschmutzt. Der Weise, wenn er auch in ein sumpfi* 
ges (schmutziges) Land geht, kann doch nicht sein Herz 
besudeln und verwirren; eine Föhre und Cypresse kann 



FlaA: IMm dUtm. WeitMi. W 



ddtor Sdmee fmd Haftel aushaltea; eine erleuehtote (helle) 
Einaioht kann über Schwierigkeiten und Gefahren hinweg- 
«dir^ten. 

223. Confttcitts sagt: Der Inhumane kaxm nicht lange 
bertehen (bleiben); der Engherzige (Gebundene) nicht lange 
in Freuden leben. 

227. Ein fernes Wasser ist nicht wie eia nahes Feuer; 
ein femer Verwandter nicht wie ein Nadibar in der Nähe* 

228. Tai**kung sagt: Obwohl Sonne und Mond helle 
eind, so beleuchten sie doch nicht, was unter einer bedeck« 
ten Schüssel steht ; obwohl ein (Rieht-) Schwerdt scharf ist, so 
zerschneidet es doch nicht den unschuldigen Mann. So tritt 
daa U^;emach und das Unglück nicht in das Thor einer 
Toditschaffenen (redlichen) Familie. 

230. Wenn ein Reich unverdorben (rein , thsing) ist, 
sind talentvolle Söhne geehrt; wenn eine Familie reich ist, 
sind die kleinen Kinder (scfa(m) bochmüthig« 

231. Wer ein Glück erlai^ hat und nicht weiss, dass 
das Unglück (nach)kommt, ist ohne Einsicht. 

232. Tai-kung sagt: Ein gutes Ackerfeld von 10,000 
King ist nicht (so viel werth), als ein geringes Talent, daa 
seine Person begleitet (hat). 

233. Der Tscheu -li sagt: Wer rein (lebt), ist (wenn 
auch) arm, immer froh ; der verlassene Reiche (dagegen) hat 
vielen Kummer. 

234. Das Haus (Fang-uo) braucht nicht hoch zu sein, 
wenn die Halle (Tang) nur nicht träufelt (ohne Dachtraufe 
idi), ist es schon angemessen gut. Die Kleidung (J-fo) braudxt 
nicht aus dicken oder durchsichtigen Seidenstoffen zu be- 
steh^i; es ist (nur) darauf za sehen, dass sie angemessai 
gut sei. Zu Speise und Trank gehören nicht besonders 
werthvoUe und schmackhafte Gerichte, es ist schon gut, 
wenn sie nur sättigen. Nimmt man eine Frau, so kommt 
es nicht auf ein schönes Gesicht an ; es ist schon gut, wenn 
sie nur weise und tugendhaft ist. Bei der Aufziehung der 
kleinen Kinder (Eul) fragt man nicht nach der Pietät der 
Knaben und Mädchen, es ist schon gut, w^n sie nur folg- 
sam sind. Beim Dorfiiachbar kommt es nicht darauf an, 
ob er hoch oder niedrig gestellt ist, der Friedfertige (der 
juit einem harmonirt, Ho*mo) ist schon gut. Bei der Wer" 
wandtschaft sieht man nicht auf die Auswahl von neuen und 



196 SUmng der fMos.-fkM. ClaeH vm 4. Jtdi 1863. 

alten (FamSien) , die ab und zu gehen (kd-wang) sind 
fichon gut. Bei Beamten kommt es nicht darauf an, ob sie 
gro^s oder klein (hoch oder niedrig gestellt) sind, die Fei«> 
Ben und redlichen (rechten) sind schon gut. 

236. Wer den Weg (Tao) eines Genius (Sien) wandeln 
will, der muss zuvor den Weg der Menschen betreten 
(schmücken, sieu); wer den Weg der Menschen nicht zu 
gehen yermag, für den ist der Weg der Genien sehr ferne. 

240. King* hing -lu sagt: Eine grosse AnhäuAmg von 
Korn ist nicht wie Kind^ unterrichten ; das Unglück meiden, 
ist nicht wie seine Fehler untersuchen (prüfen). 

242. Etwas erlangen istldcht; etwas verlieren ist leicht. 

244. Der Sing-li-schu sagt: Um die Achtung der Welt 
(Voe, eigentlich der Dinge) zu erlangen, fuge man Andern 
nicht zu, was man selber sich nicht zugefügt wünscht; thut 
man das und erreicht seine Absictit doch nicht, so gehe 
man auf sich zurück und suche den Grund in sich. 

246. Wenn ein Mensch geboren wird, wird die Einsicht 
noch nicht mitgeboren; wenn die Einsicht eitstanden ist, 
ist der Mensch leicht alt (geworden). Wenn die Einsicht 
des Herzens nicht durchaus wach ist (Mo), erreicht man 
nimmer das Ziel. 

Cap« 12. Die Unterweisung feststellen (die 
Grundlage der Unterweisung). 1. Confucius sagt: Die 
Regelung seiner P^son hat ihr Recht; die Pietät ist die 
Grundlage (Wurzel) davon. Die Trauerordnung hat ihre 
Bräuche; die Betrübniss ist die Grundlage davon. Die 
Kriegsordnung hat ihre Stärke; der Muth (yung) ist die 
Grundlage davon. Die Führung der Regierung hat ihre 
Regel; der Ackerbau bildet die Basis derselben. Das Be- 
wohnen eines Reiches hat seine Regel (Tao); die gehörige 
Folge der Geschlechter bildet die Grundlage. Das Erzeugen 
(Erzielen) von Reichthum hat seine Zeit; die Anwendung 
der Kraft ist die Grundlage davon. 

2. King-bing-lu sagt: Was beim Regieren verlangt wird, 
ist Gemeinsinn (Kung) ynd (die Hände) rein halten. Was 
zur Vollkommenheit einer Familie verlangt wird, ist Spar- 
samkeit und Fleiss. 

3. Bücher lesen ist die Grundlage der Erhebung einer 
Familie; die Bräuche (Li) beobachten ist die Orundlage der 
Erhaltung einer Familie; Fleiss und Sparsamkeit sind die 



JPUM: IM>m dUnet. WeUhtii. 197 



Ornndlage der Verwaltnng einer Familien ; Eintracht und Folg- 
samkeit sind die Grandlagen der Or^nng der Familie. 

4. Fleies (Kin) ist die Ornndlage des Reichthnmes: Spar* 
samkeit (Zusammenbalten) die Quelle des Reichthnmes. 

5. Der San-ki-tu des Gonfucins sagt : Das ganzen Lebens 
Galcnl (Rechnung) bei-uht auf dem Fleisse; die Berechnung 
eines Jahres beruht auf dem Frühlinge ; die fierechnung eines 
Tages auf der Morgenstunde (Yn von 3 bis 5 Uhr). Wenn 
man jung ist und Nichts lernt, so weiss man im Alter nichts. 
Wenn man im FrQhlinge nicht ackert, so hat man im Herbste 
nichts zu erwarten. Wenn man in der Stunde Yn (3 — 5 früh) 
nicht aufsteht, kann man am Tage nicht Alles beschaffen. 

6. Der Sin-lu-schu sagt: Die Hauptpunkte (Mo wörtlich 
Augen) der 5 Belehrungen sind: zwischen Vater und Sohn 
herrsche Liebe (Tsin); zwischen Fürst und Unterthanoi Ge- 
rechtigkeit (J); zwischen Mann und Frau der Unterschied 
(die Trennung) ; zwischen Aelteren und Jüngeren die gehörige 
Folge (Unterordnung) ; zwischen Freunden und Genossen Treue. 

7. Der Lehrer Ku-ling-tschin, der unter den Genien 
wohnte, sagt in seinen Erlassen und Belehrungen an das 
Volk: In meinem Volke (zeige) der Vater Gerechtigkeit, die 
Mutter Liebe (zu den Kindern); '^) der ältere Bruder Liebe 
zu dem jüngeren Bruder ; der jüngere Bruder habe Achtung 
gegen den älteren Bruder; der Sohn Pietät; zwischen Mann 
und Frau sei Liebe (Wohlwollen Ngan); zwischen jungen 
Männern und Mädchen bestehe eine Trennung (der Geschlech- 
ter). Die Söhne und jüngeren Brüder müssen studiren; die 
Dorfgenossen Artigkeit (Li) beobachten. Gegen Arme und 
Bedrängte herrsche Mitleid, (Besorgniss, Kummer, Hoan.) In 
schwieriger Lage müssen Verwandte sich gegenseitig beiste- 
hen ; bei Hochzeiten, Beerdigungen und der Trauer die Nach- 
barn sich gegenseitig unterstützen. 

8. Keiner hindere den Landmann bei seinen Arbeiten; 
keiner begehe einen Diebstahl; keiner lerne allerlei Spiele; 
keiner liebe zu streiten und Prozesse zu* fuhren; keiner in- 
sultire böslich (mit Bösem) die Guten ; der Reiche verschlinge 

(20) Die Stelle Hiung Teu ti kun^ muss yerdorben sein. 
Das Wort Yeu Freund passt nicht, es wird yeu haben zu lesen 
sein, aber der Satz ist auch dann noch nicht in Ordnung. Er wird 
etwa lauten müssen: Hiung ^eu ti, Ti yeu kung. Damach über- 
setzen wir; Tgl. 4, 4:- Sse hiung ti. 

[1863. n. 2.] 14 



198 Sitzung der phüos.-phUöl. Gaase vom 4, Jidi 1S63. 

nicht den Armen ; der Wanderer (Reisende) weiche auf der 
Strasse aus; der Ackernde beachte gehörig die Feldabtheil- 
ongen und Landmarken ; der Greis (Weisse) trage nicht Lasten 
auf Wegen und Stegen, dann wird GiTÜität (Li) und Ge- 
rechtigkeit allgemein sein. 

9. Der Sing-li-schu sagt: Wenn die. welche die Men- 
schen unterweisen, ihr gutes Herz nähren, dann wird das 
Böse von selbst verschwinden; wenn die, welche das Volk 
regieren, es anleiten zur Ehi-furcht und Nachgiebigkeit, dann 
werden die Streitigkeiten von selber aufhörai. 

11. Wang-tu sagt: Ein treuer Diener dient nicht zwei 
t^ürsten ; eine ausgezeichnete (lie) Frau heirathet nicht zwei 
Männer. 

12. Tschung-tseu sagt: Zur Leitung der Beamten ist 
nichts so gut (dienlich) als gleichmässige Aufsicht, zum Reich- 
thum (fiilut nichts so) als Sparsamkeit. 

13. Der Schue-yuen sagt: Das Reich regieren, ist wie 
die Harfe (Ehin) spielen; die Familie regieren, wie die 
Zügel halten (ergreifen). 

15. Bei einer Frau ist die Hauptsache die Reinlichkeit, 
bei einem Manne die Uebung eines guten Talents. 

18. Wu-wang fragte Tai-kung und sagte: warum waren 
denn die Menschen in alter Zeit geehrt oder niedrig, arm 
oder reich und nicht (alle) gleich (thung)? davon wünschte 
ich die Erklärung zu hören. Tai-kung sagte: Reichthum und 
Ehre, wie der heiligen Männer Tugend, hängen alle von dem 
Himmelsbeschlusse (Thian-ming, der Bestimmung) ab. Der 
Reiche braucht (hält) beim Gebrauche (desReichthums) auf die 
Ordnung (Regel, Tsie). Eine Familie, die nicht reich ist» 
bat (beging) einen der zehnerlei Diebstähle (Thao). 

Wu-wang sagte : Was sind das für zehnerlei Diebstähle ? 

Tai-kung sagte: Zur Zeit der Reife nicht mähen (Pai 
heisst sonst yernichten), ist die erste Art von Diebstahl. Die 
Einsammlung und Emdte nicht beendigen, ist die zweite Art 
yon Diebstahl. Wenn man nichts thut, eine Lampe anzün- 
den und im Sitzen schlafen, ist die dritte Art von DiebstahL 
Indolent und abgeneigt nicht pflügen (ackern), ist die vierte 
Art von Diebstahl. Keine vollendete Handarbeit machen 
(Kung-fu), ist die fünfte Art von DiebstahL Sein Thun nur 
darauf richten, verstohlen zu schaden, ist die sechste Art 
von Diebstahl. Viel grosses Vieh aufziehen, ist die siebente 



IMh: J^obm ekinea. Weisheit 199 

Art von Diebstahl. Früh zu Bette gehen und spät aufstehen, 
ist die achte ArtTon Diebstahl. Das Begehren nach Wein 
(Zechen) und dw Wunsch nach Verbrecherischem, ist die 
neunte Art von Diebstahl. Gewaltthätig auftreten und toU 
Neid und Eifersucht sein, ist die zehnte Art von Diebstahl. 

Wu-wang sagte: Wenn aber eine Familie diese zehn 
Arten von Diebstählen nicht begeht und doch nicht reich ist, 
wie kommt das? 

Tai-kung sagte : Dann hat des Mannes Haus drei Mängel. 

Wu-wang sagte: Wie heissen die drei Mängel (Hao)? 

Tai-kung sagte: Wenn die Magazine und Vorrathshäu* 
ser den Regen durchlassen, feucht und nicht bedeckt sind, 
wenn Mäuse und Sperlinge die Menschen da stören, so ist 
diess der erste Mangel. Die Zeit des Erndtens und Säens 
versäumen, ist der zweite Mangel. Den Reis und die Frucht 
verschleudern und das Unkraut gering (nicht) (be)achten, ist 
der dritte Mangel. 

Wu-wang sagte: Wenn eine Familie diese drei Mängel 
aber nicht hat und doch nicht reich ist, wie da? 

Tai-kung sagte: Da hat die Familie sicher einmal ein 
Versehen begangen (Tsho), oder 2. einen Missgriff (Wu), 3. 
eine Dummheit (Tschi), 4. einen Fehler (Schi), 5. eine 
Widersetzlichkeit (Ni), oder that sie 6. etwas Uebles, oder 
7. sie verfuhr nach Sklavenart', oder zeigte sich 8. niedrig, 
oder war 9. stupide, oder 10. gewaltthätig. Diese ruft ihr Unglück 
selbst herbei, nicht der Himmel sendet das Verderben herab. 

Wu-wang sagte: Ich möchte doch diess vollständig hören. 

Tai-kung sagte: Kinder aufziehen und sie nicht unter- 
richten, ist 1. das Versehen. Kleine Kinder nicht hegen und 
pflegen, ist 2. der Missgriff. Der Frau zu Anfang der Ehe 
entgegen gehen und sie nicht ernstlich belehren, ist 3. die 
Dummheit. Wenn man noch nicht gesprochen hat, schon 
lachen, ist 4. der Fehler. Vater und Mutter nicht ernähren, 
ist 5. die Widersetzlichkeit. Nachts aufstehen mit rothem 
(nacktem) Leibe, ist 6. das Uebel. Lieben einen andern 
(fremden) Bogen zu spannen, ist 7. Sklavenart. Lieben ein 
anderes (fremdes) Pferd zu reiten, ist 8. niedrig. Anderer 
Wdn trinken und andere Menschen dazu ermuntern, ist 9. 
dumm. Anderer Speisen essen und Freunde und Genossen 
dasselbe thun heissen, ist 10. gewaltthätig. Wu-wang sagte : 
Wahrt die Rede ist richtig. 



306 Sitgung ^ phäw.-phOol. CkuH v<m 4. JM 1863. 

Gap* 18. Die Führung der Regierang. 3. Die 
Belehi'OQgen für die Jugend (Thung-mung-hiün) sagen: Als 
Gesetz für die Beamten gibt es drei Punkte (Sachen); sie 
heissen: Reinheit; sie heissen Sorgfalt; sie heissen Fleiss; 
wer diese drei k^int, der weiss, wie man seine Person hal* 
ten muss. 

5. Man muss sanem Fürsten dienen, wie man dient sei- 
nen Eltern; den obern Beamten dienen, wie man dient seinem 
ält^n Bruder ; mit allen befreundet sein, wie mit des Hauses 
Dieoem; mit der (übrigen) Scbaar der Beamten, wie mit 
den Dienstboten (Nu-po); die 100 Familien (das Volk) lie- 
boa, wie Frau und Kind; die Amtsgeschäfte betreiben, wie 
die Geschäfte des Hauses. Damach konnte ich meinen Gaist 
aufs äusserste anstrengen (mein Her? erschöpfen), und wenn 
es welche gäbe, die ich noch nicht alle erreichte, daim wäre 
mein Geist noch nicht aufs äusserste angestrengt (mein Herz 
noch nicht erschöpft). * 

10. Confucius sagt: (Lün-iü II, 20, 2 zu Ende): Nicht 
(zuvor) belehren und. mit dem Tode bestrafen (tödten), heisst 
Grausamkeit; nicht (vorher) einen verwarnen, auf das Gute 
(tsching), zu sehen, ist Tyrannei; seine Befehle verschieben, 
bis der Moment (zur Ausführung) da ist, heisst Räuberei. 

11. Erhebt man die Geraden (Guten) und setzt die 
Schlechten zurück, dann unterwirft sich das Volk; erhebt 
man aber die Schlechten und setzt die Geraden (Guten) zu* 
rück, dann unterwirft sich das Volk nicht. 

12. Wer (wessen Person) recht handelt (tsching), wenn 
er auch nicht befiehlt, geschiehts; wer (aber) selber das 
Rechte nicht thut, dem folgt man, wenn er es auch befiehlt» 
dodi nicht. 

13. Wessen Worte redlich und treu sind, wessen Hand- 
lungen voll Achtung (King), wenn es auch das Reich eines 
Südbarbaren (Man-me) ist, so hat es doch Fortgang. Wenn 
seine Worte aber ohne Redlichkeit und Treue, seine Hand- 
lungen ohne Achtung sind und er ist dann auch aus einem 
Tscheu oder Li (chinesischem Bezirke und Dorfe), wie kann 
das gehen? 

14. Tseu-kung sagt: Wer in einem hohen Amte steht^ 
dessen Tugend darf nicht gering sein, wer ein hohes Amt hat» 
dessen Verwaltung darf nicht täuschen. 

15. Confucius sagte zu Tseu-san; der Weg (Tao) des 



PMb: Bnbm ekmm, Wekkeit. 301 

Weisen besteht in viererlei : sein eigenes Betragm sei respect* 
ToU; seine Bedienung der Oberen ehrerbietig; seine Ernähr- 
nng des Volkes freigebig (liberal); seine Befehle an das 
Volk seien gerecht. 

17. Confucins sagt: Der Weise ist wohlwollend (hoei), 
aber nicht Verschwender; er bemüht sich, aber ohne zu 
murren; er hat Wünsche, aber keine Begierden; er ist hoch 
{tai), aber nicht hochmüthig; er erregt Ehrfurcht, ist aber 
nicht absdirec^nd (meng), 

18. McDg-tseu sagt: Schweres dem Fürsten ratheii, heisst 
ihn ehren; ihn zum Guten antreiben, und ihm das Schledite 
verschliessen , heisst ihn achten (king), aber sagen: mein 
Fürst kann das nidit: heisst ihn berauben. 

20. Pao-po-tseu sagt: Aexten und Beilen (zur Hinricht« 
nng unei*schrocken) entgegengehen und doch wagen zu ermah- 
nen (tadeln); mit Durchbohrung bedroht werden und doch 
sein Wort vollenden, das heisst ein redlicher Beamter (Diener, 
Tschin) sein. 

21. Ein redlicher Diener (Beamter) furchtet den Tod 
nicht; wer den Tod furchtet, ist kein redlicher Diener. 

Cap. 14. Vom häuslichen Regimente. 1. Sse-ma 
Wen-knng sagt: Von jeder Sache, so gering und klein sie 
auch sei, muss man dem Hausherrn (Kia-tschang) Rechnung 
ablegen (Tse-pin). 

2. Bei Fleiss und Sparsamkeit erreicht man beständig 
das Alter ohne Mangel (Leere). 

3. Bei Empfang von Gästen müssen die Schüsseln ge» 
füllt sein ; bei der Verwaltung des Hauses muss Sparsamkeit 
herrschen. 

4. Ein starker (kräftiger) Sklave ist ohne Artigkeit (Li); 
ein hochmüthiges Eind ohne Pietät. 

5. Unterweise die Frau gleich wie sie zuerst (in das 
Haus) kommt; unterweise das Kind, wenn es noch auf den 
Armen getragen wird. 

€. Tai-kung sagt : Ein Idiot von Mann fürchtet seine 
Frau; eine weise Frau belehrt ihren Mann. 

7. Jeder der Sklaven und Diener hält, frage zuerst, ob 
sie auch nicht hungern und frieren. 

8. Zu jeder Zeit verwahre man sich, dass kein Feuer 
Nachts ausbricht und Nachts hüte man sich vor Dieben, 
die kommen. 



302 Sitzung der pMhßrphOok Ctam vom 4. Juli 1863. 

.9. Wenn die Kinder fromm sind, das (Ehepaar) sich 
Jiebt und vergnügt ist und im Hanse Harmonie herrscht, 
dann gehen alle Geschäfte Ton statten. 

10. King-hing-lu sagt: Siehe Morgens und Abends, früh 
und spät nach und du kannst wissen, ob die Familie eines 
Mannes Fortgang hat oder verfallt. 

IL Sse-ma Wen-kung sagt: Jeder, der eine Verheirathung 
beabsichtigt, der untersuche zuvor, ob sein Sdiwi^er* 
söhn (Se) zu seiner Frauen Naturell und zur Regel (Ord* 
nung) des Hauses auch passe. [Hier wird ein Zusammenleben 
der Schwiegereltern mit den Schwiegerkindem vorausgesetzt.] 
Keiner wähle einen reichen und angesehenen Schwiegersohn, 
sondern nur einen weisen (verständigen, hien). Denn wenn er 
jetzt auch arm und gering (von geringem Stande) ist, wie 
kannst du wissen, ob er zu einer verschiedenen (andern) Zeit 
nicht reich und geehrt wird? Wenn er aber ohne Einsicht 
ist und jetzt auch reich und voll Mittel, wie kannst du wissen, 
ob er zu einer andern Zeit nicht arm und niedrig wird? 
Eine Frau aus einem Hause voll Mittel, das herabkommt, 
wenn du die. nimmst zu einer Zeit, wo es noch reich und 
geehrt war, die hält auf ihren Reich thum und ihr Ansehen 
und es wii*d wenige geben, die dann ihren Mann nicht gering 
achten, übermüthig sind gegen Schwiegervater und Schwieger- 
mutter (Kheu ku) und ihr hochmüthiges und eifersüchtiges 
Naturell nähren. Eines (verschiedenen) Tages wird er sich 
elend fühlen (hoan), wenn er braucht das Höchste zu haben, 
nnd bei erborgtem Geschäfte sich auf den Reichthum der 
Frau stützend, zu Reichthum zu gelangen suchen, und ver- 
trauend auf die Macht der Frau, Ehren empfangen will. Wer 
kann da sich nicht schämen, wenn er den Sinn und die Lebens- 
kraft eines Mannes hat? 

12. Der Lehrer Ngan-tiQg-hu sagt; Wenn ich ein Mäd- 
chen verheirathe (Kia) , da muss des Mannes Haus mein 
Haus übertreffen. Uebertrifft mein Haus (das ihrige, das 
heisst, ist es reicher und angesehener), dann wird sie ihrem 
Manne gewiss Respect und Achtung (Kiog) erweisen. Nimmt 
man eine Frau, so muss (ihr Haus) nicht wie mein Haus 
sein; dann wird die Frau, Schwiegervater und Schwieger- 
mutter dienend, gewiss den rechten Weg (Tao) einschlagen. 

13. Wenn ein junger Mann gross (erwachsen) ist und 
nicht heirathet (hoen), ist er wie ein schwaches Pferd ohne 



JPia(h: Frohen cMnes. Weieheii. 203 

Zaum; wenn ein Mädchen erwachsen ist und nicht heirathet 
(Kia), so ist sie wie Privat- (d. i. Kontrebande-) Salz, (Sse-lu); 
widerspenstigen Hauptes (nirgends sicher! *^) 

14. Wen-tschung-tseu sagt: Jeder Mann, der heirathet 
und (dabei) auf Vermögen sieht, der folgt der Weise (dem 
Wege) der Barbaren-Gefangenen. 

15. Wen-kung sagt: Jeder Hausherr beobachte sorgfäl- 
tig die Bräuche (Li) und Gesetze, um zu leiten die Schaar 
der jungem Brüder und Söhne bis zum grossen Haufen ; mache 
die Vertheilungen mit Einsicht; gebe ihnen auf nach den 
Geschäften und untersuche ihre Verdienste. Bei der Ver- 
waltung des Vermögens brauche er es mit Ordnung (Tsie); 
halte Rechnung (ermesse) über Ein- und Ausgang (Ausgabe), 
um zu erwägen, was das Haus hat und was es nicht hat, 
um Obere und Untere mit Kleidung und Speise zu versehen, 
dass er in Unglück und Glück ilmen spenden könne. Alle 
müssen Ordnung und Maass halten und keiner werde nicht gleich 
gehalten, um die Spenden zu prüfen u. zu ordnen und die Ver- 
schwendung zu verhindern und aufzuhalten. 

Cap. 15. Vom Rechte der Menschen. 1. Yen-schi 
in seinen Hausregeln sagt : Wo Menschen und ein Volk sind, 
da gibt es darnach Mann und Frau; wo Mann und Frau 
sind, da gibt es darnach Vater und Sohn; wo Vater und 
Sohn sind, da gibt es darnach «ältere und jüngere Brüder. 
Eines Hauses Angehörige sind diese drei (Classen) und das 
ist Alles. Von diesen bis zu den 9 (Graden) der Verwandt- 
schaft (Tscbo, Klanen, eigentlich Fahnen), wurzeln alle in der 
höchsten Liebe (Thsin, Angehörigkeit). Drum können unter 
der Menschen Ordnungen diese nicht für wichtig genug ge- 
halten werden. 

3. Tschuang-tseu sagt: Aeltere und jüngere Brüder sind 
wie Hände und Füsse; Mann und Frau wie Ober- und Unter- 
kleid (I-fo). Zur Zeit, wenn das Ober- und Unterkleid zer- 
rissen ist, wechselt man es; aber wenn Hände und FüQse 
abgeschnitten sind, da ist es schwer, sie wieder anzubinden 
(anzusetzen). 

Cap. 16. Die Beobachtung der Gebräuche (Li). 
1. Confucius sagt: Im Hause gibt es (besondere) Bräuche 

(21) Diess ist wohl der Sinn. Der Charakter Fan heiast aber 
angreifen, verletzen, Scheu, das Haupt. Der Ausdruck ist mir 
dunkel. 



204 Siiemg der fhdos.'pkaol. Ckme wm 4. Juli 1863, 

(Geremoniell, Li), dali^ sind kelteate and Jüngere geschie- 
den. Das Harems-Thor (Kuei-men) hat (seine) Gebräacbe, 
daher ist unter den drei Geschlechtem (Tscho) Ton Verwandten 
Harmonie. Der Hof hat seine Gebräuche, daher haben Be- 
amte und Würdenträger (ihre feste) Ordnung. Die Feldjagd 
hat ihre Gebräuche, daher wird der Angriff mit Waffen ver- 
hindert. Das Heer- (Kriegs- Wesen) hat seine Gebräuche , da- 
her werden die Eüriegsthaten ausgeführt. 

3. Gonfdcius (Lün-iü I, 8,2) sagt: Aus Respekt (Kung) 
ohne (Beobachtung der) Etiquette (oder der Bräuche Li) 
entsteht ein Abmühen; bd sorg&ltigem - Auftreten (Schin) 
ohne (Eenntniss der) Bräuche ein furchtsames Wesen; b^ 
Muth ohne (Rücksicht auf) die Gebräuche Insubordination 
(Verwirrung, Loen) ; bei Aufrichtigkeit ohne (Beobachtung der) 
Gebräuche ein gebundenes Wesen (unceremonielles Auftreten). 

4. Der Weise, ^er Muth hat, aber ohne civiles Betra- 
gen (Li) ist, erregt Unruhen (Verwirrung, Loen): der ün- 
weise, der Muth hat, aber keine Rücksicht nimmt (Li)» 
wird ein Dieb. 

5. Meng-steu (H, 8, 28) sagt: Wodurch der Weise von 
andern (Menschen) sich unterscheidet, ist, dass er sein Heni 
bewahrt. Der Weise bewahrt sein Herz durch Humanität 
(Jin) und civiles Betragen (Li). Der Humane liebt die 
Menschen ; wer ein civiles Betragen beobachtet, achtet (kin^) 
die Maischen. Wer die Menschen liebt, den lieben die 
Menschen beständig wieder; wer die Menschen achtet (mit 
Achtung behandelt), den achten die Menschen wieder. 

6. Yeu-tseu sagt: Ein artiges Auftreten (Li) verbunden 
mit Eintracht (Ho) macht geehrt. 

9. Tsching-tseu sagt: Nie sei ohne Achtung (King). 

10. Tseng -tseu sagt: Am Hofe geht nichts über die 
Würde; im Weiler und Dorfe (Hiang tang) nichts über das 
Alter (Tschi, eigentlich die Zähne); in der übrigen Welt 
gilt beim Volke nichts so sehr, als die Tugend. 

17. Der Vater spreche nicht von den Tugenden seines 
Sohnes; der Sohn nicht von des Vaters Fehlem (Vergehen). 

18. Luan-kung-tseu sagt: Das Volk geht aus drei Sachen 
(Sse) hervor: der Vater erzeugt es; der Lehrer unterrichtet 
es; der Fürst nährt es. Ohne Vater würde es nicht er- 
zeugt; ohne Speise würde es nicht gross; ohne Unterricht 
kennte es die Stammverwandtschaft der Lebenden nicht. 



JPIoA; JMbm ckmei. Weukei^ 205 

19. Der Ii<ki (Nui^tsea G*p. 12) sagt: Knaben imd 
Mädohen dürfen nidit Termisoht sitzen, nicht aus der Nähe 
(Hand) etwas hinnehmen; die Frau des altern Bruders und 
^r junge Oheim nicht miteinander sprechen; Knaben und 
Mädchen nicht auf einer Matte beisamnensiteen. 

20. (Im) Lün<iü (I, 3, 12) sagt Confucius: Opfere, als 
ob die Ahnen (gegenwärtig) wären ; opfere den Geistern, ak 
ob die Geister da wären. 

21. Confucius sagt: Diene den Todtai, wie du dientest 
den Lebenden; diene den Daliing^angenen, wie den Anwe- 
senden, das ist die höchste Pietät. 

Gap« 17. Treue und Glauben halten. 1. Confuoins 
sagt (Lün-iU I, 2, 21): Wer nicht treu ist (sin), ich weiss 
nicht, was der vermag; ein grosser Wagen ohne Joch (Mao), 
ein kleiner Wagen ohne Querholz (Yue), wie kann der gehen I 

2. Lao*tseu sagt : Ein Mann, der Treue hat, ist wie ein 
Wag^ der Räder hat. 

4. Nachdem ein Wort einmal ausg^angen (ausgestossen) 
ist, kann ein Viergespann es nur schwer zurikkbringen. 

7. Das J-tschi-schu sagt: Wenn Fürst und Diener nicht 
treu sind, ist das Reich nicht ruhig; wenn Vater und Sohn 
nicht treu sind, ist in der Familie keine Aufrichtigkeit ; wenn 
ältere und jüngere Brüder nicht treu sind, so ist kein Ge> 
fühl der Liebe (unter ihnen); wenn Freunde und Genossen 
nicht treu sind, wird die Verbindung leicht entfremdet. 

Cap. 18. Von Worten und Reden. L Gonfudus 
sagt: Vom mittlere Mann aufwärts bis zum höheren kann 
man von Höherem (Sachen oder Personen) reden ; vom mitt* 
leren abwärts bis zum unteren, mit diesen kann man von 
Höherem nicht reden. 

2. Kann man Cmit einem über etwas) reden und spricht 
nicht darüber, so gibt man den Menschen auf (yer^achläs^ 
«igt man ihn); kann man (mit einem über etwas) nicht 
xeden und spricht (mit ihm darüber), so yerliert man nur 
die Worte. Der Kluge vernachlässigt einen Menschen nicht, 
verliert aber auch keine Worte. 

4. Lieu-hoei sagt: Wenn die Worte nicht der Vernunft 
gemäss sind (Tschung-li), so ist das wie nkdit sprechen. 

7. üonibcius sagt: Ein kleiner Unterschied verletzt 
das Recht (J); ein kleines Wort zerstört (Pho) den rechten 
Weg (Tao). 



206 Sitzung der phtUs.-fMol. ÖUme v<m 4. Juli 1863. 

8. Kiün-ping sagt: Der Mond und die Zunge silid die 
Pforte für Vergehen and Sehädan, die Axt, welche die Per- 
son (das Leben) vernichtet. 

10. Der Li-sao-king sagt: Süsse Worte sind wie Honig; 
böse Worte wie ein Messer. Der Mensch ist nicht gut, 
weil er viele Worte macht; der Hund ist nicht gut, weil er 
gut bellt. 

11. Die Wunde eines Messers ist leicht wieder gut (heil), 
aber ein böses Wort ist schwer wieder zu tilgm (wegzu- 
schmelzen, wegzuthauen, siao). 

12. Nützlicher Leute Worte (Reden) erwärmen wie ein 
Seidenzeug; verletzender Menschen Reden sind schai'f wie 
ein Dombusch. Ein halbes Wort, das gewichtig und recht 
ist, ist 1000 Kin werth; ein Wort, das Menschen verletzt^ 
bekümmert wie ein verwundendes Messer. 

13. Der Mund, der einen Menschen verwundet, ist wie 
eine Axt; das Wort, das einen verletzt, ist wie ein Messer; 
verschliesse man daher den Mund, verberge (begi'abe) man 
tief die Zunge, so wohnt deine Person ruhig; sie bewohnt 
ein^i abgeschlossenen -Raum (Stall). 

14. Tseu-kung sagt: Ein Wort offenbart (eines Mannes) 
Einsicht (Tschi), ein Wort zeigt den Unverstand (Pu-tschi) 
(eines Mannes); man kann daher im Reden nicht sorgfaltig 
genug sein. 

15. Ein Wort kann ein Lehenreich (Pang) emporheben, 
ein Wort kann es zu Grunde richten. 

22. Siün-tseu sagt : Wenn ein MannFrende hat (Tsäng) 
an einem gewichtigen Worte, so ist das wie Gold, Perlen, 
Jaspis; ein schönes Wort von einem Manhe bemerken, ist 
wie ein Gedicht, das Glanz verbreitet; hören von einem 
Manne ein frohes Wort, ist wie Glocken, Trommel, Harfen 
und Laute (Khinse). 

28. Confucius sagt: Mit schlechten (bösen) Menschen 
ist schwer zu sprechen von Folgsamkeit; besser ist sich zu- 
rückziehen und sie meiden. 

Gap. 19. Der Verkehr mit Freunden. 1. Con- 
fucius sagt: Bei guten Menschen wohnen, ist wie in ein 
Haus mit Tschi^lan (Blumen) treten; lange merkt (hört) 
man ihren Duft nicht und doch bewirken sie eine Verän- 
derung. Bei nichtguten Menschen weilen, ist dagegen wie 
eintreten in ein Magazin von faulen Fischen; lange merkt 



IMk: FMm Mnes, Weuh&ii. 207 

-man den Gestank nicht und doch bewirkmi sie eine Ver&i- 
derung der Luft. 

2. Wer sich mit Mennig (Tan, Röthe) bedeckt, wird 
roth; wer sich mit Fimiss bedeckt, wird schwarz; daher 
sieht (ist) der Weise sorgfältig zu, bei wem er verweilt. 

3. Mit lieben (guten, hao) Menschen Gemeinschaft haben, 
ist wie der Duft (der Blumen) Lan und Hoei. Ein Haus 
pflanzt sie und beide Häuser (seitwärts) duften alle davon. 
Mit schlechten Menschen Gemeinschaft haben, ist dagegen 
wie ein Mann, der ein Kind über eine Mauer hält; gleitet 
der Fuss aus, so gerathen beide Menschen in's Verderben. 

4. Der Kia-iü sagt: Mit Heben (guten) Menschen zu- 
sammengehen, ist wie mitten im Thau gehen; wenn man 
auch nicht durchnässt wird (schi), werden die Kleider doch 
mit der Zeit reichlich angefeuchtet. Mit Männern ohne Ein- 
sicht (Tschi) zusammengehen, ist wie mitten in einem Ab- 
tritte (Tse) sitzen; obwohl die Kleider nicht schmutzig wer- 
den , nehmen sie doch mit der Zeit einen Übeln Geruch an. 
Mit schlechten Menschen zusammengehen, ist wie mitten 
zwischen Messern und Schwertern sein; wenn sie den Men- 
schen auch nicht verwunden, so fürchtet man es doch von 
Zeit zu Zeit. 

5. Tai-kung sagt: Wer einer Perle »ich nähert, wird 
roth; wer der Tinte zu nahe kommt (sich nähert), wird 
schwarz; wer einem Weisen sich nähert, wird erleuchtet 
(ming) ; wer einem Talentvollen sich nähert, erlangt Einsicht ; 
wer einem Einfältigen sich nähert (nahe kommt), wird dumm ; 
wer einem Guten sich nähert, yrird tugendhaft; wer einem 
Einsichtsvollen sich nähert, wird weise; wer einem Dummen 
sich nähert, wird verdunkelt ; wer einem Verschlagenen (Ning) 
sich nähert, geräth in Zweifel (Tao); wer einem Diebe sich 
nähert, wird ein Spitzbube. 

8. Ki-kang sagt : Unglückliche und gefährdete Menschen 
achte, aber halte sie ferne ; weise und tugendhafte Menschen 
liebe und nähere dich ihnen. Wenn Einer mit Bösem (bösen 
Worten) mir kommt, so antworte ich ihm mit Gutem; kommt 
einer mir mit Krummem (Kio, Lug und Trug) , so antworte 
ich ihm mit Geradem (Geradheit), wie kann er da.Hass 
(Entfremdung) gegen mich (haben)! 

9. Meng-tseu (II, 7, 10) sagt: Mit GrausamöQ darf 



208 Sitzung der pküoß.-pkOöL Qa$9e wm 4. Jtdi 1863. 

mm kein Wort wechseln; mit denen, die sieh seKMt weg- 
werfen, kann man nichts zu thon haben. 

10. Tai-kung sagt: Eine Frau, die keinen klaren Spie- 
gel hat, kann die kleinen Flecken oben in ihrem Gesichte 
nicht sehen (wissen); ein Sse (Beamter oder Literat), dar 
keinen guten Freund hat, weiss die Fehler seii^s Ganges 
(dass er kurztritt) nicht. 

11. Gonfucius sagt: Zum Guten antreiben (oder anrei- 
zen), ist der Weg (Tao) der Freunde. 

12. Willst du Freundschaft mit einem anknüpfen, somuss 
er dich übertreffen; der dir nur ähnlich ist, ist wie Keiner.**) 

13. Die gegenseitig sich verstehen, deren gibt es eine 
Menge im Reiche, aber die Herzen kennen nur wenige. 

14. Pflanzest du Bäume, so pflanze keine Hänge weiden; 
knüpfst du eine Verbindung an, so knüpfe keine mit leich- 
ten, verwirrten Geistern. *') 

15. Die Alten, wenn sie Verbindung^ anknüpften, ver- 
knüpften die Herzen ; ' die jetzigen Menschen , wenn sie Ver- 
bindungen eingehen, verknüpfen nur die Gesichter (d. h. 
sehen nur auf ein ansprechendes, angenehmes Aeussere). 

18. Wenn man eines Menschen Neigungen beständig gleich 
zu Anfange gegenseitig kennt, ob sie (der seinigen) ähnlich, dann 
kann, wenn man das Alter erreicht hat, am Ende kein Geist 
(Herz) der Entfremdung und des Hasses entstehen. 

19. Zum Essen und Trinken sind ältere und jüngere 
Brüder zu Tausenden da ; zur Zeit der Noth und in schwie«> 
rigen Verhältnissen aber auch nicht einer. 

21. Der gegenseitige Verkehr von Weisen ist unschmack- 
haft (than) wie Wasser; der Verkehr der Unweisen ist süss 
und gleicht dem Honig. 

22. Die Menschen brauchen Reichthum bei ihren Ver- 
bindungen; (aber) das Gold bedarf des Feuers zur Prüfung 
(Läuterung). 

23. Das Wasser imtersudit man mit einem Stocke und 
weiss dann, ob es tief oder seicht ist; bei Verbindungen 
will der Mensch aber nach dem Beichthume das Herz ericen- 
nen (seUm). 

24. Die Verbindung (beruhe auf dem) Rechte (J) ; (man 

(22) Die Worte Pu iü wu Laben wohl eine Negation zu viel. 

(23) Der letzte Charakter ist sehr undeutlich ausgedruckt und 
daher die üebersetzung nicht dcher. 



FUUki Ftobm ckimg. Weitimt 209 

gdiliesse) kerne Verbinduiig (mit Rücksicht auf den) Reidi<> 
thum. Verbindungen (ans Ricksicht auf den) Reichthnm 
schneiden Humanität und Recht ab. 

25. Ein langer (yao) Weg lässt die Kraft des Pferdes 
erkennen ; lange (viele) Tage zeigen das Herz des Menschen» 

Gap« 80. Das Betragen der Frauen. 1. Confiioius* 
Aeussemng über die beständige Abhängigkeit der Frau aus 
Kia-iü Cftp. 26, fol. 7 und Li<ki Kiao4e-8eng Cap. 11, fol. 
45 haben wir in unserer Abhandlung: lieber die häuslichem 
Verhältnisse der alten Chinesen S. 5 schon mitgetheilt. Das 
Wesentlidie über die Trennung der Geschlechter §. 2 u. S 
ebmdaselbst schon S. 3. 

4. Das J-t8chi*schu sagt: Es giebt yier Tugtnden (gute 
Eigenschaften) der Frauen: zuerst der Frauen (eigentliche) 
Tugend ; zweitens der Frauen äussere Haltung (Manier, Yung) ; 
drittens die Sprache der Frauen und viertens die Arbeiten 
oder Werke der Frauen. Was 1. die Tugenden der Frau 
betrifft, so braucht sie nicht talentroU, erleuchtet (einsichts* 
voll), noch eben sehr ausserordentlich (i) zu sein. 2. Was 
der Frauen Aeusseres betrifift, so braucht ihre Haltung (Yen* 
se) nidit besonders schön (mei-li) zu sein. B. Der Frauen 
Reden brauchen nicht gewählt und scharfsinnig zu sein. 4. 
Der Frauen Werke brauchen nicht an Geschicklichkeit (Ki- 
Mao) die (der) Männer zu übertreffen. Sie sei reinlich, gut 
(tsching), sparsam, halte auf Ordnung, vertheile Alles gut. 
Beim Gehen und Stehen habe (zeige) sie Schamhaftigkeit 
(Errötlien); bei allen ihren Bewegungen halte sieMaass (und 
Regel, Fa). Das sind die Tugenden (guten Eigenschaften) 
einer Frau. Bei der Wahl der Worte sei sie überlegt; was 
nicht überlegt gesprochen, das rede sie nicht. Sie rede nur 
zur (rechtöa) Zeit, dann wird ihr Mann ihrer Worte nicht 
überdrüssig. So sei die Sprache der Frauen I Sie wasche **) 
(sien-hoan) den Staub und Schmutz weg; ihre Ober- und 
Unterkleider seien frisch u. rein (kie); sie wasche und bade 
sich (mo-io), dass zu jeder Zeit ihre Person nicht unrein 
sei. So sei die äussere Haltung der Frau! Sie muss sorg* 
faltig und aufmerksam spinnen (fang-tsi), nicht lieben ein 
Maass Wein zu trinken ; ihre süsse und gute-Kost (Gerichte) 
muss sie den Gästen darbringen. Das sind die Werke (Ar- 

(24) Im Chinesischen sind zwei Wörter für Waschen: sien soll 
aem die Füsse waschen und ho an schmutzige E[leider waschen. 



2 10 8iUung der pkao$.'phiM. CUme vom 4. Jtdi 1863. 

beiten) d^ Frau. Diese vier Tugenden (guten Eigenschaf* 
ten) sind die grossen Tugenden der Frau; sie zu üben ist 
sehr leicht, wenn man sieh nur bemüht, es recht zu tfaun; 
diess ist die Ordnung der Frau. 

5. Tai*kung sagt: Was die Bräuche (Li) der Frauen 
betrifft, so muBS ihre Bede fein (se), ihr Gang langsam sein; 
steht sie, so sei es auf emgezogene Art (lien); bewegt sie 
sich, so gehe sie langsam T(»rschreitend. ' Ihre Ohren dürfen 
nichts Ueberflüssiges hören; ihre Augen nichts Ueberflüs* 
siges sehen. Geht sie aus, so sei ihre Haltung ohne Schwaiiken 
(wu-tao), ihr Anzug (Khiün-thie) geordnet. Sie lausche 
nicht und blicke (gucke) nicht durch Fenster und Thüren. 
Früh Morgens stehe sie auf und spät erst schliesse sie die 
Augen; unermüdet in der Arbeit, besorgt Tor bittem Streit, 
der nur Kumm^ und Schande macht. 

6. Eine weise (verständige) Frau lebt in Eintracht mit 
den 6 (Graden der) Verwandten ; eine ruhige Frau begegnet 
d^n Unglücke des Mannes. 

7 behandelt die Frage, ob eine Wittwe nach dem 
Brauche (Li) nicht zum zweitenmale wieder heirathen dürfe, 
wenigstens wenn sie ganz arm und verlassen sei und gar 
keine Stütze habe. Der Lehrer J-tschhuen antwortet : man fürchte 
allerdings, dass die durch Hunger Gestorbenen schaden (b^ 
taubem) könnten, sonst sei durch Hunger sterben eine kleine 
Sache, die rechte Ordnung verlass^i aber eine grossei 
Vgl. Cap. 12, 11. 

Den letzten Paragraphen aus dem Buche: Von berühm- 
ten Frauen (Lie-niü-tschuen) über die Sorgfalt, welche früher 
schwangere Frauen anwandten, um gesunde Kinder zu er- 
zielen, haben wir in unserer Abhandlung : Ueber die häuslichen 
Verhältnisse der alten Chinesen S. 30 schon mitgetheilt. 

Schlussbemerkungen. Man sieht aus Obigem, dass 
neben den Neueren die Aussprüche der classischen Schriften, 
von Confucius, seinen Schülern und Nachfolgern immer noch 
ihre Geltung haben und nicht als antiquirt betrachtet wer* 
den köfinen. Sie gewinnen dadurch, wie unsere biblischen 
Sprüche, eine ganz andere Bedeutung, als sie an und für 
sich haben würden. 

Was die Hauptgrundsätze der alten chinesischen 



Pkah; Firobtn chmu. WeMeii. 211 

Beligion, Moral und Lebensweisheit befaifffc, so sieht 
man aus Cap. 1, vgl G. 11, 226 u. 12, 18, dassnoch immer und 
nach 1 §. 27 auch bei den Tao-sse die alte Vorstellung herrscht, 
dass das Gute und Böse schon hier auf Erden seinen Lohn 
finde, eine Lehre, die, wenn man auch ihre Richtigkeit im 
EiQzelnen beanstanden möchte, doch nur zum Guten antrei- 
ben und wohlthätig wirken kann. Nach Gap. 2 und 3, 
vgl, 6, 6, gilt immer auch noch die alte Lehre yon der 
Bestimmung (Ming), die wir in unserer Abhandlung über die 
Beligion der alten Chinesen I S. 22 fg. erörtert haben. Vorwal* 
tend stellt das Büchelchen die Lehren der Literaten (Jü-ldaoX 
•doch mit einigen Sprüchen auch der Tao'-sse und der Bud- 
dhisten, z. B. Gap. 11, 103, dar. Gonfucius' Aeusserung 
über die Ahnen und deren Opfer werden 16, 20 u« 21, seine 
Aeusserungen über die Manen und Geister und deren Gultua 
2, 11; 11, 101 und 102 wiederholt. Die Unwirksamkeit d)ar 
blossen Opfer und Geremonien wird 1, 28 und die Nichtig- 
keit des Befragens der Loose 1, 30 und 11, 187 aus- 
gesprochen. Die Lehre der Buddhaisten übt dabei nur einen 
geringen Einfluss. Der Seelenwanderung wird nur einmal 
G. 11, 217 gedacht und dieGhinesen erscheinen noch immer, 
wie die alten Juden, durchaus als Diesseiter. Wie bei jenen^ 
ist auch hier immer der Refrain, mit dem man zum Guten 
antreibt, der: „Auf dass es dir wohlgehe und du lange 
lebest auf Erden''. Wenn Europa und das übrige Asien 
gemeint haben, die Staaten und Völker könnten nicht be* 
stehen, wenn^man dem Volke nicht die Freuden des Him- 
mels und die Schrecken der Hölle yorspiegele, um sie zum 
Xjuten anzutreiben und vom Bösen abzuhalten, so hat dieses 
Motiv den Ghinesen noch jetzt nach diesem Büchlein völlig 
^mnöthig geschienen. Die Pietät ist nach Gap. 4 noch jetzt 
die grosse Grundlage der chinesischen Moral. Sehr anspre- 
chend sind viele der Sprüche in Gap. 5, sich selbst zu 
prüfen und strenge gogen sich zu sein, hingegen milde 



212 SitJßung der phOm^-pkOoL Chsse wm 4. JuU 1863. 



in der Beurtheilung Anderer; fnedlicb 2a leben (Oap. 12^ 
6), nachgiebig zu sein (12, 9), Anderer FeUa* zu' yer^ 
bergen, dagegen ihre Tagenden zu Terkönden; Böses» 
Sdimähungen und Hass nicht mit Gleichem zu erwidern^ 
sondern durch Güte, und das Böse zu überwinden, (1,22.8, 11» 
10, 43* 19, 8); da» Weiche bezwinge das Harte. Hier 
finden wiV Sprüche, die denen des Evangeliums nidit nach* 
stehen. Auch die.Ermahnung«en, mit seinem Theile zufrieden 
zu sein und sich genügen zu lassen (G. 6, vgl. 11, 234) sind 
anprechend; auf den Wechsel- von Glüdc und Unglück im 
Lebai wird 11, 75, 217 und 231 hingewiesen. — CT 
ermahnt sein Herz (vor Lastern) zu bewahre und G. 12, 9 
seine, wie der Chinese annimmt, ursprüngliche natürliche 
Güte zu erhalten und auszubilden; auf sich zurückzugehen 
und sidi selbst zu prüfen und sich zu bessern, wenn man 
das Betragen Anderer g^en Einen nicht entsprechend finde. 
Auch die Anerkennung ist in G* 8, 45, vgl. 5, 45, G. 11, 
48u. 49 und G. 11, 124 enthalten, wie die Fehler der Men* 
sehen aus ihrer Lage und ihren Verhältnissen, wie Armuth 
und Reichthum, zum Theil mit hervorgdien. 

Das Bücherlesen wird gerühmt G. 12, 3. Die Ermun* 
terung zum Studium C. 9, vgl. 5, 68; 7, 7 und 8 und das 
G. 10 über die Unterweisung oder den Unterricht der Kinder 
enthalten viel Ansprechendes und Vernünftiges. Es ist beim 
Studium der Ghinesen aber nicht von allerlei Sprachen Ler- 
nen, von grammatischen Spitzfindigkeiten, oder einer Masse 
des historischen Wissens und einer Menge antiquarischen 
Krames die Rede, sondern vom Lernen dessen, was sie nun 
einmal als Weisheit ansehen. In diese eindringen, sie prüfen 
und diese praktische Lebensweisheit anwenden, ist der Gegen- 
stand ihres Studiums; das Studium der Literatur empfiehlt 
Confucius G. 9, 21 erst dann, wenn nach diesem noch Kraft 
dazu übrig bleibt. Der Ghinese kann aber den Reichen und 
Armen gleichmässig zum Studieren ermahnen (G. 9, 12), da 



PMi: Pr&bm chines, WMheit. 21S 

auch dem Armen bei erlangten nöthigen Kenntnissen die höch- 
sten Würden des Staates offen stehen, wie ohne solche der 
Reiche diese nicht ansprechen kann. Das ganze lange C. 11 
TöD der Selbstpräfung enthält viele, znm Theil ansprechende 
Spräche und Reflexionen. Am schwächst^ ist das, was 
Cap. 13 über die Führang der Regierung gesagt wird, ob- 
wohl der Chinese sonst wohl den Unterschied zwischen dem 
häuslichen Regimente und der Verwaltung eines Staates ein- 
sieht, so wird hier (C. 13, 5) die Analogie beider doch zu 
sehr hervorgehoben. Wer kein Amt hat, soll sich um die 
R^erung nicht kümmern (C. 6, 11). Der Ackerbau wird übri- 
gens G. 1*2, 1 als die Grundlage des Staates aufgestellt; 6e- 
memsinn empfohlen. Für höhere Zwecke soll man selbst das 
Leben opfern (C.ll, 108), namentlich dem Fürsten muthig 
entgegentreten und ihn ermahnen, selbst w^n eines Leben 
bedroht wird (0. 13, 20 u. 21). Anerkennungswerth ist die 
Bemerkung ü. 11, 122, dass die Natur ursprünglich keinen 
Maischen ohne Vermögen (oder Einkünfte) in die Welt ge- 
setzt habe. Nachbarn sollen sich in der Noth beistehen 
{C. 12, 7). Originell ist, was 12, 18 Alles für Diebstahl er- 
klärt. G. 14 über das häusliche Regiment u. G. 15 enthalten 
manche verständige Bemerkungen. Fleiss und Sparsamkdt 
werden immer empfohlen (G. 12, 2); das frühe Aufstehen G. 12, 
5 n. s. w. Eigenthümlich ist den Ghinesen das so sehr aus- 
gebildete ceremoniöse Wesen, von welchem G. 16 handelt; 
vgl. auch G. 8, 1, G. 11, 200 u. 202 u. G. 12, 3 und 8. 
Wir haben gar kein Wort, welches das chinesische Li er- 
schöpfte. Die Worte Gebräuche, Ritus, Ceremoniell, Artig- 
keit müssen mitunter dafür gebraucht werden, alle diese er- 
schöpfen aber den Begriff des chinesischen Li durchaus noch 
nicht. Es lässt sich nicht verkennen, dass das Halten dar- 
auf die äussere Ordnung und Unterordnung, welche in Ghina 
herrscht , wesentlich mitbefördert hat. Wie man z. B. durch die 
vielen Geremonien beim Trinken der Trunkenheit hat vor- 
[1863. U. 2.] 15 



2 14 Sitzung ävf |»&ao«.-pMol. (Amt XQim 4. Jtdi 1863, 

beugen wollen, wird C. 11, 98 bemerkt. Was üb«* Treue 
und Glauben halten C. 17, über die Yorsieht und Sorgfalt, 
die im Beden anzuwenden ist, C. 18, Tgl. auch G. 17, 4 o. 
G. 20, 4, über die Wahl von Freunden und d^ Verkdir nnt iha^i 
C. 19 gesagt wird, enthält manches Biehtige und was eod* 
lieh C. 20 über den Gharakta* und das Betragen der Frauem 
sagt, ist verständig, lieber die Wahl einer Frau nidit nacb 
deau Vermögen u. s. w. sind C. 11, 234, G. 14, 11 — 14, 
über die Eigenschaften einer guten Frau G. 12, 15, über 
ihre Behaadlung und ihren Einfluss sind G. 14, 5, 6 u. 1 1 d- 
nige Aussprüche. G. 15, 3 zeigt indess eine sehr geringe 
Ansicht Ton der Ehe, man wechselt die Frau wie "ein Kleid; 
nach G. 20, 7 und G. 12,^ 11 heirathet aber eine gute Fraa 
nicht zwei Männer (zum zweitenmale). 

Mancherlei Wiederholungen kommen vor, Manches nidit 
KUsammen gehörige ist zusanxmengestellt und der Inhalt ei^ 
spricht nicht immer den Ueberschriften der Gapitel oder mam 
hat nicht immer eine ganz zutreibende Uebersclnrift zu dem 
mannigfaltigen Inhalte gefunden. Alles in Allem enthalt aber 
das Büchelchan bei manchen Trivialen doch auch viel An« 
sprechendes und möchte den Vergleich mit dem, was in En* 
rc^ zu Belebrang und Betraditung von Jugend und Er- 
wachsenen oft geboten wird, reichlich aushalten. 



Köibe: l9omerien ort^an, Verbmdungen, S15 



Mathematisch -^physikalische Glasse. 

Sitzung vom 11. Juli 1863. 



Herr Baron von Liebig referirte über einen Aufsatz, 
der ihm von Herrn Hermann Eolbe aus dem Marburger 
Laboratorinm mitgetheilt worden, betitelt: 

<^ „Beobachtungen über neue bemerkenswerth« 
Isomerien organischer Verbindungen*^ 

Nachdem schon früher von Saytzef f ^) nachgewiesen ist, 
dass sich beim Erhitzen der Anissäore mit Jodwaaserstoff 
Jodmethyl erzeugt, hat derselbe jetzt auch die Säure unteiv 
sucht, welche bei jenem Process zugleich mit dem.Jodma&jd 
{entsteht, und gefunden, dass dieselbe mit der Salicylsäure 
imd Oxybenzoesäure glddie Zusammensetzung hat. Die Anis- 
aaore erfahrt d^nnaoh durch Jodwasserstoff eine andere Zqk- 
setzung, als die Glycolsäure, Milchsäure und andere OxysSii- 
re&; sie verliert unter dem Einfluss dieses gewöhnlich redu- 
isirend wirkenden Agens keinen Sauerstoff, sondern erleidet 
Jblees eine Substitution des darin vorhandenen Methyls durch 
Wasserstoff. 
HO- Gl« Ht 05 + HJ = C« Hs J + HOC14H5 Os 

Anissäure. Jodmethyl. Paraoxybenzoesäure. 

Die resultirende Paraoxybenzoesäure, welche man 
naöh IGstündigem Erhitzen von Anissäure mit concentrirter 
Jodwasserstoffsäure auf 125 ® bis 130 ® C. ziemlich frei von 
Anissäure erhält, und welche durch wiederholtes ümkryStalK- 
siren aus heissem Wasser mit Thierkohle leicht zu reinigen 



(1) Annakn dar Cäiamie Bd. 118, S. 829. 

15* 



216 Sitzung der mathrphifs, CUMt wm 11, JM 1863. 

ist, krystallisirt in kleinen rhombischen Tafehi, mit 2 At» 
Krystallwasser , welches bei 100 ^G. fortgeht. Sie schmilzt 
bei 210^ G. und fangt schon bei 100^ G. an, sich zu ver* 
flüchtigen. Sie wird von Alkohol, Aether und kochendem 
Wasser leicht gelöst. Bei 15 ® C. erfordert sie 125 Theile 
Wasser zur Lösung. Diese Lösung reagirt stark sauer. 

Beim Erhitzen über ihren Schmelzpunkt zerfallt sie noch 
leichter, als die isomere Salicylsäure , in Kohlensäure und 
Phenylsäure, und unterscheidet sich hierdurch allein schon 
wesentlich Ton der gleichfalls isomeren Ozybenzoesäure, 
welche, wie ein vergleichender Versuch ergab, bei derselben 
Temperatur kaum wahrnehmbare Spuren von Phenylsäure 
liefert. — Dass sie, ungeachtet der gleichen Zersetzung beim 
Erhitzen, auch nicht mit der Salizylsäure identisch ist, be* 
weist unter Anderm ihr Verhalten gegen Eisenohlorid , wo- 
mit sie einen gelben amorphen Niederschlag, aber durchao» 
keine violette Färbung erzeugt. 

Die Paraoxybenzoesäure bildet mit den meisten Basext 
lösliche, grösstenthdls krystallisirende Salze. Am besten 
krystallisirt das Gadmiumsalz: CdO'GiiHsOs + 4 HO in 
schönen grossen Rhomboedern. 

Die Isomerie der Paraoxybenzoesäure und Salicylsäare 
Kesse sich etwa durch die Annahme erklären, dass erstere 
Phenyl enthalt, worin eines der fünf Wasserstoffatome durch 

Oxyl: HO« substituirt ist, also Oxyphenyl: CitlrTQ |; wo- 
gten die letztere denkbarer Weise Phenoxyl: (C12 Hs) 0» 
enthält, d. h. ein Radikal, welches als Oxyl betrachtet wer- 
den kann, worin Phenyl die Stelle des Wasserstoffatoms ver- 
tritt. Jene Isomerie wäre dann etwa durch folgende For- 
mehi symbolisch auszudrücken: 

Paraoxybenzoesäure HO-GiijgQ ] [G2O«] 0. 
SaUcylsäure HO • (Gi « Hö Oi) [Gt Oi] 0. 



KMe: I^amerien organ, VerHnäungen, 217 

Weim, wie anzunehmen ist, neben dem Phenyl noehein 
zweites isomeres Radikal ezistirt, welches Termuthlich der 
Benzoesäure angehört, so wird auch die von diesem Radikal 
«oh ableitende Osjyerbindung em^seits Ton jenem Oxyphe« 
Djl und anderseits von dem Phenoxyl verschieden sein, und 
-es wird dann noch eine jener Paraozybenzoesänre analog 
eonstituirte Oxybenzoesäure und eine der Salicjrlsäore enir 
sprechend zusammengesetzte, also vierte isomere Säure geben, 
von denen die eine (und wohl letztere) noch aufzufinden 
bleibt. 



Bei der Behandlung von toluolhaltigem Benzol mitraa- 
ohender Salpetersäure entsteht neben Nitrobenzol und Nitro- 
toluol eine Nitrosäure, welche theils in der Salpetersäure 
enthalten ist, und daraus durch Vermischen mit Wasser ab* 
geschieden werden kann, theils von dem Nitrobenzol in Auf- 
lösung gehalten wird und durch Schütteln mit verdünnter 
Natronlauge leicht auszuziehen ist. 

Dr. Fischer hat diese Säure nebst ihren Abkömmlingen 
genauer untersucht und gefuüden, dass sie mit der Nitroben- 
zoesäure gleich zusammengesetzt, aber nicht identisch ist. — 
Diese Paranitrobenzoesäure krystallirt in kleinen Blätt- 
chen, der Benzoesäure einigermaassen ähnlich. Sie ist in 
Alkohol, Aether und heissem Wasser löslich, wenig in kal- 
tem Wasser, schmilzt bei 240^ C. (die Nitrobenzoesäure 
schmilzt bei 127^ C), sublimirt in kleinen Nadeln. Auch 
die Salze der Paranitrobenzoesäure erweisen sich zum grossen 
Theile sehr verschieden von denen der Nitrobenzoesäure. 
Das neutrale Ammoniaksalz erhält msm leicht durch Ein- 
dampfen der wässrigen Lösung in Krjstallfolättchen. — Das 
Kalksalz: CaO' Ci4 (H4i NO4) Os + 9 HO krystallisirt in 
:grossea, zolllangen, glasglänzenden Prismen. 

Durch Behandlung der stark ammöniakalischen Lösung 
der Paranitrobenzoesäure mit Schwefelwas8er8to%as resul- 



218 Sitzung, der math.'phy8. CktM« vom 11. Juli 1863, 

tirt die der Amidobemoesäure isomere Paramidobenzoe- 
säure. Dieselbe Bobeidet sich bemi Erkalten der heissen 
nicht zu ooncentnrten wäBsrigen Lösung hu langen haarför-» 
migen, glänzenden, schwachgelblichen KrystallfiLden ab; sie 
hält sich sowohl im trocknen, wie im feuchten Zustande an 
der Luft unverändert, schmilzt bei 197 ® G. und vereinigt 
siich leiäit sowohl mit Basen, wie mit starken Säuren zu 
krystallinischen V^bindungen. 

Wird in die heisse wässrige Lösung der Paramidob^i-» 
zoesäure, welche auf etwa 150 Theile Wasser 1 Theil Säure 
enthält, salpetrige Säure in feinem Strahle und nicht zu 
raschem Strome eingeleitet, so entwickelt sich Stickgas in 
grosser Menge. Wenn sich später die Stidcgasentwickelung 
¥ermindert, so erscheinen braune Flodcen einer harzartigen 
Substanz. Wird in diesem Zeitpunkt die Operation unteir- 
brechen, und die Ton den Flocken aJbfiltrirte Fläfisigkeit 
eingedampft, so erhält man neben neuai Mengen der durch 
abermalige Filtration zu entfernenden harzigen Substanz eine 
Oxysäure anskrystallisirt, welche nach wied^holtem Umkry- 
stallisiren aus heissem Wasser mit etwas Thierkohle dm 
von. Säytzeff aus der Änissäure mittelst JodwasserstofiP ^hal- 
tenen Paraoxybenzoesäure gleicht, und sich mit dieser iden* 
tisch erwiesen hat. 

Bei jener Darstellung der Paraoxybenzoesäore konmit 
sehr viel auf den Grad der Goncentration sin, d^i die mit 
salpetriger Säure zu zersetzende Lösung der Paramidoben- 
zoesäure hat. Bei grösserer Gonc^tration als die angege* 
bene, erhält man gaaz andere Produkte, namentlich eme 
gelbe, schwachkrystallinische Substanz, welche sich gleichen 
Anfang ohne Stickgasentwickelong in reichlicher Menge ab* 
scheidet, und die wahrscheinlich zu der von Griess entdeckr 
ten Glasse der Diazoverbindnngen gehört.. 

Durch Behandlung der eigentlichen Amidob^izoSsäure 
in gleich Btark verdünnter heisser wässriger Lösung mit aal* 



Kofbi: leomerien organ: V^rbmdwi^m. 219 

petriger Säure hat Dr. Fischer reine Oxybenzoesäure erhal- 
ten, und sich überzeugt, dass dieselb\B ganz andere £igen- 
sehaften besitzt, als jene Parat>xybenzoe8äure. Nach dem 
von Gerland') beschrieben«! V^ahren hat Dr. Fischer 
eben so wenig wie Grtess ^) und andere Chemiker Oxyben* 
zoesäure darzustellen Termocht. 



Die 61ycolsäui*e ist nach den übereinstimmenden An- 
gaben verschiedener Chemiker eine schwer krystallisirt zu 
erhaltende, äusserst leicht zerfliessliche Säure, und auch 
Schulze, welcher dieselbe neuerdings aus der Oxalsäure 
dargestellt hat, bestätigt die grosse Zevfliesslichkeit derselbep. 

Von der Ansicht ausgehend, dass die Glycolsäuren ver- 
schiedenen Ursprungs, nicht sämmtlich identisch, sondern zum 
Theil isomere Verbindungen sein möchten, hat Drechsel die 
nach Santemann*s Vorschrift aus Alkohol und Salpetersäure 
dargestellte Glycolsäure untersucht und gefunden, dass die- 
selbe aus ätherischer Lösung leicht in deutlichen, messbaren 
Krystallen erhalten wird. Diese Krystalle halten sich an 
der Luft tagelang unverändert, und zerfliessen langsam nur 
an sehr feuchter Luft. An wem'ger feuchter Luft krystalli- 
sirt sie aus der zerflossenen Masse nach einiger Zeit wie- 
der aus. 

Diese Beobachtung scheint die' Annahme der Existenz 
zweier isomerer Glycolsäuren zu bestätigen. Ausserdem hat 
Drechsel gefunden, dass die krystalHsirte, bei 79 ^ C. schmel- 
zende Glycolsäure durch anhaltendes Erhitzen auf 100® C. 
sich in eine unkrystallisirbare, syrupartige, in kaltem Wasser 
unlösliche Verbindung verwandelt, deren heisse wässrige Lö- 
sung mit verschiedenen Basen Salze liefert, welche indess 
Biierkwürdigey Weise von den glycolsäuren Salzen nur wenig 
verschieden sind. 



(2) ABzialen der Chemie, Bd. 86, S. U9 und Bd. 91, S. 189. 

(3) Annalen der Chemie, Bd. 117, 8. 32. 



220 Sitsung der nuUh.-phy9., CloMe wm lt. Jvii 186S. 

Anhang. 
Es ist, wie mir scheint, beachtenswerth, in wie ein« 
facher Beziehung die Aepfelsäore und Gitronaisäure zur Zu- 
sammensetzung der Glycolsäure steh^. Die Aepfelsäure 
enthält nämlich die Bestandtheile von 2 Atomen Glyoolsäure 
minus 2 Atomen Wasser, und die Citronensäure die Bestand- 
theile von 3 Atomen Glycolsäure minus 4 Atomen Wasser: 

2 At. Glycolsäure. Aepfelsäure. 



HO-(C»H»0») 



HOtCtHsOOCCiOi] 



H0(C»H8 0») 



CjOi 



Ci 0» 



-4HO = 3HO'(C«H8 0i)| ^ 

0] L 




3 At. Glycolsäure. Citronensäure. 

Ich bin eben im Begriff zu versuchen, ob es vielleicht 
gelingt, die Glycolsäure durch einfache Wasserentziehung 
direct in Aepfelsäure und Citronensäure umzuwandeln. 

Nachdem Schulze gezeigt hat, wie leicht die Oxalsäure 
durch nascirenden Wasserstoff in Glycolsäure übergeht, ge- 
winnt die Vermuthung einige Wahrscheinlichkeit, dass auch 
in den Pflanzen durch ähnliche Reductionsprocesse GlycoU 
säure aus Oxalsäure gebildet wird, und es wäre zu prüfen, 
ob dieselbe nicht in den Oxalisarten und verwandten Pflan^ 
zen vorkommt. < Vielleicht ist die Glycolsäure das Material, 
woraus die Pflanze die Aepfelsäure und Citronensäure erzeugt. 



Herr v. Siebold legt 

„eine üebersicht der ichthyologischen Aus- 
beute des Herrn Professors Dr. Mor. WaMM^ i 
in Central-Amerika von Herrn Professor i 
Rud. Kner in Wien" 

vor. Er bemerkt dabei, dass Herr Kner beabsichtige, die 
ausfuhrliche systematische Bearbeitung dieser Fische der k. 



Kmri M, Wagnef^s iMhifci. ÄMsbeuU in Amerika, 221 

Akademie zur Veröffentlichung in den Denkschriften zu über- 
geben, als deren Vorläufer dar folgende Bericht diene: 

Von meinem hochverehrten Freunde und Collegen Prof. 
Ton Siebold erging an mich die briefliche Einladung, die 
wissenschaftliche Bestimmung und Bearbeitung der Sässwasser* 
fische zu übernehmen , ^ welche der berühmte Reisende und 
Forscher Herr Professor Dr, Moriz Wagner von seiner 
letzten Reise durch Central- Amerika in seine Heimath zurück- 
brachte. Hoch erfreut und geschmeichelt durch diese ehren- 
volle Aufforderung, unternahm ich im Vereine mit meinem 
jungen Freunde Fr. Stein dachner, Adjunkten am kais. 
Hof-Naturalienkabinete die Lösung diesei* Aufgabe und habe 
nun die Ehre, der hohen kgl. Akademie der Wissenschaften 
die Beendigung derselben anzuzeigen und vorläufig die Ueber- 
sicht der Endergebnisse hiemit vorzulegen. 

Da sich zufolge der von der hohen kgl. Akademie er- 
theilten Bewilligung, die neuen Gattungen und Arten durch 
Abbildungen anschaulich zu mach^, das Erscheinen der voll- 
ständigen Arbeit noch um ein Paar Monate verzögert, so er- 
laube ich mir zunächst nur die Diagnosen der als neu er- 
kannten Gattungen und Arten zu übermitteln und hierauf 
das Verzeicbniss aller, mir üb^'haupt zugesandten Arten an* 
zureihen. — Die jeder Species beigefügten Nummern stinmien 
mit jenen überein, welche den Fischen selbst angehängt und 
in dem von Herrn Professor von Siebold mir eingesandt^i 
Verzeichnisse angegeben sind. — Ich glaubte die Diagnosen 
in lateinischer Sprache geben zu dürfen, da in neurer Zeit 
leider der Mangel einer wissenschaftlichen Allgemein-Sprache 
immer fühlbarer hervortritt und demzufolge wenigstens für 
Gharaotere bereits häufig die lateinische Sprache wieder in 
Anwendung kommt. 

1. Diagnosen der neuen Arten und Gattungen. 

Sciaeuoidei. 

1. Pristipoma humile, n. Fig. 1. — (Verz. No. 133). 



222 SitMwng der maiK*phf^ doMe vvm Ih Jtdi 1BS$. 

Fundort: Bio Bayano, Staat Panama, Södseite. 
Summa corporis altitudo ante pmnam dorsalem ad longi-* 

tti&nem pisds totalem = 1 : 4V>; aculeus 4^' dorsalis om- 

g 

nium longissimus. D. 12/12, A. 3/7, . . Squam. — — — 

56 



19-20 
Zeichnet sich vor allen bekannten Arten durch niedere^ 
gestreckte Gestalt aus, da selbst bei Pridt. crocro C. V. die 
Höhe nur ^/4 der Totallänge beträgt; auch ist bei letztrM» 
ier 5. Dorsalstachel der längste. 
Mugiloidei. 

2. DajÄus elongatu3, n. Fig. 2. (Verz. No. 151, 286). 

Von Panama. 

Altitudo corporis ad longitudinem totalem = 1:6. 1 D^ 
4, 2 D. 1/8—9. Squam. longit. 42, vertical. 11. 

Bei der von Günther als Agonostoma nasutum be- 
schriebenen Dajausart beträgt die grösste Körperhöhe fast 
^/5 der Totallänge. Da diese Gattung einer ^chtbai-en Seiten* 
Knie ermangelt, so bezieht sich die Schuppenzahl der Länge 
nach auf die Reihe vom obem Winkel der Kiemenspalte bis 
zur Basis der Schwanzflosse und die quere oder verticald 
auf die Zahl der Schuppen vom Profil des Rüdbens bis 2Xt 
den Bauohflossen herab. — Die Aenderung des Gattung*^ 
mamens Dajaus in den von Günther angenommenen Agono» 
Stoma erscheint uns' unnöthig. 

Chromides. 

3. Acara coeruleopunctata, n. Fig. 3. (Verz. No. 5, 
80, 116, 219 u. 239). 

Fundort: Rio ühagres im Staate Panama, Nordseite. 
Longitudo totalis ad illam capitis = 4 : 1, ad corporis 
altitudinem = 3 : 1; corpus punctulis cyaneis, saepius in 
strias obiongas coalescentibtts, obsitum, insuper 3—5 taeniis 
verticalibus et 1 vel 2 ocellis fusco-nigris lateralibus oma- 
tum. D. 15/10, A. 3/8—9 . . . 



Ktm: M. Wugmr's ieMkffoL Amheuk in Amerika. 223 

Steht der Aeara palchra Gänth. =r Cychlasoma. piü* 
chmm Gill jedenfalls zimäclist und ist auch yielleicht nur 
Varietät, obwohl beide Autoren für die Dorsale die Strahlen* 
zahl 13/11 angeben. 

4. Heros altifrons, n. Fig. 4 (Verz. No. 19, 103, 195). 

Von Panama. 

Caput ab occipite versus os valde declivum, exinderos- 
trum productum, capitis longitudo altitudini fere aeqaalis, 
labium inferius bilobum, pinna caudalis truncata. Corpus 
4 — 5 taenüs yerticalibus obscure fusds, in medio macula 
nigra notatis cinctum, insuper punctulis coeruleo-albicantibus 
ad&persum, — D. 16/11, A. 5/8—9. 

Steht nahe dem Her. margaritifer Günth. von Guatemala. 

5. Heros Sieboldii, n. Fig. 5. (Verz. No. 6, 24, 27, 
179 u. 287). 

Von Panama an der Siidseeseite. 

Rostrum obtuso-rotundatum , fronte valde conveza, ca* 
pitis longitudo ad totalem = 1:4; pinna caudalis subrotun- 
data. Trunci latera 5 — 6 ocellis magnis obscuro-fuscis no- 
tata, saepe cum maculis ejusdem Colons in fascias transver* 
sales, dilutas coalitis, membrana pinnarum verticalium punc- 
tulis m'gris seriatim positis omatum. D. 17/11, A. 5/8. 

Während die vorhergehende Art in Totalgestalt mehr 
an die Gattung Haemulon mahnt, erinnert diese mehr an 
Sparus. 

Eleotrini. 

6. Eleotris picta? n. Fig. 6. (Verz. No. 245, 263, 267). 
Aus dem Bio Bayano, Südseite von Panama. 

Altttudo corporis ad longitudinem totalem = 1 : 6 — 7 ; 
josher et palatnm edentulum, pinna dorsalis 2^ altior prima^ 
<K»rpus infra numerosis maoolis et striis albidis omatum; 
SqiHanae later. 60. 

Stimmt zwar in vieler Beziehung sowohl mit £1. gyrinus, 



224 Sitmmg der moIfc.-pAy». ökme wm 11. Juli 186S. 

wie auch mit guavina, jedoch nach den vorliegenden Anga- 
ben mit keinem hinreichend überein. 

Clupeoidei. 

7. Engraulis macrolepidota, n. Fig. 7. (Verz. No. 280). 
Aus dem Bio Bayano, Südseite von Panama. 

Capitis longitudo ad totalem =1:4; corporis altitu- 
dinem non adtingens, os edentulum, maxilla superioif fere 
ad pinnae pectoralis basin usque prolongata, squamae magnae. 
D. 3/9, A. 3/26, Squam. longit. 35, transvers. 9. 

8. Engraulis Poeyi, n. Fig. 8. (Verz. No. 7). 
Aus dem Bio Bayano^ Panama, südliche Abdachung. 

Corpus valde elongatum, dentes numerosi in utraque 
maxilla, vomere et osse palatino; rostrum breve obtusum, 
pinna pectoralis longa. D. 3/13, A. 3/21, P. 1/15', Squam. 
later. 42. 

Ist wohl dem Engr. delicatissimus O i r. nahe verwandt, 
doch aber sicher von ihm verschieden. 

Cyprinodontes. 

9. Xiphophorus Gillii, n. Fig. 9. (Verz. No. 176). 
Aus dem Bio Chagres in Panama, Nordseite. 

Capitis longitudo ad totalem =1:4 — 5 et corporis 
altitudinem adaequans vel paulo minor, radius S^"" pinnae 
analis in mare prölongatus, incrassatus et antice papilla 
genitali ejaculatoria peniformi instructus , radius 4^ in for- 
cipem transmutatus et 5*"' unco parvo terminali munitus; — 
tractus intestinalis spii*aliter involutus. D. 9, A. 8 — 9, Squam. 
longit. 25, transv. 8. 

Aehnelt in der Umbildung der Afterflosse am meisten 
den jungen Männchen von Xipb. gracilis Heck. — Die Gat- 
tung ist synonym mit Poey's Limia, welcher auch seine 
Gattungen Gambusia und Girardina sehr nahe stehen, für 
die aber kraft des Prioritätsrechtes Heckel's älterer Name 
wohl beizubehalten ist. 



Kner: M, Wagntr^s iddkyol. ÄuebeiUe in Amerika. 225 

üharacini. 

10. Saccodon, nov. gen. 

Os inferum, nasus prominens, dentes uniseriales solum 
intermaxillares, pauci, cochleariformes, intra alveolos margine 
crenatos absconditi, maxilla superior et inferior edentnlae, la- 
bium inferius tripartitam, pinnae pectorales et ventrales valde 
evolutae, abdomini approximatae ; 4 radii branchiostegii. 

Diese schöne Gattung mahnt in Totalgestalt an Chilo* 
dus und manche Gurimates-Arten, in Mundbildung, Verküm- 
merung des Unterkiefers und starke Entwicklung der Brust- 
flossen aber an die Gattung Parodon, Val. 

Art: Sacc. Wagneri, n. Fig. 10. (Verz. No. 210). 

Aus dem Staate Ecuador. 

Caput parvum, nasum versus valde declivum, rostrum 
tumidum, decussatum, dentes intermaxillares insaccati, utrin» 

que 4; — D. 2/9, A. 2/8, P. 17; Squam. f^ 

4Ü 



Q 

11. Pseudochalceus, nov. gen. 

Dentes intermaxillares biseriales, cuspidati, duo medii 
majores; maxillares simplices acuti uniseriales, dentes infra- 
maxillares uniseriales, multicuspides , medio cuspide prae* 
longo recurvo, laterales vicini multo iortiores, posteriores 
autem minimi. — Corpus compressum, abdomen subrotun- 
datum, basis pinnae dorsalis 1"^ intra ventrales et analem 
sitae, brevis; analis longa; radii branchiosteg. 4, linea late- 
ralis abrupta; squamae magnae. 

Diese Gattung ist zwar dem Chalceus (Brycon Mull. 
Tr.) sehr nahe verwandt, aber durch Bezahnung, abgebro- 
chene Seitenlinie u. s. w., wesentlich verschieden und ver- 
mittelt durch seine Zahnformen den Uebergang zu Agoniates. 

Art: Pseüdochalc. lineatus, n. Fig. 11. (Ver^. No. 
146, 292.) 

Vom Westabhange der Anden im Staate Ecuador. 

Corpus 8 — 9 striis longitudinalibns fusco-m'gris line- 



^226 tmwmg der w(ilfc.-|%«. GUtsm wm 11. Juli 19$3. 

atam, insuper ocello nigro retro opercalum et ad pinnae 
caudalis basin distinctum. 

5 



D. 10—11, A. 25—26, P. 10—11, V 8, C. 



20 



4 
Squam. longit 36, TertdcsU. 10. 

12. Chalcinopsis, nov. gen. 

Dentes intennaxillares 4-8erial68, cuspidati^, inframaxil- 
lares biseriales; corpus valde compressum, abdomen fere cari- 
natum; squamae parvae. 

In Zahnbau stimmt diese Gattung zu keiner der bisher 
aufgestellten, übrigens nähert sie sich dem Chalcinus Val. 
(= Ghalceus MU. Tr.) durch den fast gekielten Bauch und 
den Verlauf der Seitenlinie mehr, als dem Brycon MM. Tr. 

1. Art: Ghalcinops. striatulus n. Fig. 12, (Verz. 
No. 15, 117, 200, 204 und 206). 

Aus Panama. 

Capitis longitudo ad totalem circiter =1:5, numerus 
dentium intermaxillarium piimi ordinis 20, secundi 18; 
trunci latera striis vel maculis obliquis ftisco-nigris, seriatim 
positis omata, ad caudae basin saepe macula major nigricans. 

i...s-,,A..a....s,^^ 

8. 

2. Art: Ghalcinops. chagrensis n. — Fig. 13. (Verz. 
No, 3, 16, 47, 129, 234). 

Aas dem Rio Ghagres an der Nordaeite von Panama. 

Caintis longitudo ad totalem = 1 : 5Vt — 5^/4, numerus 
dentium intermaxUlarium primi ordinis 16 — 18, secundi 14, 
tnmci latera absque striis aut macuUs. 

IQ 14 - 

D. 2/9, A. 4/32—33 . . . Squam. ^^^ 

97 



Xjmt: M, Wagmi'^ iek^dl. AuOmute m Ammiku. 22T 

13. GbalceuB atro^audatus, n.. Fig. 14. (Verz. 
No. 143). 

Vom Westabhauge der Aades im Staate Ecuador, 

Capitis longitudo ad totalem = 1 : 4 et aequalis summae 
corporis altitudini; ante pianam candalem utrinque faida 
oblonga, lata, nigrescens. 

D. 2/9, A. 3/26 . . . Squam. ,, „ 

54 — 55 

57" 

In Oebiss dem Brycon falcatus MU. Tr. zunächst, iu 
Zahl der Schuppen und Analstrahlen dem Bryo. dentex&ünth«, 
alter verschieden durch die Verhältnisse der Körperhöhe zur 
Kopf- und Totallänge, wie auch durch kleine Augea, Fär- 
bung u. s. w. 

Siluroidei. 

14. Bagrus (?) arioides, n. Fig. 15, Gebiss, (Veie. 
No. 273). 

Aus dem Bio Bayano im Staate Panama, Südseite. 

Longitudo totalis ad illam capitis = 4 : 1, ad corporis 
altitudinem .-= 5^/4 : 1; dentes inter- et inframaxillares, parvi 
acuti fiäsciam gracilem efformantes , pone hos utrinque acer- 
Tulus dentium subglobosorum sejunctus, solum in vometris 
paiiie transversa;, pimia analis multiradiata. 

15—16 



D. 2/7, A. 5/22 . . . C. 



17 



15—16. 

INese leider nur in 1 Exemplar vorliegende Art bestätigt 
neuerdings die Schwierigkeiten, welche der SystematSc enlr 
gegenstehen, sowohl wenn alle Arten der Gattung Bagrus 
Guv. Val. beisammen gelassen, wie auch weun sie in mehrere 
Untergattungen getrennt werden, wie diess schon Müller- 
Troschel und in neuerer Z^t noch inehr von Bleeker 
und Gill versuditeii. 



228 SiUmg der maUfL-pk!^. Gkuse vom 11. Juii 1863. 

15. Trichomycterus taenia, n. Fig, 16. (Verz. No. 237). 
Vom Westabhange der Andes im Staate Ecuador. 

Caput versus os attenuatnm, fere cordiforme, V? longi- 
tudinis totalis partem yix coustituens, oculi minimi, pinna 
caudalis truncata; fascia lata longitudinalis nigricans et supra 
hanc punctula obscura seriatim posita. 

D. 2/6, A. 2/4 .. . 

Aehnelt in Totalhabitus, Grösse und Färbung auffallend 
unserer Gobitis taenia. 

16. Trichomycterus laticeps, n. — Fig. 17. (Verz, 
No. 181, 289). 

Fimdort, wie die vorige Art. • 

Caput valde depressum, fere quadrilaterum, oris lati- 
tudo dimidiam capitis longitudinem superans,. haec ad longi- 
tudinem totalem =1:7; trunci latera nigro-maculata et 
striis transversis 16 — 20 albicantibus, dilutis omata. 

D. 3/6, A. 2/5 .. . 

Diese entschieden neue Art liegt leider nur in 1 Exem- 
plare von 3" 7"' und einem ganz jungen sub No. 181 vor. 
Loricata v. Goniodontes. 

17. Loricaria uracantha, n. Fig. 18. (Verz. No. 130, 
135). 

Aus dem Rio Chagres, Nordseite von Panama. 

• Longitudo totalis ad illam capitis = 5:1, oculi dia- 
meter ^/s capitis longitudinis partem adaequans, radius ter- 
minalis lobi superioris pinnae caudalis osseus valde incras- 
sattts; fascia transversa lata nigrescens truncum retro pinnam 
dorsalem cingens. 



D. 1/7, A. 1/5, C. 



1 



10 



1. 
Steht sowohl den lange bekannten Arten Lor. laeviu- 
scula und acuta C. V., wie auch der Lor. castanea Gast. 



Kntr: M. Wagnis ieMvytH. Ausbeute in AmerOn. 320 

nahe, dürffce aber wohl mit Bedit als neue Speoies anzuse- 
ilen sein. 

2. Uebersicht der eingesendeten bereits früher be- 
kannten Gattungen und Arten. 
Die Zahl dieser ist im .Vergleiche zu den vorigen auf« 
flillend klein und auf folgende wemge besohränkt: 

1. Dajaus monticola G. V. = Agonostoma monticola 
Günth. 

Aus Neu-Gransida. (Verz. No. 128). 

2. Dajaus nasutus nob. = Agonostoma nasutum Gfinth. 
Von der Westküste Panama's. (Verz. No, 48). 

3. Macrodon (Erythrinus) brasiliensis (Spix). 
AusNeu-Granada und dem Rio.Chagres. (Verz. No. 159, 185). 

Ist fraglich, vidleioht doch neue Art und dann als 
Macrod. fasciatus zu bezeichnen. 

4. Tetragonopterus aeneus Günth. . 

Aus dem Rio Chagres. (Verz. No. 5, 131, 279 u. 298). 

5. Tetragonopterus Gronovii C, V. ä Tetrag. rutilus 
Jenn. = Tetrag. maoulatus Müll. Tr. 

Aus dem Rio Bayano. (Verz. No. 189). 

6. Pimelodus modestus, Günth. 

Aus dem Rio Chagres. (Verz. No. 193). 

NB. Aus dem Rio Bayano liegt sub No. 170 ein unbe- 
stimmbarer jm^er Pimelodus vor. 

7. Pimelodus cinerascens Günth. 

Von Neu-Granada. (Vera. No. 275, femer sehr wahrsehein- 
lieh noch alle unter folgenden Nummern 20, 137, 216, 347, 

248, 255, 283 u. 290.) 

& Loricaria lima En. (s. Ener's I. Abtheil, über die 
Panzerwelse). 

Aus dem Rio Chagres. (Verz.No. 107 und 180), 

8. Ancistrus (Hypoatomus) oirrhosus Kn. (1. c.) 

Rio Chagres. (Verz. No. 22J). 

[1863. IT. 2.] 16 



280 8it$mg der ma^'phißß. Clas$e vom 11. Juli 1863. 

« 

10. HypoBtomuB plecostomus? G. V. 

Von Neu-Granada. (Verz. No. 66, 278). 

11. Brontes prenadilla C. V. 

Vom Cotopaxi. (Votz. No. 184). 

12. Sternopygus macrourus MU. Tr. 

Aus dem Rio Guajaquil in Ecuador. (Verz. No. 109, 140, 

160, in sehr schlechtem Zustande). 

13. Acanthias vulgaris, Risso? juv. 

Von Panama, Nordseite. (Verz. No. 253.) 



Zur Vorlage kamen zwei Aufsätze von Herrn Professor 
A. Kenngott in Zürich: 

a) Der Hessenbergit, eine neue Mineralspecies. 

Vor zwei Jahren fand ich auf einer gewissen Varietät 
der sogenannten Eisenrosen von der Fibia am St. Gotthard 
ein neues Mineral, welches mir zunächst durch seine eigen- 
thümlichen Zwillinge und durch seinen starken demantartigen 
Glasglanz auffiel. Seitdem verfolgte ich dasselbe weiter und 
es befinden sich die mir gegenwärtig davon bekannten fünf 
Exemplare in der vielfach bekannten und ausgezeichneten 
Sammlung des Herrn D. F. Wiser. 

Was zunächst den Namen dieser neuen Spedes betrifft, 
80 habe ich den Namen Hessenbergit zu Ehren des Herrn 
Friedr. Hessenberg in Frankfurt a. M. gegeben, weil ich 
es als Pflicht erachtete, ein schweizerisches Mineral ihm zu 
Ehren zu benennen, wegen der grossen Verdienste, welche er 
sich durch seine sorgfältigen krystalUographischen Bestimm- 
ungen verschiedener Minerale aus der Schweiz um die Minera- 
logie der Schweiz erworben hat. 

Der Hessenbergit fand sich bis jetzt nur in sehr kleinen, 
aber scharf ausgebildeten Krystallchen , welche vielleicht in 
anderen Sammlungen auch schon vorhanden sind, indem sie 



Kamgott: Der Haaenbergit. 



231 



wegen ihrer Kleinheit leicht übersehen werden kannten, wess- 
halb ich es für zweckmässig erachtete, das darüber bekannt 
zu machen, was ich bis jetzt daran bestimmen konnte, um 
so die Aufmerks^amkeit der Mineralogen darauf zu lenken. 
Die Erystalle sind, wie bereits erwähnt wurde, Zwilhnge 
und gehören in das orthorhombische System. Sie sind tafel- 
artig und zwar nach den vorherrschenden Flächen sechssei- 
tige Tafeln mit geraden Randfläch^, gebildet durch die Com- 
bination oP. ooPoo". odP, wobei ausser den die Tafelform be- 
dingenden Basisflächen die Längsflächen mehr oder weniger 
vorherrschen. Das Prisma ooP scheint, denn Messungen 
konnten nicht angestellt werden, den stumpfen Kantenwinkel 
wem*g über 120® zu haben. Ausser den genannten Flächen 
finden sich noch die sehr untergeordneten Flächen eines 
Prisma ooPn und eines Prisma ooPn', so wie eines Längs- 
doma P^, nach welchem die Tafeln als Berührungszwillinge 
verwachsen sind. 

Die Neigung des Längsdoma 
Poo gegen die Längsfläche be- 
trägt wenig über 120 ® und die 
BerührungszwilUnge sind rinnen- 
artig, indem nach aussen' die 
beiden Basisflächen unter einem 
Winkel von wenig über 60 ^ zu- 
sammenstossen, nach innen den- 
selben Winkel als einspringende 
Kante bilden, wie es die beifol- 
gende Zeichnung zeigt, die einen Zwilling in der Richtung 
der Längsachse längs der Zwillingsfläche gesehen darstellt. 
Bisweilen sieht man bei Zwillingen, wo die Individuen in 
der Richtung der Längsachse ausgedehnt sind und das Längs- 
doma auftritt, nach innen die Basisflächen nicht, sondern 
nur die Domenflächen, welche dann einen viel stumpferen 
einspringenden Winkel der Rinne bilden, ja an einem Kry- 

16* 




P=" 



aexao 



232 Sitzung der malh.'phifs> Glosse vom 11* Jtdi 1863. 

stalle ist die Riime ganz yerdeckt, indem die Domenääche 
des einen Individuum bis an die Läcgsftäche des anderen 
reieht. 

Die Basisfiächen sind ehea und glatt oder zeigen un- 
r^elmässige Linien, welche von fremden anhängeiKlen Theil- 
eben herrühren, die Längsflächen sind sparsam vertikal ge- 
streift, die Prismenflächra coP reichlicher, die Prismenfläoheii 
QoPä^ am stärkstsai, während die Prismenflächen oqP^ unge- 
streift sind. Die vertikalen Flächen glänzen stäriser als die 
Basisfläcben, am stärksten die ungestreiften. Die Domen- 
flächen zeigen auch spärliche vertikale Streife. Spaltungen 
fläehen werden nicht mit Sieberbeit beobachtet, sind auch 
nicht durch Spränge angedeutet, doch zeigte ein abgebro- 
chener Zwilling Andeutungen von Spaltungsfläehen, die in die 
vertikale Zone gehören würden. 

Die Erystalle des Hessenbergit sind farblos oder schwach 
blaulich geiarbt, durchsichtig bis durchscheinend, haben star- 
ken glasartigen Glanz, welcher auf den vertikalen Flächen 
in Demantglanz neigt. Die Härte ist bedentend, nicht unter 
der des Quarzes, denn bei der Kleinheit der Erystalle ist 
dieselbe schwierig festzustellen ; w^in man aber berücksichtigt, 
dass ich mit einem so kleinen Zwilling, der nicht einmid 
scharfe Kanten zum Ritzen haii, Glas mit grosser Leichtig*^ 
keit ritzen konnte, besser als mit Orthoklas, ja sogar mit 
dem in Siegellack eingekitteten Kryställcli^ eine geschliffene 
Quarzplatte durch wiederholtes Reihen verletzen konnte, so 
kann man mit Bestimmtheit sagen, dass die Härte bedeutend 
und nicht unter der des Quarzes ist. 

Um die chemischen Reaotionen zu ermitteln, wurde vor- 
läufig ein Zwilling geopfert, wobei man auf eine Ermittehing 
der chemischai Beschaffenheit keine Ansprüche machen konnte, 
doch dienten die angestellten Versuche dazu, das Mineral 
fgr ein Silikat zu haUen. Im Glasröhre erhitzt, zeigt der 
Hesaenbergit keine Veränderung und giebt kein Wasser aus, 



Kermgott: Der HesMenbergit 233 

in der Platinzange vor dem Löthrohre behandelt, wird er 
milch weiss nnd porzellanartig, schwindet ein wenig und be- 
kommt Risse, die sich nach Aussen erweitem, so dass man 
das porzellanartig gewordene Ende der Probe mit Leichtig- 
keit abbrechen konnte, schmilzt aber nicht. Mit Kobaltsolu» 
tion befeuchtet und geglüht, wird er grau und die krumm- 
linigen Sprünge treten (unter der Loupe betrachtet) als 
schwarze Linien auf lichtgrauem Grunde hervor. Mit Phos- 
phorsalz behandelt, zeigte sich nach längerem Blasen eine 
kaum merkliche Abnahme der Probe, doch trübte sich die 
farblose Perle beim Abkühlen ein wenig. In Borax dag^en 
löst sich die Probe sehr rasch, kleine Bläschen entwickelnd; 
das Glas ist vollkommen farblos und klar. Mit Soda auf 
Kohle verschmilzt die Probe unvollkommen obne Brausen und 
giebt eine weissliche Masse. Salzsäure zeigt keine Einwirkung 
auf die kleinen Stückchen. 

Aus Allem geht hervor, dass der Hessenbergit eine neue 
Spedes ist, deren Zusammensetzung eine ganz besondre zu 
sein verspricht und ich hoflfe, dass meine beständige Auf- 
merksamkeit auf dieses Mineral mir noch reichlicheres Ma- 
terial zuführen wird, sowie, dass diese Mittheilung es viel- 
leicht in anderen Sammlungen auffinden lässt. 

Die Zwillinge des Hessenbergit sitzen entweder auf den 
Eisenrosen oder auf den anhängenden Gesteinsresten, die 
kleine Adularkryställchen und braune, graue bis weisse Glim- 
merlamellen (Muscovit) als B^leiter desselben zeigen, von 
denen ersteren sie sich sofort durch die Gestalt und den 
Glanz unterscheiden. 

Schliesslich muss ich noch, was vielleicht das Auffinden 
des neuen Minerals erleichtei*t, darauf aufmerksam machen, 
dass die sogenannten Eisenrosen sehr verschiedenartig ge- 
staltet sind, und dass dabei gewisse vorkommen, welche die 
tafelartigen Hämatitkrystalle fächerförmig gruppirt zeigen, 
wobei eigenthümliche wulstartige Gruppen entstehen, die 



234 Sitzung der tiia(ft.-pAy«. GUuBe vom 11, Jidi 1863, 

entweder an der Oberfläche, welche durch die Randflächen 
der Hämatittafeln gebildet wird, glänzend oder matt sind; 
an denen der letzteren Art fiEUid ich bis jetzt den Hessen* 
bergit, ein Fingerzeig, der wohl zu berücksichtigen ist, da 
ich Hunderte von Eisenrosen durchmusterte, um dieses neue 
und seltene Mineral zu finden. 



b) Ueber die Grundgestalt des Hämatit. 

Hämatit aus dem Pavetschthale in Graubündten und 
aus dem Binnenthale in Oberwallis, desgleichen auch als vom 
St. Gotthard stammend (wahrscheinlich von der Fibia) an- 
gegeben, welcher die tafelartige Combination oR. ^/sPs. B, 
zum Theil auch mit ^/sRs bildet, findet sich zuweilen in 
sehr schönen aufgewachsenen Kreuz- und Berühi-ungs- Zwil- 
lingen, welche als Verwachsungsfiäche die Fläche eines stum- 
pferen Rhomboeders »R^ haben. Da die beiden Individuen 
so mit einander verwachsen sind, dass eine Rhomboeder- 
fläche R des einen Individuum mit einer Rhomboederfläche 
R des andern Individuum in einer Ebene liegen , wie man 
ganz deutlich aus der Spiegelung der glänzenden Flächen 
sieht, so muss die Z)villingsfläche mR' senkrecht auf der 
Rhomboederfläche R stehen. 

Legt man das Rhomboeder R mit dem Endkantenwin* 
kel = 86^ nach v. Eokscharow zu Grunde, so ist oR/R = 
122^23^ und daraus wiirde sich die Neigung oR/mR' = 
147037/ ergeben. Berechnet man aus dieser Neigung den 
Werth von m, so würde derselbe = j^^ sein, wofür man 
mit Gewissheit ^/s setzen könnte. Da jedoch hiermit die 
Zwillingsfläche nicht erledigt ist, wenn man auch keinen 
Zweifel haben dürfte, dass m= ^/5 sei, sondern aus der An- 
nahme des Werthes m = ^/6 und aus der gleichen Lage 
der gleichzeitig spiegelnden R-flächen folgt, dass die Neig- 
ung von oR/R = 122^ 23^ nicht genau sei, so nahm ich ver- 



Kenngott: Ueber die Otundgestalt des HämeOü, 235 

sachsweise dea Winkel ein wenig kleiner an» wie es AnA 
sein muss, um den Werth '/& genauer zu haben. ^ 

Wird oB/R = 1 22 <^ 18' 44'' genommen, woraus oR/m 
R = 147^ 41' 16" folgen würde, so ist m = -~^ undwemi 
man aus oR/R = 122^ 18' 44" die Hauptachse bezeichnet^ 
so folgt a' : b* = 1,8749 : 1 und der Endkantenwinkel von 
B = 85<> 54' 18". Mohs gab ddiselben auf Grund seiner 
Messungen = 85^ 58' an. 

Vervielfacht man obiges Verhältniss a* : b* = 1,8749 : 1 
mit 8, so folgt a* : b' = 14,9992 : 8, wofür man zunächst 
der Einfachheit wegen 15 : 8 setzen kann. 

Das Achsenverhältniss a':b'=15:8ist aber ab- 
solut genau das des Hämatit, denn nur diesem entspricht 
genau die Bedingung, dass die Zwillinge nach '/& R^ ver- 
"Sachsen sind und dass die zwei Rhomboederflächen R beider 
Individuen vollkommen in einer Ebene liegen und gleichzeitig 
spiegeln. 

Für das Achsenverhältniss a':b*r=15:8 ergibt 
sich oR/R :^ 122<> 18' 42" und oR/«/5R' = 147« 41' 18" 
und beide Flächen R und '/6 R' bilden mit einander genau 
90®, wie es das Zwillingsgesetz erfordert. Femer folgt aus 
a' : b* =7 15 : 8 der Endkantenwinkel von R = 85® 54' 
14" als der wahre Winkel der Grundgestalt, die genau aus 
dem Zwillingsgesetz folgt. 

Wenn nun merseits das Zwillingsgesetz der schwdzer- 
ischen Kreuz- und Berührungszwillinge nach ^/s R', wodurch 
zwei Rhomboederflächen R der beiden Individuen in eine 
spiegelnde Ebene fallen, die Grundgestalt ganz genau berech- 
nen liess, so hat andrerseits diese Berechnung und das zu 
Grunde liegende Zwillingsgesetz die wichtige Folge, dass die 
Achsenlängen quadratisch ausgedrückt ein so einfaches und 
für den Hämatit nothwendiges Verhältniss a * : b * = 15 : 8 
haben. Ich habe schon lange Zeit die Ansicht gehabt, dass 
die Achsenlängen, wenn sie genau bestimmt sind, in dieser 



286 Sitem^ der wHUh.'-pkyB. Ckuse vom 11. Mi 1868. 

Weke ausgedrückt die einfachsten ZaUenverhSltnisse ergeben 
und für viele Species die Achsen in dieser Weise berechnet; 
der Hämatit bestätigt nun auch auf eine ganz unerwartete 
Weise diese Ansicht, welche mir für die Berechnung der 
KryslaUgestalten , besonders aber für die gegenseitigen Be» 
zidiungen der morphologischen, physikalischen und chend- 
sdien Verhälftnisse der K^ystalle von Einfluss eu sein scheint. 



Mmendmngen an Dnteksi^iiriftm, 237 



Einsendungen an Druckschriften. 



Von der h dänischen Gesdlschaft der Wissenschaften in Kopenhagen: 

a) Dftnske Videnslufbeniefi Selskabs Skrifter. Naiarvidenskabelig og 

Mathematisk Afdeling. 6 Binde. Andet Hefte. 1861. 4. 

b) Oyersigt over det Danske Yidenskabernes Selskabs Forhandlinger 

og dets Medlemmers Arbeider i Aaret 1861. 8. 

Van der Zoological Society in London \ 

a) Transactions. Yol. 4. Part. 7. 

„ 6. „ 1. 2. 1862—68. 4. 

b) Proceedings, For the year 1861. Part. 8. June— Decbr. 

„ „ „ 1862. „ 1, 2, 8. January— Decbr. 
1862—68. 

c) List of vertebrated animals living in the gardens of the zooL 

Society. 1862. 8. 

Von der SocOU Imfkiale des natvrtüistes in Moskau: 

m 

Bulletin. Annee 1862. Nr. 2, 8, 4. 1862. 8. 

Von der naturforschenden Gesellschaft in Basel: 
Verhandlungen. 8. Thl. 4. Hft. 1868. 8. 

Von der Bombay Geographicäl Society in Bombay: 
Transactions. Yol 16. 1868. 8. 

Vom naiurwissenseJMftlichen Verein in Hamburg: 
Abhandlungen. 4. Bd. 8. Abth. 1862. 4. 

Von der AcadSmie des sdences in Paris: 

a) Comptes rendus hebdomadaires des seances, Tom. 56 Nr. 22—26. 

Juin 1868. Tom. 67, Nr. 1—6 Juillelr— Aoüt 1868. 4. 

b) Tables des comptes rendus des s^ances. 2 eme Semestre. 1862. 

Tom. 4. 4. 



288 Eimendungen an Druektdmften, 

Von der ÄcadSmie imper. de MSdedne in Paris : 
Memoires. Tom. 25. 2. Partie. 1862. 4. 

Vom VoigÜändischen Aiterthumsforschenden Verein in Hohenleuben: 

a) 33. Jahresbericht. 1862. Greiz 1863. 8. 

b) Fortsetzung des Katalogs der Bibliothek des Vereins. Greiz 1863. 8. 

Von der Acadhnie de Stanislaa in Nancy: 
Memoires 1861. 1862. 8. 

Von der SociHe royaU des sciences in Lihge: 
Memoires. Tom. 17. 1863. 8. 

Von der Geological Society in London: 
Quarterly Journal; Vol. 19. Part. 2. Nr. 74. Mai 1. 1863. 8. 

Von der BoyaH Asiatic Society in London: 
Journal, Vol. 20. Part. 2. 1863. 8. 

Von der SociiU impMale des sdences in Littet 
Memoires. Annee 1862. 2. Serie. 9. VoL 1863. 8. 

Von der Äcadimie impiriale demidedne in Paris: 
Bulletin. Tom. 27. 1861. 62. 8. 

Von dem Thuringisck'Sächsischen Vereine für Erforschung des vater- 
ländischen ÄUerthums und Erhaltung seiner Denkmale in HaUe: 

Neue Mittheilungen. 9. Bd. 2. Hft. 1860. 8. 

Vom Naturforschenden Vereine zu Biga: 
Correspondenzblatt 13. Jahrg. 1863. 8. 

Von der Asiatic Society of BengcA in Calcutta : 
Journal. New Series. Nr. 115, Nr. 289, Nr. 1, 1863. 1863. 8. 

Vom Institut de Correspondance Ärchiöhgique in Born: 

a) Bulletino per Panno 1862. 8. 

b) Annali. Vol. 34. 1862. 8. 



Eingenduimen an Drucksduriftm. 289 

Vo» der Boyäl DMin Society in DMin: 

Journal. Nr. 29. April. 1863. 8. 

Vom Ferdinandeum für' TyrcH und VoraHberg in Innsbruck: 

a) Zeitschrift. 3. Folge. 11. Heft. 1863. 8. 

h) Beclinangs-AuBweis und Personal-Stand am 1. Januar 1863. 8. 

Von der Pfälzischen Oeseüschaft für Fharmarcie in Speier: 

Neues Jahrbuch für Pharmacie und verwandte Fächer. Bd. 20. Heft 
1. 2. Juli. August. 1863. 8. 

Vom G^ehiefUs- Verein für K&rwUn in Klagenfwi: 

Archiv für vaterländische Geschichte und Topographie. 7. Jahrg. 

1862. 6. 

Vom historischen Verein für Oberhayem in München: 

Archiv für vaterländische Geschichte. 22. Bd. 3. Heft und 24. Bd. 

1863. 8. 

Von der Sedäktion des Correspondengblattes für die gelehrten und BeaH- 

Schulen in Shtttgart: 

Gorrespondenzblatt. Juni Nr. 6. 1863. 8. 

Von der Universität in Heidelberg: 
Jahrbücher der Literatur. 5. 6. Heft. Mai, Juni. Heidelberg. 1868. 8. 

Vom Verein gur Beförderung des Gartenbaues in den k. preussisehen 

Staaten in Berlin: 

Wochenschrift für Gärtnerei und Pflanzenkunde. Nr. 25—34. 1863. 4. 

Vom Landmrthschafilichen Verein in München: 
Zeitschrift. August 8. 1863. 8. 

Von der Astronomical obseroatory of Harvard College in Cambridge: 

a) Annais. Vol. 4. Part. 1. 1863. 4. 

b) Beport of the committee of the overseers of Harvard College ap- 

pointed to visit the observatory in the year 1862. Boston 1863. 8. 



340 Eimendm^ffen an Druekschriftm. 

Van der Univeriitäts-Bibliothek in Leipzig: 

a) Acta Rectorum universitatis studii Lipsiensis inde ab anno 1528 

usque ad annum 1559 auctoritate et auspiciis Joannis Pauli de 
^alkenstein edidit Friderictts Zamcke. Pars. 1. 2. gr. 4. 

b) Archiv für Sächsische Geschichte. Herausgegeben von Dr. Wilh. 

Wachßmuth und Dr. Carl Weber. 1. Bandes 1—4. Heft. 2. Bd. 
1. Hft. Leipzig 1862. 63. 8. 

Von der Facttlte de Medecine in Straasburg: 

CoUeCtion generale des dissertations. 2eme Serie. Tome 28. Ann^e 
1862. 4. 

Von der Academie royaU des scienees, des lettres et des biemx-arts des 

Belgique in Brüssel; 

a) Bulletins. 31"»« Annee, 2*»« Ser. T. 13. 14. 1862. 8. 

b) Memoire^ couronnes et autres memoires. CoUection in 8. Tom. 

13. 14. 1862 8. 
0) Annuaire. 1863. 29eme annee. 1863. 8. 

d) Bibliotheque de M. le Baron de Stassart. 1863. 8. 

e) Alexanders Geesten van Jacob Van Maerlant. IT. Del. Door 

Suellaert. 1861. 8. 

Von der Academie royale de midecine de Belgique in Brüssel: 

a) Bulletin. Annee 1863. 2eme Serie. Tom. 6. Nr. 3. 4 1863. 8. 

b) Compte-Rendu des travaux pour l'annee 1842—1846. 8. 

c) Rapport sur les travaux pour Pannee 1855 — 1856. 8. 

Von der Cowwission mperiale archeölogique in St Petersburg: 
Compte-Rendu pour Pannee 1861. Mit Atlas. 1862. 4. 

Vom Bureau de la Eecherche Geologigue de la Suede in Stockholm: 

a) Sveriges Geologika Undersökning. Nägra ordtill Uppslysning om 

Bladet „Wester&s" af Karlsson. 1. 1862. 8. 

b) do. do do. 

Bladet „Arboga" af Elis Sidenbladh. 2. 1862. 8. 

c) do. do. do. 

Bladet „Skultuna" af 0. F. Kugelberg. 3. 1862. 8. 

d) do. do. do. 

Bladet „Södertelge" af A. E. Tömebohm. 4. 1862. 8. 

e) Bladet „Eskilstuna" af V. Karlsson. 5. 1862. 8. 



E Uu mt du n g m an DruektehtifteH. 2il 

Von der k, h. ptUrioiisek'ekoncmiaehen G^titMadkoft im Königreich 

Böhmen in Prag: 

a) Wochenblatt der Land-, Forst- und Hauswirthschaft für den Bür- 

ger und Laadmana. 13. Jahrg. 1862. Nr. d2-*52. 14. Jahrg. 
1863 Nr. 1—13. 4. 

b) Centralblatt für die gesammte Landeskultur. Jahrg. 1862. Nr. 32—52. 

1863. Nr. 1—13. 4. 

Vtm der SmUhsonian Inetitution in WnishingUm: 

a) Report of the Superintendent of the Coast Survey showing the 

progress of the Survey during the year 1859. 60. Wash. 1860. 61. 4. 

b) Annual Report of the board of regents. 1861. Wash. 1862. 8. 

o) 16. Jahresbericht der Ohio-Staats- Aclterbau - Behörde mit einem 
Auszug der Verhandlungen der County Ackerbau-Gesellschaften 
an die General-Versammlung von Ohio. Für das Jahr 1861. 
Columbus. Ohio 1862. 8. 

d) Explorations for a Railroad Route from the Mississippi River to 
the Pacific. Vol. 12. Part. 1. 2. Washingt. 1860. 4. 

Van der Academy af eoknee in St Lome: 
Transaotions. Vol. 2. Nr. 1. 1868. 8. 

Vom Lyoeum of Natwrdl Hisbory in NeuhYork: 
Annais. Vol. 7v Nr. 13—16. Dec. 1861— Febr. 1862. 1862. 8. 

Von der Academy of Natural Sciences in Phikidelphia: 

a) Journal. New Series. Vol. 5. Part. 2. 3. 1862. 63. 4. 

b) Proceedings. Nr. 5—9. April— Sept. 1862. 8. 

Von der American Academy of arte and aeiencee in Cambridge : 

a) Memoirs. New Series. Vol. 8. Part. 2. 1863. 4. 

b) Proceedings. Vol. 5. 6. Mai 1860 — Mai 1862 8. 

V<m der Boston Society of natural history in Boston: 

a) Journal of natural hirtory. Vol. 7. Nr. 2. 3. 1861. 8. 

b) Proceedings. Vol. 9. Nr. 4—10. July 1862 — February 1863. 8. 
«) Constitution and By-Laws with a list of the membres. 1865. 8. 



242 Einamdimgen an Druck$ehiriftm, 

Vom Muaewn cf comparaHve Zaalogy in Boston: 
Annual Beport of the Tmatees. 1868. 8. 

Von der LegisMure of McuMchusetts in Boston: 
Address of His Excellency John A. Andrew. January 9. 1863. 8. 

Von der Boy cd geograpMccd Society in London: 

Address at the Anniversary Meeting 25^^* May 1868. By Rod. Mur- 
c1|iBon. 1868. 8. 

Von der Natural Hietory Society of Montreal: 

The Ganadian Naturalist and Geologist. Vol. 8. Nr. 1. 2. 8. Febr. 
April. June 1868. 8. 

Vom Verein zwr Erforschung der Bheinischen Oeschichte und ÄUer- 

thümer in Mainz: 

Zeitschrift. 2. Bd. 8. Hft. 1868. 8. 

Vom Verein für Geschichte und Älterthümer in Frankfurt a. M. 

a) Mittheilungen. 2. Bd. Nr. 2 Okt. 1862. 

b) Neigahrs-Blatt vom 1. Jan. 1868. Drei römische Yotiyhände aus 

den Bheinlanden mit den übrigen Bronzen verwandter Art zu- 
sammengestellt. 1862. 4. 



Vom Herrn Friedmann in München: 

Graphische Darstellung der jährlichen Temperatur eines Ortes durch 
geschlossene Curven. Wien 1863. 8. 

Vom Herrn F, v. Weinland in Frankfurt: 

Der zoologische Garten. Zeitschrift für Beobachtung, Pflege und 
Zucht der Thiere. Nr. 1—6. 6. Jahrg. Jan.— Juni 1868. 8. 

Vom Herrn Fr, Spiegel in Erlangen: 

Zoroastrische Studien. Abhandlungen zur Mythologie und Sagen- 
geschichte des alten Iran von Fr. Windischmann. Berlin 1861. 8*^ 



Mnsendim^eH an Druclcsdmfkn, 24$ 

Vom Herrn Boch Ckmeiant in Paria: 

Memoire Bur l'liistoire de la creation an sein de notre sphere uni* 
yeraelle. 1868. 8. 

Vom Herrn Mark, Jos. Müller in München i 
Die letzten Zeiten von Granada. 1863. 8. 

Vom Herrn E, Plantamour in Gtnf: 

a) Du climat de Geneve. 1863. 4. 

b) Resume meteorologique de l'annee 1861 pour Geneve et le Grand 

St. Bernard. 1862. 8. 

Vom Herrn Steiner in Sdigenstadt : 

Zur Urgeschichte der Stadt Seligenstadt, ein Nachtrag zur Schrift 
des castrom Selgum. Gross Steinheim 1863. 8. 

Vom Herrn Giuseppe Aw. Poggilio in Born: 
Alcuni scritti inediti di Michelangiolo Poggioli. 1861. 8. 

Vom Herrn W. F. B. Suringar in Leenwarden: 
Kederlandsch kruidknndig Archief. 1868. 8. 

Vofn Herrn Schmidt in Dorpat: 

Die Wasserversorgung Dorparts; eine hydrologische Untersuchung. 
1863. 8. 

Vom Herrn A. Grunert in Greifswald: 
Archiv der Mathematik und Physik. 40 Thl. 2. Heft. 1863. 8. 

Vom Herrn C. Baubeny in Oxford: 

Climate: An inquiry into the causes of its differences and into it» 
influence on vegetable life. 1863. 8. 

V<ym Herrn De Colnet B'Huart in Luxemhwrg : 

Physique Mathematique. Determination de la relation qui existe en- 
*tre la ohaleur rayonnante, la chaleur de conductibilite et la cha-^ 
leur latente. 1863. 8. 



244 EimendungeH an J)ruek»ehnftsn. 

Vom Mmm Haraiio B. Stofm* M JBoßkm: 

Oa artifioial düatation on the oa and cerrix uteri hy flwkd pr^MHiM 
from above: a reply to Drs. Eeiller of Edinbmrgh, and Avnott 
and Barnes of London. 1863. 8. 

Vom Herrn James Dana in New-Haven: 

a) On Cephalization and on Megasthenes and Microsthenes in Classi- 

fication. (From the amencan. Jotim» ol soieiiee and arts Yol. 
36. July 1863). PhüadelpMa. 8. 

b) On the higher subdivisions in the classifications of Mammals. 

London. 8. 

c) American Journal of science and arts. Vol. 34. Nr. 100 — 102. 

July— Nov. 1862. Vol. 36. Nr. 103—106. Jannary— May 1863. 8. 

Vpm Herrn RuM§h Wolf in Züridu 
Mittheilungen über die Sonnenflecken. 8. 

Vom Herrn Ad, QueieUt i« Brimd: 

a) DifiTerence des temps entre Bruxelles et Vienne pour les epoques 

critiques des plantes et d«s animaux. 8. 

b) Sur les nebuleuses ; sur Phygipmetrie ; mr les variations p4riodftq[iMfl 

de l'atmosphere. 8. 

Vam Herrn Bod, Murchison in London: 

a) On the Permian Rocks of North-Eastern Bohemia. 1863. 8. 

b) On the Gneiss and other Azoic Rocks and on ihe superjacent Pa- 

laeozoic Fonnations of Bavaria and Bohemia. 1863. 8. 

Vom Herrn Dudik in Brikm: 
Mährens allgemeine Geschichte. 2. Bd. v. J. 906— z. J. 1125. 1863. 8. 

Vom Herrn Alfr. Wüh." Volkmann in HaMe: 

Physiologische Untersuchungen im Gebiete der Optik. 1. Hft. Leip- 
zig. 1863. 

Von den Herren Jos, Böhm und Moritz ÄUe in Brßg: 

Magnetische und meteorologische Beobachtungen zu Prag. 23. Ja^rg. 
Vom 1. Jan. bis 31. Dezbr. 1862. 1863. 4. 



Ei99$0nc km§ e n an DrmhBokHftm. 345 

FofM Herrn OHo Strme in 8t, JMenburg: 

Positipnes mediae steUarom fixarum in zonis Eegiomontanis a Beaselio 
inter -f- 15*^ et + 45** deolinationis observatarom ad annum 1826 
reductae et in catalogum ordinatae. 1863. 4. 

Vom Herrn Dr, Preetd in ßnden: 

a) Neue Formel zur anaoi&aulichen und übersichtlichen Paratellwg 

der Strömungen im Luftmeer in ihrem NebMi* und Naeheinan- 
dersein. Karlsbad. 4. 

b) Die in der Zone der veränderlichen Winde auf der nördlichen 

HeimiBphäre aus den Beobachtungen sich ergebenden acht Win- 
desgebiete. Karlsbad. 4. 

c) Ueber die Aenderung der Lage der Achse der thermischen Wind- 

rose in der jährlichen Periode. 4. 

d) Ueber die in der untersten, unmittelbar auf der Erdoberfläche 

ruhenden Schichte der Atmosphäre mit der Höhe sunahmenden 
Temperatur. 4. 

Vom Herrn Eduard Pechmann in Wien: 

Die Abweichung der Lothlinie bei astronomischen Beobachtungs- 
Stationen und ihre Berechnung als £rfordemis8 einer Gradmei- 
sung. 1863. 4. 



Von der kaisei^, k. Akademie der Wiesensehaßen in Wien: 

a) Sitzungsberichte. Philos.-histor. Classe. 40. Bd. 3. 4. 5. Heft. 

Jahrg. 1862 Oktbr.-Desbr. 41. Bd. 1. 2. Heft. Jahrg. 1869. 
Jan. Febr. 8. 

b) Kegister zu den Bänden 31 bis 40 der Sitzungsberichte der philos.- 

histör. Classe. 4. 1862. 8. 

c) Sitzungsberichte. Mathem.-naturwissenschafbl. Classe. 46. Bd. 1 — 5. 

Heft, Jahrg. 1862. Juni. JuU. Oktbr.— Decbr. 47. Bd. 1—3 Heft. 
Jahrg. 1863. Jan. — März. Erste Abtheilung. Enthält Abhand- 
lungen aus dem Gebiete der Mineralogie, Botanik, Zoologie, 
Anatomie, Geologie und Paläontologie. 1662. 63. 8. 46. Bd. 
3. 4 5. Heft. Oktbr. Novbr. Dezbr. Jrfirg. 1862. 47. Bd. 1— 4Hft. 
Jan.— April. Jahrg. 1863. Zweite Abtheilung. Enthält die Ab^ 
[1863. n. 2.] 17 



246 Einsmämgm tm DmekttMften. 

handlangen ans dem Gebiete der Mathematik, Physik, Chemie, 
Physiologie, Meteorologie, physisoh. Geographie and Astronomie. 
1862. 68. 8. 

d) Denkschriften. Mathem.-natarwi8S6n8chaftL Classe. 21. Band. 

1868. 4. 

e) Archiv für Eande österr. Geschichtsqaellen. 28. Bd. 2. Hälfte. 

29. Bd. 1. and 2. Hälfte. 1868. 8. 

f) Fontes reram Aastriacaram. Oesterreichische G^chichtsqaeUen. 

I. Abtheil. Scriptores 6. Band. Codex Strahoviensis. Todten- 
bach der Geistlichkeit der Böhmischen Brüder. 1868. 2. Abth. 
Diplomataria et Acta. 22. Bd. Die Belationen der Botschafter 
Venedigs über Oesterreich im achtzehnten Jahrhandert. 1868. 8. 

g) Genesis et Ezodas nach der Milstater Handschrift. 1. Bd. Einlei- 

tnng and Text. 2. Bd. Anmerkangen and Wörterbaeh von 
Joseph Diemer. 1862. 8. 
h) Physikalische Yerhältnisse and Yertheilang der Organismen ün 
Qaarmerischen Golfe von Dr. J. B. Lorenz. 1868. 8. 

Van der Oberhusitzisehm QtsdUchaft in Görlitz : 
Neaes Laasitzisches Magazin. 40. Bd. 2. Hälfte. 1868. 8. 

Vom Kunst- und Handwerlc^oereine %md von der naturforaehenden Ge- 

eeUschaft zu Jitenburg: 

Mittheilangen aas dem Osterlande. 16. Bd. 2. and 8. Heft. 1868. 8. 

Von der Universität in Heidelberg: 

Jahrbücher der literatar. .56. Jahrg. 7. Heft Joli and 8. Heft 
Angast. 1868. 8. 

Von der Bedaction des Correspondenz- Blattes für die gelehrten - und 

Beatschulen in Stuttgart: 

Correspondenzblatt Juli, August, September Nr. 7, 8, 9. 1868. 8. 

Vom naturhistorischen Verein in Augsbwrg: 
Sechszehnter Bericht, im Jahre 1868 veröfentlicht. 1868. 8. 

Von der Qes^chaft fußt Pomm^er^sche Geschichte und JUerthumskunde 

, in Stettin: 

Baltische Stadien. 19. Jahrg. 2. Heft. 1668. 8. 



Eimendungm an Druckschriften. 247 

Van der naturforschenden Oesedschaft Oraübüitdens in Cftür: 
Jahresbericlit. Nene Folge. 8. Jahrg. 1868. 8. 

Von der SociiU d^ Anthropologie in Paris. 

a) Bulletins. Tom. 8. 4. Fasel. Tom. 4. 1. 2. Fasel. 1862/68. 8. 

b) M^moires. Tom. 1. 4. Fasel. 1868. 8. 

Von der Äcademia reaU das seiencias in Lissabon: 

a) Historia e Memorias. Classe scieneias moraes, politicas e beUas- 

lettras. Nova Serie. Tomo 2. Parte 2. 1861. 4. 

b) Portugaliae monomenta historica a saeoolo oetavo post Christum 

usque ad quintum decimum. Leges et consaetudines. YoL 1. 
Fasel. 8. 1868. gr. Fol. 

Von der Boycd Society in London: 
Proceedings. Yol. 12. Nr. 60--<65. 1862/68. 8. 

Von der Soyäl InsHtuUon of Qreat Britain in London: 

Notioes of the proeeedings at the meetings of the members. Part. 
12. 1861—1862. 8. 

Von der Entomohgicai Society in Lcndoni 
Transaetious. 8. Series. Yol. 1. Part 5 et 6. 1863. 8. 

Von der Chemical Society in London: 

Journal of the Chemical Society April-June 1863. Ser. 2. Yol. 1. 
Nr. 7. 8, 9. April-Septbr. 1863. 8. ' 

Von der sdikswig-holstein-lauenburgischen Gesellschaft fSir vaterlän- 
dische MterthOmer in Kid: 

28. Bericht der Gesellschaft. 1863. 8. 

Von der Je. Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen. 

a) Gelehrte Anzeigen. 27.— 31. Stück. Juli-Septbr. 1863. 8. 

b) Nachrichten Ton d. G. A. Universität und der k. Gesellschaft der 

W. Nr. 18—18. Juli-Septbr. 1868. 8 

17* 



348 EMtniimgtn im DrueJcmshriftm. 

V&m kmiwMmiktgflUdKm Verein in Baij^em in üftM^Mi: 

ZeiUolirift. Ootbr. 10. 1868. 6. 

Vom letiksto Veneto di edenge^ ktiere ed o/rU in Venedig: 
Hemorie. YoL IL Part. 1. 1862. 4. 

Von der L S. Äcademia di scienee, lettere ed arti in Padua: 

a) Nnovi SaggL ToL 7. Parte. 2. 1668. 4. 

b) Bivista Periodica. Yol. 10. 1862. 8. 

Van der Oealogicai Survey cf India in Caleutta: 

UtaüaoixB. Palatontologia Indica. Part. 2.^. 4 5. Foisil Flora of 
the Rigmalial Series. 1863 4. 

Von der h k, ^eeik>§iedhm EeMmcmeiM in Wien: 
Jahrbuch 1868. 18. Bd. Nr. B, 3 April— fleptbr. 1866. & 

Vom IneHtnt National Q'inoeoie in Qenf: 

a) MSmoirei Tom. 4r-a 1856—1862. 4. 

b) Bulletin. Tom. 4—10. 18Ö6— 1861. 8. 



Vom BeoiM ünpkiak cPÄgrihttkare ete. in J^on: 

Annales das seiendes ph^iques «t naturelles d'^g^oolture et d'inr 
duBtrie. Tom. 4, 5, 6 1860—62. 8. Serie. 8. 

Von der Acad^mie imperiale des aciences, heUes-lettrea et arte in Lyon : 

M^moires. Glasse des Sciences. Tom. 11, 12. 1862. 

„ „ Lettres. Tom, 10. 1861—62. 8. 

Von der h Akademie der Wissenschaften in Berlin: 
Monatsbericht. Juni, Juli 1868. 8. 

Vom Verein von Freunden der Erdhunde in Leipzig: 
Zweiter ^Jahresbericht 1862. 1868. 8. 

Von der Natural History Society in Bubiin: 
Proceedings for the Session 1869-^2. Yol. S. Pairt. 1> 2. 8. 



Eimmämnffm an pruek9eknftm. S49 

Vim der AsiaUe Society of Sengai in Gälcutta: 

a) Jomn»L New Series. Nr. 116. Nr. 290. Nr. 2. 1868. 

„ „ Supplementary Number. (Vol. 32.) 1863. 8. 

b) Bibliotbeoa Indica a Collection of oriental Works. Old Series. 

Nr. 186-^196. N«w Series Nr. 81—37. 1862. 1863. 8. 

Von der Geciogicäl Society in London: 
QuRterly Jotimal. Yol. 19. Part 8. Nr. 75. 1868. 8. 

Von der Linnean Society in London: 

a) Traneactions. Vol. 23, 24. Part. 8. Part. 1. 1862/63. 4. 

b) Journal of the Proceedings. Vol. 6. Zoology. Nr. 24. 1862. 

„ 7. „ „ 26. 1866. 8. 

c) Journal of the Proceedings, Botany. Vol. 6. Nr. 24. 1662. 

„ 7. „ 26, 26. 1863. 8. 

d) List of the Linnean Society. 1862. 8. 

e) Address of George Bentham etc. the President, together with 

obituary notioes of deceased members by Georg Bas)^ the Secre- 
tary. May 1862. 8. 

Vom Verein zur Beförderung des Gartenbaues in den preussischen 

Staaten in Berlin: 

Wochenschrift far Gärtnerei und Pflanzenkunde. Nr. 86— 88. 1868. 4. 

Von der pfälzischen Gesellschaft filr Pharmacie und verwandte Fächer 

in Speier, 

Neues Jahrbuch. Bd. 19. Heft 8. März. Bd. 20. Heft 8, 4. Sdpt. 
Octbr. 1863. 8. 

Vom Museum in MosJoob: 

Co]^ei Photographies des miniatures des manusorits Grecs conserres 
ä la bibliotheque synodale, autrefois patriarcale de Moscou. 
1. Livrais. 1862. gr. Fol. 

Vom physikalischen Verein in Frankfurt a. M.: 

Zur Jubelfeier des 100jährigen Bestehens der Dr. Joh. Christian 
^enkenbergisdien Stiftung am 18. August 1863. 4. 

Von der naturforschenden Gesellschaft in Emden: 

a) 38. Jahresbericht. 1862. Von Dr. Metger. 1863. 8. 

b) Das geographische System der Winde über dem atlantischen Ooean 

in der vom Aequator nach den Angelpuncten der £rde gehen- 
den Bichtung, die Aenderung seiner Lage in der jährlichen 
Periode, sowie die Windesgebiete in der Zone der veränderlichen 
Winde auf der nördlichen Halbkugel. Von Dr. Prestel. 1863. 4. 



250 Einsendungm an Druekft^iir^m* 

Von der Aeadbmie de$ aciences in Paria: 

Comptes rendiui hebdomadaires des seancea. Tom. 67. Nr. 7—15. 
Aoüt-Oct. 1863. 4. 

Vom naturwiasenschaffilichen Verein für Sachsen und Thüringen in 

Halle: 

Zeitschrift für die gresammten Naturwisseiischaften. Jahrg. 1862. 
Bd. 20. Heft 7—12. JuH— Decbr. Jahrg. 1863. Bd. 21. Heft 
1 — 6. Januar— Juni. 

Vom historischen Verän für Niedersachsen in Hannover: 
Zeitschrift. Jahrg. 1862. 1863. 8. 

Vom historischen Verein der fünf Orte Luzem, üri, Schwyz, Unter- 

Waiden und Zug in Einsisddn: 

Der Geschichtsfreund. Mittheilungen. 19. Bd: 1863. 8. 

Vom Verein für Geschichte der Mark Brandenburg in Berlin: 
Märkische Forschungen. 8. Bd. 1863. 8. 

Fom historischen Verein ton Oberfranken zu Bayreuth: 

Archiv für Geschichte und Alterthumskunde von Oberfranken. 9. Bd 
1. Heft. Von C. C. v. Hagen. 1863. 8. 

Von der deutschen morgeiüändischen GeseHtschaft in Leipzig: 

a) Zeitschrift. 17. Bd. 3. u. 4. Heft 1863. 8. 

b) Indische Studien. Beiträge für die Kunde des indischen Alter- 

thums. 7. Bd. 3. Heft 1863. 8. 

Von der Boy cd Society in London: 

a) Philosophical Transactions. For the year 1862. Vol. 162. Part. 1,2. 

1863. 4. 

b) FeUows of the Society. Decbr. 1. 1862. 4. 

c) Proceedings. Vol. 12. Nr. 66. 1863. 8. 

Von der natural history Society in Montreal: 

The Ganadian Naturalist and Geologist with the proceedings. Vol. 8. 
Nr. 4 August 1863. 8. 

Von der Academie roycde de Midedne de Bdgique in Brüssel: 

a) Memoires. T. 4. Fasel. 7. 1863. 4. 

b) Bulletin. Annee 1863. Tom. 6. Nr. 6, 6, 7. 1863 8. 

Von der geölogical Society in Dublin: 
Journal. Vol. 10. Part. 1. 1862—63. 1868. 8. 



Eimenä H9 ^ g m an Druekschriftm. 251 

Van der k, säch^cKm Gesdhduiß der Wiisensehaften in Leipzig: 

1) Berichte über die Yerbandlangeii. a) Math^-physikal. Glasse. 14. Bd* 

1862. 1863. 8. b) PhüoL-hisior. Glasse. 14. Bd. 1862. 1863. 8. 

2) G. Mettemus. Üeber den Bau von Aagiopterisw 1863. kl. Fol. 
8) Die Schlacht von Warschau 1656. Von Joh. Gustav Droysen. 

Nr. 4 1863. kl Fol. 

Vom Verein von ÄUerthumsfreunden im Sheinhnde in Bonn: 
Jahrbücher 36. 18. Jahrg. 1. 1863. 8. 

Von der deutschen geohgiachen OesdUchaft in Berlin: 

a) Zeitschrift. 15. Bd. 2. Heft. Febr., März u. Aprü 1863. 8. 

b) Yerzeichniss der Mitglieder der Gesellschaft. 1863. 8. 

Vom aiebehbürgiBchen Verein für Natunoiaaenschaften inHermcrnnsta^: 
Verhandlungen u. Mittheilungen. Jahrg. 14. Nr. 1 — 6. Jan. — Jun. 1863. 



Vom Herrn Adam Bitter von Burg in Wien: 

a) Compendium der höheren Mathematik. 1859. 8. 

b) Supplement-Band zum Compen^um der populären Mechanik und 

Maschinenlehre. 1868. 8. 

Vom Herrn J. Ä. Orunert in Chreifmälde: 
Archiv der Matheuiatik und Physik. 40 Thl. 3. u. 4 Heft. 1863. 8. 

Von den Herren Georges Terrot, Edmond GuiUaume et Jules Delbet 

in Paris: 

Exploration archeologique de la Galatie et deBithynie, d'une partie 
de la Mysie, de la Phrygie, de la Cappadoce et du Pont executee 
en 1861. 3. et 4. Livraisons. 1862. gr. Fol. 

Vom Herrn Karl SchuUer in Kronstadt: 

Magister Gissmann in Göttingen. Ein Beitrag zur siebenbürgisch- 
sächsischen Gelehrtengeschichte. 1863. 8. 

Vom Herrn Biehard Owen in London: 

Monoffraph on the Aye-Aye. (Ghiromys madagascariensis Guvier.) 
1863. gr. 4. 

Vom Herrn W. H Sykes in London: 
The Taeping Rebellion in China. 1863. 8 

Vom Herrn M, J, Foumet in Lyon: 

Details concemant Porographie et la geologie de la partie des Alpes 
comprise entre la Suisse et le Comte de Nice. 1863. 8. 

Vom Herrn W. Eisenlohr in Karlsruhe: 
Lehrbuch der Physik. Stuttgart. 1863. 8. 



2S2 Eimmärngm am Druduehriftmi, 

Vom Herrn J, CaacMkowski in Wien: 
Yeriuch der Yereinigimg der WissenBohafken. 1868. 8. 

Vtm Herrn KrausM in Bayreuth: 
Erinnerung an Jean Paul. 1863. 8. 

Vom Herrn Beni Martin in Angers. 

Memoire sur le calendrier li^braique, preoede d'un chapitre sor le 
calendrier des Chretiens et sur sesorigines. 1863. 8. 

Vom Herrn Warren de la Eue in London: 

On the total solar eclipee of July 18. 1660; observed at RiTabellosa, 
near Miranda de Ebro, in Spain. 1862. 4. 

Vom Herrn Alexander EUis •» London: 

BessePs hypsometric tables, as corrected by Plantamour, redueed to 
english measures. 1863. 8. 

Vom Herrn W, A. MiUer in Cambridge: 

A tract on Crystallography, designed for the use of students in the 
university. 1863. 8 

Vom Herrn M. lyAvezae in Faris: 
Coup d^oeil historique sur la protection des cartes degeographie. 1863. 8 

Vom Herrn M, C. Marignac in Genhoe: 

Recherches chimiques et cristallographiques sur les Tüngstates, les 
Fluotungstatea et les Silicotungstates. 1863. 8. 

Vom Herrn Samuel Haughton in DMin: 

a) Account of ezperiments made to determine the velocities of rifle 

bullets commonly used. 1862. 8. 

b) On the rainfall and evaporation in Dublin in the year 1860. 1862.8. 

c) On the form of the cells made by varions wasps and by the honey 

bee: with an appendix on the origin of species. 1863. 8. 

d) Experimental researches on the Granites of Ireland. Part. 8. On 

the Granites of Donegal. London 1862. 8. 

e) Essay on comparative Petrology by M. J. Durocher. 1859. 8. 

f) Onthe direction and forceofthe wind at Leopold Harbour. 1863. 8. 

g) On the phenomena of diabetes mellitus. 1863. 8. 
) Onthe use of Nicotine in Tetanus and cases of poisoning by Strychnia. 
1862. 8. 

Vom Herrn Carl Hdkn in München: 
Bhetores latini minores« Fasciculus prior. Lipsiae. 1863. 8. 






Sitzungsberichte 

der 

königl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Philosophisch -philologische Classe. 

Sitzung vom 7. November 1863. 



Herr Spengel hielt einen Vortrag 

,,üeber die Nicomachische Ethik als ersten 
Theil von Aristotelischen Studien". 

Derselbe wird in den Denkschriften erscheinen« 



Herr Thomas gab 

Miscellen aus Handschriften der Mänchener 
Staatsbibliothek: 

1. Zu Persius. 

2. Eine Tegernseer Urkunde, die Stiftung eines 
ßeelgerätes^ betreffend^ aus dem 14. Jahr- 
hundert. 

3. Ein Fragment zu den Ordalen. 
11863. n. 3.] 18 



264 Siieung der philoa.'philol. CUuae wm 7. Nov. 186S. 

1. Zu Persius. 

Auf einem , dem Cod. lat. Mon. 19477 , einst Tegem- 
seer 1477, vom nur lose mit Nähstichen eingeheftetem 
Blatte, der Schrift nach dem 11. Jahrhundert angehörig, 
stehen fragmentarische, aber entschieden ältere Glossen zum 
Prolog und einigen Partien der ersten Satire des A. Persius. 

lieber die Entstehung und den Gang der Scholien zu 
diesem Dichter hat 0. Jahn satteam aufgeklärt. Ob auch 
dieses bis jetzt unfoliirte Fragment, was dem Persius des 
Codex selbst, wo er zweimal nacheinander aus dem 12. Jahr- 
hundert enthalten ist, vorausgeht, von Jahn in Betracht ge- 
zogen worden ist, als er diese und andere Handschriften 
unserer Bibliothek zu Rathe zog, steht dahin. Da die Scho- 
lien ein respectables Alter haben und mindestens mit denen 
des Bemensis a secunda manu (Jahn Proll. 197) wetteifern, 
thue ich vielleicht doch manchem Liebhaber des Satirikers 
einen Gefallen, wenn idi die Reste dieses abgeschnittenen 
Pergaments vollständig mittheile, welche zum Theil gar nicht 
leicht lesbar sind; denn die Membrane hat auf dem einen 
Rande ziemlich gelitten und ist auch auf einer Seite ziem- 
lich varblasst. Ich setze die Versnummera bei. 

Der Abschnitt beginnt also: 

IVoLl« • CkxbaUino autem dicit non equino quod satyrae humiliora 
conveniant. 
2 Nee in bicipite. p. Pamasson Delforum montem dicit qui 
habet cacumina ^uo Njson Libero sacratum Oyrram Apol- 
Htki. Unde Lucanus 

cardine Parnasses gemino petit aethera coUe 
mons Phebo Promioque sacer. 
Tangit autem Enninm qui se dixit vidisse somnium in Par- 
naso Homerum sibi dicentem quod eius anima in suo cor- 
pore esset. 
bidbiti autem pro duplid cacumine. 



pMiiUm p. Pireae fons in Elicone Mußia est sacratus. pMir 4 

dam autem ideo quod poetae paUeant ^) Bcribendi la^mtadiiie. 

• • • • 

Semipaganus Bemipoeta. et hoc yerbo hamiliter satyrioo modo 6 
jQSUsest. Fagani dicuntur rustici qui non noverimt urbem. 

Quis expedivit p. s. r. Hoo dicit quod non omnis natura 8 

sunt poetae sed yentris et egestatis necessitate cogantur et 

hoc de avibus probat. Nam hodie . . yidemus psitachos 

I 
esurgentes vocaliter perstrepere et chere dioere. 8tmm autem 

quasi naturalem ut naturaliter videantur loqui quasi esuriant. 

Corvos poetas et poetridas picas quod oorvino lucro inducti -^ 
non solum cantare possint sed etiam carmen effingere. 

Nee fönte labra Hie fabulam tangit. Forcus rex tres fiKas -^J^* 
fertur habuisse. Gorgonas, Stenno, Euriale, Medusa. Fuerunt 
autem locupletes nimis, unde Gorgones dicte quasi george 

i. e. terrae cultrices. Ge enim terra, orgia cultura. Sed 
mortuo patre successitei Medusa in regno quam auxiUo Mi* 
nerrae interfecit Perseus rex Asiae. et de sanguine dus ^res- 

sus est Pegasus equus. qui pede suo terram percutiens pro- 
duxit fontem Pegasum. sicut fabula graeca finxit. qui fons 
dicatur Musis et poetis. unde Marcianus ""et fons gorgonei 

tulit caballi'. Hoc fabulosum. veritas tamen inquirenda est. 
Gorgo terror, Stenno debilitas, Euriela lata profunditas, 
Medusa oblivio. Haec omnia terrorem faciunt in hominibus, 

• • • 

qpiae omnia Perseus occidit. Perseus graece yirtus cum auxilio 
Minerye interfecit. quia yirtus auxiliatrice sapientia omnes 
terrores yincit. De cuius sanguine natus est Pegasus equus. 

Pegasus enim fama didtur. quia yirtus omnia superans 

• • • • 

famam quaerit sibi. de qua potant poetae quia in laudem 
yirtutis yidentes eam yictricem prosiliunt. 



(1) Die punktirten Bachstaben sind erloschen. 

18* 



^56 Sitzung der pMoa.-fMcH* QasBe vwn 7. Nov. 1863. 

8 Psitacho 8uum chere. Psitachos ayis est. in Indiae partibos 
gignitar. colore viridi. torqne puniceo* grandi lingua et ceteris 

ezprimit 

avibus latiore. ünde articulata verba profundit ita ut si 
eam non prospexeris putes hominem loqni, ex natura 8alu;> 
tans et dicens ave vel KHPH quod pro monere offertur 
regibas. Nam cetera nomina institutione i.e. doctrina didt. 
Hinc est illud 

Psitachus a vobis aliomm nomina disco 

Hoc (di)dici per me dicere Caesar ave. 

exoDMitlonem 

10 Apologiam poeta modo facit et excusat se quodam modo 
non ideo scripsisse ut poeta appareret sed potius impulsu 

quodam mentis quia videbat tunc multos poeticae incumbere 
et per transitum ostendit se primum cepisse causa yictus ut 
salarium mereretur. Nam sälarium yictus est unius diei. 

• • • • • • • 

14 Pegaseum melos in aliis nectar. divinum duicedine Musarum. 
i.e«non solum loqui poterant (al.m.) humana voce sed etiam 
carmina promere. 

£y^ iofteo poeta latinus fuit qui Omeri Carmen et opus conver- 
tit in latinum sermonem. et placuit non magis auditoribus 

quam lectoribus de quibus scribebat Polidemanti et mulier i- 

• . • • 

bus Troianis. ego autem meliora compono quam Labeo. quia 
ille Carmen Atticum transtulit ego de moribus et propria 

• • • • • 

sldho 
cudo. 

T. 7 Pueri meritorii id est catamiti quibus licenter uteban- 

tur antiqui recedentes a turpi servitio nuces spargebant ut 

significarent se cuncta puerilia spemere et in robur virile 

venire. 

y. 6 Si quis te laudav^rit extra ipsum ne eleves te i.e. 

nemini credideris in laude et ne statuas te in aliorum 

iudicio sed in te ipso. 



Thomag: Zu F^snis. 357 

Nluneri proprie ritmi Sttot^mic autem metrum äignificat. Y. 18 
Cum considero gravitatem priorum et lasciviam praesentium 
vironun. 

Antiquae consuetudiais erat filios fratri nutriendos 11 
omittere a quibus vigor disciplinae plus quam a patribud 
ünpleretur jsi patrui .... (seyeri) sint circa filios. 

Ambiguitas in natalicia utrum eam natali suo acoeperit 16 
mauere, au tautupi eo die gerere solebat. quia quidam ha** 
beut auulos quos die tautum natali gerunt. 

Usque adeone in tantum est scientia tua ad uihilum 27 
deducta ut aliquid te scire nescias nisi alterius iudidum de 
«deutia tua consulas. 

Bcmcidolum putridum vel quasi asperi saporis contemp«' 83 
taeque gulae. 

Nee serurnhros quae carmina nullum periculum habeant 44 
apud salmentarios. ideo hoc dicit quia cartae in quibus 
vilia carmina scribantur aut ad tus inddebantur volvendum 
aut ad salsum. Seombri dicuntur pisces de quibus Optimum 

stilza 
fit garum. per scombros significat salmentarios. per tbus 

pigmentarios.^ 

Tene cirratorum c. d. f. 6. Potest ex persona Persii ridi- 29 

cule admirantis dici. potest et ab illo dictum putari qui 

gaudet aestimatione poetica. Si Persius dicit. oir non debes 

laetari. certe maxima gloria est laudari a centum drratis, 

Si ille didt poetieae (om* laudis) cupidus. ita an tu Persi 

exiguum putas laudaii a centum cirratis i.e. scolastids. nes- 

ds maximam haue aestimationem videri. 

Ipsiphiles mia ex Lemnadibus fuit Liberi patris neptis. 34 

Thoantis filia. postquam eam factis duobus filiis apud Lemon 

Jasou deseruit. qui eo tempore cum Argonautis venit uec 

ad eson rediit ex Cholchis. comperto postea illum ad suam 

patriam remeasse et se' neglectam ingratum eins amorem 

diu fleyit. His itaque si quid simile carmiuibus suis poetae 



i$$ SiUung der pha».-phiM. dtim eom 7. Nov. 1863. 

defleUffiit» itH) sme voots aspmtftte fironontiatit tit aadieulmm 
avyes emoIHant. 

Sciendmn nobis est quo modo haec omnia difforant. id est» 
i^espere. vespera. vesper. vesperum. Virg. demcmstrat dicens. 
Est etiam vesper. vespere, vespera. vesperum. Hie casus 
nominativus quadruplus est. cnius* differentia haec erit. quod 
vesper ^uidem didtur quotienscunque sol nubibus aut kna 
fermginibus quaque diei ac noctis hora tegitnr. eV^hoo neu* 
trum est. vesper vesperis facit nominativum. Vespere voca-»^ 
tur a nona horasole descensum iuchotote sed hoc nomen 
d^clinationein non habet. Vesperum est cum sole occidente 
dies deficit, et sie declinatur vesperum. vesperi. vespero* 
Vespera est cum luds Oriente aurora nox finitur. et sie de- 
clinatur vespera. vesperae. vesperam. et reliqua. 

Man sieht aus dem vorstehenden Stücke, dass der Co* 
dex, welchem.es angehöite, zu jener Art der Handschriften 
zu rechnen wäre,, welche Jahn prolegg. p. 163 zu^st charak» 
terisirt hat, als in welchen daa Commentum Comuti ohne 
feste Ordnung der Scholien wiedergegeben erscheint, 
wie z. B. in den Paris. 8272. 8049. 

Wenn Jahn zur vita des Persius p. 241 bemerkt, dass 
der Abschnitt: hie tarnen fabulam tangit etc. ^^ p. 242, 
aitd Fulgentius entnommen, zur ersten Zeile des Prologes 
gdiöre, so bestätigt dies der zweite Theil unseres hieher 
bezüglichen Gommentars (oben S. 255). 

Jahn hat wie in den Prolegomenis p. 132 ff, so audi 
in den Noten zum Commentare des Comutus nachgewiesen, 
aus welchen Quellen die oft falsche Gelehrtheit des Gompi*^ 
lators ihren Zuzug genommen hat. So ist (vgl, p. 246, 
Note 3) das zweite Scholion zum Prolog v. 8 aus den Ety- 
mologien des Isidor 12, 7 (ed. Areval. 4, 92) geschöpft. 

Aus eben diesem und dessen Erklärem selbst wieder 
ist auch unser letztes Scholion: Sciendum ftöbis est etc. zu- 
sammengesetzt, von dem man eigentücdi nicht weiss ^ was es 



hierorts will. Bei Isidor EtyiiL 5, 82 p. 228 «d. Areral. 
hdMt OB nimlieh: Vegper a steUa ocddentali Tooattur quM 
solem ocdduum sequitur et tenebras sequentes praecedit. 
De qua Virgilias 

ante diem claoso componet vesper Olympow 
Diese Stelle Aen. I, 374 hat der Scholiast wohl im Anftoig 
im Auge; sie ist ihm aber in der Feder geblieben. Was 
dann weit^ kommt, stimmt zu den Ergänzungen des älteren 
Codex Toletanus zu dieser Stdle, vgl. die dlirte Ausgabe 
p. 571 in den Variae lectiones: „Vesper . . vocatur. alii 
WBperwm . . . vocahiim . Ita codex Tdetanus vetusücMr cum 
his notis charactere gothico cursivo : Vesper dictus, dum sol 
aut Inna ferruginibus quacumque diei aut noctis hora tegi« 
tur, et hoc nomen fadt vesperis. Vespera vero ab iKMra 
nona sole descensum inchoante, sed hoc nomen decUnationem 
non habet. Ve^erus est, dum sole oceidente dies deiSdt^ 
et sie declinabitur, vesperus, vespert, vespero et reliqua. 
Vespera (in ms. vespere) est, quum luds Oriente aurora nox 
finitur, et sie declinabitur vespera, vesperae, vesperae.^^ 

Der Anfang des Sehol. zu Sat. I, V. 4 stimmt zn jenem, 
welches Jahn p. 248 Note 5 nach Elias Vinetus anführt, 
während jenes zu V. 10 mit dem Schol. Paris, der Note 7 
p. 249 übereintrifft. In einzelnen Scholien, wie V. 16, spio* 
geln sich die Pithoeiyia wieder. 

Wenn das Fragment schon seines Schriftcharacters wegen 
dem 11. Jahrhundert beigemessen werden darf, so verlangm 
dies — wenn nicht noch mehr — auch die paar althoch- 
deutsdien Glossen, welche sich in ihm rorfinden; nämlidi 
(V. 4) cudo slaho und (V. 33) garum stdza. Auch in an- 
deren Handscbdften zu Persius sseigt sich diese Spur deut* 
scher Glossirung, Tgl. Jahn's Note in den Prolegg. p. 126. 

Dasselbe wiederholt sich im Münchener Cod. kt. 15965, 
eine Handschrift, welche ich erst nachdem obiges vorgetra- 
gen und niedergesdirieben war, in Behandlung nahm. Sie 



260 8ü9img der pküoi^rphOd. Cla$9e wm 7. Nov. 1863. 

ist aus dem 10. u. 11.— 12« Jahrhundert und enüiält Glos* 
seil zu Persius, die mir der Beaohtung sehr werüi erscheinen* 



2. Eine Tegernseer Urkunde, die Stiftung eines 
Seelger aetes betreffend, aus dem 14. Jahrhundert. 

Ueber das „8el-Qerät'' als eines legatum adpiasoan- 
sas „pro remedio animae^' hat Schmeller unter dem Worte 
t&ten (3, 148 ff) in seiner Weise erschöpfend gehandelt. 
Wie das Wort aussagt, dessen Sinn man später yerior, und 
das Anfangs des Jahrhunderts noch lautbar, heute ganz er* 
loschen scheint, ist damit allemal eine Gabe gemdnt, die 
man der Kirche weiht, mn „seiner Seele zu rathen'^ 
„seine Seele zu berathen'^ Waren darunter nachderhand 
gewisse bestimmte Reichnisse verstanden, die man dem Pfar- 
rer im Wesentlichen für Seeleumessen zu bezahlen hatte, so 
Messen ursprünglich wohl alle Stiftungen, mit oder auch auf 
Grund und Boden, die man zu Lebzeiten für sich und an* 
dere, sei es bleibend oder auf Fristen, zum Heil der Seele 
machte, Seelgeräte. 

Ein recht klares Beispiel davon giebt diese kurze Ur* 
künde, welche ihrer Fassung w^en und ihres Alters halber 
verdient, aus ihrem Versteck gezogen zu werden; obwohl es 
an sonstigen Belegen dieser Sitte, namentlich in späterer 
Zeit, nicht fehlt. . 

Dieselbe ist dem inneren vorderen Holzdeckel des eben 
jsu Persius angezogenen Cod. Tegerns. 1477, nun Cod. lat. 
Mon. 19477 angeklebt. Auf der rechtsn Seite ist ohngefahr 
ein daumenbreiter Streifen weggeschnitten, das Pergament 
^ar dem Buchbinder eben zu lang. Pie dadurch fehlenden 
Worte am Schluss der Zeilen, die ich mit Punkten angedeu* 
tet habe, lassen sich der Hauptsache nach ergänzen (man 
vergleiche nur die hieher gehörigen Monumenta boica) und 



Thomas: Eme Tepernseer SteHperät-ürkunde* 361 

der eigentliche Inhalt leidet dabei dnrc^aas nicht. Nmr 
fehlt gerade in der vorletzten Z^ile die Jahreszahl der Zeh- 
ner — ob in „. . . igistem^' 20, SO u. s. w. ^thalten, 
bleibt unsicher. Ebenso der Familienname (Zeile 4 von 
unten) von Gliuonrad der .... 

unter den Zeugen ist em . . . Bayner. Im Cgm. 225 
fand Sohmeller auf einem Vorsetzblatte u. a. ein^i Abt 
Haynricus lU. Bayner. 

Die Sprache der Urkunde hat noch das markige und 
kömige Wesen der besseren Zeit, so dass ich sie in die 
ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts setzen möchte. Das 
Wort „lantprest^^ kann im Nachtrag des bayerischen Wör- 
terbuches neben „yichpresten** seine Stelle finden. 

Auf der Rückseite der Urkunde steht die Kanzleisigna- 
tur : yyBemediuin KircMorffer die Westerhueb ge Haulenhaur^ 
8enf\ und darunter: ^^selgraf^ von anderer Hand. 

Zeile 1. Ich Chunrad der ait Chirchdorfer und mein zwen 
8tm Chunrad und Hiltprant s 

2. prief für uns und für alle unsre erben und tun 
chuni allen den die in ansehen .... 

S. lesen» dae wir haben gehen dem Grot»haus ee Te^ 
gernse auf der hub die da ha , . . . 

4. h&be ze Saülenhausen da der hunieperg auf siUet 
ein halbes pfunt Muneher .... 

5. ewigleiehen, ze einem rehten sdgeräty also swer 
auf der selben hüben paw .... 

6. vergenant dienst geben alle iare ee rehter düster 
eeit vor sand Marteins tage .... 

7. ffocA vierjsehen tage . tet er dez niht so sol unserg 
herren amptmcm vollen gewali .... 

8. auf den vorgenanten hüben umbe seinen dinst und 
wer auch deus das prant sc. . . * 

9. herlay lantprest dem ^orgenanten gut widerfur das 
stet an unsere herren gena . • . 



262 SiUimg der pkOoB.-phO^, Clam «om 7. Nov. 1863. 



Zeiie 10, hen gmade er ime dar an I&. daz ditae aiso stet 

und uneerprochm heUibe . . « 
,, 11. vorgenanten Bwen Chunrad die Chirehdorfer dem 

egenanten Ch>teshaus ze Tegemse versigeU . . 
„ 12. hangenden Insigeln. so verpint sieh der vorgemmi 

Hüprant tmter unsere Ins ..... '^ 
,y 13. trewen die vorgesehrihen sache stet ze haben. Jkä 

sint zeugen Ludweich der richter ... 
,, 14. der Bayner. Hagnrich der C keiner ze Tegemse. 

Merchel von Heurayn, Chunrad der 

„ 15, und andere erharige leut die daz horten und sahen^ 

Daz ist geschehen do man .... 
„ 16. g^mrt Tausend iare und dreihundert. iar unddoT'^ 

nach in dem 

„ 17. igistem iare dez nehstem zamtztages vor der zuidf'- 

poten tage Sgmonis u . . . 

(2) Für diese Stelle Tgl. z. B. Mon. boioa 6, 419. 



3. Ein Fragment zu den Ordalen. 
DasB die sogenannten Gottesurtheile, ilie judicia dei, im 
germanischen Gerichtsverfahren schon bei guter Zeit durch 
die Gesetze beschränkt und somit nur in gewissen Fällen 
zum Sachbeweise notbwendig waren, dass sie aber anderseits 
im Glauben des Volkes tief wurzelten und dessbalb auch 
Yon der christlichen Kirche nicht so gleich und nicht so 
kicht abgeschafft werden konnt^i, ist hinlänglich bekannt. 
Unter denen, welche dem Ordale unterworfen waren, sind 
Tor allen die Unfreien begriffen (ygl. Rogge Geriehtowesen 
der Germanen. S. 210. J. Grimm dei^sdie Bechtsalterthü-* 
mer S. 911); der Freie reinigte sich durch Eid oder, waa 
fast das gewöhnlichere gewesen zu sein scheint, zugleich 
durch Mitschwörende, Eideshelfer. Die Zahl dieser „sacra* 
mentales^ ^ war nach der Grösse des Wehrgeldes, üer Com- 



Tksmaa: Sin Fta^^meM jm dm Ordakn. 26S 

Position, welche die Klage verlangte, eine vereefaiedeiie. 
Rogge hat (a. a. 0. S. 157) ans den yenchiedenen Gesetseo 
eine Tabelle dafür angestellt. 

ESa paar Bmdistücke eines solch alten Gesetzes, wekdio 
meines Wissens bisher nicht veröffentlicht, noch — nach 
meinen angestellten Forschungen nnd freundlichen Eröffirangen 
erster Fachmäimer, wie unseres akademischen Collegen, des 
Herrn Staatsrath von Maurer, — anderwärts bekannt sind^ 
geben hie2u noch einen wetteren Beitrag. Sie stiessen mit 
auf, als ich im Frühjahr eine Reihe der Regensburger Hand* 
Bchrifiien von S. Emmeram für die endgiltige Revision des 
Gaialoges musterte. Auch dem sichern Fleisse Coloman 
Sanftl's, der fast nichts übersah, noch ungeprüft liess, 
entgiengen sie nicht; aber audi er bemerkt: ex quo fönte 
haec faausta sint, comperire non potni. 

Nämlich im Cod. lat. Mon. 14407 (s= S. Emmeram, 
E. 90), wesentlich emer Sammlung der Ganones des Diony- 
sitts Exiguus, aus dem IX/X. Jahrhunderte, ist fol. 74^ von 
anderer, aber nicht späterer Hand, in einer früheren kleinen 
Lücke des Pergaments — daran reiht sich nämlich nodi 
ein anderes Stüdc jener Sammlung von kirchlichen Acten -^ 
Folgendes eingeschaltet: 
De liis qui aacrilegium flBcerint qnomodo aatisfaciant. 

8i quis sacrüegium perpetrtmerit si se iudiciaria lege 
eoDpurgare tuduerit. ai If&er est cmn septuagwta duohus iu^ 
dieium faeere. si seruus super XII feruentes uomeres in-^ 
eedere. aui calidum ferrum portare debet si tarnen hoc ex 
dementia episcopi permissum fuerit 
Do hiB qui emunitatem perpetranerint quomodo se ex* 

purgent. 

Si quis emunitaiem perpetrauerit si accusaius fueriL 
ei Über est cum triginta sex iurare debet. si seruus super 
sex uomeres incedere debet aut camidenti ferro se expurgare 
debet tarnen sihoe ex misericordia episcopi promereri potest* 



264 8Ummg der phüo$^pkiM. (Harn wm 7. Nmf. 1863. 



Diese beiden Gesetzestitel sind ausserdem namentlich in 
eweiüacher Beziehung gewichtig. Wir erkennen 

erstlich den Unterschied des Urtheils über Kirdienraiib 
und Immunitätsverletzung an der verschiedenen Zahl der 
Eideshelfer, welche der Freie beizubringen hat, dort bedarf 
er ihrer 72 ^ hier die Hälfte 36; es sind das die höchsten 
Zahlen, die in dem Ripuarischen Gesetze sonst Torkommen 
(?gl. Bcgge S. 157). Ingleichen an der Bestimmung des 
Feuerurtheils, das der Unfreie zu bestehen hat. Dort muss 
er über 12, hier über 6 geglühte Pflugschaaren barfuss 
gcdben. 

Zweitens aber sehen wir den mildernden Eingriff, wel«* 
eher dem hier zuständigen Bischoff eingeräumt war. Er 
konnte also die furchtbarere Strafe „ex cl^mentia, ex mi* 
sericordia^^ in die einfachere, immerhin noch greuliche des 
„calidum ferrum portare^^ yerwandeln. 

Dabei gewinnen wir für das so oft unbestimmt gebrauchte 
Judicium ferri candentis nun die fast sichere Deutung, dass 
damit nur das Tragen mit blossen Händen gemeist 
ist, was J. Grimm anzunehmen geneigt war (S. 915)* Denn 
dass „eandenti ferro se esqMirgare^^ im zweiten Titel aus 
dem vorausgehenden „calidum ferrum portare-^ seine ErkU^ 
rung erhält, wird Niemand bestreiten. 

Sprachlich zu bemerken ist dann noch die Bedensart 
„emunitatem perpetrare^^ in dem Sinne von ,, contra emu* 
nitatem i.e.ius asyli aliquid perpetrare^', d. h. emunitatem 
frangere, infringere, temerare, violare. Eine zweite Stelle 
für diesen besonderen und engeren Gebrauch, der sich aller* 
diags aus der allgemeuien Bedeutung in Verbindung^i wiö 
fadnus, coepta etc. perpetrare, wo es für schlimme, das 
Recht verletzende Wagnisse am Orte ist, ableiten lässt, weiss 
ich nicht anzuführen. Uebrigens mag das „sacrilegium per- 
petrare'^ des voranstehenden Titels auch auf diese Fassung 
des nächsten „emunitatem perpetrare^' eingewirkt haben. 



Thomoi: Bm Fragmmt mu dm Orääkm. 265 

Worin die Freiung oder Freiheit dner Kirche oder 
eines geistlichen Besitzthuins beitond, und wie weit daher 
der Begriff einer Verletzung dieses Schutzes gieng, ersieht 
man unter andern aus den Gapitularen 5, 279 (bei Baluzius 
I. 880. 881). Was unter Immunität nach altdeutschem 
Rechte und Sinne überhaupt zu verstehen ist, das hat Herr G. L. 
T. Maurer in der öeschichte der Fronhöfe, der Bauernhöfe 
und der Hofyerfässung in «Deutschland B. 1, §. 96 ff. in 
ganz entscheidender Durchdringung und zweifelloser Klarheit 
dargethan. * Die eben angezogene Stelle findet dort S. 294 
ihre Erläuterung, wozu noch S. 285 N. 37 zu vergleichen ist. 

Ob nicht ursprünglich „emunitas*' und „immunitas" 
gerade die zwei Hauptarten d^r Immunität , sowie sie von 
Maurer feststellt, in wirklicher Verschiedenheit — gleich» 
sam „ausser der Amtsgewalt-' und „unbesteuert" be^ 
zeichnet hat, und erst nachher promiscue gebraucht wurde, 
dürfte zu untersuchen sein. 

Es mag wohl sein, dass die Gewalt gegen ein kirch* 
liches Asyl viel höher bestraft wurde, als die gegen eine 
weltliche Freistätte, oder den Hausfrieden. Unser G^etz 
betrachtet dies Verbrechen als im Verhältnisse zum Sacri** 
legium gleichsam halb so strafbar. Ueber die Immunität 
der geistlichen Grundherrschaften, d. h. dea Schutz vor 
dem Zutritte öffentlicher Beamten, s. von Maurer S. 304. 



8<6 5il«iMf 4tr «mO. jribyt. Ckme vom i4. Mr. 16«^. 



Mathematisch -physikalische Classe. 

Sitzung vom 14. November 1868. 



Herr A. Vogel jun. sprach: 

»Ueber die chemiscbe Wirkung einiger Licht* 
Ausstrahlungen.« 

Es ist eine durch vielfache Versuche festgestellte That- 
sache, dass ein Kupferstich, welcher der Sonne ausgesetzt 
worden, obgleich er im Dunkeln nicht leuchtet, doch auf 
photographischem Papier, wenn er einige Zeit im Dunk^ 
ilarauf gepresst wird, einen deutlichen Abdruck hervorbringt. 
Man kann sich leicht von der Wirkung dieser sogenanoteti 
unsichtbaren Lichtausstrahlung überzeugen, ind^n man ei& 
mit Kochsalz oder Weinsäure getränktes und getrocknetes 
Papier den direkten Sonnenstrahlen kurze Zeit aussetzt und 
dann im Dunkeln auf photographisch präparirtes Papier auf- 
drückt. Wenn demnach eine Lichtausstrahlung, welche ihrer 
Geringfügigkeit wegen dem Auge nicht wahrnehmbar ist, 
schon einen Effekt auf lichtempfindliche Präparate ausübt, 
so durfte im Voraus vermuthet werden, dass die stärkere 
Erscheinungsform, d. h. die Art der Phosphorescenz, welche 
schon dem Auge bemerkbar ist, noch eine nachdrücklichere 
Wirkung ausüben werde. Ich habe in dieser Beziehung einige 
Versuche angestellt, zu welchen vorerst sehr empfindliches 
photographisches Papier verwendet vnirde. Die Empfindlich- 
keit des frisch bereiteten Papieres war der Art, dass es 
innerhalb 4 Sekunden dem gewöhnlichen Tageslichte ausge- 
setzt, eine sehr deutliche Veränderung zeigte. 

Zunächst untersuchte ich die Einwirkung desPhosphor- 
leuchtens auf photographisches Papier. Obgleich diese Art 



Vogü: Die Oiem. Wirhmg^ hei LMtkmMMkkmffen. 3<7 

der LichtaaBströmimg eigentlich nicht hierher gehört, indeiA 
wie bdcannt das Leuchten des Phosphors durch ein lang«- 
sames Verbrennen bedingt wird, so hat doch das Phosphor« 
iicht in seiner Erscheinung so grosse Aehnlichkeit mit dem 
phosphoresoirenden Lichte und dem durch Insolation hervcH^ 
^brachten, dass es hier ebenfalls einen Platz finden mag. 

Die Beobachtungen über die photographischen Wiricmi** 
gen ^ des Phosphorleuchtens sind nicht ganz so einfadi anzu- 
stellen, als sie es auf den ersten Blick zu sein sdieinen. 
Lässt man ein Stüdc E^iosphor auf einer Qlasspitze in einem 
geräumigen Ballon leuchten, so ist wenigstens nach meinen bis* 
herigen Versuchen auch dann, wenn man das ReaktiMS* 
papier so sehr als möglich dem im Ballon befindlichen Phos^ 
phorstück n^ert, dennoch kdne photographische Wirkung 
bemerkbar, indem der Phosphor unter diesen Verhältnisseo 
iHcht lange und nicht stark g^ug leuchtet. Es ist femer 
natürlich vor Allem nothwendig, das Papier tot der Berühr- 
tmg der Verbrennungsprodukte des leuchtenden Phosphors 
auf das Sorgfaltigste zu schätzen, indem bekanntlich diese 
selbst das Silbersalz affidren. Niepce^) gibt an, dass eine 
mit Phospho^ auf weissem Papier gemachte leuchtende Zeich- 
nung auf photographischem Papier rasch einen Abdruck er- 
zeuge. Ein solcher Abdruck findet aber auch und fast eben 
so rasch statt, wenn man, wie ich mich wiederholt zu über- 
zeugen Gelegenheit hatte, zwischen die leuchtende Zeichnung 
und das photographisohe Papier eine dicke Lage yon grauem 
Filtrirpapier bringt, wo also nicht die mindeste Lichtdn- 
Wirkung, wohl aber die durchdringende Einwirkung der Vw- 
brennungsprodukte des Phosphors eintritt. Es ist schon am 
angegebenen Orte erwähnt, dass schon durch die Einschaltung 
«iner Glasplatte die Wirkung unterbrochen werde, offenbar 
weil abgesehen von dem dadurdi sehr yerminderten Luftzu- 



(1) Gomptes rendus. B. 58. S. 33. 1861. 



268 SiUf^mg der nuiihrphi^. Gia8$e vom 14. Nov. laes. 

tritt .die Phosphordämpfe , obschon sie eine didite Papier* 
schichte durchdringen, durch eine Glasplatte hermetisch t(A 
dem darüberli^enden Papier abgeschlossen werden. Ich 
habe die dünnste Glasplatte, wie sie zum Zwecke mikro* 
ekopischer Deckgläser y^wendet wird, zwischen die Phosphor- 
zeichnung und das photographische Papier gebracht, ohne 
die geringste Einwirkung beobachten zu können« 

Dieser Versuch ist indess insofame nicht entscheidend^ 
als eine mit Phosphor auf wasssem Papier angebrachte Zeich* 
nung doch immer nur sehr kurze Zeit leuchtet und wahr- 
scheinlich bei weitem nicht }q*äfitig genug., um eine durch 
das licht bedingte Veränderung auf dem pbotographischen 
Papier hervorzubringen. Auch ein Stück Phosphor auf eine 
dünne Glasplatte gel^, zeigte auf darunter befindliches 
photographisches Papier keine Wirkung, indem ohne künst* 
liehen Luftzutritt das Leuchten des Phosphors sich bald ver- 
ringert und zu früh ganz aufhört. Ueberdiess ist es bei 
dieser Vorrichtung des Versuchs nicht leicht möglich, die 
seitliche Einwirkung der Phosphordämpfe auf das darunter 
liegende Papier völlig aufzuheben. 

Um zu einem sicheren Resultate zu gelangen, habe ich 
den Versuch etwas abgeändert und eine Vorrichtung ange- 
wendet, welche, 'wie ich glaube, dem Zwecke besser zu ent^ 
spreö£pen im Stande ist. In ein V förmiges Glasrohr brachte 
ich einige Stücke Phosphor, löste sie in Schwefelkohlenstoff 
and liess denselben durch Einleiten von Luft unter fortwäh* 
rendem Schütteln des Rohres vollständig verdampfen. Es 
ergibt sich daraus der Vortheil, dass man an dem mittleren 
Theile des V förmigen Rohres den Phosphor in einer dünnen 
gleichmässig vertheilten Schichte erhält. Leitetman durch dieses 
Rohr einen Luftstrom hindurch, so ist das Leuchten im Dunkela 
so bedeutend, dass man Gedrucktes in die Nähe gehalten, 
ganz deutlich lesen kann. Das dünn geblasene V förmige 
Rohr, am besten eignet sich hiezu ein Liebig'sches Trocken- 



* Vogel: Die ehern, Wirkung bei Lichtat48strählungen. 269 

xohr, — wurde, nachdem es in der angegebenen Weise an 
den innem Wandungen gleichförmig mit einer Phosphor- 
Schichte überzogen war, mit einem zur Hälfte durch schwar- 
zes Papier bedeckten Streifen photographischen Papi^res um- 
wickelt, hierauf mit schwarzem Tuch umwunden und in 
«in Metallgefäss eingesetzt, aus dessen Deckel ein längerer 
Fortsatz des V formigen Rohres hervorragte. Das üeber- 
leiten der Luft geschah mittels eines Aspirators, welcher 
ausserhalb der Dunkelkammer befindlich mit dem Vformi- 
gen Rohre durch eine in der Thüre angebrachte Oefifnung 
in Verbindung stand. Auf «olche Weise ist es unter voll- 
kommenem Schutze vor den Verbrennungsprodukten des Phos- 
phors möglich, die Wirkung des leuchtenden Phosphors län- 
gere Zeit ununterbrochen vor sich gehen zu lassen. Nach 
ungefähr 12-stündiger Fortsetzung des Versuchs, während 
welcher Zeit man sich mehrmals überzeugt hatte, dass der 
Phosphor unausgesetzt stark leuchtete, wurde das photogra- 
phische Papier von dem Rohre abgenommen und in Wasser 
vollständig ausgewaschen. Es zeigte sich nun bei der Be- 
trachtung desselben am Tageslichte unzweifelhaft die Ein- 
wirkung auf die von dem leuchtenden Rohre berührten Stel- 
len. Die Wirkung ist indess im Verhältniss zu der langen 
Dauer des Versuches, sowie zur bedeutenden Helligkeit 
doch eine überraschend geringe. Wahrscheinlich wäre der 
Effekt ein viel mehr energischer, wenn man den leuchtenden 
Phosphor unmittelbar auf das photographische Papier bringen 
oder wie das insolirte Salzpapier darauf pressen könnte. 

Dass eine, wenn auch noch so dünne Gasschichte die 
Lichtwirkung sehr wesentlich schwächt, geht schon daraus 
hervor, dass ein photographisches Papier von einer freibren- 
nenden Kerze schneller afficirt wird, als von einer Lampe 
mit Glasc]rlinder, deren Leuchtkraft nach vergleichenden pho- 
tometrischen Bestimmungen 4-mftl stärker ist , als die der 

[1863. II. 3.] 19 



270 Sitzung der math.-phys. Classe vom 14. Nov, 1863. 

Kerze. Wie sehr das Glas in der That einen wesentlichen 
unterschied auf die Beleuchtung ausübt, habe ich ausserdem 
durch einen direkten photometrischen Versuch herzustellen 
gesucht. Mittelst des Bunsen'schen Photometers in der Modi- 
fikation Yon Bohn wurde eine Kerze genau auf das Normal- 
licht eingestellt. Bringt man nun vor das Normallicht eine 
farblose Glasplatte ungefähr in der Dicke der gewöhnlichen 
Fensterscheiben, so tritt der dunkle Fleck sogleich an dem 
Spiegel auf und die zum Versuche verwendete Kerze muss 2 
bis 3 Zoll herausgerückt werden, um sie wieder auf das 
Normallicht einzustellen. Die Wirkung variirt natürlich nach 
der Farblosigkeit und Dicke der Glasscheibe. 

Wenn ich die Angabe Niepce's, welcher von einer auf 
einem Pappblatte mit üiansalz oder Weinsäure ausgeführten 
Zeichnung noch in 2 bis 3 Centimetem Entfernung auf photo- 
graphischem Papiere deutliche Abdrücke erhalten hat, nicht 
bestätigen konnte, so liegt diess wohl in dem verschiedenen 
Empfindlichkeitsgrade des photographischen Papieres, wie über- 
haupt alle Angaben in dieser Beziehung sich immerhin nur 
auf eine Papiersorte von einem bestimmten Empfindlichkeits- 
grade beziehen können. Das zu den beschriebenen Versudien 
verwendete Papier, theils von photographischen Anstalten 
bezogen, theils selbst dargestellt, war wie schon angegeben, 
von einer bedeutenden Empfindlichkeit, was jedoch nicht 
ausschliesst, dass bei möglicherweise noch gesteigerter 
Lichtempfindlichkeit die Resultate etwas verschieden ausfallen 
mögen. 

Zu einem ferneren Versuche wurde eine Glasplatte mit 
einer sehr empfindlichen Collodium - Jodsilberschichte über- 
zogen und mit einem an verschiedenen Stellen ausgeschnit- 
tenen Papierstreifen belegt. Nach dreistündiger Einwirkung 
des Phosphorlichtes zeigten sich beim Hervorrufen mit Eisen- 
vitriol die vom Papier nicht bedeckten Stellen deutlich affi- 



Vogel: Die ehem. Wirkung bei Lichta/uastrMungen. 271 

drt. Die durch das Phospliorleuchten innerhalb 3 Stunden 
hervorgebrachte Wirkung steht ungefähr der durch das Ta- 
geslicht in 6 Sekunden auf die in derselben Weise präparir- 
ten Platte gleich. 

Weniger umständlich sind die Versuche, wenn man die 
phosphorescirenden Körper mit dem photographischen Papier 
in unmittelbare Berührung bringen kann. Hierher gehören 
einige Beobachtungen, die ich in dieser Beziehung an Fluss- 
spath und Zucker, welche als vorzugsweise phosphorescirende 
Substanzen bekannt sind, gemacht habe. Grobgepulverter 
Flussspath wurde in einer flachen Platinschaale stark erhitzt 
und dann unter Einwirkung der direkten Sonnenstrahlen ab- 
gekühlt. Wird von diesem Flussspathpulver etwas auf pho- 
tographisches Papier gebracht und unter vollständigem Licht- 
abschluss angedrückt, so bemerkt man nach längerer Ein- 
wirkung deutliche Spuren einer Lichtreaktion auf dem pho- 
tographischen Papier. Etwas -unsicher ist die Wirkung mit 
Flussspath , welcher nach dem Erwärmen im Dunkeln abge- 
kühlt worden ist. Es scheint daher beinahe die lediglich 
durch Temperaturerhöhung hervorgebrachte Phosphorescenz 
weniger energischer zu wirkj^n, als die durch Insolation. 
Ob indess die chemische Lichtwirkung überhaupt nur durch 
Abgabe aufgesogener Lichtstrahlen und nicht durch die aus 
der Temperaturerhöhung hervorgegangenen Phosphorescenz 
bedingt werde, hierüber werden noch weiter fortgesetzte 
Versuche entscheiden. 

Ein Stück weisser Zucker einige Stunden den Sonnen- 
strahlen ausgesetzt, wurde in einem dicht verschliessbaren 
Blechkasten auf photographisches Papier befestigt. Auch 
hier konnte, nachdem die Einwirkung einige Zeit gewährt 
hatte, nach dem Auswaschen des Papieres eine Reaktion in 
der Umgrenzung des Zuckerstückes nicht verkannt werden. 

EndUch will ich noch erwähnen, dass die Gewiclitsab- 



19* 



272 Sitzung der matK-phys. Clawe vom 14. Nav, 1863. 

nähme eines pbotographiscben Papieres, wenn man es den 
Sonnenstrahlen so lang ausgesetzt hat, bis keine ^fernere 

m 

Schwärzung mehr eintritt, eine sehr bemerkbare ist. Ein 
Stück photographiscbes Papier, welches nach dem vollstän- 
digen Trocknen im Dunkeln 1,120 Grm. wog, wurde mehrere 
Tage der Sonne ausgesetzt. Nach dem abermaligen Trock- 
nen zeigte sich eine Gewichtsverminderung von 16 Milligrm. 
Selbstverständlich können diese Versuche durchaus kein Re- 
sultat ergeben, wenn nicht, wie es hier geschehen, auf das 
Trocknen des Papieres vor und nach der Exposition, auf 
das Genaueste Rücksicht genommen wird. 



Herr Nägeli trug vor: 

A. Ueber die chemische Verschiedenheit der Stärke- 
körner. 

Es ist schon längst bekannt, dass die verschiedenen Stärke- 
mehlarten bei der Eleisterbildung sich ungleich verhalten. 
Diese Thatsache war unerklärlich, so lange man glaubte, die 
Amylumkömer bestehen alle aus dem nämlichen chemisch- 
reinen Stoff. Seitdem ihre Zusammensetzung aus zwei ver- 
schiedenen Verbindungen feststeht, ist auch die Möglichkeit 
für eine chemische oder richtiger für eine Sub^tanzverschie- 
denheit gegeben. Denn es können die beiden Verbindungen 
in ungleichen Mengenverhältnissen und in ungleicher Zusam- 
menordnuDg der kleinsten Theilchen sich mit einander com- 
biniren. 

Ich will heute vorzugsweise die Verschiedenheit der Kar- 
toffel- und der Getreidestärke besprechen und einige Bemerk- 
ungen über die Differenz zwischen jungem und altem Eör- 
nem der gleichen Stärkemehlart beifügen. 



Nägeli: Die ckem, Verschiedenheit der StärJcekömer, 273 

Verschiedenheit der Kartoffel- und Weizenstärke. 

Meine Untersuchungen mit Speichel hatten mich früher 
zu dem Schlüsse geführt, dass die Weizenstärke verhältniss- 
massig beträchtlich mehr Granulöse und weniger Gellulose 
enthalte, als die Kartoffelstärke. Ich fand nämlich, dass aus 
dem Weizenstärkemehl schon bei der Körperwärme die Gra- 
nulöse von Speichel ausgezogen wird, während bei gleicher 
Behandlung das Kartoffelstärkemehl YoUkommen unverändert 
bleibt, sowie femer, dass die Celluloserückstände des erstem 
viel geringer sind als die des letztern. 

Diese Schlussfolgerung verlangte indess eine nochmalige 
Prüfung, da einige seitdem gemachte Beobachtungen damit 
im Widerspruche zu stehen schienen und da es sich ferner 
zeigte, dass der Speicliel offenbar nicht bloss die Granulöse, 
sondern zugleich auch einen Theil der Gellulose auflöst. 

Was vorerst den zweiten Punkt betrifft, so beobachtet 
man nach Einwirkung des Speichels nicht selten Körner, an 
d^en einzehie Partieen, selbst die Hälfte und mehr, ganz ver- 
schwanden sind. Es ist diess Folge einer etwas zu hohen 
Temperatur, beweist aber, dass der Speichel sammt der Gra- 
nulöse auch die Gellulose auflösen kann. Wäre nun die letz- 
tere in dem Stärkekom überall von gleicher moleculärer 
Beschaffenheit und somit auch von gleicher Löslichkeit, so 
müsste es leicht sein, die Temperaturgrenze zu bestimmen, 
unter welcher die Gellulose dem Speichel widersteht. Allein 
die Gellulose hat in den verschiedenen Schichten und wahr- 
scheinlich auch in den verschiedenen räumlichen Punkten der 
nämlichen Schicht eine sehr ungleiche Weichheit; und es 
bleibt daher immer zweifelhaft, ob und wie viel derselben 
von dem Speichel mitgelöst worden sei. 

Diese Vermuthung wird durch die Versuche mit Salz- 
säure und Schwefelsäure^ bestätigt. Da diese Mittel bei ge- 
wöhnlicher Temperatur angewendet w^den, so ist es leicht^ 
ihre Wirksamkeit durdh beliebige Verdünnung ganz genau 



274 SUtfung der m(Uh.'phys. Clane wm 14. Nav, 1863. 

zu reguliren and so langsam, als es nothwendig ist, eintreten 
zu lassen. In der That sind die Gelluloserückstände nach 
Behandlung mit Salzsäure viel beträchtlicher als nach der 
mit Speichel. Aus dem Lichtbrechungsvermögen hatte ich 
früher geschlossen, dass der Speichel ung^ähr ^/6 der Sub- 
stanz Ton Eartoffelstärkekömern ausziehe und V^ zurück- 
lasse. Die Salzsäure lässt wohl wenigstens ein Dritttheil als 
eine durch Jod und Wasser nicht mehr zu färbende Masse 
zurück. 

Mit Berücksichtigung des eben Gesagten verlor der frü- 
here Schluss auf die Verschiedenheit in der chemischen Zu- 
sammensetzung der Weizen- und Kartoffelstärke seine zwin- 
gende Nothwendigkeit. Es wäre nämlich nicht unmöglich, 
dass das Weizenstärkekom zwar eine geringere Menge Gra- 
nulöse enthielte, aber in der Art mit der Gellulose gemengt, 
dass jene bei Einwirkung des Speichels einen grossen Theil 
der letztern mit fort zöge, während in dem Kartoffelstärke- 
körn zwar eine grössere Menge Granulöse sich befände, aber 
vermöge einer günstigen Anordnung durch den Speichel allein 
aufgelöst würde. Diese Zweifel wurden noch verstärkt durch 
die zwei andern Beobachtungen, erstlich die, dass die Kar- 
tofft/lstärke durch Jod und Wasser einen reiner blauen Ton 
annimmt, und dass sie zweitens eine etwas stärkere Verwandt- 
schaft zu Jod äusserst, als die Weizenstärke. 

Ich habe schon bei einem frühern Vortrag darauf auf- 
merksam gemacht, dass die Weizenstärke, wenn sie gans 
unter gleichen Umständen Jod au&immt, immer etwas mehr 
auf Violett oder Roth geht, als die Kartoffelstärke. Man 
überzeugt sich davon am leichtesten, wenn man Kartoffel- 
und Weizenstärkemehl auf dem gleichen Objektträger unter- 
einander mengt, und dann in verschiedener Weise färbt und 
entfärbt. Da nun die Granulöse der Grund ist, warum die 
Stärke mit Jod und Wasser eine blaue Farbe annimmt, so 
könnte man vermuthen, dass die Kartoffelstärke mehr Gra- 



Nägeli: Die c/iem. Veraehiedenkeit der Stä/rkekömer, 275 

nulose enthalte, als die Weizenstärke, gleichwie die innere 
Masse eines Eartoffelstärkekorns sich reiner blau färbt, als 
die an Granulöse ärmere Rinde. 

Rücksichtlich der Verwandtschaft zu Jod besteht zwar 
Bur eine sehr geringe Verschiedenheit zwischen Kartoffel- 
und Weizenstärke. Sie kann aber durch sorgfältige Ver- 
suche evident gemacht werden. Mischt man beide Stärke- 
mehlarten und färbt dieselben äusserst langsam, so nehmen 
die Kartoffelstärkekörner das Jod immer etwas früher auf. 
Befindet sich das Präparat in einem Wassertropfen, so thut 
man am Besten, die Jodstückchen nur in die Nähe desselben 
zu bringen, und durch die Verdampfung wirken zu lassen. 
Man wird dann finden, dass von zwei Körnern, die unmittel- 
bar nebeneinander liegen, das Kartoffelstärkekorn schon deut- 
lich blau ist, ehe man an dem Weizenstärkekorn eine Färb- 
ung wahr nimmt, sowie dass Jenes fortwährend intensiver 
gefärbt erscheint. Mit dieser Beobachtung stimmt der Ver- 
such überein, dessen ich bei einer frühem Mittheilung 
(13. Dez. 1862) erwähnt habe. Wenn man nämlich durch 
Jod und Wasser gefärbtes Weizenstärkemehl mit Kartoffel- 
stärkßmehl und Wasser in einem verschlossenen Glase stehen 
lässt, so entzieht das letztere dem ersteren die grösste Menge 
des Jod. Das Kartoffelstärkemehl wird schwarzblau, das 
Weizenstärkemehl bell- violettblau. — Auch diese Tha^sache 
könnte man versucht sein so zu deuten, dass das erstere 
mehr Granulöse enthalte, als das letztere, gleichwie die mehr 
Granulöse enthaltende innere Substanz eines Kartoffelstärke- 
korns zu Jod eine grössere Verwandtschaft hat, als die cellu- 
losereichere Rinde. 

Vergleichende Beobachtungen, die über das Quellungs- 
vermögen des Kartoffel- und Weizenstärkemehls angestellt 
wurden, ergaben analoge Resultate. Wässerige Lösungen von 
Aetzkali, Schwefelsäure, Salzsäure oder Chlorzink wurden so- 
weit verdünnt, dass die Stärkekömer in ihnen nicht aufquollen. 



276 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 14, Nov. 1663. 

• 

Dann wurden in einem auf dem Objektträger ausgebreiteten 
Tropfen die beiden Stärkemehlaiien mit einander vermengt 
und das offene Präparat der Verdunstimg überlassen. Mit 
der zunehmenden Concentration der Lösung fingen die Kör- 
ner an vom Rande des Präparates aus aufzuquellen. Das Kar- 
toffelstärkemehl eilte dabei immer etwas dem Weizenstärke- 
mehl voraus, so dass von zwei nebeneinanderfiegenden Kömern, 
die gleich oder ungleich gross waren, das Kartoffelstärkekom: 
schon ziemlich stark aufgequollen war, ehe man eine Ver- 
änderung an dem Weizenstärkekom bemerkte. — Bei An- 
wendung von Kupferoxydammoniak wurde das umgekehrte 
Verhalten beobachtet. In diesem Lösungsmittel quoll zuerst 
das Weizenstärkekorn und etwas später das Kartoffelstärke- 
kom auf, wenn beide gleiclizeitig von der Flüssigkeit erreicht 
wurden. — Auch diese Thatsachen Hessen sich recht gut 
durch die Annahme erklären, dass das Weizenstärkemehl 
verhältniösmässig mehr Cellulose enthalte, als das Kartoffel- 
stärkemehl. 

Wichtig sind die Beobachtungen, betreffend die Veränder- 
ungen, welche die Stärkekörner in verdünnten Säuren wäh- 
rend sehr langer Dauer erfahren. Kartoffel- und Weizen- 
stärkemehl wurde gemengt und in verschlossenen Gläsern 
mit Salzsäure von verschiedenen Verdünnungsgraden angesetzt. 

A. Ein Glas, in welchem wasserhaltige Salzsäure von 
1,047 spez. Gewicht, also mit 9,7 Prozent Säuregehalt sieb 
befand, gab nach 5 Wochen folgende Resultate. 

Die Kartoffel- und Weizenstärkekörner zeigten sich unter 
dem Mikroskop wenig verändert Wenn ein Tropfen der 
Flüssigkeit auf den Objektträger gebracht und einige Stück* 
chen Jod darauf gelegt wurden, so färbten sich zuerst alle 
Weizenstärkekörner violett, indess die Kartoffelstärkekörher 
noch ganz farblos blieben. Erst nach einiger Zeit fingen 
diese an sich zu färben, und zwar wurden diejenigen, welche 
unmittelbar neben den Jodsplittern sich befanden, gelb, nach* 



Nägdi: Die ehem. Venehiedmheit der Stärkelkömer. 277 

her röthlich braun, die nächstfolgenden wurden fleischfarben, 
dann braunroth-violett , die entfernteren alle blass-rosenroth, 
dann rothviolett. Eine beträchtlichere Jodeinlagerung machte 
alle Kömer undurchsichtig und schwarz. 

Wenig Jod in verdünnter Jodzinklösung färbte ebenfalls 
die Weizenstärkekömer violett, die Kartoffelstärkekörner gelb. 
Zusatz von metallischem Jod verwandelte das Violett der er- 
stem in Schwarz, das Gelb der zweiten durch Gelbbraun in 
Schwarzbraun. 

Wenn ich einen Tropfen der Flüssigkeit auf einem ver- 
tieften Objektträger stehen liess, so verschwanden in der 
concentrirter werdenden Salzsäure zuerst die Weizenstärkekör- 
ner. Noch sicherer wurde dieses Resultat erzielt, wenn der 
Flüssigkeit nur wenig Schwefelsäure zugesetzt wurde, so dass 
die Kömer anfänglich noch unverändert blieben und ei*st 
beim Verdunsten des Wassers die Wirkung der Säure er- 
fuhren. — Auch Ghlorzinklösung loste, wenn der Versuch 
in gleicher Weise angestellt wurde, die Weizenstärkekömer 
etwas früher. 

Das entgegengesetzte Resultat ergab aber Kupferoxyd- 
ammoniak. Wenn ein Tropf^i der Flüssigkeit auf dem Ob- 
jektträger ausgebreitet, mit Fliesspapier abgetrocknet und 
zu dem mit einem Deckglas versehenen Präparat von der einen 
Seite Kupferoxydammoniak zugesetzt wurde, so beobachtete 
man, wie mit dem Fortschreiten des letzteren die Kömer 
aufgelöst wurden; und dabei zeigte sich deutlich, dass von 
mehreren nebeneinander befindlichen Kömern immer die aus 
der Kaitoffel zuerst und etwas nachher die aus dem Wei- 
zen" verschwanden. 

B. Ein anderes Glas mit Salzsäure von 1,059 spez. Ge- 
wicht (= 12,2 Proz. Salzsäure) gab, ebenfalls nach 5 Wo- 
chen, folgende Resultate. Wenn ein Tropfen auf dem Ob- 
jektträger ausgebreitet und metallisches Jod daraufgelegt 
wurde, so £arbten sich zuerst die Weizenstärkekömer violett. 



278 SiUung der mafh^-phys. Gasse vom 14, Nov. 1863, 

Darauf begann langsam die Färbung der Kartoffelstärkekör- 
ner. Die in der Nähe de« Jod befindlichen wurden zuerst 
blas8*gelblichfleisGhfarben, dann intensiver fleischfarben, aber 
mehr in Bothorange spielend; erst ziemlich später färbte sich 
die innere Masse rothriplett» An den weiter von den Split- 
tern entfernten Eartoffelstärkekörnem wurde zuerst das In- 
nere roth violett; dasselbe war von einer farblosen, nachher 
von einer hellem Binde umgeben. Bei längerer Einwirkung 
des Jod wurden die Weizen-, sowie die Kartoffelstärkekörner 
schwarz. 

Ueberliess ich einen Tropfen der Flüssigkeit auf dem 
Objektträger der Verdunstung, so wurden in der oonoentrirter 
werdenden Säure weder die Wejzenstärkeköiner noch die Kar- 
toffelstärkekörner gelöst, sondern beide trockneten ein. 

Wurde das Stärkemehl aus der fraglichen Flüssigkeit 
mit verdünnter Schwefelsäure auf den Objektträger gebracht, 
so blieben sowohl die Weizen- als die Eartoffelstäikekörner 
in der durch die Verdunstung des Wassers concentrirter wer- 
den Säure ungelöst. Liess ich aber zu Präparaten in Salz- 
säure von dem einen Ban^e des Deckgläschens eine noch 
stärker concentrirte Schwefelsäure einwirken, so verschwan- 
den in einer Gruppe beisammenliegender Kömer immer zu- 
erst die Weizenstä^'kekömer. 

Wenn eine Probe des ausgezogenen Stärkemehlgemenges 
mittelst Wasser ausgewaschen und die Präparate dann mit 
verdünnter Chlorzinklösung der Verdunstung preisgegeben 
winden, so verschwanden die Kartoffel- und die Weizenstärka- 
körner fast gleichzeitig ; zuweilen schienen indess die erstem 
etwas länger zu widerstehen. Den gleichen Erfolg hatte der 
Versuch, wenn von dem Bande des Deckgläschens aus con- 
centrirte Ghlorzinklösung allmählich sich über das Präparat 
verbreitete. 

Kupferoxydammoniak löste ebenfalls die beiden Stärke- 
meblarten fast gleichzeitig, doch, deutlich die Kartoffelstärke- 



/ 



Nägdi: Die ehem. Verschiedenheit der Stärkek&mer, 279 

körner etwas früher, so dass von mehreren beisaaupen lie* 
genden Körnern immer diejenigen des Weizenmehls dem lang* 
sam vorrückenden Lösongsmittel am längsten widerstanden. 

C. Vier Wochen später yeriiielt sich das Stärkemehl in 
dem ersten Glas, in welchem sich Salzsäure von 1,047 spes. 
(Gewicht befand, folgenderinaassen. Wenn ein Tropfen der 
Flüssigkeit mit einigen Stückchen Jod auf den Objektträger 
gebracht wurde, so färbten sich rasch alle Weizenstärkekör- 
ner violett. Die Kartoffelstärkekömer erschienen anfanglich 
während einiger Zeit noch ganz farblos, dann nahmen die 
dem Jodstückchen zunächst liegenden langsam etwas Jod auf 
und wurden blassgelblich. Erst unmittelbar vor dem Ein* 
trocknen des Präparats färbten sich die Kartoffelstärkekömer 
rothviolett« 

Wurde ein Tropfen der Flüssigkeit auf dem Objektträger 
unbedeckt stehen gelassen, so lösten sich in der concentrirter 
werdenden Salzsäure keine Körner; ebensowenig, wenn dem 
Tropfen der Flüssigkeit vorher ein Tropfen sehr verdünnter 
Schwefelsäure beigemengt wurde. Liess ich aber etwas con* 
centrirtere Schwefelsäure zutreten, so lösten* sich in derselben 
die Weizenstärkekörner etwas früher, als die Kartoffelstärke^ 
körner. In Kupferoxydammoniak dagegen verschwanden die 
letztern wenig früher, als die erstem. 

D. Das zweite Glas mit Salzsäure von 1,059 spez. Gewicht 
gab zur nämlichen Zeit, also ebenfalls 4 Wochen nach der 
Beobachtung B. folgendes Resultat. Wurde ein Tropfen der 
Flüssigkeit mit metallischem Jod zusammengebracht, so färb* 
ten sich die meisten Weizenstärkekörner gar nicht mehr, 
einige wenige wurden blassviolett. Die den Jodstückchen 
zunächst liegenden Kartoffelstärkekörner wurden blassgelblich. 
Unmittelbar vor dem Eintrocknen nahmen die erstem einen 
violetten, die letztem einen roth violetten Ton an. — In 
hinreichend concentrirter Schwefelsäure, ebenso in Kupfer- 
oxjdammoniak, lösten sich beide Stärkemehlarten fetöt gleich- 



2B0 Sitgung der math.'phys, GUxMe vom 14, Nov, 1863, 

zeitig; doch in beiden Mitteln die aus dem Weizen meist 
wenig früher^ als die Kömer der Kartoffel. 

Es wurden noch verschiedene Versuche mit Weizen-, 
Grersten- und Kartoffelstärkemehl angestellt, welche die näm* 
liehen Resultate ergaben, wie die eben angeführten, und wo- 
bei sich femer zeigte, dass Weizen- und Gerstenstärkemehl 
sich Yollkommeii gleich verhalten. Ich erwähne noch eines 
dieser Versuche, um die Veränderungen in der Reaction auf 
Jod genauer darzulegen. 

E. Ein Glas wurde mit Salzsäure von 1,05 spez. Ge- 
wicht (= 10,2 Proz. Salzsäure) angesetzt und in dasselbe 
Kartoffelstärkemehl und Weizenstärkemehl von ungefähr glei- 
chem Gewicht gegeben. Von Zeit zu Zeit untersuchte ich 
die stattgehabte Einwirkung, indem ich einen Tropfen der 
Flüssigkeit auf den Objektträger brachte und einige Stück- 
eh^ Jod darauf legte. 

a. Beim Beginne des Versuches ergab sich die nämliche 
Färbung wie in Wasser. Die Kartoffelstärkekömer nehmen 
das Jod wenig früher auf, und lagern es mit indigoblauer 
Farbe ein, während die Weizenstärkeköm^ mehr violett 
werden. 

b. Zwei Tage später. Die bdden Stärkemehlarten fär- 
ben sich gleichzeitig; das Weizenstärkemehl wie anfänglich; 
das Kaitoffelstärkemehl etwas weniger blau, als im unver- 
änderten Zustande. Letzteres ist violett und blauviolett, 
theils ganz wie das Weizenstärkemehl, theils noch etwas 
blauer als dasselbe. 

c. 3 Tage später. Das Weizenstärkemehl färbt sich 
merklich schneller und intensiver, als das Kartoffelstärke- 
mehl. Ersteres wird violett, letzteres wird tothviolett. 

d. 3 Tage später. Das Weizenstärkemehl wird violett, 
ehe das Kartoffelstärkemehl anfangt sich zu färben. Letz- 
teres nimmt einen rothvioletten bis rothbraunen Ton an. Be- 
obachtet man ein einzelnes Kartoffelstärkekom, das in eini- 



Nägdi: Die ehem. Versekiedenheit der Stärkdcomer. 281 

ger Entfernung von einem Jodstückchen sich befindet, so ist 
dasselbe zuerst blassblau; es wird, je mehr Jod es aufnimmt, 
immer violetter, dann Tothviolett und zuletzt rothbraun. 

e. 3 Tage später. Die Weizenstärkekörner haben schon 
eine intensiv violette Farbe angenommen, welche kaum ver» 
schieden ist von der Färbung im unveränderten Zustande, 
während die Eartoffelstärkekömer noch fast farblos er« 
scheinen. Die letzteren werden dann blassblauviolett, darauf 
gehea sie durch Braunroth in Braunorange über. 

f. 4 Tage später. Das Weizenstärkemehl ist intensiv 
violett, ehe das Kartoffelstärkemehl die geringste Farbe zeigt 
Dieses nimmt dann zuerst einen hellrothvioletten Ton an, 
welcher später braunorange und fast braungelb wird. Lässt 
man das Präparat stehen, so geht das Braunorange unmittel- 
l)ar vor dem Eintrocknen (wenn das Präparat bloss noch 
schwach angefeuchtet ist) in Violett über, weldies bei voll* 
ständigem Eintrocknen etwas röther, bei Zusatz von Wasser 
^ber deutlich blauer wird. Dieser Farbenwechsel rührt offen* 
bar von der Bildung von Jodwasserstoffsäure her. 

g. 10 Tage später. Das Weizenstärkemehl wird wie 
«bei der letzten Beobachtung intensiv violett, ehe das Kar- 
toffelstärkemehl die geringste Färbung erkennen lässt. Letz- 
4;eres wird dann zuerst blass-fleischfarfoen, nachher hellbraun 
und fast braungelb. Nach dem Eintrocknen sind die Kar* 
4;offel8tärkekörner violett. Nach dem Wiederbefeuchten mit 
•Wasser werden sie blau; manche blättern sich ab und zer- 
.fliessen in eine verschwindende Wolke. 

h. 15 Tage später. Vei-halten wie bei der letzten Unter- 
rsuchung ; die Kartoffelstärkekömer färben sich langsam blass* 
.'fleischfarben und später braungelb. 

i. 20 Tage später, also 60 Tage nach dem Beginne 
^es Versuches. Die Weizenstärkekömer färben sich.int^asiv 
violett, indess die Kartoffelstärkekörner vollkommen farblos 
bleiben. Von den letosteresi and, wenn dem Flüssigkeits- 



N 



282 SUmng der math.-physi Glosse vom 14. Nov. 1863. 

tropfen eine hinreichende Menge Wasser beigefügt wird, selbst 
nach mehrstündiger Einwirkung nur diejenigen, welche sich 
in der nächsten Nähe der Jodsplitter befinden, braungelblich. 
Dieser blasse, braungelbliche Ton wird durch die Bildung 
von Jodwasserstoffsäure bedingt; er tritt um so früher ein, 
je mehr Jod und je weniger Flüssigkeit auf dem Objekt- 
träger sich befindet, und geht vor dem Eintrocknen durch 
Braunroth und Rothviolett in ein schönes Blauviolett über. 
Nach erfolgtem Eintrocknen ist die Farbe im Allgemeinen 
yiolett; ihre Nuance hängt von der Menge der gebildeten 
Jodwasserstoffsäure und davon ab, ob im Moment der Fixir- 
ung die Jodeinlagerung noch fortdauerte oder ob das einge- 
lagerte Jod bereits zu entweichen begann. Nicht selten be- 
obachtet man, dass dei* Ton der Kartoffelstärkekörner etwas 
blauer ist, als der des Weizenstärkemehls. 

k. 30 Tage später, also nach 90-tägiger Versuchsdauer. 
In dem Verhalten des Kartoffelstärkemehls ist seit der letz- 
ten Beobachtung keine bemerkbare Aenderung eingetreten. 
Die violette Farbe, welche das Weizenstärkemehl annimmt, 
ist heller, schmutziger und geht mehr auf Roth als früher. 
Vor dem Eintrocknen des Präparats werden beide Arten von 
Stärkekömem schön violett; nach dem Befeuchten des trock- 
nen Präparates bleiben die Kömer zuweilen ganz, nur dass 
sich manche Kartoffelstärkekörner etwas abblättern. 

1. 45 Tage später, 4^8 Monate nach dem Anfange des 
Versuches. Das Weizenstärkemehl und das Kartoffelstärke- 
mehl verhalten sich gegen Jod und Wasser ganz gleich. Nur 
die in der Nähe der Jodsplitter befindlichen Körner färben 
sich schwach braungelb, die übrigen bleiben farblos. Bei 
starker Abnahme der Flüssigkeit durch Verdunstung gehen 
alle durch Rothbraun in Blauviolett über. Hiebei beobachtet 
man aber, dass die Weizenstärkekörner diese Farbenreaction 
etwas früher zeigen. Man kann die Verschiedenheit oxtch 
diiridx Jodwasserstoffsäure oft sdhir schön zur Anschauung 



Nägdi: Die ehem. Verschiedenheit der Stärkeh&mer, 2S3 

bringen. Eine starke Verdünnung derselben befähigt die 
Weizenstärkekömer durch Jod sich blauyiolett zu förben, 
während die Kartoffelstärkekömer entweder äberall blass- 
rothbr^un werden oder höchstens in ihrem Innern einen 
schmutzigvioletten Ton annehmen. 

Vergleichen wir alle mitgetheilten Thatsachen miteinander, 
so ergeben sich für die Verschiedenheit der Kartoffel- und 
Weizenstärkekömer, rücksichtlich ihrer Zusammensetzung fol- 
gende Schlüsse: 

1) Rücksichtlich des Gehaltes an Imbibitionsflüssigkeit 
scheinen die Weizenstärkekömer schon im unveränderten Zu- 
stand aus einer etwas weichem Masse zu bestehen, als die 
Kai-toflfelstärkekörner. Diess geht ziemlich sicher aus dem 
verhältnissmässig geringern Randschatten der erstem hervor, 
wobei natürlich die Form der Kömer in Ansclilag zu brin- 
gen ist. — Während der Einwirkung der verdünnten Salz- 
säure auf die beiden Stärkemehlarten wird die Verschieden- 
heit in der Weichheit ihrer Substanz immer grösser. Die 
Weizenstärkekömer bestehen zuletzt ganz deutlich aus einer 
viel weichem Masse. Die Salzsäure zieht also in gleicher 
Zeit mehr Substanz aus dem Weizenstärkemehl aus, als aus 
dem Kartojflfelstärkemehl. 

2) Aus der eben festgestellten Thatsache, dass die Salz- 
säure dem Weizenstärkemehl mehr entzieht, sowie aus den 
oben mitgetheilten Beobachtungen (A, B, C, E), dass das 
W'eizenstärkemehl nach gleich langer Einwirkung der Salz- 
säure doch noch eine grössere Verwandtschaft zu Jod hat, 
dasselbe früher aufnimmt, und mit violetter Farbe einlagert, 
während die Kartoffelstärkekömer zuletzt bloss noch blass 
gelblich oder gar nicht gefärbt werden, folgt ferner, dass 
die Weizenstärke mehr Granulöse und weniger Gellulose 
enthält, als die Kartoffelstärke. Der Schluss, den ioh 
früher aus der Einwirkung des Speichels gezogen, hat sich 
somit doch als richtig bestätigt. 



284 Sitgung der fnath-phifa, Ckuae ixm 14. Nw. 1863. 

3) Die grössere Weichheit der Substanz und der grös- 
sere Reichthum an Granulöse erklären aber nicht alle Dif- 
ferenzen, welche das Weizenstärkemebl gegenüber dem Kar- 
toffelstärkemehl auszeichnen. Namentlich bleiben die beiden 
Thatsachen unerklärt, auf die ich schon Eingangs aufmerk- 
sam machte, nämlich einerseits die mehr violette Färbung, 
welche die unveränderte Weizenstärke mit Jod und Wasser 
annimmt , anderseits das leichtere Aufquellen des unverän- 
dei*ten Kartoffelstärkemehls in Säuren und Alkalien und das 
langsamere Aufquellen desselben in Kupferoxydammoniak. 
£s gibt für die Lösung dieser Frage nur zwei Möglichkeiten, 
da die fremden Einlagerungen in den Stärkekömern äusserst 
gering sind und keine bemerkbare Wirkung auf Färbung und 
Quellungsfähigkeit zu äussern vermöge: Entweder haben die 
Granulöse und Cellulose in der Kartoffel- und Weizenstärke 
die nämlichen Eigenschaften; dann muss die moleculäre Zu- 
^ammenordnung der zwei Verbindungen in den beiden Stärke- 
mehlarten verschieden sein. Oder es weichen Granulöse und 
€ellulose selber durch ungleiche chemische Beschaffenhdt 
von einander ab. 

Die letztere Annahme ist sogleich als unwahrscheinlich 
zu bezeichnen. Wenn die Granulöse oder Cellulose od^ 
gleichzeitig beide im Kartoffel- und Weizenstärkemehl ver- 
schieden wären, so müsste es überdem noch andere Granu- 
löse- und Celluloseformen in mehreren anderen Stärke- 
mehlarten geben, weil dieselben sich weder wie die Kartoffel- 
noch wie die Weizenstärke verhalten. Femer müssten in 
der Kartoffelstärke selber (und ebenso in der Weizenstärke) 
jnehrere Formen von Granulöse vorkommen, da die ersten 
Mengen, die man auszieht, in ihrer Löslichkeit und in ihrer 
fieaction auf Jod sich anders verhalten, als die später aus- 
:gezogenen; denn das Kartoffelstärkekom färbt sich im unver- 
änderten Zustande blau, und wenn es mit verdünnter Salz- 
säure ausgezogen wird, so nimmt es nach kürzerer Einwir- 



Nüffdi: Die ehm. VenMeäeiOteii der StärkMmer. 285 

koiig Violette, nach längerer braime und gdbe Färbung an. 
Ebenso wären in dem Kartoffebtärikemefal verschiedene For- 
men von Gellnlose vereinigt, denn, nadidem die Grannlose 
ausgezogen ist, filrbt sioh die innere Masse eines Korns 
durch Jod nnd geringe Mengen von JodwasserstofEsäure 
schon blanviölett, während die äussere Substanz erst blass- 
rothbraun ist. Es sdieint, dass man sowohl rücksichtlich 
der Zusammensetzung der verschiedenen Stärkesorten, als 
des einzeben Korns, zu zahlreiche oder vielmehr zu zahl- 
losen und allmählichen Abstufungen der Oranuloseformen, 
sowie der CelluloseformeQ geführt würde. Der allmähliche 
Uebergang ist aber unverträglich mit dem Begriff der chemi- 
schen Versdiiedenheit , und deutet darauf hin , dass die Er- 
klärung in der physikalischen Beschaffenheit, also in der 
moleculären Anordnung zu suchen sei. 

Betreffend die Molecnlarconstitution der organisirten 
Substanzen verweise ich auf frühere Erörterungen in den 
„^tärfcekömem'' und in der Mittheilung in der Sitzung vom 
8. März 1862. — Es handelt sich zunächst darum, ob von 
den die Doppelbrechung des Lichtes veranlassenden, im im- 
bibirten Zustande durch Wasser getrennten crystallinischen 
Theildien, welche ich mit dem Namen Molectile bezeichnete, 
die einen bloss aus Granulöse-, die andern aus Gellulose- 
aiomen zusammengesetzt seien , so dass die Verschiedenheit 
der Substanz bedingt würde durch die verschiedene Menge, 
Grösse und Anordnung der Granulöse- und Cellulosemole" 
cüle. Diese Annahme kann aber ebenfalls als unmöglich 
bezeidmcA werden. Denn da die Molecüle ziemUch lose 
ndi>en einander liegen , so dass z. B. die grössere oder ge- 
ringere Spannui^ zwischen denselben unvermögend ist, auf 
die%pti««L Erscheinungen ein.uwken, nnd was besonders 
in's Gewicht fallt, da die Imbibitionsflüssigkeit, welche der 
Träger des lösenden, aufqudlenden oder färbenden Princips 
ist, iTprischen die Molecüle eindringt und jedes einzelne um- 
[1863. IL 8.] 20 



286 Siknmg der maUh.'phps, Okme vom 14. Abir. 1M9. 

spält, so kifisen sich durch ongleiahe rSrnnliGhe CiottiinaflioH 
der letztem die bestehendeB Verschiedeiiheiten der Stärke^ 
arten nicht erklären. 

Die ungleiche Qruppimng von Qrannlose- undGeUnlofl^ 
molecülen reicht nicht ans, um nachzuweisen, irarum die 
granulosereichere Weizenstärke durch Jod weniger blau ge* 
färbt, durch Säuren und Alkalien weniger leidtt, dagegoi 
durch Kupf eroxydammoniak leichter zum Aufquelkn gebra^ 
wird, während die nämliche Weizenstärke der losenden Wir- 
kung des Speichelferments, sowie der yerdiimiten Schwef^ 
und Salzsäure weniger Widerstand entgegensetzt 

Wenn die räumliche Gombination tob zweierlei Möle^ 
cülen nicht ausreicht, um die Eigenschaften des Stärkemehls 
zu bereifen, so muss die Verschiedenheit in den Molecülen 
selbst liegen. Diess ist dann der Fall , wenn die Substanz 
des einzelnen Molecäls aus Granulöse- und Gelluloseatomen 
in allen möglichen Verhältnissen der Zahl und der Anord* 
nung gemischt ist. Es leuchtet ein , dass dadurch alle ver- 
schiedenen Erscheinungen der Stärke sich erklären lassen. 
Was die Jodreaotion hetrifOb, so wird, während die'GeUulose 
farblos bleibt, Granulöse allein oder in einer gewissm Ver^ 
bindung mit Gellulose sich bläuen. Dodi kann dieselbe aunh 
so mit der Gellulose vereinigt sein, dass Jod eine violette, 
braune oder gelbe Farbe hervorruft. Ebsiso können dit 
Löslichkeit und Quellungsf ähigkeit wesentlich davon abhängen^ 
wie die Gdlulose- and Granuloseatome sich gegenseitig 
schützen oder preisgeben. In der Weizenstärke z. B. muss 
die grössere Menge Granulöse von der Gellulose mehr mir 
gehüllt und somit vor der Wirkung der Säuren und Alkalien 
bewahrt sein, in der Kartoffelstärke dagegen ist die getin* 
gere Menge von Granulöse diesen Quellungs- und lüsimgs* 
mittein leichter zugänglich. Dass dei* Speichel dem Eartofr 
felstärkemehl bei einer gewissen Temperatur (35 — 87 ^ G.) 
nichts anzuhaben vermag, während er das Weizenstärkemdit 



Nägdit IHe cfte». VenOdedekMt der SItärMoämer, 387 

bid auf einen gerii^cn Celklosenidistand löst, hat darin 
seineii Gnrnd, dass der$eU>6 nur nach Maaasgabe, als er die 
Graottlose löst, in die Stärkekömer einzudringen Termag, 
\mä daes die Körner des Kartoffelmehls durch die dichtere 
eeUnlosereiehe Binde besser geschützt sind, als die des Wei* 
aenmehte» — Je nach der Art der ZasammeDlagening wird 
die Granulöse bald ziemlich rein von den Lösungsmittdn 
entsogen werden, bald wird sie eine grössere oder geringere 
Menge CellnloBe mit sich ziehen* 

Ich habe bis jetzt .vorausgesetzt, dass die Granulöse 
und Gellulose zwei verschiedene chemische Verbindungen seien. 
Diess ist nun allerdings nicht bewiesen, und es wäre mög- 
lich, dass sie, soweit es sich um die Stärkekömer handelt, 
nur die extremen Glieder einer durch physikalische Einflüsse 
bedingten ununterbrochenen Formenreihe der nämlichen che- 
mischen Verbindung darstellten. Dann würden die Molecüle 
möglicherweise jedes aus einer homogenen Substanz bestehen, 
aber alle unter einander verschieden sein. 

Es ist einleuchtend, dass die bekannten Erscheinungen 
md die eine und andere Art ihre genügende Erklärung fin* 
den. Wenn ich mich an die erstere Annahme halte, so ge- 
aehielit es nur desswQgen, weil sie sich mehr an die gang* 
baren Vorstellungen anschliessi Das Hauptgewicht liegt 
vorerst darin, dass abgesehen v<Hi der moleculären Beschaff 
fesahttt, welche die Imbibitionsfahigkeit und somit die Weich- 
heit bedingt, in dem Stärkemehl noch Verschiedenheiten vor- 
komme, welche zeigen, dass die Substanz der Molecüle sei- 
b^ mannigfaltig varürt, sie mag diess nun einer verschie*. 
denen Mischung zweier chemischer Stoffe oder der allmäh- 
lieben physikalischen Veränderung des nämlichen Stoffes ver- 
danken. 



20* 



288 SUim^ der ma^.'phys. Okmewm 14. Nw, ia$9. 

Verschiedenheit zwischen kleinen und grossen Kör« 
nern des gleichen Stärkemehls. 

Ueber die Verschiedenheit zwischen jüi^em und älteren 
Stärkekömem, abgesehen von der Gestalt und Sohiditiingj 
ist soviel wie nichts bekanid;. Ich will daher ein^ebeäänfig 
beobachtete Thatsach^ mittheilen, weldie ein migleiches 
Verhalten grosser und kleiner Körner des Kartoffel -^ und 
Wdzenstärkemehls betreffen, da namentlich bei dem erstem, 
wie aus der Entwickelangsgesohichte der Ksurtoffel sich ei> 
giebt, die kleinen Kömer zugleich die jungen Zustände der 
grossen Kömer sind. 

Wenn man unverändertes Kartoffel- oder Weizenstärker* 
mehl durch Jod färbt, so bemerkt man in der Regel keinen 
Unterschied rücksichtlich der Zeit und rücksichtlich der Farbe 
zwischen den verschiedenen Körnern, so dass es also schei- 
nen möchte, als ob alle die gleiche Verwandtschaft zu Jod 
hätten. In einem Falle jedoch tritt eine Ungleichheit sehr 
deutlich zu Tage, wenn nämlich das Stärkemehl in einer 
sehr dickflüssigen Lösung sich befindet. Ich machte die 
Beobachtung bei concentrirter Desctrin- und Glycerinlösung. 
Yfird ein Stückchen Jod auf das Präparat gelegt und daim 
letzteres mit einem Deckgläschen verseh^i, so breitet sich 
zuerst eine gelbe Färbung der Lösung um den Jodsplittar 
aus; einige Zeit nachher fangen die daselbst befindlichen 
Stäxkekömer an, sich zu förben. In bestimmter Entf^nnng 
von dem Jod und darüber hinaus färben sich dagegen die 
Stärkekömer vor der Flüssigkeit , in der sie liegen. Unter 
den Stärkekömem selbst nehmen zuerst die kleiuaten das 
Jod auf, dann die mittelgrossen, zuletzt die grössten. Die 
letztem ze%en sich noch ganz farblos, während die unmit» 
telbar daneben sich befindenden kleinen Kömer bweits in- 
tensiv violett sind. 

Die Differenz in der Zeit der Färbung zwischen grossen 
und kleinen Kömem ist um so grösser, je dickflüssiger die 



Nägdi: Die ehm. VersMedenheit der StärJcdcömer, 289 

Doiirin* and Olyottrinlösong ist. Wenn ooncentrirtes Glycerin, 
welches die Ersoheunmg in ausgezeichneter Weise zeigt, mit 
gleiditiel Wasser vermischt wird, so fiirben sich darin die 
grossen nnd kleinen Körner gleidizeitig. 

Femer eilen in der nämlichen Flüssigkeit die kleinen 
K&mer in der Jodanfiiahme den grossem um so mehr vor- 
aus, je näher sie einem Jodsplitt^ liegen. Lässt man das 
Priq»arat 16—24 Stunden stehen, so hat sich das gelöste 
Jod ziemlich weit um die Jodstückchen ausgebreitet und es 
yrird non gleichzeitig von allen Körnern aufgenommen; die 
nebendnandw liegenden grossen und kleinen Kömer färben 
sidi gleichmassig. 

Diese ungleichzeitige Färbung konnte von zwei Ursachen 
abhängen. Entweder dringt die dickflüssige Glycerinlösung, 
welche der Träger des Jod ist, langsamer in die grossen, 
als in die kleinen Kömer ein, oder die Jodtheildien selbst 
haben durch die von Olycerin durchdrungene Masse eine 
m^leich sdmelle Bewegung. Es giebt zwei Thatsachen, 
welche darüber hinreichenden Aufschluss geben. ' 

Wenn man trockenes Kartoffelstärkemehl in conoentrirte 
Glycerinlösung 1^, so kann man an manchen Körnern das 
langsame Eindringen der letztem beobachten. Ein heller 
Ring scheidet die äussere durchdrungene, von der innera 
noch trockenen Substanz. Man sieht nun, dass in den klei- 
nen Kömem das Glycerin im Allgemeinen schneller vorrückt, 
als in den grossen. Diese sind selbst nach mehreren Stun« 
den noch nicht vollständig imbibirt. 

Um zu erfahren, ob diess der alleinige Grund Aek un- 
gleichzeitigen Färbung sei, wurde KartofiBel- und Weizen- 
stärkömehl auf zwei Objektträgem in einen Tropfen ooncen- 
trirtes Glycerin gelegt und 24 Stunden darin stehen gelas- 
sen, sodass alle Kömer vollständig durdidmngen waren. 
Dann wurden Jodsplitter auf die Präparate gebracht. Beim 
KartoffeLstärkemehl zeigte sich nun kein Unterschied zwischen 



290 Sifgung der math-phys, CUtsse vom 14. Nov. Iß63. 

den Körnern von verschiedener Grosse. Kldne and gi^s^ 
anmittelbar nebeneinander und in gleicher Entfernung von 
der Jodquelle befindliche EÖmer förbten sidi gleichzeitig 
und ihre Färbung war immer gleich intensiv. — BeimWei« 
zenstärkemehl dagegen färbten sich im Allgemeinen die klei- 
nen Eömer etwas früher als die grossen; doch war di^ 
Verschiedenheit nicht bedeutend. 

Die Ursache, warum in dichten Lösungen die grossen 
Stärkekömer sich später ßtrben als die kleinen, liegt also, 
soweit es sich um Eartoffdstärkemehl handelt, bloss daiüi) 
dass diese Lösungen ungleich schnell in die Eömer eindrki« 
gen. Beim Weizenstärkemehl ist diess ebenfalls die wirk* 
samste, wenn auch nicht die einzige Ursache, indem, wie es 
scheint, auch das Jod in die vollst&idig imbibirten Eömer 
ungleich schnell eindringt. 

Zu dem Vorstehenden ist hoch Folgendes zu bemerken. 
Die Beobachtung giebt die Intensität der Färbung. Wenn 
ein grosses und ein kleines Kom gleich intensiv gefärbt smd, 
so können wir annehmen, dass die Oberfiächeneinheit glmcfa 
viel Jod aufgenommen habe, wie eine mathematische Be- 
trachtung sogleich zeigt. Die Intensität der Farbe hängt 
nämlich von der Menge des eingelagerten Jod und von der 
Grösse des Querschnittes (rechtwinklich auf die Bichtung des 
durchgelassenen Lichtes) ab. Nehmen wir der ESnfachheit 
wejgen an, dass die Stärkekömer Eugelform besitzen, was 
auch für diejenigen der Eartoffel im Allgemeinen ziemlich 
zutrifft. Der Durchschnitt zweier Eugeln verhält sich wie 
r* : R*, und da das gleiche Verhältniss für die Oberfläche 
gilt , so folgt , dass die Intensität der Färbung proportional 
ist der Jodmenge, welche Körner von verschiedener Grosse 
durch die Oberflächeneinheit aufgenommen haben. ^) 



(1) Wenn man Stärkemehl, das mit Jod gesättigt ist, in Wasser 
oder in einer sehr dichten Lösung (Glyeerin, Dextrin) sich entfärben' 



Näff4i: Die dkm. Venckiederiheit der Stärkikömer. 291 

* Ana dan msti^theUten Beobachtungen geht also als 

Thataacbe hervor, dass die Substanz grosser Körner einer 
«andringenden dickflüssigen Substanz einen grossem Wider- 
stand entgegensetzt, als diejenige kleiner Körner. Im Gegen* 
aatee hiezu steht die Differ^iz, welche die nämlichen Körner 
rüdbiohtlich anderer Quellungserscheinungen zeigen. Wenn 
man Präparate von Kartoffelstärkemehl oder Weizenstärke- 

. mehl jtiit yerdünnten wässrigen Lösungen von Salzsäure, 
Sohwefelaräre, Aetdcali, Chlorzink auf dem Objektträger un- 
bedeckt stehen lässt , so werden die Lösungen durch Ver- 
dunsten des Wassers conoentrirter und die Stärkekömer 
ÜBUQLgen an ati£2uquellen. Man beobachtet dabei, dass von den 
nebeneinander liegenden Kömern die grossem die Quellungs- 
erscheinungen immer etwas, wenn auch nur wenig, früher 
zeigen^ als die kleinen. Die gleiche Beobachtung macht man, 
wenn man das feuchte Stärkemehl vorsichtig und sehr lang- 
sam erwärmt. 






l&8st, so werden zuerst die kleinsten, dann die mittelgrossen und 
Bfiletzt die grösstan Körner farblos. Daraus folgt aber nicht eine 
Yerschiedenheit der Körner rücksichtlich der Jodabgabe. Bei vor- 
ausgesetzter Kugelgestalt ist (abgesehen von einer möglichen unglei- 
chen Beschaffenheit der Substanz) die Menge des eingelagerten Jod 
proportional dem Volumen, also für 2 Kömer von ungleicher Grosse 
den Werthen r* und B*. Wenn die Oberfläeheneinheit gleich viel 
Jod abgiebt, so verhalten sich die Verluste der beiden Körner wie 
r' za B.', ujid die Zeiten, wdche sie zur Entfärbung nöthig haben, 
wie r : R. 

Indessen hat es keinen Werth, genaue Beobachtungen über die 
Zeit anzustellen, in welcher sich grosse und kleine Kömer entfär- 
ben, weil nicht nur der Widerstand, den die Bindenschicht dem 
Austritte des Jod ^atgegensetzt, sondern auch noch andere Verhält- 
nisse darauf Einfluss haben* Erstlich hat die innere Substanz grosser 
und kleiner Kömer nicht ganz die gleiche Verwandtschaft zu Jod. 
Zweitens vermindert sich für jedes Korn die Menge des Verlustes 
an Jod in der Zeiteinheit mit dem abnehmenden Gehalte, da die 
Kraft, mit der es festgehalten wird, wächst. 



1 



292 8Ummg der math.-phiys. OUtste vom 14. Nw. fB63. 

AjQders verhalt sich dagegen das Kupferoiydainmoiiiakb 
In diesem Lösungsmittel quellen wenigstens die kleinen Kör- 
ner des Weizenstärkemehls etwas, zwar auch nur ufeaag 
früher auf, als die grossen. 

Das verschiedene Verhalten der kleinen und grossen, 
oder was das Nämliche ist, der jungem und altem Eömer 
rücksichtlich der Durchdringungsfähigkeit und des Quellungs- 
vermögens findet seine Erklärung in der Entwickelungsge- 
schichte des Stärkekoms, wie ich sie früher aus andern Er- 
scheinungen nachgewiesen habe, und dient seinerseits als 
Bestätigung für diese Entwickelungsgeschichte. Die kleinen 
Eömer bestehen aus einer ziemlich dichten Substanz. Das 
Wachsthnm, welches ausschliesslich durch Intussusception 
geschieht , vermehrt fast allein die innere Substanz , welche 
dabei im Ganzen weicher wird. Die äusserste Rinde wädist 
kaum in die Dicke, wohl aber wird sie verdichtet. So ist 
also die innere Masse im ausgewachsenen Stärkekom weicher 
und gegen Säuren, Alkalien und feuchte Wärme quellungs- 
fähiger als im jungen; dagegen ist die Rinde des grossen 
Kornes fester und bietet demnach den eindringenden Sub* 
stanzen auch einen grossem Widerstand dar. 

Die innere Masse der grossen Eömer ist nicht nur 
weicher, sondern auch reicher an Granulöse, also ärmer an 
Cellulose, als die Substanz der kleinen Kömer. Nur die 
dünne Rinde verhält sich umgekehrt, indem ihr relativer 
Gellulosegehalt mit dem Alter zunimmt. Da der überwie- 
gende Theil das Verhalten des ganzen Korns beditigt, so 
werden die kleinen Kömer durch Kupferozydammoniak etwas 
rascher gelöst, als die grossen. — Auch das Verhalten der 
Körner, welche eine längere Einwirkung von verdünnter Sab- 
säure erfahren haben, spricht für den grossem Granulöse» 
gehalt der innern Masse. Wenn man das Präparat durch 
ein Stückchen Jod langsam färbt, so zeigen die grossen 
Kömer die Reaction früher, als die kleinen. Jene sind in 



einer Gnqvpe adbeotebander Kegeiider Körner Bcbon mmr. 
Uob intensiv gefärbt, indess diese noch vollkommen &rblo9 
ersoheinen. 



6. Ueber die ungleiche Vertheilung gelöster Stoffe 
in dem Wassertropfen eines mikroskopischen Prä- 
parates. 

Bei der Untersuchung über die Einwirkung des Jod auf 
das Stärkemehl zeigte sich in vielen Fällen, dass der Band 
des unbedeckten Präparates eine andere Farbe annahm, als 
J&e übrige Fläche. Ich suchte die Ursache dieser Erscheiik* 
upg in dem Umstände, dass bei der Verdunstung der Flüssig'^ 
keit eine Anhäufung dtt* gelösten Stoffe an dem Bande statt 
finde und dass je nach der Natur dies^ Stoffe bald eine 
FarbenänderuQg nach Blau , bald nach Gelb ^o)ge (siehe 
die Mittiieüung in der Sitzung vom 14. Februar 1863). 

Da diese Erscheinungen von allgemeinem Interesse füJ: 
die mikroskopischen Beobachtungen sind, so habe ich einige 
Versuche angestellt, welche geeignet schienen, danmtbtm, ob 
wirklich in dem Flüssigkeitstropfen, welcher auf dem Dedi- 
glas sidi befindet, so beträchtliche Differenzen in der Con- 
centration eintreteia können ,^ und wodurch dieSelbm bedingt 
werden. Die beobachteten Thatsachen sind folgende. 

1. Breitet man auf einer Glasplatte einen Tropfen ge- 
sättigter Salzlösung ohne Deckglas aus (z. B. Bittersalz, 
Kochsalz, Jodkalium), so beginnt die Krystallisation am Um* 
fange. An d^n trocken gewordenen Präparat bildet dann 
das Salz entweder einen Wall von krystallinischer Substanz 
am Bande .und einzelne Krystalle im Innern, oder einen 
Kreis grössere Krystalle am Bande und kleinere Krystalle 
im Inneni. Dasselbe nimmt immer von der Peripherie nach 
dem Centnun fiir die Flächeneinheit an Masse ab. Ist die 



Sablösmig Terdflaot, so bldbt das VeiiiiltiiisB sswiseheB Um«* 
hang imd übriger Fläche dasBelbe, indem dort iaimer eine 
reichlichere Ablagerung von Krystallen statt hat. 

Giebt man der Glasplatte, auf welcher sich der Tropfen 
Salzlösung befindet, eine geneigte Lage, so beginnt die Ery- 
stallisation am obem Rande und schreitet von da abwärts. 
Eine unterste Zone trocknet später gleichzeitig ein, indem 
sich an dem Umfange derselben ebenfalls eine etwas grössere 
Menge Sabs ablagert. 

2. Ein Tropf(Mi Salzlösung (wie No. 1) wird auf dem 
ObjdEtträger ausgebreitet und darüber em in der Ifitte mit ^ 
nem Loch yersehener Deckel gestürzt, (man kann sich des Dedido 
eines Pappkästdiens bedienen, in welchem man eme nmde Oetf* 
wmg aasgeschmtten hat), so dass das Loch über die Mitte 
des Präparates zu liegen kommt und die Flüssigkeit mrgends 
berührt wird. Wenn der Tropfen hinreichend gross ist und 
nur eine kleine mittlere Partie desselben unter der Oeffiiuüg 
des Dedcels sich befindet, so beginnt die Krystidlisation an 
dieser Stelle. Nach dnigw Zeit schiessen audi längs des 
Randes Erystalle an. Nach dem Eintrocknen hat man so- 
wohl in der Mitte des Präparates , als an dessen Rande je 
eine grössere Anhäufung von Krystallen. 

Für die beiden Versuche I u. 2 ist ein Salz, das in Wür* 
fein krystallisirt, vorzüglicher, als ein solches, das in Naddn 
anschiesst. Debrigens hängt der Erfolg von der Grösse und 
Tiefe des ^assertropfnis und bei der Bedeckung desselben 
noch ausserdem von dem guten Verschluss des Deckels, von 
seinem vertikalen Abstände und von der Grösse des Loches 
ab. Im Allgemeinen sind die folgenden Versuche viel besser 
geeignet, um die locale Anhäufung d^ Lösung darzathun. 

3. Breitet man einen Tropfen verdünnte Salzsäure, in 
welcher die Stärkekömer nicht aufquellen (deren spedfisohes 
Gewicht z. B. := 1,05), auf dem Objektträger aus und vor« 
mengt damit etwas EaHoffelstärkemehl , so begumt nach ei* 



NägOi: Die mngkiehe VmiheOmff ffM89$r Stoffe de. 995 

nig^r Zeit das Aolif^^en dm Kimier am Bande des Tropfens 
und ßdireitet nach dem Mittelpunkte hin fort. Man kann 
diesen Process unter dem Mikroskop Schritt für Schritt yei^ 
folgen j waA man ' beobachtet a&e Stadien des Aufquellens 
no^n einander. Man sieht die Veränderung auch von blos- 
sem Auge, indem das kSrnige Präparat vom Umfange aus 
homogen und glatt wird. 

Das nämliche Resultat wird erhalten, wenn man, statt 
Salzsäure, ein anderes Quellungsmittel z. B. Schwefelsäure 
oder Kalisösung ron hinreichender Verdünnung anwendet. 

4. Ist bei dem Versuch No. B der Objektträger wenig 
geneigt, so bctgiant das Aufquellen der Stärkekömer an der 
höchsten Btdle des Bandes, md setzt sich von da aus reolrts 
und links längs desselben fort. Bei starker Neigung des 
Olqektträgers quillt das Starkemehl in der ganzen obem Hälfte 
des Präparats auf, während es in der untern noch unverändert 
bleibt. 

5. Wenn man in dem Versuche No. 3 eine äusserst 
verdönnte Losung Von AetzkaU, Schwefelsäure oder Salziränre 
anwendet, so trocknet das Präparat ein, wobei nur die längs 
des Bandes befindlsohen Stärkekömer aufquellen, alle übr^n 
aber unjerändert bleiben. 

6. Ein Tiropfen verdünnter Salzsäure (wie No. 8) wird 
niit Eartoffelstärkekömem auf den Objektträger gebracht und 
«n Deckglas darauf gelegt. Das Aufquellen beginnt rings 
am Bande des Deckglases und schreitet nach der Mitte fort. 
Der Process geht aber viel langsamer vor sich, als wenn 
das Präparat unbedeckt ist. Beicht die Flüssigkeit nur an 
einzelnen Stellen bis an den Band des Deckglases, so fängt 
hier das Aufquellen an. Berührt sie nirgendis den Band, so 
zeigen sich die ersten Quellungserschennngen gewöhnlich 
da, wo der Band desFlüssigkeitstropfens die geringste Höhe hat. 

Der weita*e Verlauf ist unregelmässig und hängt von 
verschiedenen Verhältnissen ab (Abstand der Flüssigkeit vom 



296 (ktmm^ am math.-phif%. CUme vom 14 Nm>. 1B$S. 

Bande des DeokglaseB, Höbe des ZwikohmurAumes Kwisohen 
den beiden Qläsern, Gestalt des Flttssigkeitstropfens und 
des Dedcglases). 

7. Ein Tropfen verdünnter Sahsäore wd nat Kartoffel- 
stärkekömem anf einer Glasplatte ohne Dedq^läsohen ans^ 
gebreitet, wie No. 3, und darüber, ein in der Mitte durch* 
löcherter Deckel gestürzt, wie No. 2. Das Anfq^aeUen der 
Stärkekömer b^nnt in der Mitte des Präparates (mitten 
unter der Oefihung) und schreitet von da nach Aussen. Et^ 
was später hebt es auch am Bande an und setzt sich Yon 
da nach innen fort, so dass also vor vdlständigem Aufquellen 
noch ein concentrischer Bing von nicht aufgequollenen Kör* 
nem zwischen der Peripherie und dem Centrum, aber näh^ 
der erstera, sichtbar ist 

B. Ist bei dem Versuch No. 7 die Säure äusserst ver^ 
dünnt, so quellen nur Kömer in der ^tte des Präparats 
unter der Oeffhung auf; auf dem ganzen übrigen Präpairat 
trodmen sie ohne Quellungserscheinungen ein. Ist die Säure 
wenig concentrirter , so hat man in der Mitte eine grössere 
Stdle, wo da« StäriEemehl sich in Kleister yerwandett, und 
rings am Umfange sind es nur einzelne Körner, die aufquellen. 

9. Bringt man einen Tropfen Jodwasserstoffsäure , in 
m welcher etwas Jod gelöst ist, auf den Objektträger, giebt 
etwas Kartoffelstärkemehl hinein, und lässt dann das Prä^ 
parat eintrodm^i , so weichen die am Bande befindlichen 
Kömer in doppelter Beziehung yon den übrigen ao, sie wer- 
den einmal roth oder geSb und femer quellen sie auf, in- 
dess die andern blau oder Violett und ungequoUen bleiben. 
Uebiigens sind die Erscheinungen sdir verschieden je nach 
der CcHUCentration der Jodwasserstoffsäure, nadi der Menge 
des daringelösten Jod und nadi der Menge des hineingege- 
benen Stärkemehls. Es quellen im Allgemeinen um so mehr 
Kömer auf, je concentrirter die Säure ist, und je weniger 
Jod in die Kömer eingelagert wird. Daher erhält man z. 



Nägeh: Die mgkU^ V^rtheShmg pelM&r Skfffe ek. 297 

B; mit der gleiohen Jodwasserstafl^odlÖBimg nur einzelne auf- 
gequollene Eömer^ wenn -man weniger Stäj^emehl, zahl* 
reiohe, wenn man mehr Stärkemehl anwendet ; denn in dem 
letzteni Falle yermag die geringe Jodeinlagerang, welche anf 
das einzelne Korn tri£ft , dasselbe nnr meiTollkommen zii 
schittzen. Wenn im Verhältaiss zum Jod wenig Stärkemehl 
auf dem Objektträger befindlich ist, so kann es gesdiehen, 
dass überhaupt keine Qaellungserscheinungen eintreten, und 
dass die Kömer am Rande blofts durch die Farbe von den 
übrigen abweichen, ht aber das Jod verhältnissmässig sehr 
reichlich vorhanden , so können alle Kömer so dtmkel wer- 
den, dass man keinen Unterschied in der Farbe mehr 
wahrnimmt. 

10. Wean man in dem Versuche No. 9 die Jodwasser- 
stoffsäure durch Jodzink ersetzt, so erhält man ein etwas 
anderes Resultat, weil in jenem Falle alle 3 Substanzen, 
(Wasser, Jod und Jodwasserstoffsäure) verdunsten, in diesem 
nur zwei (Wasser und Jod), während die dritte (Jodzink) 
zurückblttbt. Die Folge davon ist einmal, dass die Quell- 
ungserscheinungen am Rande des Präparates fast nie aus- 
bleiben; diess geschieht nämlich nur dann, wenn die Jod- 
zinklösung äusserst verdünnt ist. Femer weicht die Färbung 
an den verschiedenen wirklich trocken gewordenen Stellen in 
der Regel nur wenig von einander ab. Endlich trocknet der 
Rand des Präparats, wo sidi das Jodzink anhäuft, gewöhn-» 
Hdi nicht ^Ihtäddig ein und die daselbst befindlichen auf- 
gequollenen Stärkekömer nehmen eine violette Farbe an, 
während die innerhalb des Randes liegenden, nicht aufge- 
quollenen, ab^ ausgetrockneten Kömer braunorange sind. 

Ist m der verdünnten Jodzinklösung nur wenig Jod ent- 
halten, so sind nach einiger Zeit in dem noch feuchten Prä^ 
parat die StärkdEÖmer läi^s des Randes orangefarben, die 
übrigen blauviolett. Später quellen die orange&rbenen Kör- 
ner (^e oder nur die äussern) auf und werden violett , in-» 



V» 



298 BUmng d0r mtUh^-pk^a. Okmae mm i4 N6o. 1668. 



dmm die blauviokttea Kömer einkrooküen und euno bmoA^ 
rothe oder braungdbe Farbe annehmen. — Enthält die Jod* 
2inklÖ8ung so viel Jod, dass die Stärloekömer nicht alles mn^ 
anlagern ?ermögen, so sanunelt sich der Ueberscbnee am 
Bande des Präparates an and färbt die Flüssigkeit daselbst 
braungelb, indess die lefartere auf der übrigen Fläche neben 
den dunkeln Stärkekömem farblos ist. 

11. Fertigt man von Stärkemehl, das etwas zerrieben 
wurde, so dass manche Eöma: gespalten sind, ein uabedecktea 
Präparat in Wasser an und legt einige Jodstäckoben darauf 
so färbt sich ausser den Stärkekömem aueh der Band der 
Flüssigkeit blau. Das gleiche Resultat erhält naan, wenn maa 
statt des Stärkemehls, Durchschnitte durch gewisse ZeUge* 
webe (Samenlappen von Muouna, Hymenaea, Albamen von 
Cyclamw etc.) mit einer verdünnten Lösung Ton Jodwaseer* 
stoffsäure, die etwas Jod enthält, auf den Objektträger bringt^ 

Aus den mitgetheilten Xhatsaohen ergibt sieb folgende 
Erklärung. WeuQ die Verdunstung an der freien Fläobe 
eines äaohen Flüssigkeitstropfens ungleich sterk ist, so muss 
eine Strömung nacdi den Punkten der stärkeren Verdunstung 
eintreten, welche nach Umständen zuweilen theilweise durch 
den hydrostatischen Druck, immer aber und vorzugsweise 
durch capiUäre Anziehung eine Zeit lang unterhalten wird* 
Durch diese Strömung und stärkere ^ locale Verdunstung er- 
folgt eine Anhäufung der gelösten SubstauBen an den be* 
treffenden Stfellen, da die Diffusionsströmang, welehe inettt«* 
gegengesetzter Richtung thätig ist, viel langsamer wirkt. 

Wenn der Flüssigkeitstropfen auf einer horizontalen Glas- 
tafel nicht bedeckt ist, so ist wegen se^ler Form die Ver- 
dunstung am Rande für die Einheit der Grundfläche grösser, 
als in der Mitte. Wäre sie aber auch überall gleich gross, 
so müsste sie dennoch eine Strömung von der Mitte nach 
dem Umfange zur Folge haben, weil hier durch die Ver« 
minderung der Flüssigkeit fortwährend das Gleichgewicht 



NHI^iü: DU mghUh€ VerG^ßOtmg pMateir Sftofe ete. fi09 



iwiacbflD Aidhäaioii imd Cobättea gestört wird. IMa Form 
dos Bandes enteprieht namlioh genau der GapillaraaxiebiiDg 
zwiaehen Objectträger und FlSssigkeit. Sowie nun die Ver« 
chmatung den Querschnüt dessriben verändert, so wird er 
diiroh : naehströmendes Wasser sogleich wieder bergestettt 

Befindet sidi der unbedeckte Flüssigkeitstropfen auf ei* 
ner geneigten GIas{datte, so wird durch die Verdunstung an 
der obem Seite, wo der Band der Flüssigkeit flacher ist, 
das Capill&re Gleichgewicht stärker beeinträchtigt, als unten, 
und es ist daher die Strömung nach dem obem Bande stär« 
ker. Ist die Olasplatte stark gweigt, ^q kann die Ström* 
ung nach dem oberu Bande so sehr überwiegen, dass dort 
allein die Folgen der grossem Concentration der Lösung 
sichtbar werden. 

Wenn der Flüssigkeitstropfen swischen zwei Qlastafeln 
eingeschlossen ist, so kann die Verdunstung selbstverständ« 
lieh nur an seinem Bande erfolgen, und es muss daher, so* 
lange die beiden Gläser sich einander nähern können, eine 
Strömung Ton der Mitte nach dem BaiMle zu stattfinden» 
Verdunstung und Strömung smd aber viel langsamer als an 
einem unbedeckten Tropfen, und desswegen kann die Diffu« 
sion viel eher eine Ausgleichung der durch jene hervorge- 
rufenen ungleichen Concentration der Lösung herbeiführai. 

Geht der Flüssigkeitstropfen bis an den Band des Deck- 
glases, so ist die Verdunstung immerhin so energisch, dasa 
Uer die Folgen mer hohem Concentration sichtbar werden. 
Berührt die Flüssigkeit niigends den Band des Deckglases, 
so haben auf die Verdunstung, auf die dadurch bewirkte 
Strömung und auf die aus beiden hervorgehende ungleidie 
Concentration der Lösung offenbar verschiedene Verhältnisse 
Einfluss« Dazu gdiört die Gestalt des Tropfens, seine Mäch- 
tigkeit in jedem Punkt, die Entfenmng der einzelnen Stel* 
IsR seines Bandes von dem Bande des Deckglases, der 
Abstand zwischen den beiden Gläsern auf den verschiedene» 



800 Siitmg der math.'pksfB. Oasse wm 14. Nw. 18ß3. 

Seiten d«8 Tropfens, der Umstaiid, ob dieadbeäi überall oder 
stdlenweise sich noch näbem können oder nicht, wenn die 
zwigchenliegende Flüssigkeit sich vermindert. Es ist dem- 
nach begreiflich, dass die Vertbeilnng der ungleichen Gotir 
Centration sehr mannigfaltig sein muss nnd dass sie für je« 
den einzehien Fall sich etwas anders gestaltet. 

Es ist kaum nöthig darauf hinzuweisen, dass die Be- 
schaffenheit der ungleichen Concentration, abgesehen von den 
äussern Bedingungen des Präparats, wesentlich auch von der 
Natur der Flüssigkeit und der darin gelösten Stoffe abhängt 
Im Vorstehenden wurde, was aueh der gewöhnliche Fall ist, 
immer vorausgesetzt, dass in einer leichter verdunstenden 
Flüssigkeit (Wasser) entweder eine schww^ verdunstende 
oder eine fixe Substanz gelöst sei. Dann «kann an den 
Stellen der starkem Verdunstung eine Zunahme der Con- 
centration erfolgen, entweder bis die lösende Flüssigkeit und 
die gelöste Substanz in gleichem Maasse sidi verflüchtigen, 
wie diess mit Wasser und Salzsäinre oder mit Wasser und 
Jodwasserstoffsäure der Fall ist, oder bis der gelöste Stoff 
heraus krystallkirt, wie diess bei Salzen geschieht, oder bis 
die nicht verdunstungsfahige, gelöste Verbindung die vermin- 
derte Menge der lösenden Flüssigkeit mit einer Kraft zurück« 
hält, welche ihrer Neigung zur Verdunstung das Gleichge- 
wicht hält, wie diess mit Wasser und Schwefelsäure odw 
mt Wasser und Jodzink eintritt. 

Die besprochenen üiatsachen sind für die mikroskopi- 
schen BeobadituDgen in dreifacher Beziehung von Wichtigkeit. 

1. Dienen sie dazu, ungleiche Veränderungen zu er« 
klären , die an verschiedenen Stellen des nänüidien Präpa- 
rates eintreten. 

2. Erlauben sie eine Veränderung wiederholt auf dem 
nämlichen Präparat und in beliebiger Langsamkeit eintreten 
zu lassen, und dabei Differenzen zur Anschauung zu bringen^ 
welche sonst übersehoi werden. ^ 



NägeU: Die unghiche Vertheilung gelöster Stoffe etc. 3Ö1 

3. Machen sie es möglich die geringsten Mengen einer 
gelösten Substanz , die sonst auf keine Weise nachgewiesen 
werden können, wahrzunehmen. 

Was den ersten Punkt anbelangt, so trifft der Mikro- 
skopiker, welcher mit Lösungs-, mit Quellungs- oder mit Färb- 
ungsmitteln arbeitet, zuweilen auf ganz räthselhafte Erschein- 
ungen. An einzelnen Stellen seines Präparates findet Lösung 
statt, an andern nicht; — an einzelnen Stellen quellen die 
Objekte auf, an andern nicht ; oder es ist dort das Aufquel- 
len stärker als hier; — an einzelnen Stellen tritt Färbung 
^, an andern nicht; oder die erzeugte Farbe ist verschie- 
den: — obgleich in allen diesen Fällen nach der Sorgfalt, 
mit der das Präparat angefertigt wurde, ein gleiches Ver^ 
halten an allen Punkten desselben erwartet werden durfte. 
Namentlich zeigt sich häufig eine Verschiedenheit zwischen 
dem Rande und der innerhalb des Randes befindlichen Fläche. 
Ein Paar Beispiele wurden von mir in den Mittheilungen 
über die Reaction von Jod auf Stärkekörner und Zellmem- 
branen angeführt. Ich habe bei den betreffenden Untersuch- 
ungen Präparate gehabt, die durch ungleiches Aufquellen und 
durch die verschiedensten Farben sich auszeichneten, und 
die erst verständlich wurden, als die Versuche erwiesen, wie 
ungleich während der Verdunstung die Goncentration der Be- 
obachtungsflüssigkeit an verschiedenen Stellen werden kann. 

Was den zweiten Punkt betrifft , so liegt es zwar sehr 
nahe, einen Lösungs-, Quellungs- oder Färbungsprocess da- 
durch herbeizuführen, dass man unter dem Mikroskop eine 
Lösung durch Verdunstung concentrirter werden lässt. Al- 
lein diese Methode gewinnt erst ihre volle Bedeutung, wenn 
man den Process,* indem man seinen lokalen Verlauf zum 
Voraus kennt, nach Belieben verfolgen und alle Stadien der 
Veränderung nicht nur nacheinander, sondern auch neben- 
einander beobachten kann. 

Ich will ein Beispiel anführen. Für die Eenntniss der 
(1868. IL &] 21 



802 aügmff der ma(h.'pky8. Claue wm 14. Nqv, 1803. 

Stärkekömer ist das Studium ihrer Quellungsersobeinungen 
von Wichtigkeit. Dasselbe lässt sich auf verschiedene Weise 
anstellen. Man kann ein Präparat von unverändertem Stärke- 
mehl in Wasser etwas über der Weingeistfiamme erhitzen. 
Wenn man gehörig verfahrt, so wird man wegen der un- 
gleichen Einwirkung der Wärme alle möglichen Zustände von 
den ganz unveränderten bis zu den vollständig aufgequolle- 
nen beisammen haben. Man kann femer einem Präparat in 
Wasser Schwefelsäure oder Aetzkali zusetzen und wahrneh- 
men, wie bei dem Fortschreiten der Säure oder des Eaü 
Eom für Eom aufquillt. Noch mehr empfiehlt sich aber 
das Verfahren, das sich auf die mitgetheilten Versuche stützt, 
Stärkemehl in sehr verdünnter Säure oder Aetzkalilösung auf den 
Objektträger zu bringen. Man weiss, w'o das Aufquellen be- 
ginnen muss und wohin seine fortschreitende Einwirkung sich 
wenden wird ; man kann femer, je nach der Lösung, die man 
anwendet, je nachdem man das Präparat bedeckt oder nicht, 
und namentlich bei bedecktem Präparat je nach der beob- 
achteten Stelle, den Aufquellungsprocess nach Belieben Sm* 
serst langsam, oder weniger langsam eintreten lassen. Man 
hat somit den Vortheil, fortwährend Körner, die im Auf- 
quellen begriffen sind, beobachten und alle Stadien des Processes 
an nebeneinander liegenden Eömem veigleichen zu können. 

Aehnlich, wie mit den Beobachtungen über das Auf- 
quellen, verhält es sich auch mit denjenigen über Lösung 
und Färbung, überhaupt mit der Untersuchung von Processen, 
welche durch eine vermehrte Concentration der Beobaohtnngs- 
flüssigkeit bedingt werden. 

Besonders aber empfiehlt sich die besprochene Methode, 
wo es sich darum handelt, äusserst geringe Verschiedenheiten 
der Objekte zur Anschauung zu bringen. Die Kartoffelstärke* 
kömer weichen von den Weizenstärkekömem in der Ver^ 
wandtschaffc zu Jod, in Quellimgs- und Lösungsfähigkeit ab; 
sie zeigen dieses abweichende Verhalten jedoch bloss dann, 
wenn die Concentration der Flüssigkeit eine unmerkliid^e Zu- 



NügOi: IHe fmglMhA VertheUungi geüMtr Stoße etc. 903 

nähme erfährt. Diese unmerkliche Zunahme lässt sich aber 
auf praktischem Wege am besten herstellen, wenn durch un- 
gleiche Verdunstung der gelöste Stoff sich an bestimmten 
Stellen des Präparats langsam anhäuft. 

Was endlich den dritten Punkt, die Auffindung Yon Sub- 
stanzen, die in äusserst geringen Mengen Torkommen, be- 
trifft, so dürfte hieria die Tbatsache, dass der gelöste Stoff 
in einem flach ausgebreiteten Wassertropfen sich tmgleidi 
Tertbeilt, ihre grösste Bedeutung erlangen. Es ist oft von Wich- 
tigkeit zu wissen, ob in dem mikroskopischen Präparat, das 
man mitersucht, gewidse lösliche Verbindungen enthalten sind. 
Wenn dieselben durch eine bestimmte Beaction kenntlich, 
aber nur in Spuren yorhanden sind, so wird man diese 
Spuren vermittelst des Mikroskops längs des Bandes des un- 
bedeckten Tropfens auffinden. Der leicht zu übersehende Um* 
stand, z. B. dass an der Peripherie eines Stärkemehlpräpa- 
rats einzelne Körner mit Quellungserscheinungen sich befin- 
den, beweist die Anwesenheit einer äusserst geringen Menge 
von Säuren oder Alkalien. 

Durch dieses Mittel wurde es mir möglich nachzuweisen, 
dass kaltes Wasser entweder für sich oder mit einem gerior 
gen Zusatz von Jodwasserstoffsäure oder Jodzink einen klei- 
nen Theil der Flecbtenschläuche, sowie auch der Membranen 
in den Saamenlappen von Hymenaea, Mucuna und im 
S^iameneiweiss von Gyclamen auflöst. Ich habe die betref- 
fenden Beobachtungen in der Mittheilung vom 16. Mai 
1863 angeführt. Es jst mir selbst gelungen, aus zerriebener 
Baumwolle eine geringe Menge Gellulose durch yerdünnte 
Jodwasserstoffsäure oder durch Jodzinklösung auszuziehen. 
Zusatz von Jod färbte den Rand des Präparats an einzelne 
Stellen in gleicher Weise, wie die Baumwollfaden selbst* die 
gefärbte Zone am Bande war aber äuss^'st schmal und nur 
mit etwa 200-maliger linearer Vergrösserung deutlich zu sehen. 

21* 



3Ö4 SiiMung der moA.-phys. Ckiue vom 14. ^ov. 1B68. 

Herr Steinheil sprach 

„Ueber photographische Triangulation und 
Vermessung'^ 

Es ist leicht zu sehen, dass man die Photographie zu 
DistaDzbestimmungen benutzen kann. Denn denkt man sich 
an einem Maasstabe etwa yon 6 Fuss Länge an beiden 
Enden gleiche Photographen -Apparate mit ihren optischen 
Axen genau unter sich parallel und senkrecht zum Maas- 
stabe, der hier die Stelle der Basis vertritt, befestigt, so 
erhält man 2 Abbildungen derselben Gegend, aber aufge- 
nommen aus 2 um 6 Fuss von einander entfernten Punkten. 
Ist nun die Richtung der optischen Axe jedes Apparates 
durch eine senkrechte Linie auf der präparirten Glasplatte 
ax^ezeichnet , so tritt ein Ullterschied im Abstand von die- 
ser Linie für jedes Objekt hervor, wenn man die beiden 
photographischen Bilder mit einander vergleicht. Gesetzt 
ein Objekt treffe in der einen Photographie genau in die 
Linie, so wird in der andern Photographie dieses nämliche 
Objekt seitlich von der Linie abgebildet erscheinen. Diese 
Entfernung ist aber in der Wirklichkeit 6 Fuss, weil diess 
der Abstand der zu einander parallel gerichtete Objdrtiv 
der beiden Camera ist. Würde man nun den Abstand des 
Bildes von der Senkrechten in Linien messen und ebenso 
die Brennweite des Objektives, so ergäbe sich daraus un- 
mittelbar die Entfernung des Objektes. Denn es sei der 
Abstand des Bildes von der Senkrechten . . . . = ^ 
der Abstand der Mittelpunkte beider Objektive . . = 2/ 

die Brennweite des Femrohres = Z 

die Entfernung des Objektes . = L 

so wäre: 

l : d =z L : J oder 

i=4 



SteinheU: üeher phctographische TrianguUttian. 305 

Da aber l and J für alle Messungen denselben Werth 
behalten, so hätte man nur die aus den 2 Photographieen 
abgeleiteten i in diesen Faktor l J zu dividiren, um die 
entsprechenden Entfernungen L zu finden. 

Was nun die Genauigkeit betrifft, so hängt diese yor- 
züglich von 2 Grössen ab, 1) der Länge der Basis, die wir 
beispielsweise 6 Fuss setzten, und 2) von der Genauig- 
keit, mit welcher man aus den Photographieen cf entnehmen 
kann. Gesetzt wir könnten d auf i^ seiner Grösse noch 
sicher entnehmen, so wäre der Abstand ebenfalls auf ^ sicher 
gefunden. Die Grösse des Photographenapparates hat kei- 
nen direkten Einfluss hierauf, wenn man annimmt, dass der 
kleinere Apparat dieselbe Angulärschärfe im Bilde besitze, 
wie der grosse. Um diess plausibel zu machen, erinnere 
ich nur an die kleinen englischen Photographieen, die kaum 
1 Millimeter im Durchmesser haben ; aber unter ein gutes 
Mikroskop gebracht, in diesem Bilde 10 Figuren zeigen, die 
so genau abgebildet sind, dass man noch den Lichtreflex 
in den Augen erkennen kann. Die Genauigkeit ist also in- 
nerhalb gewisser Grenzen unabhängig yon der Grösse der 
Abbildung und lasst sich daher audi mit kleinen Apparaten 
erzielen. 

Wollte man aber auch grössere Entfernungen noch ge- 
nau bestimmen, so müsste man offenbar die Basis vergrös- 
sem. Dann wäre es aber nicht mehr ausführbar, die Ap- 
parate an einan Maasstabe zu befestigen, sondern man 
müsste jede Camera mit einem senkrecht zur optischen Axe 
stehenden Femrohr verbinden und dann diese Femrohre 
gegen einander durch Drehen der einen Camera richten, um 
sie parallel zu stellen. 

Man sieht auch gleich, dass für diesen Fäll nicht zwei 
Apparate nöthig wären, sondern dass derselbe Apparat erst 
auf dner Station benutzt würde, dann auf der andern, wo- 
bei nur jedesmal das Hülfsfemrobr auf den andem Stations- 



806 SiUung der nuaK^hys. €las$e vom IL Nw>. i863. 

punkt eingestellt werden müsste. Es würde also ein Ap- 
parat genügen, wenn man den Abstand der beiden Aufstel- 
lungen als Basis der Messungen selbst messen würde. Die- 
ser kann so gross gemacht werden, als es die genaue Be- 
stimmung des grössten Abstandes erfordert. 

Da wir somit im Stande sind , Entfernungen beliebig 
genau zu bestimmen und zwar nicht nur die eines Punktes, 
sondern aller Punkte, die in beiden Photographieen sichtbar 
werden, so liegt der Gedanke sehr nahe, diese Methode auch 
dazu zu benutzen, die Azimute und die Höhen der ver- 
schiedenen Punkte ebenso zu bestimmen. Denn wenn wir 
dieses vermöchten, so wären die 3 Elemente gegdben, welche 
man nöthig hat, um von einem seiner Lage nach bekannten 
Punkte auf der Erde die geographische Lage der anderen 
Punkte abzuleiten. Wir hätten also eine graphische Methode 
des Triangulirens, welche in sehr vielen Fällen der grossen 
Zeitersparniss wegen von Nutzen sein kann. 

Aber die erste Schwierigkeit, welcher wir hiebei b^eg- 
nen, ist, dass die Photographenapparate nur Tangentialpro- 
jectionen der aufgenommenen Gegend liefern, wobei also der 
Maasstab gegen den Rand des Bildes hin immer grösser 
wird. Dieser Uebelstand liesse sich durch Rechnung besei- 
tigen, nicht aber der Weitere, dass die Deutlichkeit des Bil- 
des gegen den Rand hin immer geringer wird , und dass 
man kaum V^ des ganzen Umfanges auf ein Bild bringen 
könnte, also wenigstens 8 Aufnahmen machen müsste, um 
eine ganze Rundsicht zu fixiren. 

Wir müssen also jetzt zuerst einen Photographenappa- 
rat angeben^, welcher auf einem planen Spiegelglase wenig- 
stens V^ des Umkreises in gleichem Maasstabe und mit 
gleicher Schärfe aufzunehmen gestattet, und werden dann 
einen zweiten Apparat bezeichnen, der bestimmt ist, aus den 
gewonnenen Photographieen die Entfernungen, Azimute und 
Höhen aller einzelnen Punkte zu entnehmen. 



BUHnheü: ütber jphatographi$che TrianguktHoH. S07 

Denken wir ans em Femrohr ohne Okular nach dem 
Horizont geriditet und drehbar um eine Verticalaxe, die ge- 
nau durch den Gauss'schen Hauptpunkt des Objektives geht, 
80 wird dieses Femrohr bei obiger Drehung das Bild des 
Horizontes auf einer Cylinderfläche zeigen, deren Ertim- 
mnngshalbmesser genau gleich ist der Brennweite des Ob- 
jdrtives. Auf dieser Gylinderfläche wird keinerlei Verschie'* 
bung des Bildes stattfinden, aber man wird nur das vom 
Bilde übersehen, was die Oefihung der letzten Blendung des 
Rohres zu sehen gestattet. Das Bild würde sich auch völlig 
richtig auf einem Planglase abbilden, wenn letzteres sich an 
dem Cylinder abwickelte und stets in der Axe des Objekt 
tives den Gylinder tangirte* Wir haben also nur die prä^ 
parirte Glasplatte in einem Schlitten anzubringen, der sich 
mit Hülfe von Ab^tidcelongskreis und Verzahnung stets rich- 
tig anlegt, am dsä Hld des ganzen Quadranten durch 
allmähligeB Fortrüdten der Drehung des Objektives zu er- 
halten. 

Hiermit ist die Idee des Instrumentes im Allgemeinen 
gegeben« Betrachten wir jetzt seine Construction näher, 
die zu bewirken hat, dass bei der Abwickelung des Glas- 
trägOTS keinerlei Verschiebung stattfindet, weil die Deutlich- 
keit der Photographie um Grössen derselbe Ordnung be- 
nachtheiligt würde. 

Der Fuss des Instrumentes ist eine Metallplatte, die 
dorch 3 daranter befindliche Fussschrauben horizontal ge- 
stellt werden kann. 

Die Platte hat die Form eines Quadranten, gezogen mit 
der Brennweite als Radius. Die Platte setzt aber auf der 
kreisförmig^i Seite noch fort um Auflage für den Schlitten 
oder Träger der Glassplatte zu gewinnen. In dem Winkel 
des Quadrant^ geht die senkrechte Axe durch die Platte, 



308 Siitnmg der math-phyB. Oam wm 14. Nae. 1863. 

welche das Objektiv trägt, das photographiren soll. Das Ob- 
jektiv ist so in die obere Erweiterung des Zapfens einge* 
schraubt, dass seine optische Axe parallel steht zur Fuss- 
platte, wenn die Axe in der Fussplatte eingesetzt ist. An 
dieser Erweiterung der Axe ist ein 4 -eckiger Kasten von 
Messingblech befestigt, der dem Objektiv als Camera dient 
und im Innern geblendet ist. Dieser 4rkantige Kasten ist 
beim Objektiv nur etwas weiter als das Glas verlangt. Er 
wird aber bis zum Brennpunkt 4, Ohjektivdurchmesser hoch 
und nur V» Objektivdurchmesser breit. Die obere Fläche 
des Kastens setzt noch V^ Objeküvdurchmesser fort und geht 
dann senkrecht herab bis nahe an die Fussplatte, wo sie hori- 
zontal abgebogen ist und einen horizontalen gezähnten Trieb 
trägt, der auf der Fussplatte aufsteht. 

Nur um das bisher gesagte anschaulich zu machen, be- 
merke ich, dass, wenn man diesen Trieb auf der Fussplatte 
fortschiebt, der Blechkasten mit dem Objektive und dessen 
Zapfen drehen würde, wobei nur der Objektivzapfen und der 
Trieb die Flussplatte berühren. 

Jetzt ist der Schlitten oder Träger der Glasplatte zu 
beschreiben, der sich so bewegen soll, dass die dem Objektiv 
zugekehrte Seite des Planglases immer genau in der Ebene 
des Bildes des Objektives liegt und dabei nicht hin und her 
gleiten darf. Um erst für diesen Schlitten eine Führung zu 
gewinnen, die die kleinsten Abstände des Glases vom Ob- 
jektiv in allen, Lagen gleich macht, ist auf die Fussplatte 
ein Viertel-Kreisbogen angeschraubt, der genau centrisch zum 
Objektivzapfen abgedreht ist. Der Radius dieses Bogens 
ist genau gleich der Brennweite des Objektives. Der Trä- 
ger der Glasplatte hat 1.6 Brennweite Länge und besteht 
aus einer linealformigen Metallplatte von gleicher Dicke mit 
dem aufgeschraubten Viertel-Kreisbogen. Auf der einen Läng- 
seite der Platte ist ein Metallrahmen senkrecht aufgesetzt, 
in welchen sich die präparirte Glasplatte so hinein schiebt, 



SleinheU: Ueber phatographisehe Tricmgulatian. 309 

dass ihre präparirte Seite nur am Bande biBrührt und durch 
Federn in diese Lage angedrückt wird. Die Scblittenplatte 
hat auf beiden Seiten ihrer Längenkanten Zahnstangen auf- 
geschraubt. Ebenso ist auf den Viertel-Kreisbogen ein gezahn- 
ter Kreis aufgeschraubt in der Art, dass der Viertel-Kreis den 
Abwickelungskreis dieser Zähne bildet. Dasselbe gilt für 
die Zahnstangen, die so auf die Schlittenplatte angesetzt 
sind, daas die Linealkante ihre Abwiokelungsfläche ist. Neh^ 
men wir jetzt den Blechkasten mit Objektiv und seinem 
Drehungszapfen von der Fussplatte ab, und petzen wir den 
Glafiplattenträger so auf die Fussplatte, dass seine Mitte auf 
die Mitte des Viertel*Kreises kommt, so werden die Zahne von 
Träger und Kreisbogen in einander eingreifen, wenn der 
Träger gegen den Viertel-Kreis hin geschoben wird*. Er kann 
aber nicht weiter geschoben werden als bis zur Berührung 
der Abwickelungsäächen des Viertel -Kreis und des Trägers. 
Jetzt setzep wir den Blechkasten wieder auf die Fussplatte 
über den Glasplattenträger und bewirken wir, dass das An- 
drücken des Plattenträgers durch den Trieb geschieht, der 
am Ende des Blechkastens steht, so ist der Apparat zusam- 
mengesetzt und ein Umdrehen des Triebes, der nun auch 
in die Schlittenplatte eingreift, wird bewirken, dass die prä- 
parirte Glasplatte die verlangte Bewegung macht. 

Wir haben nun noch die Vorrichtung anzugeben, welche 
die präparirte Platte vor Einwirkung anderen Lichtes schützt, 
als das vom Objektiv kommende. 

Diese Einrichtung ist sehr einfach und besteht in den 
zwei beim Brennpunkt nahezu rechtwinklich abgebogenen 
Seitenflächen des Blecbkastens , die nach jeder Seite hin so 
lang als die Glasplatte, nur etwas höher sein müssen, und 
sich an den Rahmen der Glasplatte anlegen und so das Ein- 
fallen des Tageslichtes während des Ganges des Apparates, 
also während der Aufnahme des Bildes abhalten. 

Bei Anwendung des Apparates ist so wie bei Messungen 



810 SUewng der ma(h,''pkyB. Glat$e wm 14* Iht. 1$63. 

fiberhaupt möglichst feste AofsteUimg zu empfehlen. In 
Rücksicht darauf sind die Fussschraaben zum Festklemmen 
eingerichtet. Eine besonders elegante Anwendung ergiebt 
sich , . wenn die Verhältnisse gestatten , die 2 Aufnahmen 
übereinander zu machen, also etwa bei Benützung von Thür- 
men, wo man natürlich den Höhenunterschied der beiden 
Stationspunkte zur Basis macht. In jedem Falle muss der 
Apparat genau nivellirt werden und es muss auf der Glas- 
platte der Horizont als feine Linie angezeichnet sein, yon 
welcher aus die Höhen zu rechnen sind. Man darf aber 
nicht vergessen, dass die Höhen in Tangentialprojektionen 
aufgenommen sind und dass die Refraktion berücksichtigt 
werden muss. 

Wenn ' die beiden Stationspunkte übereinander liegen, 
so ergiebt sich die Entfernung des Objektes aus dem Höhen- 
unterschiede desselben Gegenstandes auf beiden Photogra- 
phieen und es fällt das Einvisiren der Stationen gegen 
einander hinweg, indem die Absehenslinien durch das Nirel- 
liren des Apparates auf beiden Stationen parallel gemacht 
werden. 

Um aus den Photographieen , die in solcher Weise ge*- 
wonnen werden, die Entfernungen der Objekte, ihre Azimute 
und Höhen abzuleiten, ist^ wie schon erwähnt, ein beson-* 
derer Apparat erforderlich. 

Dieser Apparat besteht im Wesentlichen aus einem guten 
starken Mikroskop, welches sich in zwei aufeinander rechi-^ 
winklichten Richtungen messbar verstellen lässt. Die Ver- 
stellung in horizontaler Richtung muss so lang sein, als die 
Photographenplatte; die Höhenverstellung muss gleich sein 
der Breite oder Höhe der Photographie. Die Theilung auf 
beiden rechtwinklichten Schienen soll >i-^^^ geben und es ist 

1000 ^ 

für die Rechnung sehr bequem, die Theilung der genau er- 
mittelten Brennweite dem Objektive genau anzupassen, so 
dass sie unmittelbar Grade und Minuten giebt. Ein guter 



Tireviranus: Die Oberhaut der Saammechale, 811 

Drehbank-Support könnte direct als eine solche Ooordinaten« 
Maschine verwendet werden. 

Das bisher Gesagte wird für den Sachverständigen ge- 
nügen, daher wir die Aufgabe hier nicht weiter verfolgen, 
sondern uns vorbehalten, bei der Vorlage solcher Messungen 
darauf zurückzukommen. 



Der Herr Classensekretär berichtete über folgenden von Herrn 
Treviranus in Bonn (ausw. Mitglied der Akademie) einge- 
sendeten Aufsatz: 

« 

„Wie entsteht die sogenannte Oberhaut der 
Saamenschale (testa seminis)?'' 

Malpighi, indem er an zahlreichen Beispielen nachzu- 
weisen suchte, in welcher Art im lebensfähigen Pflanzenöl 
die Umhüllungen des Embryo in die Häute des reifen Saa- 
men übergehen und welche Veränderungen sie dabei erleiden, 
hat unter denen, welche in jüngster Zeit die Bildungsweise 
des Saamen aus seinen Anfängen darstellten, wenig Nach- 
folger gefunden. Kaum bekannt mit dem, vms jener, und 
unvollkommen mit dem, was Mir bei, Brown, Brongniart, 
Dntroohet darüber geschrieben haben, neb^ deren Arbdtett 
ich auch wohl der meinigen erwähnen darf, beschränkte man 
sich in eigenen Untersuchungen meistens auf das erste Erschei- 
nen der Eihäute und des Embryo, indem man rücksichtlich 
der weiteren Veränderungen grösstenthdls Mirbel. folgte. 
Es ist aber nicht zu bezweifeln, dass dieser vorzügliche Mann 
gewandter im Darstellen, als glücklich im Erkennen, der ge- 
gen fremde Meinungen sich keinesw^s verschloss, bei längerem 
Leben Manches in seinen Ansichten würde geändert haben. 
Seine Bezeichnung der Häute des Ei^s durch die Folge, worin 
sie sich von Aussen nach Innen darstellen, kann, wie ich zu 
zeigen versucht habe und wie Dutr och et anerkennt, der ihr 



! 



312 Sitetmg der ma(h.'phiy8. CUuse vom ^4. Nov. 1863. 

sonst Beifall gibt (Memoires II. 129), Irrthum yeranlassen 
und ist auf den reifen Saamen nicht mehr anwendbar. Sie 
ward desshalb von R. Brown nicht angenommen, der bei 
den Boiennungen von Malpigbi und Gärtner geblieben ist. 
Diese Zweideutigkeit betrifft; auch Mir b eis Seeundina, die 
keineswegs die Seeundina von Malpighi ist, der nach dem 
Vorgange von Fabo^icius, Harvey und Haller im Thier- 
reiche, sämmtliche Häute des Fflanzenei's zusammengenom- 
men so bezeichnet^), und bei welchem dieTesta des Saamen 
allein genommen Seeundina externa heisst. Andrerseits ist 
das, was Mir bei Anatropie des Fflanzenei's nennt, zwar eine 
besondere Form desselben, aber keinesweges, wie er sich 
solche, vorstellt, durch dessen Umkehrung entstanden, sondern 
aus ursprünglicher seitlicher Richtung der Axe desselben 
hervorgegangen, wie J. Miers überzeugend, wie ich glaube, 
dargethan hat (Gontrib. t. Bot. I. 196). 

Eine geringe Berücksichtigung hat bei neuem Unter- 
suchungen im AUgeineinen das gefunden, was Jos. Gärtner 
mit Oberhaut (epidermis) des Saamen bezeichnet: eine, 
meistens sehr zarte, zuweilen aber dickere Zellwschicht, wel- 
che der harten Saamenhaut (testa) aussen genau anklebt und 
nicht nur durch Lage und Beschaffenheit, sondern auch 
durch Zellenbau, Färbung u. s. w., sich sehr von ihr unter- 
scheidet. Wiewohl der Analogie nach vermuthet werden 
kann, dass ein Element von ihr schon an den unreifen Saa- 
men vorhanden sei, föUt sie doch an den reifen nicht immer 
in's Auge, indem sie durch Trockenwerden sich dem Blicke 
entzieht. Unter den Euphorbiaceen z.B. gedenkt ihrer Gärt* 
ner bei Acalypha, Croton, Emblica, nicht aber bei Tithy- 
malus (Euphorbia L.) und Ricinus. Gleichwohl fehlt sie 
auch hier nicht vor Eintritt vollständiger Reife; Röper hat 
sie dann als Arillus beseichnet (Euphorb. 13. 50.) und Adr. 



(1) „Quia foetum nascentem sequimtor" Fabric. 



Treciranm: Die Oherhmut der SaamensehaU. 313 

Jassien hält sie für eine Ausbreitung des schwammigen 
Fortsatzes (ümbilicus ftmgosas), der hier am Nabel sich fin- 
det (Considerat. Farn. Eaphorb. 341). Aber bei manchen 
Saamen scheint sie in der Reife noch an Starke and Saft- 
gehalt zugenommen zu haben, bei andern sind in ihrem 
inoem Zellengehalt merkwürdige Neubildungen eingetreten, 
deren Darstellung einer andern Gelegenheit aufbehalten sein 
möge. 

Ueber den Ursprung dieser SaamenhüUe habe ich, was 
Ricinus betrifft, angegeben, dass sie nur yor der Reife be- 
merkt werde, nach deren Eintritt aber durch Trockenwerden 
sich der Wahrnehmung mitziehe (Observ. recentior. 1828. 
14). Dabei betrachtete ich die Testa des reifen Saamen 
hier, wie es bei allen andern von mir untersuchten sich ge- 
zeigt, als ein Erzeugniss der äussern Eihaut (Primine Mirb.) 
und habe diesen Uebergang in einigen schmucklosen Zeich- 
nungen so gut darzustellen gesucht, als ich konnte (Symbol, 
phytol. I. t. 2. f. 32 — 40). Mirbel hat die nemliche An- 
sicht in einer epochemachenden Schrift ausgesprochen, wenig- 
stens was Euphorbia betrifft, welche sich hierin nicht von 
Ricinus unterscheidet (Rech. s. ToTule veg.: Mem. Inst. 
IX. 1830). Aber Ad. Brongniart in seiner berühmten 
Preisschrifb: Sur 1. gener. etc. de ToTule veg. (Ann. 
Sc. nat. Xn. 1827.) betrachtet den mehrgedachten zelligen 
üeberzug als die äussere Eihaut (primine) von Ricinus und 
die Testa als ein Erzeugniss der inneren (tegmen '), die dem- 
zufolge sich in zwei Lagen sondern soll, von denen allein 
die äussere solche Verwandlung in die Testa eingeht. Mir- 
bel hat dieser Ansicht lebhaft widersprochen (A. a. 0. S. 51. 
52 des Sep.- Abdruckes) und der seinigen schliesst sich 



(2) Wohl zu unterscheiden von Dutrochets tegmen (Acer oi s- 
flem. 95. Mem. II 126), worunter das verstanden wird, was ich 
inneres Perisperm nannte. 



814 Sitmng der math-phys., Clane vom IL Nov. 1863. 

die von Aug. S. Hilaire an, wenn ich dessen Worte*), die 
auch eine andere Deutung zugelassen haben und die ich des- 
halb anführen muss, richtig verstehe. Allein die HH. Bai)^ 
Ion und Arthur Gris haben sich bemüht^ die Ansicht von 
Brongniart herzustellen,, der erste in einer vorzüglichen 
Schrift über die Euphorbienfamilie (Etüde generale des 
Euphorbiacees 183), der andere in zwei Aufsätzen, deren 
jeder von einer Tafel begleitet ist (Sur le developpem. de 
la graine du Ridn. — Sur les teguments de la graine 
du Ridn: Ann. Sc. nat. 4. Ser. XV. XVII). Was jedoch 
der Betrachtungsweise von Mirbel ein entschiedenes Ueber* 
gewicht, wie ich glaube, gibt, ist: a) die Art, wie sich die 
Testa bei Ricinus und Euphorbia aus ihren Anfängen ent- 
wickelt, und b) die Analogie. 

Wenn das Ei von Ricinus anfängt, sich vollständiger 
Grösse zu nähern, aber der sehr kleine Embryo noch die 
umgekehrte Herzform hat, nimmt man am Längendurch- 
schnitte sämmtliche vier Häute wahr, die äussere, die innere 



(3) Morphologie vegetale. 728. „Sur le t^gument crustaoe 
et d'une coulear obscure de la graine des Euphorbes se trouve une 
conche blanche et päteuse, qni est d'une extreme tenuite et qliel'on 
peut gratter avec la pointe d'une aiguille; un peu avant la matura- 
tion cette couche etait sucoulente et semblait faire partie du tegu- 
ment crustace, comme la chair adherente de certains fruits ne forme 
qu'un seul corps avec le noyau". — 730. „A Pexemple des Euphor- 
bes le meme tegument peut offrir des couches de differente nature. 
Cette diversite de substance n'autorise pas plus k faire plusieurs te- 
g^oments d'un seul^ qu'on ne seroit autoris^ k indiquer, dans la Cerise 
DU la Peche, deux pericarpes, par ce que ces fruits sont chamus a 
Fexterieur et osseux en dedans. Lors donc qu'un tegument nous 
offrira des couches de consistance diverse, mais qui ne se separeront 
pas d'elles-memes en lames bien distinctes, nous les decrirons, sans 
doute, mais sans les rapporter ä des enveloppes differentes. Ainsi 
nous dirons, que le tegument du Magnolia grandiflora, roug^ et 
chamu ä l'exterieur, est crustace et jaunätre en dedans'^ 



Trmramiits: Die Obirhata der Saammsdiak. S16 

Eihaut, das äussere Perispenn und das innere (Symb. phyt. 
t. n. f. 38). Indem nun dasWachsthum fortschreitet, wird 
die äussere Eihaut mehr und mehr undurchsichtig durch 
Ablagerung solidescibler Materie an ihrem, der innem Eihaut 
zugekehrten innem Theile, welcher dabei im Durchschnitte 
betrachtet, centrale parallele Streifen bekommt, durch deren 
Gegenwart überall die Testa sich kenntlich macht. Ihr 
äusserer Theil, sowie die innere Eihaut, haben dabei sich 
lacht verändert, aber das innere Perisperm hat sich, bei 
gleichzeitig wachsendem Embryo, vergrössert und verdichtet 
(daselbst f. 39). Das äussere nimmt indessen durch Ver- 
liut seiner Säfte schnell ab und endlich verschwindet es für 
die Beobachtung, so dass nichts mehr schon dann zu sehen 
ist» wenn der Embryo erst zur Hälfte sein Wachsthum zu- 
rückgelegt hat. Betreffend die innere Eihaut, so wird sie 
erst gegen Ende des Wachstbums von ihren Säften entleert 
und sie geht dann aus dem Zustande einer saftvollen Zel- 
lenlage in den eines dünnen Häutchens über, welches der 
Testa, oder, was häufiger geschieht, dem Perisperm sich 
ajdegt^ In diesem Zustande scheint es auch wohl dem 
flüchtigen Beobachter „resorbirt^' zu sein, aber giebt durch 
Aufweichen und behutsames Absondern von seiner Unterlage 
seine Gegenwart noch vollständig zu erkennen. Die äussere 
Eihaut endlich hat bei fortschreitender Entwickelung sich 
nicht verdünnt, sondern vielmehr verstärkt, jedoch nur in 
ihrem innem Theile, der den eigenthümlichen Bau, die Un- 
durchsichtigkeit , die Härte und Farbe der Testa annimmt 
und sich dadurch von dem äussern absondai;, der seine 
weidie, saftvolle Beschaffenheit noch unverändert besitzt und 
erst, wenn jene völlig trocken geworden, ebenfalls ver- 
trodmet. 

V^gleicht man nut diesem Ergebniss, welches ich in 
den Jahren 1828 — 31 veröffentlichte, die Schilderung des 
Vorgangs, wie sie Brongniart (a. a. 0. 112. T. 41. l 1) 



316 Sitzung der math-phys» Classe vom 14, N&ö. 1863, 

gegeben hat, so sieht man, es sei dem verehrten Forsche 
begegnet, von den Hüllen , deren ich vier als diesem Ei znr 
kommend bezeichnet habe, eine zu übersehen. Er legt dem 
Ricinus bei eine häutige Testa und ein krustenartiges Teg- 
men (innere Haut), zwischen welchem und dem Endosperm 
(Albumen) er nur Eine Haut und diese von zart^ Beschaf- 
fenheit findet. Aber in Wahrheit hat das Ei hier noch zwei 
Hüllen, von denen die eine durch ihre Lage und ihre G^ 
fasse sich deutlich als T^men (innere Haut) erweiset, die 
andere aber das schnellvergehende äussere Perisperm (Nucleus 
von Brown, Amande von Brongniart) ist, welches zu 
der Zeit, wo die Untersuchung geschah, nicht mehr augen^ 
fällig war. Was aber Testa und Tegmen genannt wird, 
erweist sich als innere und äussere Zellenschicht der näm- 
lichen äussern Eihaut, wovon jene, wie angegeben, mit der 
Zeit sich verdickt und erhärtet, diese aber stets ihre Weich- 
heit behält, sich von ihr bei der Reife trennt und ver- 
trocknet. 

Was Mirbel a. a. 0. von der Eientwickelung von Eu- 
phorbia Lathyris meldet , stimmt mit der Ansicht , welche 
ich soeben entwickelt habe, ganz überein: nur bezeichneter, 
was unwesentlich ist, als dritte Eihaut (tercine), was ich als 
äusseres Perisperiü besser zu bezeichnen glaube, womit auch, 
irre ich nicht, Adr. v. Jussieu übereinstimmt. 

A. Gris hat in seinen angeführten beiden Aufsätzen 
den von Brongniart übersehenen Theil zwischen innerem 
Perisperm (Embryosack Gr.) und Secundine (innerer Eihaut) 
richtig als Nucelle dargestellt, allein er hat erstgenanntem 
in der Tafel, welche sein späteres Memoire begleitet, einen 
Bau gegeben, den es nicht hat, insoferne die Zellen hier in 
Reihen, nach der Länge vom Ei liegen, da sie in der That 
eine Anordnung der Quere desselben nach, d. h; in centripe- 
taler Richtung beobachten, wie es in der zum ersten Auf- 
satze gehörigen Tafel angedeutet ist. Was aber insbesondere 



Tre9iranu$* Die Oberhaut der Saamenschdle* 317 

Erwägung kommt, ist, dass die Testa mit ihrem zelligen 
Oberhäutchen hier als zwei verschiedene Hänte dargestellt 
werden, von denen jene, wie Brongniart angegeben, aus 
der äussern Eihaut (Mirbels Primine), diese aus der innem 
(Secondine Mirb. Tegmen Br.) ihre Entstehung soll genom- 
men haben. Ein Fall jedoch, wie dieser, wo eine Saamen- 
decke von dem eigenthümlichen Bau der Testa, aus dör in- 
nem Eihaut ihren Ursprung genommen, ist mir in der Ent* 
Wicklung des Pflanzenei's nicht vorgekommen. 

Es bleibt mir übrig, durch Analogie, nemlich durch 
Herbeiziehung ähnlicher Fälle, wo die Saamenschaale mit 
einer Schicht von weichen Zellen überzogen, durch die be- 
obachtete Entwicklung dieser beiden Lagen aus der nem- 
liohen äussern Eihaut hervorgeht, die Begründung der obigen Dar- 
stellung zu vervollständigen. Bekannt sind bei den Magnolien, 
was Oärtner semina baccata nannte, d. h. solche Saamen, 
die unter einer weichzelligen Oberfläche erst die gewöhnUche 
harte Schaale haben, welche die andern wesentlichen Theile 
einsohliesst. A. L. de Jussieu nannte sie auch semina aril- 
lata und man kann diese Bezeichnung gelten lassen, deren 
auch Röper bei Euphorbia sich bediente, sofeme sie der 
ersten immer noch vorzuziehen ist, die eine zu sehr abwei- 
chende Vorstellung gibt. Allein damit darf nicht zugleich 
ausgesprochen werden, wie von J. Miers in einer frühem 
Schrift (On the fleshy covering of the seed in Mägnolia- 
ceae eta Linn. Transact. XXII.) geschehen, dass dieser 
so zu nennende Arillus den ncmliohen Ursprung habe, wie' 
der von Evonymus u. a., nemlich durch eine später er- 
folgende Ausdehnung der Oefassscheide am Nabel. Es ist 
vielmehr, wie bereits A. S. Hilaire a. a. 0. angegeben 
und wie Asa Gray (On the structure of the ovule etc. of 
Magnolia: Eroceed. Linn. Soc. II.) gezeigt hat, der innere 
Theil der Primine (äussere Eihaut) , welcher verhärtend 
zur Testa wird, während der äussere fortführt, sich als ein 
[1863.n. 8.] 22 



818 SiUvmg der matK-fshys. CUuse vom 14. Nm>, 1663. 

ariUaitiger Ueberzug von jenem darzitötelleD. Oaron habe 
ich mich durch eigene Anschauung yoUständig yersichert und 
das Nähere darüber an einem anderen Orte angegeben (Bo- 
tan. Zeitung XVI. 358.) Miers, indem er der Ansicht 
von Gray, dass der weiche Ueberzug der Saamenschale 
yon Magnolia keine spätere Bildung yom Nabel aus, wie bei 
Eyonymus sei, nun beitritt (Contributions to Bot. I. 175.), 
weicht doch yon ihm rücksicbtlich der Testa ab und sdiliesst 
sich damit der Ansicht yon Brongniart an, indem er es 
nicht glaublich findet, dass zwei der Substanz nach so yer- 
schiedene Saamenhäute, wie jene, deren jede ihre £iudermis, 
wie er sich ausdrückt, habe, aus der Entwi(^ung yon Einer 
und der nemlichen Eihaut heryorgegangen sein können. Er 
glaubt deshalb annehmen zu müssen^, es sei die innere Ei* 
haut, welche sieh hier in die Saamenschaale gewandelt habe, 
nicht aber die äussere, als welche ganz in die yon ihm so«* 
genannte Arilline übergehe. In diesem Falle jedoch würden 
die naturgetreuen Abbildungen und Beschreibungen yon 
Gray (Proc. Linn. Soc. II. 108. 9. fig. 7. 9. 13. 14.) deren 
Richtigkeit und Genauigkeit Miers selber anerkennt, es wür- 
den zumal f. 13. 14. durchaus unrichtig sein, indem sie den 
Beweis geben, dass jene Bildung lediglich innerhalb der äus- 
sern Eihaut yor sich gehe, ohne dass die innere irgend wel- 
chen Theil daran nimmt. Was aber die bestrittene Tren- 
nung einer ursprünglich einförmigen Zellenlage in deren zwei 
yon yerschiedener Art, durch natürliche Entwicklutig betrifft, 
so hat man dayon, wie auch A. S. Hilaire andeutet, den 
Beweis an jeder sogenannten Drupa, z« B. der Kirsche oder 
Pflaume, indem das harte Putamen und dessen weicher, saf- 
tiger Ueberzug in der ersten Zeit ein gleichförmiges Zellge- 
webe darstellen, dessen yoUständige Trennung in zwei Zell- 
massen yon so durchaus yerschiedener Beschaffenheit eine 
blosse Folge naturgemässer. Entwicklung ist. Diese Analogie 
dürfte bei genauerer Erwägung noch weiter auszuführen und 



IVeviranus: Die Oberlitmt der SiMmensehale. 319 

ZU mitersttchen sein, ob nicht überhaapt bei Verwandlang 
der äussern Eihaut in die Testa entweder deren äusserste 
Zellenlage unverändert zurückbleibe, die dann beim Trocken- 
werden des Saamen sich ablöst, anklebt, kurz nicht mehr als 
Ueberzug der Testa wahrgenommen wird ; oder sich verdieke 
und ein semen baccatum, eine testa arilliformis, einen arillus 
elasticus und dergl. bilde oder in eine im Wasser aufquel- 
lende Zellenschicht übergehe, worin sich dann oft, wie bei 
Cucurbitaceen, Acanthaceen, Hjdrocharis, CoUomia u. a. 
Spiralfäden unter dem Mikroskop darstellen. 

Zusatz. 

Nachzutragen ist, dass Planchon schon 1844 in seiner 
Schrift: Des vrais et des faux Arilles 28. aufmerksam ge* 
macht hat, dass die Testa oder Primine oft aus Schichten 
eines verschiedenen Baues bestehe und daraus erklärt, wie 
aus ihr z. B. bei den Euphorbiaceen sowohl Gärtners so- 
g^annte Epidermis der Saamen (Röpers Arillus), als die 
harte Krustendecke derselben ihren UrsiH'ung nehme. In 
einer spätem Schrift (Sur la famille des Guttiferes: Ann. 
Sc. nat. 4 Ser. 1862. XVI. 295.) wendet er diese That- 
sache auch auf Magnolia an, mit der Bemerkung, dass 
sowohl A. Gray, als J. Miers dabei im Irrthum gewesen. 
Gray, indem er in der ersten die Primine des Ei's, in der 
zweiten die Secundine erkenne. Dieser, indem in der har- 
ten Saamenhaut die Primine erblicke, deren weiche Aussen- 
hülle aber als einen Arillus betrachte. Allein es hätte sol- 
len hinzugesetzt werden, dass Gray jene Meinung später 
g^en die von Planchon, welche ihm nicht bekannt war, 
vertauscht habe. Mit allem Fug konnte er daher dessen 
gedachte Angabe berichtigen (Ann. Sc. nat. 4. Ser. 1862. 
XVII. 382.), indem er zugleich dem Saamen von Magnolia 
nun nicht mehr wie früher, eine testa baccata, sondern, mit 

etwas mehi' Wahrheit, eine testa diupacea. beilegt. Bei die- 

32* 



320 SitMung der mtM.-phys, (Mosh wm 14, Nov. 1863. 

sen Discasstonen geschieht meiner inzwischen erschi^ienen 
Arbeit über Magnolia keine Erwähnung. 



Herr Seidel hielt einen Vortrag 

„üeber eine Anwendung der Wahrscheinlich- 
keitsrechnung bezüglich auf die Schwan* 
kungen in den Durchsichtigkeitsverhältnis* 
sen der Luft". 

In meiner Abhandlung „Resultate photometrischer Mes^ 
sungen an 208 Fixsternen", welche im 3^. Bande der Ab- 
handlungen unserer Glasse kürzlich veröffentlicht worden ist, 
habe ich am Ende die Frage in Betracht gezogen, ob solche 
Variationen in der Durchsichtigkeit der Luft, die etwa in 
Zusammenhang stünden mit den Ablesungen unserer meteo- 
rologischen Listrumente, in den Beobachtungen erkennbar 
sind. Die kleinen Untersuchungen , welche in Betreff des 
Luftdruckes und des Feuchtigkeitsgehaltes dort angestellt 
worden sind, haben ein negatives Resultat ergeben: ich hätte 
beifügen können, dass auch eine Anordnung der controlirten 
Beobachtungen nach den Monaten, welchen sie angehören, 
kan Vorherrschen stärkerer oder schwächerer Extinctionen 
des Lichtes in gewissen Jahreszeiten erkennen lässt ^), wo- 
nach also der Einfiiuss der Temperatur auf die Grösse der 
Licht-Absorption ebenfalls sich der Wahrnehmung entzieht. 
An der betreffenden Stelle in §. 16 meiner Schrift ist noch 
eine Betrachtung von etwas allgemeinerem Charakter beige- 
fügt: nachdem, nämlich die Fehler der einzelnen Messungs- 



(1) In Bezug auf meine ältesten, 1852 publicirten Mesfiongen 
ist dies bereits p. 41 meiner ersten Abhandlung erwähnt: die analoge 
Untersuchung für das jetzt vorliegende viel grössere Material liefert 
^8 gleiche Ergebniss. 



Seidd: Eine WahrachHrdidikdts-üntersuchung. 321 

resuttate, (d. h. ihre Abweichungen von aus mehrfacher Be- 
stimmung hervorgehenden Mittelwerthen) in meinen Tabellen 
als positiv oder als negativ erscheinen, je nachdem eine Be- 
obachtui^ auf das Stattfinden einer stärkeren oder einer 
schwächeren als der durchschnittlichen Extinction des Lichtes 
hinweist, so bot sich die Bemerkung dar, dass überhaupt 
Jede Ursache, welche während eines Zeitraumes, der mehrere 
Beobachtungen umfasst, die Extinctionen im Allgemeinen 
vergrössert oder verkleinert, dahin wirken muss, die Auf- 
einanderfolge von Fehlem gleichen Vorzeichens wahrschein- 
licher zu machen, als den Zeichenwechsel; die Abzahlung 
der nach der Zeit geordneten Fehler in der Tabelle gibt 
aber kein Vorherrschen der Zeichenfolgen, sondern im Ge- 
gentheil 247 Wechsel der Zeichen auf 239 Zeichenfolgen, 
womach der Schluss begründet wird, dass überhaupt in 
solchen Nächten, welche man für die Beobachtungen 
brauchbar findet, die gesetzmässigen Einflüsse, welche für 
einen Zeitabschnitt von einiger Dauer am ganzen Firma- 
mente die Grösse der Extinction in einerlei Sinn abändern, 
nur von untergeordneter Bedeutung sind gegenüber den 
rein lokalen Trübungen, die nur gewisse Gegenden des 
Himmels treffen, oder sonstigen unerkannten Fehlerquellen. 
Die Hoffnung, Velche man zu hegen geneigt sein mochte, 
dass die Berücksichtigung des Standes der meteorologischen 
Instrumente erlauben würde, die jedesmal gerade stattfindende 
Extinction theoretisch wesentlich genauer zu berechnen, als 
sie jetzt aus meinen Tafeln zu entnehmen ist, und darnach 
die Beobachtungen in einer vollkommneren Weise zu redu- 
ciren, wird dadurch, wenn nicht geschwächt, doch wenigstens 
auf ein späteres Stadium in der Photometrie des Himmels 
zurückgewiesen. Der von uns gezogene Schluss hat aber 
offenbar nur einen bestimmten Grad von Wahrscheinlich- 
keit für sich: man wird nämlich eine bestimmte Prob^bili- 
tät für die Annahme erhalten, dass der erkennbaren Gesetzen 



822 SitJstmg der math.'phys. Gasse vom 14. Nov. 1863. 

folgende Theil des ganzen Fehlers einer Beobachtung im 
grossen Durchschnitte nicht mehr als einen gewissen ali- 
quoten Theil des überhaupt zu befürchtenden Fehlers aus- 
macht; je kleiner man diesen aliquoten Theil wählt, desto 
gewagter wird offenbar die Annahme, oder desto kleiner 
die ihr zur Seite stehende Probabilität. Die genauere Ein- 
sicht von der Tragweite unserer Folgerung erfordert also 
die Lösung einer Wahrscheinlichkeits- Aufgabe, und diese 
ist es, mit der ich mich hier beschäftigen will, da sie 
mir einiges theoretisches Interesse zu besitzen scheint, 
und zugleich ein Beispiel abgeben kann von der yoHstän- 
digen Durchfuhrung eines Probabilitätsproblems an einem 
durch die beobachtende Wissenschaft dargebotenen schon 
etwas complicirteren Falle. Es bedarf nicht der Erör- 
terung, dass beinahe alle Schlüsse, die sich auf Beobach- 
tung gründen, ebenfalls nur Wahrscheinlichkeitsschlüsse sind, 
und dass strenge genommen für uns der wahre Inhalt der 
Erfahrung immer in der Feststellung gewisser Probabilitäten 
seinen adäquaten Ausdruck finden würde, obwohl bisher we- 
nige Untersuchungen bis zu diesem Abschluss verfolgt wor- 
den sind. 

1. 
Denkt man sich, bei einer ganzen Anzflil von N + 1 
Beobachtungen, die N Uebergänge immer von Einer zu der 
der Zeit nach nächstfolgenden gemacht, so möge in M' = 

N 

— Fällen dieser üebergang einen Sprung von einem Zeitab- 

m 

schnitt zu einem andern darstellen, in welchem die auf die 
Durchsichtigkeitsverhältnisse der Lufl; bezüglichen meteoro- 
logischen Verhältnisse sich ganz neu geordnet haben; in den 

m .1— 1 

M = N übrigen Fällen hat man alsdann eine Folge 

zweier solcher Beobachtungen, welche unter dem Einflüsse 
analoger Verhältnisse gemacht sind. Wenn nun alle Mes- 



Seidd: Eine Wahr9eKekdiekkeiU'üntermehimg. 328 

sangen redncirt werden unter Anwendung einer Tafel fiir di« 
Extinction des Lichtes, welche für einen gewissen mittleren 
Durchsichtigkeitszustand der Luft gilt, so wird in jedem der 
Fälle, in welchem die beiden auf einander folgenden Beob- 
achtungen durch einen Sprung in der Epoche geschieden sind, 
mit gleicher Wahrscheinlichkeit jede der beiden Annahmen 
aufgestellt werden können, entweder, dass in den zwei Epo- 
chen die Abweichung der wirklichen Durchsichtigkeit der 
Lttft Ton dem mittleren Zustande in einerlei Sinn stattfindet, 
oder im Gegentheil, dass die Durchsichtigkeit das Einemal 
erhöbt und das andremal vermindert war. Versteht man 
also die Zeichen der Fehler der einzelnen, mittelst der Tafel 
redudrten Beobachtungsresultate so, wie vorhin angegeben 

N 
worden ist, so wird in den M' = - Fällen unserer ersten 

m 

Art eine Aufeinanderfolge von Fehlem gleichen Vorzeichens 
weder grössere noch geringere Wahrscheinlichkeit haben, als 
der Wechsel des Zeichens, d. h. jeder dieser beiden Mög- 
lichkeiten entspricht die Wahrsdieinlichkeit V«; wenn man 
daher die Anzahl der hier wirklich vorkommenden Zeichen- 
folgen nennt 

V« M' + y VM' 

und die der entsprechenden Zeichenwechsel 

V« M' — y VM' 

(die Quadratwurzel hier, so wie später in den analogen Fäl- 
len, als positiv gedacht), so wird y ebenso leicht einen po- 
sitiven als den gleich grossen negativen Werth haben können ; 
und unter Voraussetzung^ dass M' eine einigerinaassen grosse 
Zahl ist, wird nach dem vervollständigten Bemoulli'schen 
Satze die Wahrsdieinlichkeit, dass y zwischen zwei Grenzen 
^9 ß li^t (von welchen ich hier, wie später in den analogen 
Fällen die zuletzt genannte als die algebraisch grössere vor- 
aussetze) sich ausdrücken durch das bestimmte Integral 



324 SUmmg der maäi.-phy». datu «om 14. Nov. IBSS. 

' i» V2 

I. 




m — 1 

So oft man dagegen einen von den M = N Fäl- 

" ^ m 

len in Betrachtung zieht, in welchen innerhalb einer unserer 
meteorologischen Epoche zwei Beobachtungen sich folgen, ist 
die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Fehler gleiches Vorzeichen 
haben, grösser als die Wahrscheinlichkeit eines Zeidienwech- 
sels zwischen den Fehlem: denn wenn überhaupt innerhalb 
einer besondem Epoche p^ die Probabilität eines Fehlers vom 
Einen, q^ die eines solchen vom andern Vorzeichen darstellt, 
so wird innerhalb dieser Epoche die Wahrscheinlichkeit der 
Zeichenfolge offenbar sein = p'* -f q' *, dagegen wird 
diejenige eines Wechsels der Zeichen = 2 p' q', folglich die 
erstere grösser als die zweite um (p' — q')*» so oft, 
in Folge einer Abweichung des allgemeinen Durchsichtig- 
keitszustandes der JUift von dem mittleren, ein Unter* 
schied zwischen p^ und q^ besteht. Da also in allen ein- 
zelnen Epochen die Differenz beider Wahrscheinlichkeiten 
immer in demselben Sinne liegt, so muss auch dann noch 
die Wahrscheinlichkeit (p) einer Aufeinanderfolge gleicher Zei- 
chen der Fehler grösser sein als diejenige (q) eines Zeichen- 
wechsels, wenn die Wahl der beiden auf einander folgenden 
Beobachtungen ii^endwo innerhalb einer nicht vorausbezeich- 
neten Epoche £rei steht, d. h. wenn das Paar in der ganzen 
Reihe der Beobachtungen an jedem Orte, nur mit Ausschluss 

N 
der— schon zuerst betrachteten Stellen der Sprünge, heraus- 
gegriffen werden kann» 

Ich werde nun unter der ganzen Zahl N =Mder- 



8eidd: Sine WiOirsckeMidKkeitS'üntersw^img. 826 

jenigen Fälle, anf welche sich die neue Betrachtung bezieht, 
die thatsächlich vorkommende Anzahl von Aufeinanderfolgen 
gleicher Vorzeichen der Fehler bezeichnen durch 

p M + X VM 

Man hat alsdann (weil p + q = 1 ist) diejenige der Zei- 
chenwechsel gleich 

q M — X VM ; 

Dabei lässt sich, unter Voraussetzung der Kenntniss der 
Werthe von p , q , wieder nach dem BernouUischen Satze 
die Probabilität angeben, welche a priori dafür besteht, 
dass X zwischen die Grenzen y, 6 hineinfallt; sie stellt sich 
(wenn ^ > y) durch das Integral dar: 

i : V2pq 

„ 1 r _tt 

n- y;^ I e dt 

« 

Nach den eingeführten Bezeichnungen ist nunmehr die 
gesammte Anzahl s von Zeichenfolgen, welche bei unseren 
N+1 = M + M'+1 Beobachtungen stattfinden, ausge- 
drückt durch die Formel 

8 = pM + V« M' + X VM + y VM' 

oder auch, vermittelst der Substitutionen 

y = x' 1/ r^, = x' Vm— 1 und x + x* = a durch die 

folgende Formel: 

(1) s = pM + Vi M' + VM 

Dabei stellt das Integral I. die Wahrscheinlichkeit dar, dass 
y = x' Vm— 1 zwischen den Grenzen a,ß liegt; es wird 
daher die ProbabiUtät, dass x' selbst einen Werth hat, der 
zwischen zwei Grenzen jti , v eingeschlossen ist , gleich sein 
dem Ausdrucke 



338 Sitgung der maih.-^$, CImm wm 14. Nw. 1663. 

V Va (m—l) 

m. ' f .-"dt - 

M V2lm-1) 

Man kann aber aus den beiden Formehi II. und in., welche 
sich auf die einzehien Grössen x und x^. beziehen, sogleich 
auch die Probabilität dafür herstellen, dass ihre Summe C 
(die in dem Ausdrucke (1) allein vorkommt), zwischen vor- 
gegebene Grenzen fallt. Der Satz, welcher hier zur Anwen- 
dung kommt, (und der aus den Principien der Wahrschein- 
lichkeitsrechnung leicht abgeleitet wird) ist derselbe, durch 
welchen in der Theorie der kleinsten Quadrate der wahr- 
scheinliche Fehler einer Summe gefunden wird, wenn die 
wahrscheinlichen Fehler der einzelnen Summanden gegeben 
sind, und der so formulirt werden kann: „Wenn die Wahr- 
scheinlichkeit, dass eine Grösse z zwischen den Grenzen 

b: V^ 

a und b liegt, ausgedrückt wird durch _ | e ^^^ 

a : Vx 
und die Wahrscheinlichkeit, dass eine andere x^ zwischen 

b' : Vi 



^-J'"* 



a' und b' ÜQgt, analog durch _L 1 e dt, so wird 

Vtt 

a' : VA 
die Wahrschemlichkeit , dass die Summe x + x^ zwischen 

h : Vi^Ä 
g und h fällt, dargestellt durch — _ 1 e dt" 




g: Vx-f Ä 



Qiebt man hier den Grössen x und X etc. die Werthe, wie 
sie den Formeln 11. und ÜI. entsprechen, so folgt unmittel- 
bar, dass die Wahrscheinlichkeit, O werde zwischen die Gren* 
zen g und h fallen, in unserem Falle repräsentirt wird durch 
den Ausdruck 

h : CO 

IV. 1 r e-**dt 




g :« 



in welchem gesetzt ist 



(2) '"*=2(S::i)+^P^- 

Man erkennt, dass unsere Wahrscheinlichkeit yerschie- 
deneWerthe annimmt, je nach dem diejem'gen von p,q be- 
schaffen sind. Denkt man sich also jetzt, wie es in unserer 
Anwendung der Fall ist, dass die letzteren Werthe noch un- 
bekannt seien, und dass man aus der Erfahrung constatirt 
habe, dass C zwischen gegebenen Grenzen eingeschlossen ist, 
so hat man das Stattfinden eines Ereignisses beobachtet, 
dessen Eintreten die Folge der Existenz sehr verschiedener 
Ursachen (nämlich aller möglichen Werthe Ton p , q) sein 
konnte, nur mit yerschiedenem Grade von Wahrscheinlich- 
keit. Es findet daher der bekannte Satz Anwendung, nach 
welchem auf die relative Wahrscheinlichkeit der verschie- 
denen Erklärungsarten eines beobachteten Erdgnisses ge- 
schlossen wird. In unserem Falle wird durch das Ergeb- 
niss der Abzahlung zunächst ermittelt, dass s zwischen ge- 
wissen Grenzen liegt, (die man so nahe als man will zu- 
sammenrücken kann, weil der genaue Werth bekannt ist); 
denkt man sich nur, dass die Distanz dieser Grenzen klein 
sei gegen VM, so werden jedenfalls die beiden Schranken, 
zwischen welchen in Folge dessen der aus Gl. (1.) sich er- 
gebende Werth von a eingeschlossen liegt, und welche ich 



S28 Sitzung dw ma(h.'pfiiys. Claase wm 14, N<n>,,1863, 

jetzt ü und a + A nennen will, sioh sehr ^ahe fallen ; wetm 
man diese beiden Wertbe in IV. statt g und h substituirt, 
so wird daher, in Folge der Kleinheit von A, der Ausdruck 
sich vereinfachen, welcher die Probabilität vorstellt, die dem 
constatirten Ereigniss unter Voraussetzung gewisser VITerthe 
von p und q a priori zukommt ; er wird nämlich übergehen in 

— e 



Dieser Ausdruck muss nun, nach dem erwähnten Satze der 
Wahrscheinlichkeitsrechnung, multiplicirt werden mit dem- 
jenigen, welcher die Probabilität des benützten Werthes von 
p und des zugehörigen von q a priori darstellt. In Betreflf 
der letztem werde ich voraussetzen, man habe die Wahr- 
scheinlichkeit, wie sie vor unserer Abzahlung dafür vorban- 
den ist , dass p zwischen zwei Grenzen p, , p, hineinfallt 
(P> > Fl) d^ch die Form ausgedrückt 

Pi 
(3.) V(Pi) — V'(Pi)= I ^ dp 




wonach die Probabilität, dass der Werth der mit p bezeich- 
neten Grösse zwischen p und p + dp hiudntrifft, die Form 

annimmt ~- dp. Unser Produkt wird hiermit zum Element 
dp ^ 

eines Integrales, und die Wahrscheinlichkeit, wie sie in 

Folge der Abzahlung dafür besteht, dass der wirkliche 

Werth von p liegt zwischen r und r', wird nach dem Satze 

ausgedrückt (da -^ sich aufhebt) durch einen Quotienten 

zweier Integrale der Form | (jp ^ _ 

■ ^ dp « « 



Seidd: Eine WahrsehetfäiMseits-Ufitersfichung. 329 

von welchen das des Zählers zu erstrecken ist zwischen den 
Grenzen r nnd r^, das des Nenners über den ganzen Um- 
fimg der möglichen Werthe von p. Dabei ist a die durch 
Oleichung (1) bestimmte Function von p; der Werth von m 
ist aus (2) zu entnehmen; der Zusammenhang zwischen tp 
und p aber, welcher bei (3) nur erst definirt, noch nicht 
wirklich ausgedrückt ist, bedarf einer genaueren Feststel- 
lung, zu weldier die Betrachtungen der folgenden Paragra^ 
phen führen werden. Sogleich kann man indess noch be- 
merken, dass unsere Endintegrale sich bequemer, durch Ein- 
führung von ^ selbst als Integrations-Buchstabe, in die Form 
stellen lassen 

V. I dl// e 




Ol 

wobei die Grenzen des Integrales im Zähler diejenigen sind, 
welche zu den Werthen r und r' von p gehören, dagegen 
im Nenner die den beiden extremen p entsprechenden. 

2. 

Es ist nunmehr nothwendig, etwas eingehender die Um- 
stände zu betrachten, welche die Entstehung von Fehlern 
des einen oder des andern Vorzeichens in unsem Messungs- 
resultaten bedingen: nicht allein um die noch fehlende Ver- 
bindung zwischen tff und p herzustellen, sondern besonders, 
um von den durch die Abzahlung ermittelten Wahrscheinlich- 
keiten gewisser Werthe von p, q (die an sich kein beson- 
deres Interesse haben), übergehen zu können auf die Wahr- 
scheinlichkeiten derjenigen physikalischen Verhältnisse, wel- 
che vorhanden sein müssen, wenn jene besonderen Werthe 
Giltigkeit haben sollen. 

Insoferne die Fehler unserer reducirten Beobachtungs- 
resultate aus den variabelen Extinctionen des Lichtes in der 
Atmosphäre entspringen, entstellen sie offenbar die einzelnei^ 



330 



SiUung der matK'phffs» Qasse vom 14. Nov, 1663, 



aus den Messungen al^eleiteten Zahlen deshalb, weil die 
letzteren unter Voraussetzung eines gewissen mittleren Doroh« 
sicbtigkeitsgrades der Luft abgeleitet werden, der sich zu 
den verschiedenen Beobachtungszeiten nicht wirklich einge* 
halten findet. Die Verminderung , welche der Logarithmus 
der Helligkeit eines Himmelskörpers erfahrt, während sein 
Licht die Atmosphäre passirt, kann nach der Theorie von 
Lambert oder von Laplace approximativ dargestellt wer^ 
den durch die Formel a See z (wo.z die Zenitdistanz vor- 
stellt); meine empirisch gebildete Tafel setzt an die Stelle 
des Factors See z eine etwas verschiedene Funktion, schliesst 
sich aber der aufgestellten Formel (die ich wegen des ein- 
fachen mathematischen Ausdruckes hier der Betrachtung zu 
Grunde lege) noch sehr nahe an, so lange man nur nicht 
in die unmittelbare Nähe des Horizontes kommt.') Der Haupt- 
grund ihrer Abweichung, in den einzelnen Fällen, von der 
Natur, besteht ohne Zweifel darin^ dass sie nur die Abhängig- 
keit der Extinction von der Zenitdistanz berücksichtigt, also 
dem Factor a einen Ein für allemal festen Werth beilegt, 
während derselbe in Wirklichkeit etwas variabel ist, weil 
einerseits in einem bestimmten Zeitabschnitt unserer Beob- 

r 

achtungen die Durchsichtigkeit der Luft im Allgemeinen 
grösser oder geringer als in einem andern sein kann, und 
ausserdem noch in der bestimmten Richtung, in welcher ein 
Stern observirt wird, durch vorübergehende lokale Ursachen 
eine Abweichung im einen oder im andern Sinne veranlasst 
werden kann. Ich bezeichne mit a© den festen Werth, wie er 
unserer dermaligen Reduction der Beobachtungen zu Grunde 
liegt, und mit a ^ u -f- u denjenigen, welcher zu ge- 

1 s 

wisser Zeit bei dem Durchgang des Lichtes von einem be- 
stimmten Sterne in der That in Betracht kommt; dabei soll, 
conform der soeben bezeichneten Unterscheidung, Ui den 

(2) Yergleiohe hierüber §. 6 meiner Abhandlung von 1852, 



Seidd: Bi/he WahfsduiifaiiMeitB'üritersuchiimff, 331 

^nihrend einer gewissen Epoche constanten und innerhalb 
derselben für alle Richtungen geltenden Theil der Differenz 
vorstellen: u hingegen den ganz regellos oder zufällig bei 

dem augenblicklichen Visiren nach einer besonderen Richtung 
noch hinzutretenden Bestandtheil. Für einen zweiten Stern 
(von der Zenit distanz z'), welcher mit dem ersten photo- 
metrisch verglichen wird, wird also Ui seinen Werth behal- 
ten, u, aber einen neuen u^ annehmen. Leitet man nun 
aus der Messung den Logarithmus des Helligkeitsverhältnis- 
ses der beiden Sterne ab (wobei ich mir hier die Helligkeit 
des ersten in den Zähler gesetzt denken will), so wird zu 
demselben wegen Extinction des Lichtes die Correction addirt 

+ a See z — a See z' 



während dieselbe eigentlich heissen sollte 

+ (a + u + u) See z — (a + u + u') See z'; 

1 t 11 

der Fehler des logarithmisch dargestellten Beobachtung8-> 
resultates wird also (insofeme er aus den hier besprochenen 
Ursachen entspringt) sein die Grösse 

(4.) +|u (See z — See z') + u See z — u' See z4 

und zwar muss nach der in meinen Abhandlungen eingeführ- 
ten Unterscheidung der Vorzeichen ') (nach welcher immer der 
positive Fehler einer Beobachtung auf eine vergrösserte Ex- 
tinction des Lichtes zur Zeit derselben hinweist) das obere 
oder untere Zeichen vor der Klammer angewendet werd^, 
je nachdem der Stern, für welchen die nicht accentuirten 
Grössen gelt^, tiefer oder höher stand als der andere. 
Von der Grösse u, welche, den Unterschied des mo- 

mentan in einer besondem Richtung geltenden a von dem 
gleichzeitig giltigen durchschnittlichen Werthe repräsentirt, 



(8) Vgl. p. 52 f. der Eingangs erwähnten Arbeit. 



832 Sitzung der fna^^-phy^ Glosse vom IL Nov. 1863. 

muss man vorausseteen, dass sie ebenso leicht anf die posi* 
tive als anf die negative Seite fällt; und da sie einen Ge- 
sammteffect nnmdlich yieler, einzeln unendlich kleiner Ele- 
mentarwirkungen darstellt, so werden wir, solange die Ent- 
stehung der letzteren für uns als eine zufällige erscheint, zu 
der weiteren Annahme genöthigt, dass die Walirscheinlich- 
keit, ihr absoluter Werth werde eine gewisse Grösse errei- 
chen, durch dieselbe Funktion dargestellt wird, deren Gil- 
tigkeit für das Zustandekommen zufälliger Beobachtungsfehler 
unter analogen Voraussetzungen über die Bildung derselben 
aus der Summirung einzelner sehr kleiner Bestandtheile be- 
wiesen ist. Nennt man also u (entsprechend dem „wahr- 
scheinlichen Fehler") diejenige absolute Grösse, welche u und 

s 

u' ebenso leicht überschreiten, als nicht erreichen, so wird 
s 

die Probabilität, dass die eine oder die andere dieser Grös- 
sen einen Werth annimmt zwischen S u und dem algebraisch 
grösseren £U, sich ausdrücken durch das Integral 

in welchem der bekannte Zahlenwerth ^ = 0,4769360 durch 
die Bedingung fixirt ist, dass die Probabilität = V« werden 
muss, wenn S = — 1,« = +1 gesetzt wird. ^) Das näm- 
liche Integral drückt dann auch die Wahrscheinlichkeit aus, 
dass der Werth von 

u See z — u' See z' 
t s 

zwischen den Grenzen liegt. 

i U VSeo z * + See z'* und « u VSec z» + See z* 

wie diess aus der bekannten Anwendung des schon oben 

(4) Yergl z. 6. Encke im Astron. Jahrbuche für 1834^ p. 269 ff. 



» 



Seidd: Eine WährscheinlichheitS'Untermchunff, 833 

(zur Herstellung des Ausdruckes IV.) benutzten Satzes in 
der Theorie der kleinsten Quadrate unmittelbar folgt. 

Soll nun bei 6iner bestimmten Beobachtung, zu welcher 
die Zenitdistanzen z und z' coiicurriren, ein positiver Fehler 
zu Stande kompien, so muss nach dem Ausdrucke (4.), wenn 
See z > See z ' ist, die Grösse u See z — u ' See z ' einen 

Werth haben, welcher liegt zwischen den Grenze^ — u (See z 

— See z') und + oo; dag^en wenn See z < See z' ist, 

einen Werth zwischen den Grenzen — oo und — u (See z 

1 

— See z'); die Wahrscheinlichkeit, dass das eine oder das 
andere wirklieb der Fall sei, kann nach den soeben gemach- 
ten Aufstellungen hingeschrieben werden. Ist aber ganz im 
Allgemeinen von irgend einer Beobachtung die Rede, so 
können noch z und z' selbst alle Werthe haben zwischen o 

7t 

und — ; die Wahrscheinlichkeit eines positiven Fehlers ist 

also dann diejenige des Zusammentreffens zweier beliebigen 

Werthe von z und z' mit einem geeigneten Werth von u See z 

s 

— u' See z'. Bezeichnet man einen Augenblick mit P (z) dz die 
s 

Probabilität , dass' bei einer willkührlich herauszugreifenden 
Messung die Zenitdistanz des ersten Sternes zwischen z und 
z + dz hineinfällt, und also mit P(z') dz' die analoge Pro- 
babilität für den zweiten Stern, so ergibt sich demnach aus 
den Grundsätzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung, dass die 
Probabilität eines positiven Fehlers dargestellt wird durch 
folgende Summe zweier dreifachen Integrale : '') 



(5) Die Trennung in zwei Theile, je nach dem 2' ^ z ist, wird 
bedingt durch das Doppelzeichen in (4). 

[1868.118.] 23 



334 Sitgmng der math.-phya, Crosse vom 14. Nov. 1863, 




:^ I d2P(«) I dz'P(zO 





n n 

2 




+ ^ I dz P(z) I dz'P(zO I e-"dt 



wo die Integration nach t zu erstrecken ist im ersten 

'., , Ui f See z — See z' ... . . 

Qliede von ^^ ^.. ;,■ . ^ . . , bis + cd , und im 

, . Uj q See z' — See z 

zweiten von — oo bis + ^ 



U VSecz« + See z" ' 
die Wurzel immer positiv verstanden. Die letzteren Grenzen 
lassen sich aber auf die ersteren zurückführen, wenn man 
im letzten Integrale statt t den entgegengesetzten Werth zur 
Variabein macht, und (weil in diesem Integrale z^ > z ist) 
jetzt fest setzt, dass das Vorzeichen der Wurzel in der un- 
tetren Grenze jedesmal so eingerichtet werden soll, dass der 

A« 1 oec z ""^ oec z ... . . 

usdruek , . positiV'Wird. 

V See z" + See z '» ^ 

Nach dieser neuen Anordnung vereinigen sich dann die 
beiden Glieder unserer Summe, und es kann der Ausdruck 
für die Wahrscheinlichkeit der Entstehung eines positiven 
Fehlers einfach 8o geschrieben werden: 




U, Secz — Secz' 
U Vßeoz'-fSeo«'" 



Seidel: Eine Wahr8cheifiiicM6eit9'üntermchting, S35 

3. 
Der mathematische Ausdrack für den Factor P (z), wel« 
ehern die Probabilität proportional ist, dass in der Beob- 
achtimg die ZenitdirtMiz des ersten Sternes zwischen z und 
z 4- dz eingeschlossen sei, wird natürlich von dem Plane 
der Beobaditnngen abhängig sein. In jedem Falle moss man 

TT • 

2 
haben I d z P (z) = 1 ; femer sind bei unseren Messungen 






Zenitdistanzen in der unmittelbaren Nähe von o unendlich 
unwahrscheinfich , weil sie nur dem Abschnitte des Firma- 
mentes in der unmittelbaren Nähe eines blossen Punktes 
(des Z^ts) zukommen ; die Wahrscheinlichkeit des Vorkom- 

mens von Werthen sehr nahe bei — ist aber gleicher Weise 

z 

tersohwiadend klein, weil Messungen in der Nähe des Hori- 

sontes wegen der Unsidierheit ihrer Resultate zu vermeiden 

waren, imd solche im Horizonte selbst wegen des grossen 

lichtv^Iustes gar nicht ausführbar gewes^ wären. Es muss 

also P (z) = o werden für z = o und für z = — als die 

natürlichste Annahme, wdche d^ verschiedenen Forderungen 
zogleteh entq)ridit, bietet sich dar, zu setzen P (z) = Sin 2 z. 
loh habe naher untersucht, in wie ferne diese Formel ge<- 
dgnet ist, die relative Häufigkeit der verschiedenen Zeniti- 
distanzen in unseren Beobachtungen darzustellen^ und zu die^ 
sem Ende die Zusammenstellung benützt p. 69 f. meiner 
Eingai^s erwähnten Abhandlung, aus welcher direct zu er- 
sehen ist, wie oft Zenitdistanze^ zwischeu und 5®, zwischen 
5 und 10^, &c. in den Messungen thatsächlich vorkamen; das 
Ergebniss dieser Untersuchung ist gewesen, dass die empi- 
rische Vertheilung, wenn man zufallige Unregelmässigkeiten 

88* 



336 Sitgung der mathrphys. doBie vom 14, Nov. 1863, 

ihres Ganges durch eine Axt von Interpolationsyerfahren aus- 
gleicht, Tou selbst fast genau in diejenige übergeht, welche 
nach der Annahme P (z) =r Sin 2 z die wahrscheinlichste 
wird. Die Aufstellung dieser Gleichung ist al&o für unsere 
Beobachtungen yollkommen legalisirt. 

Wenn man diese Substitution ausjRihrt, und zugleich statt 
z, zf die beiden Secanten r;, C als Variable einführt, so nimmt 
unser letztes Integral die Gestalt an: 

00 OD 00 



1 1 _Ui i—( 



4^ I I dijdf I e-^'^dt 

Vtt 



Um dieselbe zu vereinfachen, kann man zuerst bemer- 
ken, dass der nach rj und t zu integrirende Ausdruck ver- 
möge unserer Bestimmung über das Vorzeichen der 
Wurzelgrösse eine symmetrische Funktion vorn/ und C ist. 
Denkt man sich also etwa ij, C als rechtwinklige Goordinaten 
in einer Ebene, und die nach diesen Variabein zu integri- 
rende Grösse als dritte senkrechte Coordinate im Baum, so 
wird der Körper, dessen Volumen unser Integral darstellt, 
symmetrisch halbirt duich diejenige Ebene, welche die Ebene 
7} C nach der Geraden rjz= C senkrecht durchschneidet; man 
braucht also die Integration nur auf der einen Seite der hal- 
birenden Ebene auszuführen (z. B. auf der Seite t > ^, wenn 
man das hiernach sich ergebende Resultat verdoppelt Un- 
ser Integral steht also auch so: 

OD Ot) OD 

8 I d^ 1 di: I e— '"dt 



Vtt 



"' ] '' i 

1 tj _u, i-n 



Seidel: Eine WahfseheinHehkeUs-Untersitehung. 837 

Die Variable tj verschwindet aas der Grenze der Inte- 
gration naoh t, sobald man anstatt C das Verhältniss - 

als neue Variable einführt. Man kann aUdann nach rj ohne 
Weiteres integriren. Am vortheilhaftesten scheint es, zu 

^ U*-A; d^h di«. Sab.««« ^ di. F»«.I 

folgende : 




worin zur Abkürzung gesetzt ist 

1 — Vi» 

(5.) © = ,, 

(die Wurzeln positiv verstanden). 
Mittelst der Bemerkung, dass 

1 





dt= V. 



o 

kann man noch unseren Ausdruck für die Wahrscheinlichkeit' 
des positiven Fehlers so stellen 

1 





VIL '^ + v;^ d^ 





= 'M +J; 

die Probabilität eines negativen Fehlers ist dann V« — J^ 
und J selbst wird, wie es sein muss, positiv oder negativ, je 



338 SiUwAg der math.'pksfs, GUuh wm 14. Nov. 1663, 

nachdem u das eine oder das andere Vorzeichen hat. Man 

kann endlich noch, indem man nach i^* theilweise integriit^ 
(wobei zu bemerken ist, dass für i* = 1 © = o wird) das 
auf t bezügliche Integralzeichen in dem Ausdrucke J weg- 
bringen, und also diese Grösse durch eine einfache Quadratur 
darstellen; indessen werde ich die Form in VII. beibehalten, 
weil man von ihr aus leichter zu derjenigen Gestalt der End> 
ausdrücke gelangt, welche für die Zahlenanwendung die ge- 
eignetste ist. 

Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Fehler gleichen Vor- 
zeichens nach einander auftreten, stellt sich nun = 
(1/2 + J) • + (Vt — J) • = V« + 2 J«, und diejenige, 
dass Verschiedenheit des Vorzeichens beider Fehler bestehe = 
^/s — 2 J'. Man muss indess bemerken, dass diese Werthe, 

weil bei ihrer Ableitung u als Gonstante behandelt worden ist, 

1 

nur innerhalb desjenigen Zeitintervalles gelten, für welches 
der dabei angenommene Werth von u statt hat ; die so eben 

aufgestellten Grössen V» + 2 J*, V» — 2 J* sind daher 
noch nicht die in §. 1. mit p, q bezeichneten, für den gan- 
zen Umfang der Beobachtungen giltigen Werthe. Um die 

letzteren zu finden, muss man berüdssichtigen, dass u selbst, 

1 

mit verschiedenem Grade von Wahrscheinlichkeit, alle mög- 
lichen Werthe annehmen kann. Man muss nach der Be- 
deutung dieser Grösse bei ihr ebenso wie bei u die Voraus- 

Setzung machen, dass sie ebenso leicht auf die positive als 
auf die negative Seite fällt, indem sie einen gewissen (ab- 
solut gedachten) Mittelwerth v (ihren ., wahrscheinlichen Werth") 
der Grösse nach ebenso leicht übertrifft, als nicht ^reicht; 

auch ist man, analog wie bei u, und aus denselben Gründen, 

fl 

auf die Annahme gewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, es 



8eidd: Eine Wahrsoheiiüichkeita^ünteriuelmng, 339 

werde der innerhalb einer besonderen Epoche giltige Werth 
von u zwischen zwei Grenzen d \ und « v eingeschlossen 

sein^ gleich sei dem Integrale: 




Dies vorausgesetzt, wird nun, im allgemeinen Durch- 
schnitt über alle unsere Zeitabsclinitte, die gesuchte Wahr- 
scheinlichkeit einer Zeichenfolge zwischen den Fehlem zweier 
zu derselben Epoche gehörigen Beobachtungen das Aggregat 
(Integral) sein aus allen einzelnen Werthen des Productes, 
dessen einer Factor die Probabilität ist eines Werthes von u 

zwischen den Grenzen u und u 4- du, während der zweite 

111 

die Wahrscheinlichkeit einer Zeichenfolge, unter Voraussetz- 
ung eines solchen Werthes von u, darstellt. Der letztere 

1 

Factor ist, wie vorhin erörtert, V« + 2 J • ; der erstere folgt 



aus unserer Annahme = — du» e ^ ; im Gan- 

y/r V ' 

zen ist also die geforderte Wahrscheinlichkeit 



P,= :vfel P".-« W)(»/. +2J«) 



.00 



1 Ui ^ 

oder, wenn man setzt — ^ = g>: 



340 SiUung der matK-phys. Classe wm 14, Nov. 1863. 

00 



vm. ^=''* + -^^ 



I dy e 



00 

= Vi + K, 
wobei natürlich auch in dem Werthe Yon J (s. Gl. VII.) y 

statt u eingeführt gedacht werden muss, so dass J als Func- 

1 

tioQ von 9> erscheint. Der analoge Ausdruck fiir die Proba- 
bilität eines Zeichenwechsels zwischen den Fehlem ist natürlich 

vm.* q = V« — K 

Denkt man für J den Ausdruck in VII. gesetzt, so in- 
volvirt derjenige von K zunächst fünf Integralzeichen; er ist 
aber bedeutender Reductionen fähig. Wenn man vorerst in 
dem Quadrate JJ den Integrationsbuchstaben des zweiten 
Factors (^, t) andere Benennungen gibt als denjenigen des 
ersten (sie durch Accente unterscheidet, welche Marquirung 
ich analog auch bei anwende) , so stellt sich E in der 
Form dar: 

CO 1 y©^ 1 yO'i 




K= — ö I d^je 



^ I d* I e-~^*dt I d^ I e~^ dt' 





wobei zur Abkürzung geschrieben ist 

(6.) - = X 
u 

Man kann nun y aus den Grenzen der nach t, t' ge- 
nommenen Integrale wegbringen, indem man setzt t = y w, 
t' = y w'; man erhält hierdurch 

00 1 i© 1 i©' 

K=A dy.e ^i» d^ r'^dw d^' V^ Z* 







8eiM: Eine WahrBcheinUdikeUa-^Unienut^mig. 34 1 

und erkennt, dass die Integration nach g> sich ausfahren läest, 



OD 

djpy'e , 



indem sie ein Integral verlangt von der Form 

■00 



d I — ySP*_ dl/n_iV5 
welches gleich ist — ^ . | dye d^V r'^^ri 



Dabei stellt in unserem Falle y das Trinom dar 1 -|- w* 
-(- w'*; wird dieser Werth substituirt, so findet man, dass 
in Folge der Integration nach g> auch diejenigen nach w und 
w^ ausfuhrbar geworden sind, und erhält als Resultat 

1 1 




IX. Kz=~ 



nd^ d^' Are. Sin. (-i«_ -i^- j 



o 

Diese Form scheint unter den verschiedenen, in welchen 
man den Ausdruck darstellen kann, für die numerische Be- 
nützung desshalb die bequemste, weil in ihr die von & und 
von ^ abhängigen Bestandtheile (unter dem Arcus) sich in 
zwei Faotoren sondern. Sie verdient aus diesem Grunde 
namentlich auch den Vorzug von einer andern, bei welcher 
die zweimal zu integiirende Function eine algebraische wird, 
und zu welcher man gelangt, wenn man die Grösse J, so- 
wie vorhin angedeutet, durch ein einfaches Integral darstellt. 
— Für den Ausdruck von K hat man die Controle, dass 
derselbe f ür A = o verschwinden, und f ür X = oo in V« über- 
gehen muss, weil im ersten Falle (d. h. wenn der regelmässig 
wirkende Bestandtheil in der Abweichung des Durchsichtig- 
keitscoefficienten der Luft gegen den rein zufalligen Tbeil ver- 



1 

342 Sitgung der ma1h.-phy$, Glosse vom 14. Nac* 1863, 

sofawindet) p = q =r V^, dftgegen im letztem Falle (wenn 
der dauernd wirkende Bestandtheil allem in Betracht kommt) 
p = 1 und q = werden muss. Beiden Bedingungen 
entspricsht der Ausdruck wirklioh. Um nach demselben für 
andere Werthe von A K in Zahlen zu berechnen, dient wohl 
am bequemsten eine zweimalige Anwendung mechanischer 
Quadratur; setzt man einen der besonderen Werthe von &^ 
für welche dabei der Arcus zu berechne ist, = (tg A)*, so 

wird 0==V2 Sin l-j — Aj, und wenn man femer setzt 

l = tga, und analog auch die von ^ abhängigen Hilfs- 
winkel A,^ a^ einführt^ so stellt sich der Bogen einfach dar als 

Are. Sin. (Sin a. Sin a') ; 
Die Rechnung wird erleichtert durch den Umstand, dass A, 
A' für alle verschiedenen X dieselben bleiben, und nament- 
lich noch abgekürzt durch die vollkomrone Symmetrie des 
Integralausdruckes in Bezug auf die beiden Variabein ^. ^\ 
Die Zusammenstellung einer Reihe der approximirten Zahlen* 
werthe von K, wie ich sie, unter Anwendung der vierten 
Gaussischen Quadraturformel •) für jede der beiden Inte- 
graticmen, erhalten habe, findet sich in der Tabelle weiter 
unten. 

4. 
Nachdem durch die Formek am Ende des vorigen §. 
der Zusammenhang zwischen X und p, q hergestellt ist, so 
ist es nur noch nöthig, sich darüber aufzuklären, welche 
Wahrscheinlichkeiten man a priori (vor den Abzahlungen an 
den Zeichen unserer Fehler) den verschiedenen Werthen von 
l zuerkennen muss, um damit zugleich die Probabilitilten er- 



(6) S. d. Göttinger Commentationen, Bd. 3 der math. Classe. — 
Die 16 Glieder, deren Summe nach der bezeichneten Formel den 
genäherten Werth des Doppelintegrales darstellen -würde, lassen sich 
in Folge der SymuMtrie zasammenziehfdn auf zehn. 



SeiMi Eine WakneheifOiiMeiU'Untemu^img. 348 

mittelt ZQ haben, wdche in gleicher Weise a priori denjeni- 
gen p, q asngebören , welche jenen X entsprechen. Denn es 
ist klar, dass die Wahrscheinlichkeit, p falle zwischen gewisse 
(Frenzen, identisdi ist mit derjenigen, dass X einen Werth 
hat, welcher ein in diese Grenzen fallendes p ergibt; es wird 
also einerseits die am Ende von §. 1 in die Betrachtung ein- 
geführte Orösse tff bestimmt, sobald die relative Wahrschein- 
lichkeit der verschiedenen il, wie sie a priori stattfindet, er- 
kannt ist; und andrerseits gewinnt durch dieselbe Bemerkung 
der Quotient der beiden Integrale von der Form V., welcher 
nach der Abzahlung die Profoabilität vorstellt, dass p zwi« 
sehen gewisse Grenzen fällt, nunmehr seine eigentliche Be- 
deutung dadurch, dass er zugleich das Mass der Wahrschein- 
lichkeit ist, welche in Folge jener gemachten Erfahrung da- 
für besteht, dass X in der Wirklichkeit einen Zahlenwerth 
hat, der zwischen gegebenen Grenzen eingeschlossen ist. Diese 
Grösse X bezeichnet das Verhältniss desjenigen absoluten Be- 
trages V, welchen der innerhalb einer unserer Beobacbtungs- 
epochen constante Theil in der Abweichung des Absorptions- 
coeffidenten ebenso leicht übei-schreitet, als nicht erreicht, zu 
dem andren absoluten Betrage u, welchem der bei jeder 
einzelnen Visimng noch hinzutretende zufallige Theil jener 
Abweichung seinerseits ebensoleicht überschreitet als nicht 
erreicht. Alle Werthe von X zwischen o und oo sind a pri- 
ori zulässig, und da man vor gemachten Erfahrungen noch 
keinen Grund hat, die eine der beiden Grössen v u, für die 
grössere zu halten, so sind die Werthe von X zwischen o 
und 1 zusammen ebenso wahrscheinlich als diejenigen zwischen 
1 und 00. Diesen Bedingungen ist es entsprechend, vor den i 
Abzahlungen die Walirscheinlichkeit eines Werthes von v : u 
der zwischen o und einem bestimmten X eingesclilossen 

ist, gleich zu setzen, -:j jj oder gleich — ^ ^ ; einem 



S44 SüMtng der 9nath.-pky$. CUme vom 14. Nw. 1863. 

Ausdrucke, welcher in der That 1 wird för A =; op, V^ fiir 
Xsl, und in welchem nach bekannten Grundsätzen v'4*u' 
das Quadrat deijenigen Grösse vorstellt, welche die ganze 
Abweichung des ExtinctionscoeffiGienten yon seinem Mittel* 
werthe bei grossen Anzahlen nahe ebenso oft übertreffen als 
nicht erreichen wird. Wenn man diese mathematische Form, 
auf welche alle Analogien hinweisen, als den adäquaten Aus- 
druck für unsre Beurtheilung der Wahrscheinlichkeiten vor 
den gemachten Erhebungen annimmt, so würde man also, um 
für jedes p die nach der Gl. (3.) in §. 1 zugehörige Func- 
tion ^ zu erhalten, nur das nach den Gleichungen Vm. und 
IX dem p entsprechende X zu ermitteln, und dann zu setzen 
haben: 

(7.) t// (p) = -j^pr; ") 

umgekehrt kann man aus dieser Gleichung zu jedem Werthe 
von %p das zugehörige X rechnen, und erhält dann p aus 
d^n Formeln des vorigen Paragraphen. Dieser letztere Ueber- 
gang ist der bequemere) von beiden ; er ist zu machen, wenn 
man die Form V. des Integrales wählt, welches den Zähler 
und Nenner des Ausdruckes för unsere aus der Abzahlung 
gewonnene Wahrscheinlichkeit liefert. Zugleich ist es klar, 
dass die extremen Werthe von V^, oder diejenigen, welche 
als Grenzen im Nenner auftreten , die Werthe o und 1 



(7) Die drei Grössen ^ V', p, nehmen, (da die erste von ihnen 
immer positiv zu nehmen ist), jederzeit alle drei zugleich zu, oder 
alle drei zugleich ab, wie dies fiir X und i/> evident ist. und für X 
und p nach der Bedeutung dieser Grössen sein muss, und auch an 
den Formeln leicht nachgewiesen wird. Giebt man daher einer der 
drei Grössen einen Werth, der zwischen zwei Grenzen eingeschlossen 
ist, so ist man sicher, dass deijenige Werth, welchen eine der an- 
dern dadurch erhält, zwischen die beiden Grenzen föllt, welche ver- 
möge des Zusammenhangs zwischen ihnen jenen zwei Grenzen ent- 
sprechen. Wenn dies nicht mit Noth wendigkeit so wäre, so würde 
die Betrachtung sich etwas compliciren. 



Seidd: Eine Wtihrscheinlickheiig'UnteiWii^tiim^, ^45 

sind, entsprechend den extremen Werthen ^ = o und X = 
00. Das Integral V. selbst wird wieder durch mechanisebe 
Quadratur geAinden; da man seinen approximatiyen Wertii 
für verschiedene Werthe seiner Grenzen kennen muss, 
so scheint es am vortheilhaftesten, für eine Anzahl solcher 
Werfche von ^, die eine arithmetische Reihe bilden, die 
Function unterm Integralzeichen zu beredmen (indem man 
erst A, dann K, und hiermit die Werthe von p, q ableitet, 
welche in die Grössen a und w nach den Gleichungen (L) 
und (2.) eintreten), und alsdann das von Gauss herrührende 
Verfahren für die Quadratur zu benätzen, welches von Encke 
im astron. Jahrbucb für 1837 dargelegt worden ist. ^) 

* Was diejenigen Grössen betrifft, welche auf das spezi- 
elle Ergebniss der statistischen Abzahlung an unserem Be* 
obachtungsmateriale Bezug haben, und welche für die Be- 
rechnung des Wahrscheinlichkeitsausdruckes V. nöthig sind, 
so habe ich ihre Zahlenwerthe angenommen wie folgt. Es 
sind eigentlich, (s. p. 183 meiner Eingangs erwähnten Ab- 
handlung) bei 494 der Zeit nach geordneten Beobachtungen 
(oder 493 Aufeinanderfolgen je zweier) geftinden worden 
239 Folgen gleicher Zeichen der Fehler und 247 Zeichen- 
wechsel (zusammen etwas weniger als 493, weil ein Ausfall 
in der Ziffer stattfindet, so oft Null im Fehlerverzeichniss 
vorkommt): ich habe so gei*echnet, als wären unter 500 
Folgen von Beobachtungen 250 Zeichenfolgen und eben so 
viele Zeichenwechsel erhalten worden. Die durchschnittliche 
Anzahl m solcher Beobaditungen, welche Einer unsrer mete- 
orologischen Epochen angehören, habe ich angenommen =;: 
5, weil diese Zahl von mir als die normale der voUständig^oi 
Messungen Eines Abends betrachtet wurde: zwar ist sie ni<^t 
jedesmal wirklich erreidit worden, und eine Verminderung 

(8) S. besonders die Formel (11), p. 264 daselbst. In meiner 
Rechnung habe loh die fünften Differenzen der Funktionalwerthe 
vernachlässig. 



wäre auch desshalb indieiit, wefl die Meanmgeii an mir m- 
mal beobaobtetesL Sternen für uns nicht siUen (indem die 
Vorzeidien ihrer Fehler unbekannt sind); es sind aber auf 
der andern Seite häufig an zwei oder mehr auf einander- 
folgenden, oder sonst ridi sehr nahe liegenden Abenden Be- 
obachtungen bei vollkommen ähnlicher Besdiaffenheit der 
Luft angestellt worden, die man mit allem Grunde zu Ei- 
nem Abschnitte zu rechnen hat. Mit m =^ 5 erhalt man 
M =s ^/». 500 =c= 400, und da die Anzahl der Zeichenfolgen 
s angenommen ist =^ ^/i (M «^ M'), so wird femer ans 
Gleichung (l.)» wenn auch für p sein Werth V> + K gesetzt 
wird: a^ — KvM= — 20K 

Gleichzeitig iSndet sich aus (2.) die Hillsgrösse m be- 
stimmt, wie folgt: 

«» = V« + 2 (Vf + K) (V« — K) = */• — 2 K* 
so dass der Exponent in Formel V. wird 

_ 400 K» 
»/s ^ 2 K* 
oder =: — 200 (tg »)' , wenn man die Substitution gebraucht 

4 

Sin X z= — -- K, durch welche zugleich wird « = y */8 cos x. 

(» wird immer reell, weil K hödistens den Werth ^s er- 
reichen kann.) Den Divisor V^M» weldier hiemach in V. 
unterm Integralzeichen auftritt, kann man natürlich wegwerfen^ 
weil er im Quotienten der beiden Integrale sich aufhebt 

Die nachstehende kleine Tabelle (in wdcher jede Zeile 
von zusammengehörigen Grössen eingenommen wird), ent- 
hält die von mir berechnet^i Zahlenwerthe; in der Co* 
lumne, welche übei'schrieben ist ,y[ntegral'', steht der durch 
die Quadratur gefimdene Werth des mit V ^h multiplieirteB 
Integrales in V. du i. der Werth von 

—200 (tg jr)« 

d^ e See n 



Seidd: Eine WahrscheinUehkeit»- Untersuchung. 



847 



immer genommen von ^ = o bis zu dem tp der betrdfifen- 
den Zeile ; die vorletzte Columne (mit W überschrieben) gibt 
den Werth dieses Integrales, dividirt durch das vollständige, 
von bis 1 genommene Integral, oder mit andern Worten: 
die Wahrscheinlichkeit, wie sie nach der Abzahlung dafär 

besteht, dass — = A keinen grossem Werth hat, als den 

in der gleichen Zeile unter der Ueberschrift X angesetztesi; 
eine Wahrscheinlichkeit, welche vor der Abzahlung durch 
die in derselben Zeile stehende Grösse tff gemessen wird. 



V^ 



K 



_200tg«* 
e Secx 



Integral 



W 



Differen- 
zen. 




0,1 
0,2 
0,8 
0,4 
0,5 
0,6 
0,7 
0,8 
0,9 

1 




0,33333 
0,50000 
0,65465 
0,81647 
1,00000 
1,22478 
1,62739 
2,00000 
8,00000 

OD 




0,003 780 
0,007 881 
0,012 908 
0,018 998 
0,026 607 
0,036 469 
0,049 956 
0,071 416 
0,108016 

■ 

0,600000 



1,000 00 
0,990 92 
0,961 10 
0,899 02 
0,794 00 
0,635 76 
0,426 46 
0,200 70 
0,036 51 
0,00044 
0,00000 




0,0997 
0,1975 
0,2908 
0,3759 
0,4479 
0,5013 
0,5326 
0,5434 
0,5445 
0,5446 




0,1831 
0,3627 
0,5340 
0,6904 
0,8226 
0,9206 
0,9779 
0,9979 
1,0000 
1,0000 






L n. 


1881 

-35 
1796 

88 

149 
242 
842 
407 
373 
179 
21 




1713 

1564 

1322 

980 

673 

200 

•21 





Diese Tabelle enthält die Antwort auf die verschiedenen 
Fragen, welche man aufwerfen kann in BetreflE des Gewichtes 
der Folgerungen, die durch das Resultat unserer Abzahlung 
indicirt sind. Man sieht z. B. , dass in Folge dieser Ab- 
zahlung die Wahrscheinlichkeit, es werde l den Werth 1 ni^t 



348 HUmmg d&r ma^.-phiifB. GkuH vom 14. Nov. 1863. 

erreichen, oder die Probabilität, dass der gesetzmassig wir- 
kende Bestandtheil in der Abweichung des Extinctionscoef- 
ficienten im Durd^schnitt kleiner ist als der rein zu&llige, 
den Werth 0,8226 erreicht (nämlich den zu A = 1 gehöri- 
gen Werth von W), oder dass die Chancen fUr diese An- 
nahme sich zu den entgegenstehenden nahe wie 14 : 3 ver- 
halten, während vor unsrer Erfahrung ihr Verhältniss 1 : 1 
zu setzen war. Ebenso erkennt man, dass man nach der 
Abzahlung noch die Wahrscheinlichkeit V> für die Annahme 
hat, es werde das durchschnittliche Verhältniss der Grösse 
des gesetzmässigen Theiles der Abweichung zu deijenigen 
des zufälligen nicht den Werth 0,6224 übertreffen: es wird 
nemlich W = V« für ip = 0,2793, zu welchem Werthe sich 



i/t^=»- 



ergibt i^ ^- l/ j^-r = 0,6224. Sogar die Wahrscheinlich- 
keit, dass X nicht grösser als V^ sei, ist nach der Abzahl- 
ung noch immer = 0,3627 (s. die 3. Zeile der Tabelle), 
oder sie steht noch nahe wie 4 gegen 7, während sie a 
priori nur auf V» oder 1 gegen 4 stand. — Will man end- 
lich etwa noch die Frage beantworten, wie man X anneh- 
men muss, um noch 2 gegen 1 wetten zu können, dass der 
gewählte Werth nicht kleiner ist, als der in der Natur statt- 
findende, so hat mau das zu W z_ '/s gehörige X anzu- 
suchen; man findet durch Interpolution, dass W = */8 wird 
für ^ = 0,3840, und hiermit ergibt sich der verlangte Werth 
von X = 0,7896. 

Die ganze wahrscheinUche Abweichung im Extinctions- 
coeffidenten, d. h. diejenige Grösse, welche die Summe Ui 

-f- u im Grossen nahe ebenso ofl; überschreiten als nicht 

a 

erreichen wird, ist in Folge unserer Annahmen y»* + u*, 
und sie würde herabgehen auf u, oder reducirt werden im 
Verhältniss von y^i -f- X* : 1, wenn es gelänge, die gesetz- 
mässig wirkenden Einflüsse, oder genauer gesagt, diejenigeji| 



Seidd: Eine Wahrsck^iiüidikeita'ünterstichung. 349 

welche die Durchsichtigkeit der Luft am ganzen Himmel 
und für eine etwas längere Zeit alteriren, in die Theorie 
aufzunehmen, und hierdurch die Resultate von ihrem Effekt 
unabhängig zu machen. Da es nun, in Folge unserer Ab- 
zahlung, bereits als unwahi*8cheinlich sich herausstellt, dass 
X einen Werth überschreitet, der um beliebig wenig grösser 
genommen wird als 0^6224 (d. i. als derjenige Werth, wel- 
cher W = Vs macht), so muss man es bereits als unwahr- 
scheinlich bezeichnen, dass eine Vervollkommnung der Theo- 
rie im angedeuteten Sinne bei dermaliger »Lage der 
Sache die durchschnittliche Abweichung des bei der Keduc- 
tion benützten Extinctionscoefficienten von dem eben statt- 
findenden wahren Werthe in stärkerem Verhältniss yermindem 
könnte, als in demjenigen von V i + (0,6224)* : 1, oder von 
1 : 0,849. Dieses Verhältniss gibt zugleich eine Vorstellung 
von der Verkleinerung des wahrscheinlichen Fehlers der loga- 
rithmischen Beobachtungsresultate, welche man von der an- 
gedeuteten Vervollständigung der Theorie etwa hoffen könnte.*) 
Wenn man sich die jedenfalls der Wahrheit nahe kommen- 
de Annahme gestattet, dass der wahrscheinliche Fehler 
in dem gleichen Verhältniss verringert werden würde, wie 
die Abweichung des Extinctionscoefficienten von dem theo- 
retisdien Werthe, so ist es als unwahrscheinlich zu bezeich- 
nen, dass der wahrscheinliche Fehler eines aus einmaliger 
Messung bestimmten Briggisdien Logarithmen eines Helligkeits- 
verhältnisses von seinem dermaligen Werthe 0^0244 (siehe 
pag. 125 der grösseren Abhandlung) durch jene Verbesserung 
auf eine kleinere Zahl als 0^207 könnte herafogebracht werden. 
Darauf, dass er auf diesem Wege nicht weiter als bis 0^192 
sich würde vermindern lassen, könnte man, den analogei]^ 
Betrachtungen nach, bereits 2 gegen 1 wetten. 

(9) Um von der einen dieser Verkleinerungen strenge auf die 
andere denSchluss zu machen, müsste man eigentlich wieder auf die 
Betrachtungsweise von §. 2 zurückgehen. 

[1863. n. 3.] 24 



350 Sünmg der maß^.-fhys. GloBse vom 14» Nov. 1863. 

Was also das praktische Resultat unserer Wahrsehein- 
licfakeitsuntersachang für die physikalische Frage angeht, wel- 
che den Stoff unserer Aufgabe geliefert hat, so bestätigt die 
mathematische Diskussion, indem sie ihn zugleich näher prä* 
cisirt und den Grad seiner Zuverlässigkeit feststellt, den 
Schluss, welcher in der Abhandlung auf das Ergebniss unsrer 
Abzahlung gebaut worden ist, dass nämlich unter den Fehler* 
Ursachen, welche zur Zeit die Ergebnisse unsrer photometri- 
schen Messungen am Himmel afficiren, die gesetzmässig wir- 
kenden Schwankungen in der Durchsichtigkeit der Luft nur 
eine untergeordnete Rolle spielen. Die Bestrebungen, welche 
sich die Verbesserung d^ Beobachtungsresultate zum Ziele 
setzen, werden also, wie die Sache jetzt liegt, zunäclist auf 
andere Richtungen verwiesen. 



Herr Jolly legte einen Au&atz vor des Herrn Dr. 
von Bezold 

„lieber die mathematischen Beziehungen zwi- 
schen den krjstallographischen Grundge- 
setzen^^ 

Die folgenden Zeilen haben den Zweck, den Ideengang 
und die Hauptresultate einer Arbeit darzustellen, deren Ziel 
dahin gesteckt war, die Scheidung zwischen eigentlichen 
Fundamentalthatsachen und rein mathematischen Folgesätzen 
in der Krjstallographie strenger durchzufuhren, als diess bis- 
her geschehen war. 

Desshalb war, nachdem in möglichster Kürze die Be- 
ziehungen zwischen Kanten- und Goefficientengesetz darge- 
legt worden, das Hauptaugenmerk darauf gerichtet, das 
Symmetriegesetz in einer Weise zu formuliren, die streng 
mathematischer Behandlung zugänglich und geeignet schien, 
einen tieferen Blick in das Wesen der Symmetrie zu ge- 



v,JBegold: Ma^Btsiehnmg ewigehen lerysl. ChrundgeseteeiL 351 

währen. Eine Anwendung dieses Gesetzes auf Gebilde, die 
dem Go^cientengesetze gehorchen, führte zu dem Beweise, 
dass Zahl und Art der Krjstallsysteme durch diese Gesetze 
Yollständig und unzweideutig bestimmt sind, und zur Auf- 
findung dieser Systeme. Ebenso ergaben sich das Gesetz 
der Gombinationen und das der sogenannten Hemiedrien- 
bildung als einfache Consequenzen der genannten Funda- 
mentalsätze ohne irgend weitere Annahme nur dadurch, 
dass alle mit diesen Sätzen verträglichen Gestalten gesucht 
wurden. 

Es muss hier noch eines Aufsatzes von Möbius^ ge- 
dacht werden, der einen grossen Theil der hier berührten 
Fragen in höchst eleganter Weise behandelt; da jedoch 
diese Untersuchung, abgesehen davon, dass sie dem Ver- 
fasser erst bekannt wurde, nachdem er die seinige der 
Hauptsache nach vollendet hatte, mit ganz anderen Hülfs- 
mitteln und in viel geringerer Ausdehnung gefuhrt wurde, 
80 konnte sie auf die vorliegende nur geringen Einfluss 
äussern. 

I. 

Das erste Grundgesetz , das der constanten Kanten, ') 
wollen wir folgendermaassen formuliren: „Die Begrenzungs- 
flächen eines Krystalls sind Ebenen. An einer bestimmten 
Species kann jede einer solchen Fläche parallele Ebene 
als Krystallfläche auftreten, und ebenso jede durch zwei 
nicht parallele Kanten gelegte Ebene oder deren Parallel- 
ebenen.*' 

Wählt man ein beliebiges durch drei sich schneidende 

(1) MöbiuB: üeber das Gesetz der STUunetrie der Kryst^lle^ 
und über die Anwendung dieses Gesetzes auf die Eintheihing der 
Erystalle in Systeme. Ber. d. k. sächs. Gesellsch. d. Wissenschaf- 
ten. 184». 

(2) Rome de PIsle. Erystallographie ed. 2. 1783. Tom. I. p. 
92, Theoi«. TU. 

24* 



352 Sitzung der matK-phys. Gasse wm 14. Nov. 1863. 

Ebenen gebildetes recht- oder schiefwinkliches Coordinaten- 
System, so wird eiii Krystall durch einen Complex von Glei- 
chungen repräsentirt von der Form: 

1+1 + ^=1 oder Hx + Ky + Lz = 1. 

Der erste Theil des Kantengesetzes sagt nun aus, dass statt 
einer solchen Ebene alle vorkommen können, welche in der 
Formel 

^x + % + z = j- 

H K 

enthalten sind, wo § = y- und Ä = — constante Werthe 

haben, während L alle möglichen reellen Werthe annehmen: 
kann. Mithin ist durch ^ und B eine Erystallfläche ihrem 
Wesen nach vollkommen charakterisirt. 

Statt der wirklich am Krystalle auftretenden Ebenen 
kann man desshalb andere diesen parallele Ebenen (Re- 
ductionsebenen) betrachten, welche sämmtlich dasselbe L, 
etwa L = 1 besitzen, d. h. durch einen Punkt R (Reduc- 
tionsn^ittelpunkt) der ZAxe gehen, der um die Einheit vom 
Coordinatenursprunge absteht. 

Für den Durchschnitt einer solchen Ebene mit der 
XYEbene (Projektionsebene) erhält man die Gleichung einer 
Geraden 

J&x + Äy = 1, 
da diese die Grössen ^ und £ enthält, so charakterisirt 
diese Gerade (Sectionslinie) die entsprechende Erystallfläche 
vollkommen. 

Die Anwendung dieses von Neumann') stammenden, 
von Quenstedt^) weiter verfolgten Gedankens, statt des 
Erystalles ein solches Reductionsgebilde zu betrachten, und 

(3) Neumann, Beiträge zur Erystallonomie. Berlin und Posen 
1823. 

(4) Quenstedt, Methode der Erystallographie. Tübingen 1840. 



V. Bezold: Math, Beziehimg zwis'chen Ttryst. Grundgesetzen, 358 

das letztere wieder durch die Schnittfigur (schematische Pro- 
jection) mit einer Ebene zu ersetzen, gewährt bei einer rein 
geometrischen Behandlung dieselben iVortbfeile, welche bei 
einer analytischen die Beachtung des ümstandes bietet, dass 
man es in allen nur auf die Richtung bezüglichen Fragen 
eigentlich nur mit zwei Coordinaten zu thun habe. 

Der zweite Theil d6s Kantengesetzes lehrt, dass jjede 
durch zwei Zonenaxen gelegte Ebene eine ßeductionsfläche 
«ei" und giebt mithin ein Mittel an die Hand, um Reduc- 
tionsflächen zu finden, welche neben oder anstatt der vor- 
handenen auftreten können. 

Diese Methode, neue Flächen zu finden, die man dann 
als Abstumpfungs - oder Zuschärfungs- Flächen betrachtet, 
nennt man Deduction. Im Schema liefert das Verbinden 
noch nicht verbundener Zonenpunkte die SectionsHnien sol- 
cher Flächen. 

Diese Methode ist nicht etwa ein blosses mathematisches 
Hülfsmittel, es versteht sich durchaus nicht von selbst, dass 
man nur so abstumpfen und zuschärfen kann, sondern sie 
ist der Ausfluss eines Erfahrungssatzes, den man wohl am 
Besten, wie hier geschehen, als zweiten Theil dem Kanten- 
gesetze beifügen kann. 

Die geringste Zahl von Reductionsflächen, welche nöthig 
ist, um die Deduction darauf anzuwenden, ist 4, deren keine 
3 in einer Zone liegen. Diese 4 Ebenen schneiden sich in 
% Zonenaxen, und zwischen diesen sind wieder 3 neue Ebenen 
möglich. Wählt man die XYEbene (zugleich Projections- 
ebene) einer dieser 3 Ebenen parallel, die beiden anderen 
•als XZ und YZEbene, so ist die schematische Projection ein 
Parallelogramm, mit dem Coofdinatenursprunge als Mittel- 
punkt, und mit den Coordinatenaxen als Diagonalen. 

Die Gleichungen der Sectionslinien, welche den 4 gege- 
benen Reductionsflächen entsprechen , sind in der Formel 
enthalten 



354 SiUrnng der ma^.-phjfs. (Xomu vom 14. Nm). 186S. 

± $x ± Äy = 1 [1] 

Die Gleichungen sämmtlich^ Sectionslinien , welche hieraus 
durch Deduction erhalten werden können, haben die Form. 

y§x-fjÄy=l oder m$x + nÄy = 1, [2] 

wo h, k, 1, beliebige positive oder negative ganze Zahlen^ 
m luid n beliebige rationale Zahlen bedeuten. 

Denn die Durchschnittspunkte von Geraden, deren Glei- 
chungen die Form [2] haben, haben solche von der Form 

X = Ai ^ und y = r ^ [3] 

WO p» und V rational sind, und die Gleichung einer Gera^ 
daiv welche solche Punkte verbindet, hat wieder die Form 
[9j, mithin auch alle aus den in [1] enthaltenen Linien 
deducirbaren Sectionslim'en. Die ihnen entspredienden Ebenen 
werden durch Gleichungen von der Gestalt 

h^x + kÄy + Iz =-^oderhHx + kKy + lLz=l [4J 

repräsentirt , wo h, k, 1 beliebige positive oder negative 
ganze Zahlen sein können. 

Aus [3] folgt, dass alle Zonenpunkte auf den Eckpunk* 
ten eines Netzes (Gitters) von Parallelogrammen liegen^ 
deren Seiten den Cloordinatenaxen parallel sind. Die See* 
tionslinien, welche ja immer wenigstens durch zwei Zon^- 
punkte gehen, werden daher bei gehöriger Erweiterung des. 
Netzes immer nach gleichen Entfernungen wieder auf solche 
Eckpunkte stossen, und es müssen desshalb alle auf ein und 
derselben Sectionslinie liegenden Zonenpankte um ganze 
Vielfache einer Grundgrösse von einander, also auch von 
einem derselben abstehen. Die Grundgrösse ist für parallele 
Sectionslinien die gleiche, für nicht parallele im Allgemeinen 
verschieden. 

Wählt man demnach einen beliebigen Zonenpunkt als 
Coordinatenursprung , zwei beliebige durch ihn gehende See» 



V. Beeold: Math, Beziehung zwischen hr^st, Orundgeaetzen. 355 

tionslinien , nebst der von R nach ihm gezogenen Zonenaxe 
als Coordinatenaxen, so müssen die Sectionslinien, auch anf 
dieses üoordinatensystem bezogen, Gleichungen von der 
Form [2], die Krystallflächen solche von der Form [4] 
haben, mit ganzzahligen Werthen von h k 1 und festen Wer- 
then für ip und ft. 

Nennt man h k 1 die Indices der Fläche, so findet man 
demnach : 

„Bei jedem durch Deduction^) entstandenen Gebilde sind 
die Indices aller Flächen für drei als Coordinatenaxen ge- 
gewählte Zonenaxen .ganze Zahlen/' 

111 

Fasst man die sogenannten Parameter t? j tp j t" ? "^ 

ü K Li 

Auge, so erhält man das Gesetz in der anderen allbekannten 

Form. 

Dieser von Haüy entdeckte und durch alle Messungen 
bestätigte Satz, das sogenannte „Coefficientengesetz^^ zeigt, 
dass man jeden Krjstall durch Deduction aus einer Grund- 
gestalt von den obenerwähnten EigiBnschaften entstanden an- 
sehen kann. Er enthält mithin nicht nur das Kantengesetz 
in sich, sondern ist allgemeiner als dieses. Es scheint dess- 
halb besser und natui^emässer, diesen Satz als Grundlage 
fiir die weiteren Entwickelungen zu benützen. ^) 

Eine aufineritsame Betrachtung deö von uns eingeschla- 
genen Weges gibt sofort den Satz für die sogenannte Axen- 
transformaticmen, und zwar in mnerForm, die ihn geeignet 



(5) Ans 4 Flächen, deren keine 3 in einer Zone liegen. 

(6) Der hier gegebene Beweis kann zwar nicht den Ansprach 
auf den Namen eines gänzlich neuen machen, da er^ wenn diess auch 
nicht ausdrücklich bemerkt ist, gewissermaassen doch schon in den 
Entwicklungen enthalten ist, welche EupfiPer (Rechn. Eryst.) auf 
S. 482 ff., oder Miller (Erystallographie) §. 23 u. a. geben; aber er 
zeichnet sich wenigstens durch Einfachheit aus, und war hier nicht 
zu umgehen, ohne den Zusammenhang des Ganzen zu stören. 



356 Sitzung der moith.'phys. Glosse vom 14. Nov. 1863. 

scheinen lässt, an die Spitze der rechnenden Krystallographie 
gestaut zu werden. 

Ist die Projektionsebene, wie oben stets vorausgesetzt 
war, einer der Reductionsebenen parallel, so werden, wenn 
man diese als XY Ebene wählt, d. h. den Coordina^nur- 
sprung von nach R verlegt, sowohl sämmtliche Zonenaxen, 
welche in dieser £bene liegen, mithin Sectionsllnien parallel 
sind, sowie die nach den Zonenpunkten gehenden Zonenaxen 
Axen sein, für welche das Coefficientengesetz giltig ist, und 
deren Parameter den Entfernungen zweier Zonenpunkte auf 
parallelen Sectionslinien , beziehungsweise denen der Zonen- 
punkte vom neuen Coordincitenursprunge oder. rationalen Mul- 
tiplen dieser Grössen gleich sind. Trägt man nun diese Werthe 
der Parameter auf den Axen vor- und rückwärts von ß(0) 
aus auf, und nennt man diese die Grössen der Axen, so 
führt ein Blick auf die Methode der Deduction zu dem Satze : 

„Sind zwei krystallographische Axen nach Rich- 
tung und Grösse gegeben, so ist die Diagonale des 
aus diesen Stücken gebildeten Parallelogramm es 
auch eine krystallographische Axe nach Richtung 
und Grösse." Bei drei nicht in einer Ebene gelegenen 
Axen hat die Diagonale des darausgebildeten Pa^allel^ipe- 
dons die analoge Eigenschaft. 

Mithin sind alle Formeln der rechnenden Krystallo- 
graphie, sei es, dass sie sich auf Axen und deren Parameter, 
sei, es, dass sie sich auf die Winkel beziehen, welche Kanten 
oder Flächen miteinander bilden, in den Formeln enthalten, 
welche die Relationen zwischen den einzelnen Stücken eines 
Parallelepipedons darstellen. 

n. 

Um das zweite Grundgesetz, das Symmetriegesetz scharf 
fassen zu können, müssen einige Definitionen vorausgeschickt 
werden. 



V. BezcHd: Math. Beziehung zwischen hryst, Grundgesetzen. 367 

1) Ebeaen, welche ein räumliclies Gebilde so theilen, 
■dass jede ihrer Normalen auf beiden Seiten in gleichen Eni?- 
femnngen vom Fusspunkte von Flächen geschnitten wird, 
sollen Symmetralebenen erster Klasse heissen. Der 
auf rechtwinklige Coordinaten bezogene analytische Ausdruck 
für das Gebilde bleibt bei einer Vertauschung von — x mit 
-|-x unverändert, wenn die XY Ebene eine solche Ebene ist, 
und ein solches Gebilde wird durch Perversion ^) einer Di- 
mension (x) nicht, geändert. 

2) Kann ein Gebilde durch Drehung von ^^ um eine 
Axe mit sich selbst, d. h. mit dem in der alten Stellung 
verbliebenen zur Deckung gebi^acht werden, so sollen zwei 
durch diese Axe gelegte Ebenen, die den Winkel y> mit- 
einander bilden, gleichartige Symmetralebenen zweiter 
Klasse nach g) heissen. 

3) Stehen auf einer krystallonomisch möglichen Ebene 
eine oder mehrere solche senkrecht, ohne dass die erstere 
eine Symmetralebene erster Klasse ist, so soll sie eine der 
dritten Klasse heissen. 

Diess vorausgesetzt, kann man das Symmetriegesetz 
folgendermaassen aussprechen: 

„Es können an einer Species verschiedene Fläch encom- 
plexe vorkommen^ aber die Symmetralebenen bleiben stets 
dieselben nach Charakter und Lage«"®) Oder mehr mit der 
von Möbius gegebenen Fassung übereii^stimmend : 

„Alle an eiüer Species möglichen Flächencomplexe kön- 
nen immer auf gleichviele und gleiche Arten mit sich selbst 
zur Deckung gebracht werden." Diejenigen Stücke, Flächen, 
Kanten, Axen und Edcen, welche nach Ausführung der durch 
die Definitionen bestimmten Operationen einander decken, 



(7) S. Listing, Vorstudien zur Topologie. Göttinger Studien 
vom Jahre 1847. 

(8) Vgl. W. Sauber. Ueber die Entwicklung der Krystallkunde 
S. 21. München 1862. 



1 

I 

j 



358 Sitzung der nuah.'phy8. Ga$8e wm 14. Noo. 1663. 

heissen gleichartig. Gleichartige Axen haben gleiche Para- 
meter und Axen mit Bolchen sind gleichartig. Gleich* 
artige Stücke verhalten sich in gleicher Weise g^en äussere 
Einflüsse, und Stücke, die sidi so verhalten, sind gleichartig^ 
d. h. durch Symmetralebenen verbunden. 

Diese beiden Sätze bilden eine unerlässliche, bisher je- 
doch noch nicht in ihren Consequenzen genügend beachtete 
Ergänzung des Symmetriegesetzes. 

Auf die Betrachtung gleichartiger Stücke stützt sich die 
gewöhnliche Form des Symimetriegesetzes , welche bei der 
Deduction für gleichartige Stücke immer gleichartige und gleich- 
zeitige Veränderung vorschreibt. 

Das Symmetriegesetz führt auf die Definition der Kry- 
stallform als Inbegriff der nothwendig coexistirenden Flächen 
und auf den der Combination von solchen Formen, es zeigt 
unter Berücksichtigung des Goefficientengesetzes, welche For- 
men, und wie dieselben miteinander in Combination treten 
können. 

Der Inbegriff aller Formen, welche gleich viele und be» 
ziehungsweise gleichartige Symmetralebenen haben, soll ein 
Krystallsystem genannt werden. Anzahl und Art der 
denkbaren Krystallsysteme ist durch Anzahl und Ai-t der 
mit dem Coefficientengesetz verträglichen Anordnungen von. 
Symmetralebenen bedingt. 

Die Untersuchung über diesen Gegenstand wird erleich'- 
tert, wenn man vor der Hand wieder ein Reductionsgebilde 
betrachtet, und dann zuerst noch den in einer Zone (Z) 
möglichen Anordnungen fragt. Auch ist es von Vortheil, za 
berücksichtigen, dass die sehematische Projektion in einer 
auf Z senkrechten Ebene stets ebenso viele entsprechende 
Symmetrallinien enthält, als Symmetralebenen in Z 
liegen, wenn man nämlich fiir erstere analoge Definitionen 
wie für die letzteren aufstellt. 

Nun kann man aber beweisen, dass die Symmetralebenen 



V, BeziM: MaÜk, Beziehung »wischen kryst. Grundgesetzen. 359 

erster Klasse und gleichartige zweiter immer fächerförmig 
so um eine gemeiQschaftliche Zonenaxe herumliegen, dass je 
zwei benachbarte stets den gleichen Winkel jp mit einander 
bilden. Dabei sind die Symmetralebenen erster Klasse sämmt- 

lieh gleichartig, wenn g> = — — -, sie zerfallen in 2 

2 m -^ 1 

Gruppen von untereinander gleichartigen^ von denen zwei 

benachbarte den Winkel] 2 y> r-. 9' miteinander bilden, wenn 

y> = — ist. Zu jedem Systeme von Symmetralebenen 

erster Klasse, bei welchem die gleichartigen den Winkel g/ 
mit einander bilden, gehören unendlich viele Systeme von 
solchen zweiter Klasse nach 9)^ in derselben Zone. Für g>^ ==: 

soll die Gruppirung geradzahlig, für g>^ = 



2^ ™ ^^.^00— o, -X -2m + l 

ungeradzahlig heissen. 

Femer findet man, dass in krystallonomisch möglichen 
Reductionsgebilden sämmtliche Symmetralebenen erster Klasse 
Reductionsflächen sein können, und dass unter den unendlich . 
vielen zusammengehörigen Gruppirungen von solchen zweiter 
Klasse stets solche vorkommen, bei welchen sämmtliche gleich* 
artige mit Reductionsflächen zusammenfallen. 

Auch die auf der gemeinschaftlichen Zonenaxe Z in R 
senkrechte Ebene A ist eine mögliche Reductionsfläche, und 
zwar wenn die Gn^irung geradzahlig, und nur dann eine 
Symmetralebene erster Klasse. 

Daraus folgt, dass die Durchschnitte der Symmetral- 
ebenen (bei solchen zweiter Klasse wenigstens die einer der 
zusammengehörigen Gruppirungen) mit der Ebene A Zonen- 
axen sind, wobei selbstverständlich gleichartigen Symmetral- 
ebenen auch gleichartige Zonenaxen entsprechen. Bilden nun 
zwei solche miteinander den Winkel 2 9>^ so muss auch (s. 
S. 356) die Halbirungslinie dieses Winkels, d. h. die Diagonale 
des aus beiden gebildeten Parallelogrammes eine Zonenaxe 



360 Sitzung der math.-phys. ClasBe vom 14. Nov. 1863. 

sein, und zwar muss sie, da y' der Winkel ist, den zwei 
benachbarte gleichartige Symmetralebenen mit einander bil- 
den, denselben Parameter haben, d. h. die Diagonale muss 
zu den Seiten in rationalem Verhältnisse stehen, d. Ti. cos y' 

O T\ irr 

muss rational sein. Da aber y' = — = — wo n und 1 

ganze Zahlen sind, so kann y' nur die Werthe tt, -— ; -— — 

2 o 

und — annehmen, während y oder der Winkel, welchen 

zwQi benachbarte Symmetralebenen erster Klasse ohne Rück- 
sicht auf Gleichartigkeit mit einander bilden, nur die Werthe 

— , 7-, V ^^^ "^ haben kann.^) Symmetralebenen dritter 

Klasse können einander nur unter rechten Winkeln schneiden. 

* 

Die Resultate dieser Untersuchung überblickt man in 
folgender Tabelle , welche die in krystallonomisch richtigen 
Reductionsgebilden in einer Zone möglichen Anordnungen von 
Symmetralebenen enthält. Hiebei sind die Symmetralebenen 
erster Klasse durch Si s^ Sg . . * und durch s' s" s'" . . . 
bezeichnet, wobei alle in gleicher Weise durch Indices aus- 
gezeichneten untereinander gleichartig sind, die Numerirung 
aber in der Ordnung vorgenommen ist, in welcher gleich- 
artige Hälften gleichartiger Symmetralebenen von einem Kreise, 
den man um beschreibt, getroffen werden. In analoger 
Weise seien O^ ö^ Os . . . gleichartige der zweiten Klasse 



(9) Diess kann man auch ohne Kenntniss der Rationalität oder 

Irrationalität der Formel cos — = — finden , wenn man die Zahl der 

in ßchematischen Projectionen möglichen Symmetrallinien sucht, und 
dabei beachtet, dass solche Projectionen Figuren sind, deren Durch- 
schnittspunkte sämmtlich auf den Eckpunkten eines Parallelogram- 
mennetzes liegen müssen, so dass die Frage auf die nach den Sym- 
metrieverhältnissen solcher Netze zurückgeführt wird. 



V, BezM: Math. Beziehung zwiachen kpygt, Grundgesetzen. 361 

nach (f/ ^ Ol 0^2. Für Oi a^r^TV fallen die zwei Ebenen in 

eine zusammen ; desshalb ist statt Oi O^ nach Oi O2 = 7t nur 
O geschrieben worden. ^1 und §' bezeichnet Symmetralebe- 
nen dritter Klasse. Die Beifügung von A drückt aus, dass 
die in R auf Z senkrechte Ebene eine Symmetralebene erster 
Klasse sei. Bei der Numerirung der einzelnen Gruppen 
wurde aus einem später einzusehenden Grunde mit 11. be» 
gönnen. 

IL a) Si s' s, s"; Oi C^] Si s' = -j; tfi a, = — ; A. 
ß) (^1 cy,; üt a^ = — ; A. 

y) Si 8»; (f\ 81 s' = -r-; A. 

in. a) Si s'; 0; Sjs' = — ; A. 

/9) §1 r; A. 
y) A. 

IV. a) 81 s' Ef> s'' Ss s"'; O, 0, 0,; sfs' = -g-; 0i 0, ^— A. 

ß) <fi (f%Os; 010, = y A. 
IV.' a) Si Sj s»; 0i 0, 0«; Si s, = — ; 0i 0, = — 

/^ 2 TT 

ß) Ol (f% 08; 01 08 = — 

V. a) 8 

ß) ^1^' 

Diese Tabelle, welche die in einer Zone deQkjsaren An- 
ordnungen von Symmetralebenen enthält^ gibt zugleich diec 
in schematischen Projectionen möglichen Anordnungen voa. 
Syxnmetrallinien. Um die in Rednctionsgebilden überhaupt 
möglichen Symmetrieverhältnisse zu untersuchen, hat maiL 



i 



362 Sitgung der m(Uh,'phy8, Classe vom 14, Nov. 1863. 

BUr zu beachten, dass die Durcbschnitte Ton Symmetralebe- 
nen, welche zu den eben betrachteten Gruppirungen hinzu- 
treten, wieder unter diese Gruppen fallen müssen. 

Man findet, dass die gegebene Tabelle bereits sämmt- 
liche möglichen Anordnungen enthält, mit Ausnahme von 
zwei, die als la und Iß figuriren sollen. 

Bei la scheiden sich die Symmetralebenen in 3 -f 4 -f- 
6 = 13 Zonenaxen; die drei ersten, die U heissen mögen, 
sind den Kanten, die vier anderen (V) den Diagonalen eines 
Würfels parallel, die sechs letzten (W) endlich den Diagonalen 
d^ Würfelflächen. Bei Iß kommen dieselben Axen ü und 
y vor. Man hat mithin der Tabelle nur noch die folgenden 
beizufügen, um sämmtliche in Reductionsgebilden denkbaren 
Symmetrieverhältnisse überblicken zu können, 
la.) In U herrscht die Anordnung 11 a 

w in a 

Iß) » u „ „ „ n y 

V „ „ ., IV' /? 

Eine aufmerksame Betrachtung dieser Tabelle zeigt, dass 
-die mit ß und y bezeichneten Anordnungen stets aus den 
unter a stehenden, sowie IV' aus IV und V aus III erhalten 
werden können, indem man ganze Gruppen Yon Symmetral- 
ebenen weglässt. 

m. 

Es erübrigt, die bisher am Reductionsgebilde gefiihrt^i 
Untersuchungen auf wirkliche Körper zu übertragen. 

Nach dem Kantengesetze entsprechen jedem Reductions- 
gebilde unendlich viele Körper; unter diesen hat man zwei 
Gruppen zu unterscheiden: entweder kommt jede Fläche mit 
^ner ihr parallelen verbunden vor, d. h. zwei parallele 
Flächen des Körpers entsprechen einer Reductionsfläche, 
oder es entspricht einer Reductionsfläche immer nur eine 



V. Bezold: Maih. Begiehung ewiaehen kryst, Grundgesetsen. 363 

IB'läche des Körpers, d. h. man hat zwischen parallelflächi- 
gen und geneigtflächigen Körpern zu unterscheiden. Da 
alle Flächen, welche zu einer Form gehören, gleichartig sind, 
mithin stets gleichzeitig vorkommen, so folgt, dass die bei- 
den einen Blätterbruch bildenden Flächen bei parallelflächi- 
gen Kiystallen gleichartig, bei geneigtflächigen ungleichartig 
sind. Die Structurverhältnisse eines geneigtflächigen Körpers 
könnte man sich demgemäias etwa durch einen Stoss auf einer 
Seite gefärbten Papieres versinnlicfaen, in welchem alle farbigen 
Seiten nadi oben oder alle nach unten gerichtet sind. Diesen 
Unterschied zwischen den beiden Seiten einer Ebene kann 
man mathematisch dadurch merkbar machen, dass man von 
einer positiven und von einer negativen Seite spricht. Nach" 
JEüniührung solcher Vorzeichen lässt sich auch noch im Re- 
ductionsgebilde ein geneigtflächiger Körper von einem parallel- 
flächigen unterscheiden. Diess lässt sich sogar noch auf 
die schematische Projection übertragen, indem man ja auch 
den beiden Seiten der Sectionslinien verschiedene Vorzeichen 
^eben kann. 

Nennt man den Uebergang vom Beductionsgebilde zum 
^rklichen Körper Entfaltung, und nimmt man diese Ent- 
faltung bei Gebilden aus gleichartigen nothwendig coexistiren- 
den Flächen so vor, dass sämmtliche Flächen gleichweit von 
^nem als Gentrum gewählten Punkte abstehen, so kann man 
-beweisen: 

1) Dass bei der parallelflächigen Entfaltung der Körper 
^enau dieselben Sjmmetrieverhältnisse hat, wie das Reduc- 
iionsgebilde. 

2) Dass der durch geneigtflächige Entfaltung resultirende 
Körper stets andere Symmetrieverhältnisse hat, als der ent- 
sprechende parallelflächige, dass er aber dieselben hat, wie 
das entsprechende Reductionsgebilde mit ungleichnamigen 
J'lächen, wenn man so entfaltet, dass der Körper nur gleich* 
namige Seiten nach aussen kehrte 



364 Sitzung der mathrpjMfs. Ckisse vom 14, Nov. 1863. 

Dieser zweite Satz ermöglicht, ^uch die Symmetriever* 
hältnisse der geneigtöäcbigen Körper am Bedactionsgebilde 
beziehungsweise am Schema zu studiren. 

Die Resultate dieser Untersuchung findet man in der^ 
beigegebenen Tabelle zusammengestellt, die sämmtliche in 
derartig entfalteten Körpern oder in Beductionsgebilden mit 
Berücksichtigung allenfallsiger Ungleichnamigkeit krystallo- 
nomisch möglichen Anordnungen von Symmetralebenen enthält, 
und vermöge der eingeführten Bezeichnungen gestattet, die 
Symmetrieverhältnisse der zugehörigen Formen, d. h. die Art 
und Weise, wie die einzelnen Stücke einer Form mit einan- 
der zur Deckung gebracht werden können, bis in^'s Einzelnste 
zu übersehen. 

Die am Anfange der Zeilen stehenden römischen ZiÖem 
mit beigeschriebenen arabischen dienen zur Numerirung der 
einzelnen Anordnungen. Die darauffolgenden Buchstaben tt 
und X bedeuten, dass die der betreffenden Gruppirung ent- 
sprechenden Formen beziehungsweise als parallelfiächige oder 
geneigtflächige Hemiedrien von Formen betrachtet werden 
können, welche zu der darüberstehenden durch o bezeichneten 
Anordnung gehör^i. Die nächsten vertikalen Golumn^n ent- 
halten die in den einzelnen Axen herrschenden Gruppirungen 
in den auf S. 360 eingeführten Bezeichnungen. Am Ende . 
jeder Zeile, also in der letzten vertikalen Golumne findet man 
den Namen der Form mit der höchsten Flächenzahl^ welche 
zu der betreffenden Anordnung gehört nach Naumann und 
die Flächenzahl dieser Form. 

Bei den Anordnungen I bis V hat man Axen in einer 
Ebene A und eine darauf senkrechte Z ; die unter A stehende 
Zahl bezeichnet die Klasse von Symmetralebenen, welcher 
das A angehört. Ein * vor der Zeile soU sagen, dass die 
auf derselben stehende Anordnung noch nicht beobachtet« 
worden ist. 

Demgemäss ergibt sich folgende schematische Zusammen- 



V. BeeM: Ma(h, Bmeimng zww^^m ftrfßgt. Chrunägeieteen. S65 

Stellung sämintlicher in Krystallen möglichen Anordnungen 

von Symmetralebenen. 

I. Drei aufeinander senkrechte Aten U, vier trigonale Zwischen- 

axen V, sechs Axen W. (Vgl. S. 362). (Tesseralsystem.) 
ü V W 

lo IIa TVa Jlla Hexakisoktaeder 48 

h n lly IV'ß V« Dyakisdodekaeder 24 

hx HIß IV'a V« Hexakistetraeder 24 

*h Hl II^S IV* ß lUß Pentagonikositetraeder 24 
l47txi ni^ Wß Yß Tetraedrische Pentagondodekaeder 12. 

li. Eine Hauptaxe Z, darauf senkrecht zwei gleichartige Axen 
a, a, und zwei gleichartige intermediäre a/ b/'; 

Sil a, = a' a" = — , a, a' = -. (Tetragonalsystem.) 

Z ai a' A 
IIo IIa Illa UI« 1 Ditetragonale Pyramide 16 

Ihn Uß V« Va 1 Tritopyramide 8 

II» X Uy 15^" Hin 2 Tetragonales Skalenoeder 8 

lIII^ IllaJ 

♦IIa afi n/9 Hiß Ulß 2 Trapezoeder 8 

III. Drei aufeinander senkrechte ungleichartige Axen Z, ai, 

a' (Rhombisches System). 

Z aia.a' A 

IIIo nia Ula 1 Bhombisclie Pyramide 8 

nii n HIß Ya 1 Monoklinoedrische Meroedrie 4 

in« X HIß Illß 2 Sphenoid. 4 

*ÜIsx7r Yß Ya l 2 

HlAn*n V/J V/J 8 2 

IV. Eine Hauptaxe Z, darauf senkrecht drei gleichartige 
Axen ai a« a« und drei unter einander gleichartige a^ af^ af'^; 

hl as z=z a' a" = ^ ; si^af = —. (Hexagonalsystem.) 

Z aiu.a' A 

lYo IVa Illa 1 Dihexagonale Pyramide 24 

IVi n lYß Ya 1 Tritopyramide 12 

lYix lYß HIß 2 HexagonaleB Trapezoeder 12 

♦IViXi IV'« niaV« 1 12 

*IYinxi lY'ß Ya l e 

[1863. n. 8.] 25 



366 SiUung der ffMitA.«f%«. Clasae vom 14. Nov, 1868, 

IV' Dieselben Axen Z, Si a, as wie bei IV. 
Z ai A 

rV'o ly« lU/3 2 Skalenoeder 12 

IV'i n ITß — 2 Tritorhomboeder 6 

IV'j X IV'i? Mj? 2 Trigonales Trapezoeder 6 

V. Eine Axe Z senkrecht auf den beiden anderen ai a' 

(Monoklinoedrisches System). 
Z aia' A 
Vo III;/ Va 1 4 ^ 

Vi — V« 1 2 * 

VI. Die Axen sind die Durchschnitte von drei Ebenen, deren 

zwei auf einander senkrecht stehen (Durchschnittslinie Z), 

während die dritte beide unter schiefen Winkeln schneidet. 

(Diklinoedrisches System). 
Z 

VIä V/J 2 

VIix Yß 1 

Vn. Drei ungleiche unter schiefen Winkeln sich schneidende 

Axen. (Triklinoedrisches System). 

VIi« 1 

Ausser den hier angeführten Anordnungen von Symme- 
tralebenen sind noch eine Anzahl von solchen denkbar, näm- 
lich Anordnungen, die sich aus den unter II bis V stehen- 
den ergeben, bei denen A eine Symmetralebene erster Klasse ist. 
Behält man nämlich hei allen diesen Gruppirungen die in 
der Zone Z liegenden Symmetralebenen bei, während man 
A in eine dritter Klasse übergeben lässt, also auch irf den 
Zonen a die entsprechenden Aenderungen vornimmt, so er- 
hält man neue Anordnungen, die den Grundgesetzen nicht 
widersprechen. Die zugehörigen Formen sind sämmtlich offene 
Formen (offene Pyramiden). Da dem Verfasser nicht be- 
kannt ist, dass je eine solche Form beobachtet wurde ^®), die 



(10) Eines eigenen ürtheils über solche Fragen muss sich der 
Verf. enthalten, da er durchaus nicht Mineraloge ist. 



1^. BegM: Math, Betiehmg sfwiithen hytt, Cfnmdffesetzen, ^67 

Tabelle aber dadurch an Ansdehnung gewonnen and an 
Uebersichtlichkeit verloren hätte, so wurden diese Anord- 
nungen nicht mit aufgenommen. Fügt man sie noch hinzu, 
so hat man sämmtliche mit den Grundgesetzen vereinbaren 
Anordnungen. 

Jede der obigen Anordnungen entspricht nach der ob^i 
gegebenen Definition einem Krystallsystem. Diese Zusammen- 
Stellung zeigt, dass es in Körpern sehr verschiedene Symme- 
trieverhältnisse gibt, welche mü den krystallographischen 
Grundgesetzen vereinbar sind, und dass die entsprechendeh 
Formen an Krystallen grösstentheils wirklich beobachtet wor- 
den sind, während niemals Gestalten beobachtet wurden, die 
nicht unter den aufgeführten enthalten wären* Fasst man je- 
doch vorzugsweise die Zonenaxen, in denen sich die Symme- 
tralebenen schneiden, in's Auge, so sieht man, dass sich ihre 
Anordnungen auf wenige Typen bringen lassen. Diese 7 Ty- 
pen sind es, welche man bisher für die Eintheilung der 
Erystalle in Systeme als maassgebend angesehen hat. Schon 
oben wurde erwähnt, dass man einzelne Anordnungen von 
Symmetralebenen aus anderen durch Weglassen ganzer Grup- 
pen erhalten könne. Diess gilt in der Tabelle von allen 
Anordnungen^ welche nicht unter 1 stehen und von sämmt- 
lichen unter IV' in Bezug auf IV. Man nennt deshalb die 
Formen, welche unter die Rubriken 1 fallen, holoedrische, 
während man die übrigen hemiedrische (meroedrische) heisst, 
und aus den holoedrischen durch Verschwinden einer Hälfte 
oder von drei Viertheilen der Flächen entstanden denkt. 

Unsere Entwicklungen zeigen, dass diese Anschauung 
nur dieser rein mathematischen Operation entnommen ist, 
dass es ihr aber an einer tieferen Begründung durch die 
Fundamentalgesetze gebricht. Die oben aufgestellte Defini- 
tion für „Krystallsystem" beanspnicht diesen Namen für jede 
besondere Anordnung von Symmetralebenen; sie gestattet 

zwar von hemiedrischen Systemen zu sprechen, indem man 

25* 



8t8 £^«iMf der mM.-fh^. G^m vom U. Nov. ises. 

eben durdi den Namen An die rein mathematische Opera- 
tion des Wegnehmens yon Flächen aus einer mathematisch 
Terwandten Gestalt erinnei-t, aber niemals erlaubt sie, yon 
Hemiedrien in einem Systeme zu reden. 

Im ersten Augenblicke mag es scheinen, als bringe 
diese Anscbaimng eine unnötbige Gomplication in die Sache, 
und deshalb mögen Zweifel aufbauchen, ob es überhaupt 
passend war, ein System so zu definiren. Trotzdem wagen 
wir es, sie als die ein&chere zu empfehleii. Sie lässt uns 
nämlich zwei Sätze als einfache Consequenzen des Symme- 
triegesetzes erkennen, die sonst als besondere Erfahrungs- 
sätze aufgestellt werden müssen: das Gesetz über Hernie* 
drinenbildung, und das Gesetz über die Oombinationen zwi- 
schen yerschiedenen Formen, insbesondere zwischen holoedri* 
sehen und hemiedriscben. Nach unserer Auffassung können 
die Formen, welche einer bestimmten Anoi-dnung von Sym- 
metralebenen entsprechen, nur mit solchen combinirt yor- 
kommen, welche unter dieselbe Rubrik der Tabelle fallen. 
Freilich können unter yerschiedenen Bubriken Formel yor- 
kommen, welche scheinbar dieselben sind, ich brauche z. B. 
nur an den Würfel zn erinnern, der sowohl unter Ii 1 als 
auch unter die übrigen unter I stehenden, etwa unter 13 
fallen kann. Aber es dürfte wolil kaum eine kühne Behaup- 
tung genannt werden, wenn man sagt, dass der Würfel, der 
als AbstumpAmgsform der Octaederecken auftritt, andere Sym- 
metrieyerhältnisse habe , als der Würfel, der die Kanten 
eines Tetraeders abstumpft, fällt es doch auch Niemanden ein, 
die Flächen des GegentetraSders , wdches die Ecken eines 
Tetraeders abstumpft, als gleichartig mit den Flächen des 
letzteren anzusehen, oder die ganze Gombinationsgestalt als 
ein Octaeder aufzufassen. 

Lässt man diese Anschauungen gelten, so zeigt sich, dass 
man die Formen des holoedrischen hexagonalen Systemes 
nicht durch symmetrische Deduction aus einer Form er- 



V. Bezdd: Math, Begi^Kung ewisehm heyfi. Orwndffetetzen. 368 

halten kann, wie sie auf S. 355 für die Anwendung dieser 
Methode gefordert wurde, sondern dass dann bereits die ein^ 
zelnen Stücke der Grundgestalt (z. B. hexagonale Pyramide) 
durch das Goeffioientengesetz verbunden sein müssen. Diese 
Betrachtung lässt mithin den Unterschied zwischen Kanten- 
und Cogfficientengesetz und die grössere Allgemeinheit des 
letzteren noch deutlicher als oben erkennen. 

Wir glauben, es als willkürlich bezeichnen zu dürfen, 
bei physikalischen Ebenen, d; h. bei den BegreDZUDgsöächen 
von Körpern, also etwa von Krystallen jene Gleichartigkeit 
der beiden Seiten, oder der verschiedenen Richtungen auf 
einer Seite einer Fläche von vorneherein vorauszusetzen, welche 
man sonst mit dem Begriffe der mathematischen Ebene ver- 
bindet. Lässt man aber eine solche Ungleichartigkeit nach 
verschiedenen Richtungen in ein und derselben Ebene zu, 
wie sie ja durch Streifungen u. s. w. aufs handgreiflichste 
sich manifestirt, so fallt das scheinbare Paradoxon, dass geo- 
metrisch gleiche -Formen doch verschiedene Symmetriever- 
hältnisse haben können, sofort. Aetzversuche wie sie von 
Leydolt,^^) oder die höchst interessanten Untersuchungen 
über Asterismus, wie sie von Brewster ^*) und v. KobelP*) 
angestellt worden sind, können zu einer endgittigen Ent- 
scheidung über die Richtigkeit dieser Ansichten führen. 

Schliesslich möge es gestattet sein, noch ein Wort über 
die Gründe zu spredien, welche die Aufstelluilg der oben 
gegebenen Definitionen für Sym metralebenen bedingten. Schon 
Weiss belegte jene Ebenen, welche wii- Symmetralebenen 
erster Klasse nannten, mit dem Namen von Symmetral" 
ebenen. ^*) 



' \ 

(11) Sitzungsber. der k. k. Akademie d. Wissensch. 6. XY. 1855. 

(12) Phil. Mag. Vol. 5. Ser. 4. 

(13) Diese Sitzungsber. vom Jahre 1862. 

(14) Kupffer, Handb. d. rechnend. KrystaUon. S, 72. 



370 tütmmg d» maiih.*pkye, dam vain 14. Nov. 1863. 

Ihnen entspricht eine Gleichnamigkeit der Structur nach 
vor- und rückwäi*t8 in den za den Ebenen normal^i Rich- 
tungen. Will man jedoch alle Symmetrieverhältnisse auf die 
Betrachtung Yon Symmetralebenen zurückfuhren, so sind die 
Ebenen erster Klasse allein nicht hinreichend, wie man z. B. 
bei jenen Hemiedrie;n siebt, deren Gombinationen alle mög- 
lichen Orientirungen um eine gemeinschaftliche Axe haben 
können. Hiedurch ist die Einfuhrung von Symmetralebenen 
zweiter Klasse geboten, bei ihnen muss man ähnlich wie bei 
den Flächen der geneigtflächigen Körper eine positive und 
eine negative Seite unterscheiden, so zwar, dass man beim 
Umlaufen der Axe im einen Sinne nur auf positive; im an- 
deren Sinne nur auf negative Seiten der zusammengehörigen 
gleicliartigen Ebenen trifift.**) 

Diese Anschauung, welche man sich demgemäss von der 
Structur solcher Körper machen muss, passt sehr gut zu der 
Vorstellung, welche man sich vom Zustandekommen der Cir- 
cularpolarisation macht. Die Einfuhrung endlich des Begrif- 
fes der Symmetralebenen dritter Klasse stützte sich auf fol- 
gende Betrachtung, in der auch der auf Seite 358 erwähnte 
Zusatz zum Symmetriegesetz seinen Grund hat. Es ist be- 
kannt, dass alle Krystalle der Ausdehnung durch die Wärme 
unterworfen sind, und zwar viele davon nach verschiedenen 
Richtungen in verschiedenem Maasse, dadurch müssen sowohl 
die Parameterverhältnisse der einzelnen Axen als auch die Winkel 
zwischen diesen geändert werden. Ist es nun schon äusserst 
unwahrscheinlich, dass ohne tieferen Grund die Parameter 
zweier Axen oder zweier Winkel auch nur für eine ganz 
bestimmte Temperatur einander gleich wären, so ist es vol- 
lends undenkbar, dass eine solche Gleichheit auch für ver- 
schiedene Temperaturen erhalten bliebe, wenn nicht in den 



(15) Vergl. übrigens Weiss, Abhandl. d. Berl. Akad. v. J. 1816 
und 1817. S. 314 ff. 



V, Besfoid: Math, Beziehung zwischen hrysi. QrundgeaeUen, 37 1 

innersten Structurverhältnissen eine gewisse Oleichartigkeit 
der entsprechenden Stücke bedingt wäre. Um dieser einen 
präcisen Ausdruck zu verschaflfen, wurde die Definition für 
Symmetralebenen dritter Klasse aufgestellt. In dieser Be<» 
trachtung liegt es begründet, dass in der Tabelle das von 
manchen Krystallographen nicht besonders aufgeführte mono- 
klinoedrische und diklinoedrische System vorkommt, sowie 
dass die von Naumann als möglich angeführte rhombotype 
Hemiedrie des tetragonalen Systemes umsonst darin gesucht 
wird. 

Stellt man sich die Frage, welche Anordnungen bei ei* 
nem Systeme von Molokülen denkbar sind, dessen einzelne 
Stücke durch Parallelverschiebung mit einander zur Deckung 
gebracht werden können, wie diess bei einer molekularen 
Constitution der Krystalle unbedingt der Fall sein müsste, 
und beachtet man, dass die einzelnen Theile eines Erystalles 
doch im Allgemeinen unter gleichen Bedingungen entstanden 
sein müssen, so dass Flächen, welche in solchen Systemen 
geometrisch homolog wären, stets gleichzeitig als B^renznngs- 
flächen auftreten müssten, so kommt man von selbst zu den- 
selben Definitionen für Symmetralebenen, und findet auch 
ohne Kenntniss des Goefiicientengesetzes sämmtliche und nur 
die in der Tabelle gegebenen Symmetrieverhältmsse als mög* 
lieh in solchen Systemen. 

Das Symmetriegesetz ist mithin bei der Annahme einer 
molekularen Constitution der Körper einfach ein Ausdruck 
der ,fGleichartigkeit des Gestaltungsaktes,'' wie schon Weiss 
es nennt, während das CoefSoientengesetz durch eine solche 
Annahme wenigstens äusserst plausibel gemacht wird. 

Doch eine weitere Ausführung dieses Gedanken, die üb- 
rigens im Anschluss an die auf S. 360 in der Anmerkung 
angedeutete Betrachtung ungemein einfach ist, überschreitet 
die hier gebotenen Grenzen und unser ursprüngliches Programm. 

Unsere Aufgabe war es nur, zu zeigen, dass die zwei 



372 SitMung der malih,'ph^9. Ciafee vom 14. Nov. 1863. 

Grundgesetze in der hier gewählten Fassung rollkommen hin- 
reichend sind, um alle bisher beobachteten Formen und deren 
Combinationen unter einen Gesichtspunkt bringen, und den 
Zusammenhang zwischen denselben klar erkennen zu lass^i. 



Herr Gümbel übersandte seine Abhandlung: 

,,Ueber die Clymenien in den Uebergangsge- 
bilden des Fichtelgebirges". 

und bemerkt in seinem Schreiben u. A. folgendes: 

Ich hoffe um so eher Grund zur Entschuldigung zu 
find^ dafür, dass ich die Aufmerksamkeit der Classe für 
meine vorliegende Abhandlung: Die Clymenien in den lieber- 
gangsgebilden des Fichtelgebirges in Anspruch nehme, eA» 
das monographisch beschriebene paläolithische Eephalopoden- 
geschlecht der Clymenien gerade in Bayern erhöhte Beach- 
tung verdient, weil kein Landstrich der Erde auf so kleinem 
Umfange eine so grosse Anzahl wohl unterscheidfoarer Arten 
dieses Geschlechts aufzuweisen hat. Dazu kommt, dass das- 
selbe für die jüngsten Stufen der devonischen Uebergangs- 
formation höchst charakteristisch und zugleich weit über die 
Erde verbreitet, für die Bestimmung gleichaltriger Schichten 
grosse Wichtigkeit erlangt hat. Den Ausgangspunkt für 
diese Vergleichung bilden immer die Clymenien - Arten un- 
seres Fichtelgebirges. Nun hat zwar Graf'v. Münster, der 
Entdecker dieser Versteinerungs-Formen^ die in unserem Ge- 
birge vorkommenden Arten monographisch beschrieben und 
abgebildet; aber Besdireibung und Abbildung sind so wenig 
scharf, dass es mit geringen Ausnahmen selten gelingt* an 
andern Orten gefundene Exemplare sicher und genau auf 
eine v. Münster'sche Spedes zu beziehen. Es ist bereits 
eine förmliche Verwirrung in der Deutung der durch Graf 
Münster aufgestellten Arten hereingebrochen. Um diesem 



Historische Glosse, 373 

Uebelstande abzuhelfen, habe ich diese Bevisions- Arbeit un- 
ternommen und hoffe damit der paläontologischen Wissenschaft 
einen kleinen Dienst erwiesen zu haben. Nur um die Dring- 
lichkeit dieser neuen Bearbeitung nach einer Seite bin anzu- 
deuten, weise ich auf die Verschiedenheit hin, welche bezüg- 
lich der Anzahl der zu unterscheidenden Arten zwischen der 
Auffassung des Grafen von Münster und der meinigen sich 
herausgestellt hat. Derselbe glaubte im Ganzen 52 Arten 
Clymenien oder verwandte Formen unterscheiden zu sollen, 
eine Zahl, welche nacli meinen Untersuchungen sich auf 17 
reducirt. 



Historische Classe. 

Sitzung vom 21. November 1863. 

Herr Kunstmann sprach 

„Ueber die altere Verbindung Spaniens mit 
Afrika und die Besitzungen der Westgothen 
in Afrika**. 



< »k. • 



.. r 



' • I 



• I < 

( r 14 



SitzRmgsl)ericlite: 

der 

kOnigl. bayer. Akad«fmie der WiBsenscHftften. 



■ 4 / 



' ij 



OefFentliche Sitzung der k. Akademie der Wissen- 

Schäften , 
ziiir Feier des Alloili. Qebiurts6iBto8 Br. Mi^eBtät diss Koii^< 

i ' Am 38; VoT^mA^eat 1868. * 

Einleitende Worte 

des Vorstandes' ' ' ' 

Justus Freiherrn TOü Liebig: ' 



» • 



* * -' 



.. . liid iWiedbrkfiliif des fästlichen Tages, a& weldiffla vor 

zweinndfiin&ig Jahren msaer exhabener Monareh^ gdboren 

yqinle, tsisanunatE heute unsere Adcademie., um im tie&ter 

Shs&irohl. Saamt Wünschen üir das Wohl ihreft grossmüäliigei^' 

BeadktUäers einen .Ansdradk zä geben., Zo; dem Geffifalw 

der j^eadft, tceaef. AnhähgUöUceit 1^ watcüei 

heatia diai gegamkntej Beyölkerong' Ba^emsrrerfiQleii , veieini" 

geniisidt in unserer. Akademie die. des AhrfiirditSToUätani 
[1868. n. 4.] 2e 



376 Oeffenmehe SUmng am 28. Noo. 1863. 



Dankes fiir die liebeyolle Förderang, welche unser erleuch- 
teter König den Wissenschaften widmet. 

Wir erkennen aber auch mit Freudi^eit die Weisheit 
unseres Monarchen, seine mannhaften Bemühungen in wohl'- 
erwogener Würdigung von Bayerns Weltlage und Stellung, 
das Recht Deutschlands zu vertreten, und dessen Macht 
durch die Herstellung eines einigen harmonischen Zusam- 
menwirkens aller deutschen Fürsten zu stärken, so dass die 
iimere Entwicklung unseres ^ grossen Vaterlandes , mit wel- 
cher die Pflege der ^Vissenschalben im inliigsten Verbände 
steht, gefordert, und die Gefahren und Schwierigkeiten der 
Gegenwart beseitigt werden. Möchte die Vorsehung so edle 
und ; ^(HohHejis^e J^^ ^^4^^^. deren. Gb- 

lingen den Segen der deutschen Nation auf sein königliches 
Haupt vereinigen wird. — 

Im Laufe des verflossenen Jahres sind von Seiten des 
pflanzeni^]r8iologische;Q Instituts, .unter <|er Leiituag .|uid. 
Hitwirkung der Herren Professoren Nagef und Zöller, die 
Versuche zur Ermittelung" de!r' Gesetze der Pflanzenemäh- 
saag' iovt^setBt wördeü ; sie wurden, mit - der EartaffeK 
pflanze angestellt, weldiie • als Nähfe'pflanze nach den Ge- 
treidearten die wichtigste» ifili;, / es wuntoi gleichviel Knollen 
derselben Art in drei Versuchsfelder gßp^anzt, welche aus 
gepulvertem Torf von Kolbermpor bestanden ; das eine Feld 
war roher Torf ohn^ Zusa,tz, das zweite in^ar wit Ammoniak- 
salzen, den wirksamsten flüchtigen Bestandtheilen des 
SlallmiBttel, daa'\djMf^ mit den -fixeniAshbenbestimdtiheil^i 
der KartoflWpflariKe gedühgfc wordem :. i :.w 

Es ist faisr Jikbtid«^ QoTt, snf da» nSheroBQsdhreiba^ 
dM iVegetstionsverlaü&Br'^ei&zageken^ ich besclirfinfce mich 
dflorUtif, henrorzuiiebenv ^ass der Ertniag sui EnoUtti m Asm 
ittit >dem llüahtigen HafaptbestauBdtbeil des tinsBCischeiii Düageni 
gedungtea Bodem ^um .2<^i Proc; höher i^ar, .als: der im rohen . 
Tboßti Bbet der.KneOsnsitrat^ lin.dam oAb SjU, .Eslk und. 



M. ] 



I^oqaliateii gadangten Stücke wiurbemaiie dreimal 8b< boeb'; 
die Efcträge .der 4iei: Vetwidisfeldar * verfdeltm. sich wU 
lOO*; 190 : äfiS^ Um: eine genaue VoisteHimg toq dem Eik 
imgß^vsxMltjmil^migebeai bemwke^ iehy daes der Erirtng des 
drittem (mit Aecfaeiibestaaidtheilen gedimgten) Feldes , mf 
das Tagweck lieieoknet, 2Si ZoU-rCentaer Eaolleii •aiaimadklif 
Bftbe doppelt so ^el, als man a«f dimi besten JukeAsoA 
miter den günstigsten VeitiUtiuBseii entet. 

Es geht aas dies^ii Versacäien nniweifellfalt heiroüv 
dasa detr.Landifirtb m der Emtoffelcaltiir den tiiieiäsebm 
Bioger -Ausstihliesseii und ank grösstam Vortheä erseteeni 
kasm^. dnrdi <em riehüg g^wahUes Verhaltniss von Phespha^ 
tan^ Gjps imd Holzaselie. .'^ 

' t^ Die grosse Versdüedeiilimt in den drei V^snchen Utelf 
siöh/da aUe-fibri^enVerhältaisse identisoh waren^ nör mai 
der y^ndbiedeiilieit in dioor. Znsamxiife&setzung der '^ei Bo« 
dmisortesi terkUixto^ -m den beiden erat^^en' f^te' es aaa 
geirissan Bedingimgeli ^ nüa in den imterirdisehen Oiganen 
ebensoviel TegatabiUiche Substanz ^tnimlidi Eaiottea) als loi 
dfar^ dsittta 2u . ertEäugeoa^ odet? -• 'was idas uyämttebe ist , um 
ebetutovioL; Ton ibren £lam;eista]i" aaii der Atmospttlre' iSis 
seiiöp&ou Obwohl an und fiiäf mb bedeutungsvoll geniq^v 
ist dies dennoch ^odcht .das irächtigste Etgeboias dieser Vep« 
suoUe;^ es^'inTinilJe noeb ein^widitigexies erzielt: ^ 

: iüiei jl^cfflen'^iiäm^b^^ die in^ den i^ei Bcidesbattoitge^ 
^«acteän. itaien, 'Wafeh&. die Bedlogmigen d^ Waehstfamas 
der/KarteffelpAaaize >an imasräGbender M^d^ -und utuidi«<» 
t^em YarpiUiaiaBe entiaedtten, T^rfidmi der Earterffelbraikiieit. 

Yon deniKnoapenaim) vneMw sdM«airz wordM, taatsehon 

nai^ iWienigenh V Wodhoi eine Eeapsetzung ein, "Weli^' naät 

innen hin sich irerbi^Mle. / Biese Zenrt&rmKg ' / zeigte mk\> 

iv!b:bataeriDt, an- den Snallen/widoke im f rohen '^uäd iüldem 

mit' Ammoidakddzto |;ediiQgkeii Torf geivtaohaen >waren. ^ ^ - 

ii Jdle EaaUeuiihiQgiegeaf» die in dem ^mii>J&tt fixest 

26* 



S78 OtffmOii&m mt m^m Bß^ ja».ä86S. 

0i»d h» jetst ToUkoouiien fanad gdfaUebeli , aä iceinem 
Bfägte' Ittoh eind Spur toh dor Wirkung V dia mam gewohnt 
isti» «i<»ia ; Kartoffdpils zoBOBokraibeiii. £& folgt ms dieseii 
Vierswsbea unwideitiBEretfhlioh, dass die Bediagiutgeii;^ 
ll^liQb«(di<9> &0]?m«le Entwickehing djet PflanTeii b&^ 
föirdeits^ die nämlichen JBiiid,. wei^ke die Kranke 
heit yerhüten, . azid idaaä. deinmAch, da die gleichen 
^naeeiren aehRdlJohh^iteii auf die Pflanzen der drei Felder 
eiAtnitkMxi^ - die nächste Unaehe der irerderblioben EiranUieife 
in desd' BMen gesucht it^erdea moasA Wann. der: Boden £e 
au der oigaaischea Thätigkeit oder ütbait der Bflaaze er« 
forderlichen Elemente in ausreichender Menge und riohiigeoDi» 
Yeriiältaiase darbietet) ae /empfihgli dta Pflanae dadureh das 
VtHtniäfen, den. auf de Von aussen emviricenden Scb&dUoh« 
keiten. ^neii Widowtaad eutgegenzoseteeu, grote-igeiuig, um 
die Wirkung deraelbeii VfriDcemmen au&ubebesi. - Diese That*- 
sadbieu .verbreiten das. hellste lioht über jdie Natur der 
Etaiigeukrankhfeiten- üfaejrhanpt ^ namenilieh iidber die sog^ 
Monte Traid^enkrai^dieitfj und ich bin. nidit zweifelhaft) dar^ 
tikei*! : deas; diese uud die. sogfinaamte SeidehranpenkTaiikheit 
mi : . eine* : irer^derte Besdiaffiänheiti . oder : Eradiöpfimg des 
Bodem zvrücl^efiihrt werden, ihüsaen. ^^ . , . j 

Nirgendwo < und an^ keinem . Orte kt< es ' bis« jetzt gelun^ 
geu,jduivdi alle aeitiier iiblinhen)llfitliel>ffieiAliRieddrkAbr der 
Trautaenkrankheit zu Terfaüib^^ da wo in dep eraten Jahren 
df»; einmalige BeatKubeütmil: Sckivvifel! den. Tsaubenpilz yer* 
tdeb,. reiäht . .die vienaaligB . Ajatwendtmg; desselben jetzt niobt 
inebr hin, .(Kia die : Tz»jd>enerhte zurettpu'y/kmd mit Be- 
qtiuHantheii'läsät sieb Torauaaäien, daasi in /einer Beihe iron, 
^fihkrea däa^ Scbwefek iöliig i erfolgllos i sein; ) wirdl 
n.K^ Die Seideaiittupenkrankheit bevukt i wesentUldi 'danauf, 
dass .dift ;Maulbeeiiblätter . diejeiqgeii Beataiidäieile ^ welobe > 
Eraäknmgvdea^Thierea uotbvendigfaind^ aicfat mdir in 



> V. Idebiifimnhiimde WMe. STS 

der ijriitigeii. Menge und BeMhaffenheit «nthalfeiiv oder ^w«» 
djtfi nämlidie ist,, dass der Boden die zur Erzeugung def«- 
«elben notbw^ndigen Bedmgungen nidit mehr ^«toQgebett 
^ennag, indem man sie demselben seit Jahrhunderten, ohsve 
Wiedar^rsatk, eateogen hat; die Seidenirirmer, mit ^ÜJ&BeA 
Blättern ernährt , sterben vor dem Einspinaen , unÜ^ se^ ünA 
denn die Seidenemte in Oberitalien an Qualität und Quan- 
tität seit 16 Jahren stetig abgenommen. 

An allen Orten, wo die Traubenkrankheit herrscht, 
liefert auch der Maulbeerbaum keine Seide mehr, und d4^ 
wo der Seidenwurm Seide spinnt 9 ist auch der Wiebstock 
gesund. 

Die Seidenraupe ^rd nicht krank und liefert Seide, 
i«renn de mit BUttem ^9r neugepAänizton Bäumeii ^ oder 
fliifäuch e i'n^ .ernährt wird, von Orten, wo nie ein ähnlicher 
Biaum i^wachs« ist und wo der Boden scin^ reuen Oeiialt 
an Pfianzen-Nähusiöffen nodk besitzt. ^ 

Von det Grösse und dem Um&nge beider UebieliiL 
Italien isles.eohweiiv eine Vorstelkiiig ro geb^. An den 
meteten Orten g6win»t maii seit 2ebn Jahren kmnen Weit 
Aefar, der in liaUüBn^ als Nafainrngsmittel dieselbe JBedeutiu^ 
hBüy wie das Bier in Deatscklaüd; und durch dttn (kuei»^ 
den^ Ausfall der Setdenemte' Ischwindet '«ler Reidhtlmm der 
djomfaardei; und da» Land g^t einer steigenden Verarmuii^ 
.«ntgegen;i ' Himdeite^ you* Fatbiüen,- welche rfrühler . im hMiig^ 
4iäisten Wohlsititnde ldb4e& , sind i» Dürftigkeit* versettt. 
Landgüter am Corner -» See mit praöhti^olleie^ ViDen ,' weiclie 
Mhier< m Binbonmoen wa hmiäßxisi$mm&i Branken' gei^ätf^ 
iett, fidackd fiir den fimiten Theil 1^^ früietfen Premesi^iui^ 
s^käuflich^ und der Hunger wwingt idie arbeitende Bevifl^ 
Immngj-weMe Hebeäem' in den zahhicvchw Seidenspinniemen 
lohn«iRle QBecishäftigQng' fttndy m massenhalfceii .Aaswaa^ 
JÖhnrangeii. ''^ -'• ' ' ■• ••':*: ' ' <• '»t-MM l-f •' A . \ ■»{'•- /^ 

Das.ieliidaa gitosse-iOAeimiiieB, dass-der Meneck, aü 



$90* OeffmfOi^ Bikmp m.m. ]!he. 1863. i 

fird^ geschaffen , wenu er-iseise Fortdauer aicbem irill, die 
Erde in der rdcht^ Weise {^egen aansB,. welche < ihm die 
iriobtigstoii £lementi& seines Leibes gel^fert< hat, nnd dass 
4ie 'VerlstzoAg' dieses, grossen ßesetsEiaBy in der manmg&lr 
tigstim rWeise, sich an seinen Kindern jmd NadikcBnm^i 
vii^Hj bisins tausendste Oübd. 






■ ■ ' . ' ' " c .'. . l» ■ 



KekrologeaufDöderleiü und Jacob Grimm Yom Secretai- 
der philos.-philol. Classe Herrn M. J. Müller: 

> 1 ; i luudwig .I)!ö^eat;JeiÄ. .,. 

•: • Bmäh dJdn Tod utifeves auswärtige Mitglieder Ludwig 
IXöderlein hat nieht aikin diese igeleinte iKörperscliaft, 
sondern das ganze ^Vaterland und • alles ^ was in am t&t 
Schule und Wissensdiafit Tfaeilnahske fiiUt, ^n^n herben 
•V^erlnst eriMenV In die Laufbahn: , eintretend > iam An&ng 
difees Jahi^underte, der* glanzBändc» Epoehe^^es Aii&chwiin* 
ges der UaSsisäieu (Studien : in Doatscfaläsdv gendss.Dödcir- 
)0in den Unterricht 'der. asisgeBeidindten Geister^ welche die- 
ses Feld sät Ihren nnsterbtichen Arbeiten schmückten: eines 
$*« A. WiOilf, Bödkh, yoiss, Greusser »und unsers unvergess^ 
IkbisnXUersti^y diesen ältester Schüler er ; sieb au. «s^ 
rahiüte.: Bald fand 'er in gdehrfenv SAiflen. der .Schweiz 
Md Bayeirns i dm tgewttnscbten. Spi6Uauiti : . üir • IseUie Thätige 
Iceit^ .die>iil::dopf)eltot.melftung, in d« re&i. gelehrten (imd 
dekr .piraktaäQbei^ :£raehjtbar> und godiegm sich assbreüM». 
Seine krttischea nJtd eaeeg^iciBhlBii BeDotliliungcin um ScfdioUea, 
flamer ^ .Tacitus und t^ömE haben ilun dmif Baifidl iäller 
Forscher :gewö]äi^;ii^t.ättsaeibxdient]ä^^ 'SüÜaifsinnound 
4ilädc/entwicfcelfas ; ^r die schweren An%Q(bdn' ider latefadsolieii 
Synonymik und Etymologie, und seine üebersetzungen isiiid 
linstee iron ' Tr^ue, VeretändnisB < und <6besehtndek. 'Neben 



Mi J.MfOkt: ;JSkht9h§ ü/uf^IMn^^. 



'9«1 



•!dra «igenHiob* titeiärisdiea ; Bescbftftigimgeii ii«r' flim das 
JBdbulaiftt.eiiie heilige PfliQfat:Lttiid irie /er .als Ldhreini0W<dll 
•im G;z£äBaiaium 9 .^s «ati dclr ÜBiViemtät imd dem plulolop- 
. sehen SemiltfUir i^iioh praktisch als MeiMar duroh, > d^e . E^^ 
-viddmigi und Duziehdringung iäes Lehsstoffes, sowie durdi 
die «uldoHd/S und gewaltige Wirkung Tennög^ seiner £e]r- 
.Moiliobkeii auf seine Sdiüler und Zuhörer sidi benrährte, 
so gab er audh sieh selbst und der Wdt eine treffende und 
.überzeugende KedieDachsik über die Probleme der. fiidakiSc 
und Pädagogik, . WQTcm die berühmten Sohulreden eihe.gifia* 
zende Probe ablegen. Neben utasenn Thiersoh hat Bayern 
•in ihm sein^'gröisten Schulmann gidiafit. Disr Strahl des 
-Genius, der sieh ihm an den Mustern der Alten« offenbarte, 
toaf in ihm ein empfimgUdies Qemüth, und i befähigte ihn, 
(die girössen ebenb&rtigen £rB<di6inungen der Mitwelt treh 
•jmfenfaBsen und. zu würdigeia, iWde er diess» besonders <]h 
^leintf Rede über^ Schiller mit allgemmner, Anerkennung ietf- 
^probt hat; DasigroBBteXob^ das Ton einem Philologen ;gb^ 
sagt werden! kann^ :gebiihirt üudqi wie wenigte,-da8&;'€fai8 .(Gke- 
(föhl für Schnnheit , da&.Resottaik der heUenisdten. Bildong, 
•^mi Hcto doit^hdjrungeo. und. durdhgeistet haL . 



•) 



*• » 



•i 



( ) 



Ja,()pb,.6rimm., 



I . . .Wenn • die Snmsie > d^ Lebens eines Maoomes wie Jacob 
^j^lrimm gesogen werden sollyd^-moht nua^i«inmal sdbd- 
'pferisoh in die Entwiddung der* Wissenscbalben eingiiff, 

•aondexQ währen4 ciuer langeu, . nur wenigeii ^ Sterblichen 4t^ 
«gönnAen Reihe von Jahren mili dtigebeagter Jugandkrafir immer 
üene. Thaten. semes Geistes dmj erstaunten Europa Toilegte, 
immer nea^ Gebiete« des r-FqüESchens mit /ebensoYiel (teiginaii- 
/tat als Innerer Tüchtigktö erölbiBte^ so dürfte die Aufgabe 
.würdig nur Ton einem specidlen Faöhxpa^ .und nur .föh 
•einem; ebenbürtigen gelöst, u^^rden. Da .iaber die JE'riichte 



1382 .^(MlßkBM^mtmff «te M. 20o. l&fB. 

^flänes BtrielMns <8kb wöb «rf'aaddre, aälmr oder entfernte 
iliQg«Bde jFdider erstareokle,^ Bnd: von äeiBttü mäciiÜgta <ieiiii]B 
mA JWaBrlialb. der JBpszmiQii^^ Eorsdimigeai dich bewi- 
geiide fGeldbrte msäk üef err^ und gefördi^ üiUeii) so 
möge es auem BOlcheii eEÜauM sein^, vor drir hohen Ver- 
-tatbmhmg jucfat ein voües Bi]d der WiAsflankeit^^des Yep- 
storbeBcn zu entrolko:^ sonden bloss in Kiuse einen Theil 
sainer! Verdienste tu charaiAeari8k*en , tmä den Tribut des 
Dafafced und der Bewunderimg zu begrünÜen, den jeder ihm 
iBöilt, dar nur in ixgend «iner Besiehnng «m den i^oblettisn 
>der Sprftdhwissenschaft BbAi. 

Vor Qxidim . kanB:fce man kaum dne deutsche Oram- 
mafeik. So sohätzbu-e Arbeiten much die ifiiietn Jahrhao- 
.derte uiid das unmittelbar ▼osherge^nde > bervcorgebraicbt 
hatten, so fehlte doch daft ZusammenlaBsen det ^on^elnen 
Diidekte zui emem zussaimeidkäbgaiden-Giaaen, tind dttr 
-belebende HMoh, der sie rationell und organiseh mit eina»- 
-dar in Verbindung braebte« Jacob (ätmim unternahm zu- 
-enrt cBeses Werk>: er oirdnetie alle igurmanisckesk Dialekte 
wm GbtliiscfafesL angefangen bis amf Me neuesten -Mdungeii 
nach allen hnitörischeQ ModificatiDnen<und;i VnifficinedeBiie^ 
ten, welche die ursprüngliche germanische Einheit bei den 
später auseinander gehenden Stämmen und Unter&btheilun- 
gen von Stämmen erfohi^. t)ie umfassende historische Be- 
tmchtung' fährte. ihn aiif bestEEnux^cT) Gbssstsr, die das Leben 
^er germanktchen Sprache reg^, und/ die nach den Bgk 
dingungen ein^ naturlidiai Metaiiüyrphese eben so 
anifj die: verwandten indogeimanitfchen Spraahen' sich 
rtvesken. Um : eben bliese Jieib «wurde anob dfe Eenntnkis 
jäm SSanscrits, der ältesten Fortn dieser' Spräehfam^et ifir^ie 
Doos&ie der esftdten Forsohiuig^ bingefifart, imdndie wadire 
Sprach wissensebäft, dieser äkas^unU dei: modernen geiitigen 
Berwegung, war gegründet. Der Gedaake) dase die Spradfae, 
im ibrer Hervorbringiibg und Fertbildimg dürdi dett^menacb- 



m 

!ipi^ I jed^ aa4ere/ NataröncfaemuBg, ^jatwickeliidiro ^Wosen sd, 
-irirkt frjtt^htbiti: .mcU blcm anSidie Betrachtan^ dieses : «peei^ 
ilen Ql^je]st08, sondern goss. aiiGh.eiQ hdUes-.oiüi fijseb dio 
<a^er .mregendeß Jiiehi auf die' Geachichto Yierwsndtor Po- 
iam^ ^^ ^enscbliob^tt Leb^tii^, Glaube, Sitte, B«cht^ Statt 
riindl JUtesatfMT*. Diei iwi^i^ <Wi»9eik8chaft b^nnt erat hm 
Jieir Efkonktmas 4er vKotbWiEmdigkeit : Wo bloss Willkär 
mxA ZiifäUigk^it in den Ersöheinungen gesehen irird, wkg 
blasse Golelirsanikeltr ihr$ SMle bäben; sie nvärd aber 
.nie mir Wiasenscbaftlicbbeit eich erheben. ; Ans ^dieser 
miteTgeordj26ten Stirfe tnug Grimoa die Sprödiforsohaiig ^m- 
^0r in dett AMher der Wissenschaft und steUle- sie ebea- 
UirUg in den Saug der esacten Nattufoiächnng« .So sebr 
diese Xisistang soilroU durch den jdie fehlenden Siehatfqiiu 
und die 0m]tteiitf9ste Beobaohtungüfsbe , ak dureh Beivet- 
ti^ng eines; sa zu eagen, .^OAendUoben Stoffes uneem Helr 
4m auf die ^^: Linie füiw PhüoJogcin allein sohon gectteUt 
(b^tte, $0 war do<^ s^in Genius m fraobtbe^; om mi diea^ 
fS^arte, m^ der er umosschränH Juentsehte, eich «In begnüget. 
^ wandte «ch naeb den andcto Giösibaltengsfotmen des 
^40ilt6cben Geistes,, und wo. dm 'Zauberstafe ansehlug, :dl^ 
ecbob sich ;eine .;F4lUe neuer Wahmriunungen ubd Irttbei: 
Mnm : geebiKter. Z^eb^i^s^rscheiniiing^. In. seinen deatscdian 
Rechtsalterthümem und Weisthumem 1 ersohless er dem deip^ 
^^mx Volke die Einsicht in fdie urküehtige • lebendig^ und 
4Kil«inaile S^A^pfong und FortbildBUg. : der Fortnen.^. unter 
4enen sieb das? Bedits- und ätaatsiebtla regelte. Aus den 
mmes^. AmiBftieSiliMfareh^n ivnd Volkssaget, m del^n Mhmi 
Fwsebeir mit geriinpftep Nase vetibeigitog/^ in Yeitbindutog 
9^ der iiermgeü ZaU .direcber iKFachriiditeiikDr die uns ^dte 
^mf^ej^ung^nsUrüfik^elftsseik haben lund doi^ Vergl^kshung 
dei^/altnoiAiscbeft Götteci^aubieni, der< itnsiin reiebentilerÄrir 
sehen Quellen erhalten ist, entwickelte er die alte r deutsche 



384 OeffeMfiMe Bütmff am 28. iTdv. 186l8. 

Mythologie in «einem, das Entantien heryorrcifeiiideii BMid^ 
thmn und mit einer FiUle Ton poetisohian AniBohaaimgeii toid 
tie&innigen Gedanken, die Ä& uta&eher andeiri^TÜelgeprie- 
äenen an die Seite stellen darf. -^ £b würde nns zu weit 
-ffihren, wenn* wir seine Bestrebungen zur Aufh^Ini^ eine^ 
tMenge voik- Objekten der Literatur, wie der Tfaierfabel, tüld 
izur Entwicklung Ton Spraohformen und'ßpraieligeset^n, fii 
idiiker zahflosen' Menge Yon Abiiandlungen niedergelegt^, äuf- 
z&hlen wollten. Wir begnügen uns, liiir nodi zwei herrliche 
Denkmale scones Geidtes «nshiführen, die Geschichte der 
deutschen Sprache und das deutsche 'Wiörtei*bucli. 
'Wie -er am Abfang seiner Laufbahn mit s^em treflüchen 
-Bruder Wilhellm gemeSnschaftlich Früchte HtbräriscbiBr Aih 
beit eriicheinen liess , so war auch <&s ietztgeniannte Werk 
:eia Beimltail dez< BBmälkungte beider Brüder.' Di^es im 
-wahren Bhm zu neimende grosse National^ Werk hat ^den 
i»inen der bdden Forscher rwar 4iohon »vor' einigen JakN»n 
verloren j und nun Ist atich' nooh dei>' ältere Bruder von 
demselben gesdifeden^ ohne es zur Vollendung' geführt zu 
•kaben; doch dfirfen wurboftbu, dassy' da* (fie Vorarbeiten 
grossentbeils beendigt -länd und dör Meister eine tüchtige 
Kraft zur F<^rto6tzung^auserimhli hat, die Nation' bald' im. 
Besitze dieses einzigen Denkmals umfassender und genauer, 
4etL Namen (kimm ehrenden Dnrriilbrbdbiin;^ unseres 
-Sprachschatzes sich sehen wird.: 

' > Jabob Grimm war ausser der hohen geistigen Befähig- 
ung ein ToUendeter Ehitsnmanni Wie der germanische (%a- 
ttakter in der Gesebiebte det Völker ihm yoiftng0We]Be< ge- 
tragen s^^^seä' T<dn einem tiefen 'etkisch^ii^tKuige/ ^'^ik^ 
^wiekeltidi er aunh alle Ibgendm, di4><<aas dieeldm Eiemenfe 
entspringen', in seüner Bsrsim; den poKtischen Muthl, den 
er aus ihm schöpfte, "hat er Tcnr der Kati(m bethfitiigtv <die 
-ahn e#ig als einen der'Si eben TÖn Göttiagen i^hreu' 



.:. j 



'Nekvdoge^mif'Diewpi^e4K mid Mitsofaerllch'> 
TOm 'feeiSretSr der mith'.-phys. (Sasse 
^ Herrn von Martins. . ' 



./ 



P^sar ,Mans^et Pespr^tz, Sl^bpcßii sm 13« M^ 1792 za 
.l^sinps im Hennegau,^ kam noch jung, nur auf sich selbst 
^KDj^ewiejse]^ ^achPai;i^, um.FhjsiJk ;nndCheiDiie.zu studiereii. 
jSein LehjroTy 6^7 Lussae,. wa^d ipd blieb |^'i^ Leben sei^ 
Freund und Gönner. Er ward I^pejator bei d^s^iei^, Vqji;- 
lesui^en üjber Chemie in der ,£cole, poljtechnivie , dann 
l^bxen: ^ liyoeum zu^ Briigj^e , Frofessox der,., Phjsik am 
.Cpllfge. H^nri IV« und.8# 1837 .an d/^i^ Sor]l>on]ji6 (Facult^ 
d^ Scieucea), seit ,1341 Mitglied d^s Ipstituts vonFrant 
jceiob (Aic^emiüe, des Scieixo^s)^. uiid ^^t 1859 g^örte ^er 
unserer Akademie an. Am 15^ Jfi^ d^ J. ist er zu P/uis 
^eßtorben. . . ^ ...... 

.-( ' Seine eiüst^n ArVßiltW ?» J. 1S18 hattm die Beziel^- 
gen zwischen den latenten . Wjirme- und dm Diobtigkeito- 
Jferbiat9is9€^a der Däi]^>{^ = zum. Qw^stande. 

■ ■'■' Gkidi vieles s^er Fmdigenoesen , die an den grosseir, 
fitfloik besuchten Lehranstalten Frankreichs wirken^ war er 
veranlasste sraier amüidien 'SteQnng dujpdi Beerbeitiiiig tob 
elementaren Lehitrifcheni' der/Phjsik und Chemie Rechimng 
«a trafen (Trute elementaire^de pbysique,. 1825; Blemcote 
iöb Ghimie, 1828*^80, 2 Voll.). Aber seiner« Begabung wl 
gänsen iSeistedqoktng gemäss . veifelgte er lieber das £in>- 
tthae;.;iind>80 hat ervfasi 40 Jahre isaig in einigen QMei' 
ten der Physik mit Erfolg gearbeitet. Zumal die Yfi^pm^ 
äa^e Di(^d»^cntBverhäUms86'd«r«Ml]B8igkeite& niid^Gas^ und 
dtis« > Widnngen der eüc hU I nihie h SKule waven Gegenstatnd 
4ieiaer,/ stets mit Geiwissenhaftigkeit und Ausdauer g^ührlen 
S'eradbuii^eiiL;» Euiibe^sän :<1824) mit: einer UiitersMebnni^ 
Iber "dier'Uvsachon'.der^lihMriBcheii^iWänne, ^wieldte von der 
Ptaaser Akademie gekrönt wmde. ^ SbehSQ wie (etwas iqpck- 



886 d^fMMe ai^mm^ Mi 2^,XmVia$S. 

ter) DoloHg, -war er m-dem SAhusei; gdeomfiMii, dass die 
Beit LaToisier geltende Von^eUiiog Toop Atlwpiigsprocesae^ 
ab einer Verbrennimg nnd als der einagen Quelle der frei- 
werdenden Wärme za beschränken, dass also, noch eine an- 
dere Wärmequelle anzunehmen s^i, welche, lidben dem ein- 
geathmeten Sauerstoff, die Temperatur des tÜierischen Or- 
ganismus erhalte. Die Versuche , welche dieser Behauptimg 
zu Grunde lagen, hat auiih die spatere iForschüng als toII- 
-komnien richtig aneikannt, nidit so' aber das ans ihnen ab^ 
geleitete Sesultat, welches desshalb hinter der Wahrhat za- 
Tückblieb, wfeil (fie Wärmemenge , wetehe durch diie Terbin- 
dung des eingeathmeten Sauen^offir mit Kohienfitoff zu Koh- 
lensäure und mit Wässereftoff zu Wasser erzeugt wird, nidit 
Hchtig berechnet waf. Wemi daher die' neueren Forschun- 
gen über den Chemismus der Respiration das Wesen dieses 
wichtigen organischen Vorgangs, yermöge der Wissenschaft^ 
Üdi festgestellten Untersdieidung der Näkrungsmittel in ver- 
i>renuende, Wärme erzeugende, und in ernäbreude, Kraft 
erzeugende Btoffe, uns dieU^hreron WSrmetarzettgung, Öteff- 
wadisel und Ernährung des tiiienschen Orgsnismin in einem 
ganz /Andend liicbte eifsoheineii lassen, so bleibt doch Dee* 
pretz das Vierdienst, .diu«h die gewissenhafte' induelsve Me^ 
thode stfn«r Unlevsnchiuig die^ spätem Erfolge! der Wissen«' 
adialb rorberatet^ ja; scHbst durch seine Vermobe die Bioh^ 
til^t des nun feetgest^ten Asoms' bestätigt zu haiba^ 
dass die Tom thierisohen Organismus egzeugte Wäi^me ▼olt' 
Iciittimen dem im Atfalmung^eoesse Terbcannten Sanersti^ 
.entspi^che^ ■•. ! 

Unbestntten luid tiidlweise noch imarweitert ' stehöi 
seme Arbeiten iiberi die PiAü g k iB i lsYeriMlltiriBee der Gsiü 
and liquider Flüssigkeiteik iliä; * :Er beri^ht^ rdie^VorsM^ 
InngtoB, wdche . seit Bojie f und Mariotte ' über die iSToIumTeii!- 
«adenmgett) der Gas« unter' 'T^mdiiedteem Dmdce) tgalten, 
indem, er die migkiohe GompueBsibililät .dersilben /nadiwML 



fir Bcigta) dan^ ifi^ Ziisaiotmeildiii^kbao^^U der FUm^ 
toai abnimmt, in dem Verhältsise, ab d^ Droek zununmt; 
er stellie« die Dichti^eitaftonneii dd6 reinen Wassers und 
gewisser SaizlösuBgen je naSh d«A Tempemtaren fest; er 
ebforsohte die speeifische Warne imd LettnngKfiihigkeit ron 
lletaUem md die in ihnen mittehi hoher' Wärmegrade her« 
Ttigebraohtoi Veräatdcrangen; er erksannte «nf dem Vef^ 
■wdavege die einlaohen Gesetze, nach welchen liquide iElüs^ 
sJ^Dsiten* die Wärme leiten; er^^rforsdite die Veränderan^ 
gen, wddie die Metalle nnter der vereinten Wirkang der 
Wärme nnd des Ammoniak^Oases erleiden. 

Seit 1846 besdiaftigte et mik Tiel mit den Wirkungen 
mächtiger etektriftdier Ströme , durch die es ihm gelang;* 
aiMBh Kohle zu yerflädktigen. Er Vereinigte zu solchen Ver^ 
BMhen^ die idrei micbtigsten Qu^en der Wärn^ : das im 
Brennpunkt einer Linse concentrirte Sonnenfidit, die (knA" 
iMiBtion ¥on Oxygen* nnd H;ydr^en-Gas und^^die voHaisehsh 
Stele* Grosses- Aalsehen haben namaitlieh jene Verftuehe 
gnmachti welche die hünstlidie Her^orbringung von Diaman*»' 
t^. in Aissacht zu: s<»Uen schienen. Er erzeugte mittelst 
knaftiger und lange fort^ tk&tiger elektrise&er Batterioa an 
den Enden <der Platindvahte , die- nnf >eine KoUe geleitet" 
waren, mikroskopische schwarze Oktaeder, die gleich Diamaat* 
staub den Bubin polirten. 

Erfolge gleich den angeführten sichern unserm Collegen 
Geltung in ; der Geschichte der , Wissenschaften , denn .diese 
verzeichnet nicht bloss die Männer fundamentaler, Epochen 
einführender und abschliessender Gedanken, nicht bloss den 
rnionaren Genius, der gleichsam ein Ti'äger deib Welt* 
geisted, in sich' ^ nll^emeines Wissen ve^örpert. Sie er- 
inniert auäi '^ die minder prophetische Wirksamkeit des 
treuen Einzelforschers, dessen ILraft im GhsErakter ruM, in 
dcr^winddiAfken^ aasdftuemdiBn, härm- u^ neidlos^ Be- 
thätqpuig dies sieb seftet beschrankenden T^lentes^^ 



apvoclm, dass gleiche KrystaSgegtalt sich auch da gebend 
VMäium könne, wo gewisse Elemente dui^cb andere, Ticariirende, 
ersetzt sind , gleichsam ab wenn die Geätalt den Steff nn«^ 
teijoche nnd beherrsche. Auf diese Lehre Yon den „vieariiren^ 
den Bestandtheilen'^ von Roichs trat Mtseherfioh 1822 mit 
sdaer Lehre yom-isomorphisrnns hervor, welche^ er VLhe^ 
difi; dsenzen der- Mkieralogie hinaus auf das gänz6 G^iefr 
der Qiemie ausdehnte tind fiir immer befeeti^^ Ein Sötfiitt 
wieiter führte ihn zu der andern, eb^h&Us einflussreidben 
Lehre Tom Dimorphismus,' worunter maix die hödks^ 
meikwürdige, ja noch wunderbalsre Thatsadie versteht; dass 
gewisse St^fo in zwei versdnedenen Systemen krystalKeiren; 
Miteoberlicb hat übrigens noch viele andere rühmlicbe 
Aitldten hiat^rlass^n, #odurcii ep in Physik und CSb^uie 
neue Ansichten eri^et, auf neue Methoden hingewiesen hat^ 
Obgleich ein 'dankbarer Sdiäler seines grossen Meist^^rs Bei^ 
zeliuft spiegelt er doch in seinen Werken einen weitattt ver- 
schiedenen Forschergang ab. -Er ist eb Mann ernster Be^ 
obacbtung und kettet in einer antik-klassisohen Haltung, die^ 
die^ Erucht seiner frühem Studio war, Ve^rsuch an Versuch, 
um von eiÄ&cberen 2lu mdir und mehif verwickditen JPiroble- 
meii foirt&ntsohreiten. So Hess er seine Schüler auf derLiei^ 
ter logisch verbundener Anschaoungen im den Hi^en der 
Wissensdiaft emporsteigen, um an Begriffen bereichert einen 
weiteren Horizont zu gewinnen und das Einzelne dein All- 
gemeinexi unterzuordnen. Eine Schule hat er übrigens nickt- 
gegiründet. Er begann beim Goncreten, in der Peripherie, 
ifiid von' ihr aus drang er nacbi dem Oentkrttm. Wir <Mr<-' 
wähnen diesen Gtog seüies Geistes, w^l Uemit im Wesent^ 
lieben die Stellung bezeichnet wird, welche eit ge^esiilber 
der Naturphilosophie eingenoinnl^en ^ hat, einer ' Phitosophie) 
deren 'Wellenschläge in; Deutsdblaaid n^b tukflit ^asttgeebiiet 
wareil, iJs dr, der'2djSMge Nacbfolgw des ge* 

nauän E&pifoth^ efaie- geistig erregbare eifäge Ifagend diirdi' 



o. Dringet: Nekrolog auf BöUiger. 391 

den Zauber kräftig maassvoUer Rede und einer eindracks- 
ToUen anschaulichen Methode um seinen Lehrstuhl bannte. 
Mitscherlich war ein entschiedener Widersacher der Natur- 
philosophie und wenn auch nur indirekt und passiv ihr ent- 
gegentretend, hat er doch in seinem Kreise zur Abschwä- 
chung des Einflusses jener geistigen Richtung mitgewirkt, 
welche allerdings gerade am wenigsten maassgeben darf in 
der Welt jener todten Elemente, die der menschliche Geist 
nur in ihrem Kampfe gegen einander mit Wage und CaK 
cul beherrscht. 



Nekrologe auf Böttiger, Voigt und Böhmer 

vom Sekretär der histor. Glasse 
Herrn J. v. Döllinger. 

Am 26. November 1862 starb Hofrath und Professor 
Karl Wilhelm Böttiger in Erlangen, korrespondirendes 
Mitglied unserer Akademie. Sohn des berühmten Archäo- 
logen, geboren 15. August 1790 in Bautzen, am Gymnasium 
zu Gotha gebildet, studierte Karl Wilhelm Böttiger seit 1808 
Theologie in Leipzig und bestand selbst die theologische 
Prüiung, worauf er Anfang 1812 als Hofineister in das Haas 
des sächsischen Gesandten Grafen Schönfeld nach Wien 
gieng. Während seines dreijährigen Aufenthaltes in der^ 
Kaiserstadt fasste er, angeregt durch den grossen Fiirsten- 
und Diplomaten -Congress, der sich vor seinen Augen ab- 
wickelte, den Vorsatz, sich dem Studium der Geschichte 
zu widmen, wurde in Göttingen Heeren's Schüler, und trat 
1817 in Leipzig als Privatdocent, bald nachher als ausser- 
ordentlicher Professor der Geschichte auf. Im Jahre 1821 
^eng er, an Meusel's Stelle gerufen, nach Erlangen, wo er 
ruun 41 Jahre als Professor der Geschichte wirkte. 

Böttiger's erste, 1819 erschienene, bedeutendere Schrift 

[1863.il 4.] 27 



392 OeffenÜiehe SUeung am 28. Nw. 1863. 

war eine Geschichte Heinrichs des Löwen, Herzogs der 
Sachsen und Bayern. Die Zerstückelung seines Vaterlandes, 
«agt er in der Vorrede, habe ihn der neuesten Zeit ent- 
fremdet und ihn in's Mittelalter getrieben. Bei der Wahl 
des Gegenstandes wirkte Hormayr's Aufinunterung mit. 
Eine Biographie dieses Fürsten musste zugleich eine Ge- 
schichte des nördlichen Deutschlands von 11S9 bis 1195 
werden. Das Buch ist jetzt durch spätere reifere Werke 
verdrängt, daiüals aber war es willkommen und erregte gute 
Erwartungen von des Verfassers weiteren Leistungen — 
Erwartungen, die doch später insofern nicht ganz erfüllt 
wurden, als der Verfasser sich von der quellengemässen 
Forschung und Darstellung wieder abwendete. 

Zwölf Jahre nachher erschien ein Werk, das leicht das 
beste und dauerhafteste unter Böttiger's Hervorbringungen 
sein möchte: eine Geschichte Sachsens in 2 Bänden, 
als Bestandtheil der grossen Heeren-Ukert'schen Sammlung. 
Da Böttiger bereits Professor in Erlangen war, so meinte 
er: „die Vortheile des Ausländers mit denen des Inländers, 
Kenntniss der Sache und Freiheit der Darstellung zu ver- 
einigen". So werden wir bei jedem Rückblick in unsrer 
Gelehrten-Geschichte daran erinnert, yqe viel sich doch bin- 
nen 30 Jahren in Deutschland geändert hat. Denn jetzt 
giebt es doch wohl für ein wissenschaftliches historisches 
Werk in ganz Deutschland keine Gensurschranke mehr. 
Mit diesem Werke bescbloss Böttiger seine auf Erforschung 
der Quellen gebauten historischen Darstellungen, und wid- 
mete von nun an seine Zeit einer andern, für einen weiten 
Leserkreis besser geeigneten Form schriftstellerischer Thä- 
tigkeit, nämlich der populären Geschichtsbehandlung. Der 
Erfolg bewies, dass Böttiger die Kunst verstand, das grosse 
Publikum unsrer Gebildeten zu befriedigen. Seine Weltge- 
schichte für Schule und Haus hat zwölf Auflagen erlebt; 
seine Geschichte des deutschen Volkes für Sdiule und Haus 



V. Dmimget: Nekrohg auf B&mger. S93 

Und fiir Gebfldete überhaupt in 2 Bänden hat es, glaub' 
ich, bis zu fünf Auflagen gebracht. Noch eine kleinere 
deutsche, eine bayerische, und eine Geschichte der Zeit von 
1815 — 52 bat er geschrieben. Böttiger gefiel seinen Lesern 
durch lebendige, plastische, alle Eintönigkeit vermeidende 
Schreibart, durch die Femehaltung alles gelehrten Apparats 
und durch sein sich stets innerhalb der Sphäre seiner Lese^ 
weit haltendes Urtheil. Wenn sßine „Geschichte des deut- 
schen Volkes^' den jetzigen Anforderungen nicht mehr ge*- 
Bügt, und grossentheils als bereits veraltet betrachtet wird, 
so liegt diess weniger an dem Verfasser, als an den grossen 
und glänzenden Fortschritten, welche die deutsche Geschichts- 
forschung gerade in den letzten Decennien gemacht hat. 
Böttiger's um&ssendstes Werk ist seine „Weltgeschichte 
in Biographien'^; 1839. — 1844 erschienen, reicht sie in 
8 Bänden bis zum Grafen Armansperg, dem dann noch 
iColokotronis und Bundschit Singh als die beiden letzten 
historischen Grössen folgen. Das Buch ist schon darum 
merkwürdig, weil es das einzige dieser Art bis jetzt isi 
Durch einleitende Bemerkungen und eine Uebersicht vor 
jedem Bande hat der Verfasser die Lücken, welche die bio- 
graphische Behandlung unvermeidlich mit sich führt, ausAt* 
füllen und einige Verbindung der oft von einem Pole zum 
entgegengesetzten springenden Lebensbilder herzustellen ge* 
sucht. Frische lebendige Darstellung bildet auch einen Vor- 
zug dieses Werkes. Der Verfasser hat stets die gangbarsten 
Specialschriften benützt. Unstreitig empfiehlt sich die bio- 
graphische Behandlung der Geschichte fiur den gröiraeren 
Theil der Menschen, für die Jugend, für das weibliche Ge- 
schlecht, welches nur an die Personen sich hält, nur für 
Personen und ihre Schicksale Interesse empfindet. Gewiss 
hat Böttiger's Werk daher manchem Gymnasiallehrer als 
wfllkommnes Hül&buoh und Stoffsammlung bei seinem Ge- 

Bofaichts- Unterzieht gedient. Man möchte sidi darum our 

27* 



394 O^ffSmUfdie SHeung am 2S. Nw. 1863. 

wundern, dass es nicht grössere Verbreitung gefunden hat, 
denn die schon vor 20 Jahren erschienene Ausgabe ist mei- 
nes Wissens die einzige geblieben. 

Böttiger hatte noch am Beginn des Jahres 1862 dm 
Jubiläum seiner Doctorpromotion gefeiert. Eralt und Muth 
zu literarischen Schöpfungen waren damals bereits von ihm 
gewichen, und er äusserte im Kreise seiner Amtsgenossen: 
sein Wirken gehöre bereits einer yergangenen Zeit an. Als 
er im Herbste Tom Lande zurückkam, trug er den Keim 
der Krankheit in sich, welche ihn nach meist schmerzlosen 
Leiden in einem sanften Tode hinüberfUhrte. 



Einen schwereren Verlust hat die Wissenschaft und un* 
sere Akademie durch den Tod Voigt 's in Königsberg er- 
litten. 

Johannes Voigt, geb. 1786 zu Bettenhausen in Säch- 
sen-Meiningen, wo sein Vater Chirurg war, hatte seit 1806 
zu Jena nach dem Willen seiner Aeltem Theologie studiert, 
als er sich nach Tollendetem theologischen Cursus unter 
Luden's Einfluss der Geschichte und Philologie zuwandte. 
1dl Jahre 1809 ward er Lehrer am Pädagogium im Halle, 
dann 1812 Privatdocent der Geschichte. Drei Jahre darauf 
•erschien sein erstes Werk: „Hildebrand als Papst Gre- 
gor VII''. Das Buch war eine damals ganz neue und un- 
€Twartete Erscheinung und erregte daher auch nicht geringes 
Aufsehen. Zum erstenmale war hier die Geschichte dieses 
Papstes und sein Versuch, die ganze Christenheit in einen 
grossen Lehenstaat umzugestalten, dessen Haupt der Papst, 
dessen Vasallen Kaiser und Könige wäi'en, in durchaus bil- 
ligendem Sinne dargestellt und von dem Standpunkte aus, 
den Gregor selbst als Reformator der Kirche und des christ- 
iiehien Gemeinwesens eingenommen hatte. Voigt selbst hat 
nachha: erklärt, dass es theils Luden^s Vorträge in Jena» 



«. DöRinger: Nekrolog auf Voigt, 395 

theils Joh. MüUer's Beisen der Päpste gewesen seien, welche 
ihn diesen Standpunkt zu. wähleo bestimmt hätten. Noch 
25 Jahre später hatte dieses Buch die seltsame Folge, dass 
ein französischer Prälat , der Bischof yon La Rochelle , der 
es in der französischen Uebersetzong gelesen hatte, den Ver- 
fasser in einem lateinischen Briefe dringend einlud, er möge 
doch mit seinen Gesinnungen Ernst machen und wirklich 
ein Mitglied der katholischen Kirche werden. Er empfieng 
für diese nur aus Unkenntniss deutscher Zustände erklär- 
liche Zumutbung von dem Historiker die Belehrung, dass er 
in Gregor nur den grossen, in der Durchführung seines 
Planes unerschütterlich standhaften Mann und Helden der 
Kirche habe schildern wollen, und dass ihm Sokrates, Cäsar, 
Muhammed, Luther, Friedrich U., jeder in seiner Art, nicht 
minder gross und verehrungswürdfg erschienen. Für diese 
Erwiederung Hess der König von Preussen dem Historiker 
durch ein von den drei Ministern unterzeichnetes Schreiben 
seine besondere Zufriedenheit ausdrücken. 

Voigt war nämlich schon 1817 als Professor der Ge- 
schichte nach Königsberg berufen worden. Um jeden Zwei- 
fel über seine protestantische Gesinnung zu zerstreuen, hatte 
er unmittelbar vorher „üniversalhistorische Ideen über die 
Nothwendigkeit der Reformation" geschrieben, welche in dem 
3um 300jährigen Gedächtniss der Reformation von Keyser 
herausgegebenen Almanach erschienen. Er gab hier eine^ 
wiewohl nur sehr unvollständige Zusammenstellung jener 
gegen das Papstthum gerichteten reformatorischen und op- 
positionellen Aeusserungen und Bestrebungen, welche das 
spätere Mittelalter in reicher Fülle bietet. In Königsberg 
schrieb er noch 1818 eine Geschichte de% Longobar- 
denbundes, die inzwischen durch spätere deutsche und 
italienische Leistungen als beseitigt gelten kann. Sobald &r 
aber in Preussen einheimisch geworden war, wandte er seine 
ganze Thätigkeit bis zum Schlüsse seines Lebens der noch 



396 OeffenOiche SiiMmg am 28. Nw 1863, 

wenig erforschten Oeschiehte des Landes, welchem er nun 
angehörte, des alten Ordenslandes Preussen zu. Mit Unter- 
stützung der Regierung bereiste er 1820 zu histor. Zwecken 
das ganze Land. Dann liess er 1823 und 1824 zwei Vor- 
arbeiten erscheinen, zuerst nämlich eine Geschichte der 
Eidechsengesellschaft in Preussen, d. h. eines Ritterva*- 
dns, der um die Mitte des 15. Jahrhunderts den Abüsill 
Westpreussens von dem deutschen Orden an Polen bewirkte. 
Bedeutender und anziehender war seine Geschichte Ma- 
rienburgs. Voigt zeigte, zum Theil aus bisher unbekann* 
ten Urkunden, was diese Ordensburg, die zugleich fürstliche 
Residenz, Festung und Gotteshaus war, geleistet habe, als 
das festeste Bollwerk des Ordens gegen auswärtige Feinde, 
als Eri^BSchule für den ganzen deutschen Orden, als Sitz 
der Landesregierung, als eines der prachtvollsten Bauwerke 
des späten Mittelalters. Das Buch wurde freilich schon 
zum grossen Theil eine Anticipation seines Hauptwerkes; 
diess war die „Geschichte Preussens von den ältesten 
Zeiten bis zum Untergange der Herrschaft des deutschen 
Ordens", 9 Bände, 1827—39. 

Unstreitig haben wir hier eines der bedeutenden neue- 
ren Geschichtswerke, welches wahrscheinlich durch kein an* 
deres ersetzt oder verdrängt werden wird. Schon der Um- 
fang bei einem verhältnissmässig doch sehr beschränkten 
.Stoffe verstattete dem Verfasser eine sonst nicht leicht zu 
erreichende Vollständigkeit und erschöpfende Gründlichkeit. 
Denn es handelt sich hier nicht etwa um die Geschichte des 
die heutige preussische Monarchie bildenden Ländercom- 
plexes, sondern nur um die drei Jahrhunderte der histori- 
schen Existenz eines kleinen Landes, welches ausserhalb der 
, natürlichen deutschen Grenzen im östlichen Tieflande ge- 
legen, geographisch eigentlich mehr nach dem jetzigen Russ- 
land als nach Deutschland gravitirt. Es ist die Geschichte 
der Unterwerfung und Beherrschung eines Lettischen Volks- 



V. Dminger: Nekrölop auf Voigt. 397 

8t£anme8 durch einen deatschen geistlichen Ritterorden, eine 
Geschichte, höchst anziehend und merkwürdig, von der man, 
wenn Voigt's Werk mit den älteren Darstellungen yon Bacdco 
und Kotzebue verglichen wird, fast sagen darf, Voigt habe 
sie erst, besonders in den Urkunden, entdeckt und an's Licht 
gezogen. Wir sehen hier eine nicht zahlreiche religiöse Kör- 
perschaft im ungleichen Kampfe gegen das seit seiner Ver- 
einigung mit litthauen doppelt übermächtige Polen sich 
doch lange behaupten, endlich, vom deutschen Reiche völlig 
verlassen, unterliegen, bis zuletzt unter Albrecht von Bran- 
denburg 1525 die Katastrophe und der nicht unverschuldete 
Untergang des Ordens in Preussen erfolgte. Ein grossar- 
tiges und erschütterndes, an Wechselfällen und wunderbaren 
Verschlingungen reiches Drama, dem indess bei allem Ta- 
lente des Oeschichtschreibers durch neun starke Bände zu 
folgen nicht leicht ist. Desshalb hat Voigt selbst 1841 ein 
mehr zur übersichtlichen Belehrung geeignetes kürzeres Werk, 
einen dreibändigen gut geschriebenen Auszug aus dem gros- 
sen Werke verfasst. Als ein ergänzender Anhang zu seinem 
Werke kann seine letzte ganz kurz vor seinem Tode erschie- 
nene Schrift gelten: Die Erwerbung der Neumark 1402 
— 1457, nach archivalischen Quellen. 

Ein Werk, welches die deutsche Geschichte in einem sehr kri«» 
tischen Zeiträume näher berührt, ist Voigt's 1852 erschienene 
Geschichte des Markgrafen Albrecht Alcibiades von 
Brandenburg-Culmbach. Es ist ein erwünschter Beitrag 
^sur Kenntniss der deutschen Zustände von 1546 bis 1557, 
aber man muss sidi doch über die Wahl eines so. klag* 
liehen Helden wundem, der im Grunde nur ein gemeiner 
Condottiere und als solcher eine Geissei der deutschen Na- 
tion war, in dessen Leben kein höherer Gedanke, kein Prin- 
eip, nur niedrige Leidenschaft äs Triebfeder der Handlun* 
gen erscheint. Voigt fühlte diess, und entschuldigt in der 
Vorrede seine Wahl nur damit, dass die Gegner Albrechta 



398 OeffimdUche SHUmg am 28. Naiv. 1963. 

eben auch nicht yiel besser gewesen seien. Eine „6e» 
schichte des Tugendbundes ^^ (1850), welche Voigt mit 
den von ehemaligen Mitgliedern oder deren Erben ihm ge» 
lieferten Materialien schrieb, liefert das Ergebniss, dass diese 
geheime politische Gesellschaft, die der König selbst geneh* 
migt hatte, schon 1809 nach nur einjährigem Bestehen von 
ihm, weil sie bereits der Begierung lästig geworden, wieder 
aufgelöst wurde. Das einzig historisch Interessante ist hie* 
bei die Wahrnehmung, wie leicht es doch ist, mit Vorspie- 
gelung von geheimen Gesellschaften und ihrem weitgreifen-» 
den Einflüsse die Deutschen zum Besten zu haben, denn 
bekanntlich wussten deutsche Journale und Bücher noch 
mehrere Jahre nachher gar Vieles und Seltsames yon dem 
geheimnissYoUen Bestehen und Wirken dieses längst spurlos 
erloschenen und nie zu einiger Bedeutung gelangten Tugend* 
bundes zu berichten* 

Voigt war kein Historiker ersten Ranges. Dazu gehört 
eine Genialität in der Erfassung der Charaktere und Ereig* 
Bisse, eine psychologische Diyinationsgabe, wie sie in seinen 
Schriften nirgends zu Tage tritt. Aber er besass einige 
w^hyoUe Eigenschaften eines guten Historikers, vor allen 
die geschichtliche Objektivität und den unbefangenen Ge* 
reditigkeitssinn, der sich in die Zustände sowohl als in den 
Ideenkreis vergangener Zeiten und früherer Generationen zu 
versetzen und danach die handelnden Personen zu beur* 
theilen vermag. Vorzüglich aber ist er pieiswürdig und 
musterhaft in der Benützung und Verwerthung der Schätze, 
welche das reiche ihm zur Verwaltung anvertraute Königs- 
berger Archiv ihm darbot. Denn zu den bisher geschilder* 
ten Werken kommt auch noch sein grosses Urkundenwerk, 
der Codex diplomaticus Prussiae in sechs Bänden. Und 
wie man ehedem den römischen Imperatoren zurief: Felicior 
Augusto melior Trajano, so möchte ich den Vorständen 
unsrer grossen deutschen Urkundensehätze, namentlich auch 



9. DdOinger: HOßtrOog auf Böhmer. 899 

dem känftigen Vorstand unseres Beichsarchivs als Devise 
empfehlen: productiv wie Voigt, kritisch gewissenhaft wie 
Böhmer* 



Diesen Mann, dessen persönlichen Umgang und viel* 
jährige Freundschaft ich zn den Sonnenblicken in meinem 
Leben rechne, hat Deutschland mid unsre Akademie, deren 
Mitglied er schon seit 21 Jahren war, erst vor wenigen 
Wochen, ant 22. October, verloren. 

Es giebt nicht leicht eine deutsche Stadt, ^e mehr ge- 
eignet wäre , Sinn und Neigung für Geschichte , besonders . 
vaterländische Geschichte bei ihren Bewohnern zu wecken 
und zu n$hren, als Frankfurt, die Stadt der Eaiserkrönung, 
mit ihrem Römer und ihrem Dom. Zwei unsrer tüchtigsten 
Geschichtsforscher im vorigen Jahrhundert waren Frankfur- 
ter, — Olenschlager und Senkenberg. In diesem Jalirhuii- 
derte kann ich die Namen Fichard, Savigny, Kirchner, Tho- 
mas, zeitweilig Schlosser und Aschbaeh, ja selbst Frankfnrt's 
grÖBsten Sohn nennen. Denn ist Göthe's Götz von Berüchin- 
gen nicht ein aus ächter historischer Anschauung , freilich 
m^ehr aus dichterischer Divination als aus sorgfaltigem Quel- 
lenstudium hervorgegangenes Kunstwerk? Auch der Mann, 
der in unseren Tagen der gründlichste Kenner der deutschen 
Geschickte gewesen, ist ein Sohn Frankfurt's, wenngleich von 
rheinpfälzischer Herkunft, und wahrlich die Stadt darf stolz 
auf diesen Sohu sein. Johann Friedrich Böhmer wurde 
dort im Jahre 1795 geboren. Sein Vater, Director < der 
reichsstädtischen Kanzlei, gab dem Knaben eine str^ige, 
aber wissenschaftlich gründliche Erziehung. Er hat später 
erzählt, dass seine jugendliche Neigimg, sich poetischen Be- 
strebungen hinzugebai, von dem ernsten Vater niedergehal- 
ten worden sei, der ihn dafür bei den trockenen, aber dem 
Geiste die rechte Zucht und Gymnaettik verleihenden Studien 



400 O^MÜidbe 8it9img am ^8. Nw. 1863. 

festhielt. Nach vierjährigem Stadiom der Rechte in Heidel* 
berg und Göttingen erlangte Böhmer 1817 an letzterer 
Hochschule die juristische Doctorwürde. Gewiss verdankte 
er diesem gründlichen und lange fortgesetzten Studium der 
Jurisprudenz auch als Historiker viel. Dennoch blickte er 
später nicht gerade mit Befriedigung auf diese Zeit und die- 
ses Studium zurück. Er beklagte im Jahre 1849 die Gei- 
stesabstumpfiing, welche das Studium von Justinians ver- 
worrenen Gompilationen für so zahllose Studierende bis 
heute mit sich führe. ^) In den Pandektenvorlesungen habe 
er Materialismus schmecken müssen; und die falschlidi so- 
genannte historische Juristen-Schule habe — wahrhaft byzan* 
tinisd) — den allerunpraktischsten Klaubereien sich zuge* 
wandt, ohne im mrudesten die Bedür&isse der Gegenwart 
zu beachten, geschweige denn ihnen veredelnde Leitung za 
gewähren. Er scheint sogar damiJs eine Anwandlui^ von 
Reue empfunden zu haben, dass er nicht lieber statt des 
juristischen einen theologischen Oursus in seiner Jugend 
durchgemacht hatte, denn er fugte bei: In welch' anderen 
Laufbahnen haben sich nicht Theologai , gestützt auf eine 
bildendere Grundlage, ausgezeichnet, als Juristen I 

Ich möchte hier doch Böhmer und das Studium des 
römischen Rechts gegen ihn selber in Schutz nehmen. Ich 
meine, die eigoien Schriften Böhmer's liefern den Beweis, 
dass das römische Recht mit seiner scharfen Analyse der 
Begriffe und seiner streng logisch fortschreitenden Gonsequenz • 
eine treffliche Gymnastik des Geistes sei. Gerade in den 
sdbriftstellerischen Vorzügen Böhmer's, der Klarheit und 
prägnanten Kürze des Ausdrudcs, der Präcision und Abrun- 
düng des Gedankens lässt sich, meine ich, der Einfluss sei- 
ner juristischen Bildung^ erkennen. Von den drei Männern, 
deren ich heute zu gedenken habe, sind zwei, Böttiger und 



(1) Reg. Imp. 1198—1264. p. IX. 



V. DäUimger: Nekrolog auf Böhmer. 401 

Voigt, aus der theologischen Bildang zur Geschichte gekom- 
men, einer, Böhmer, aas der juristischen. Wollten wir die 
Frage , welche Vorschale füi^ den Historiker die bessere sei^ 
die theologische oder die juristische, bloss nach diesen drei 
Männern entscheiden, so müssten wir wohl der juristischen 
den Vorzug zu geben haben. Doph wäre das nicht billig, 
Böhmer brachte das folgende Jahr (1818) in Rom* zu. 
Kach seiner Rückkehr ward er 1822 Bifoliothekargehülfe und 
Mitadministrator des Städel'schen Eunstinstituts. Damals 
wurde die Berührung mit zwei Männern entscheidend für 
seine ganze künftige Lebensrichtung. Diese Männer waren 
Pertz, mit dem er ein enges Freundschaftsband knüpfte, 
und der Freiherr vom Stein. Eben war die Gesellschaft 
für deutsche Geschichtskunde b^ründet, waren die Vorar- 
beiten für das Nationalwerk der Monumenta im Gange; 
Stein, die Seele dieser Unternehmung, hatte den Werth 
eines jungen, unabhängigen, begabten und opferwilligen Man- 
nes wie Böhmer bald erkannt Den „guten, fleissigen, treuen 
Dr. Böhmer'' nennt er ihn in einem Briefe vom 25. Sep- 
tember 1830 an Pertz.') Er ahnte, welch' ein Schatz die- 
ser Fleiss und diese Treue für die deutsche Geschichtskunde 
werden sollten. Böhmer war unterdess 1828 Sdn*etär der 
Gesellschaft für deutsche Geschichte geworden. Das Stadt- 
archiv, welches ihm 1825 übergeben worden, giebt er wie- 
der auf, um sich frei und mit ungetfaeilten Kräften der Er- 
forschung, Sammlung, Bereitlegung der vaterländisdben Ge- 
schichtsquellen widmen zu können. Nur Stadtbibliothekar 
blieb er i)is kurz vor seinem Tode, und man weiss, wie 
Toitrefflich diese Bibliothek durch ihn geordnet worden, 
und welch seltenen Grad von Vollständigkeit im Fache der 
deutschen Geschichte er ihr bei beschränkten Geldmitteln 
zu geben gewusst hat. Er machte nun jährlich, theils in 



(2) Stein'8 Leben von Pertz VI, 988. 



403 Oeffmmehe SÜMung am 28. Nm>. 1863. 

GeseUflchaft von Pertz, theilei allem, gelehrte Reisen in Deutsch* 
land, nach Frankreich, Italien, den Niederlanden, um die 
Bibliotheken und Archive im Ikiteresse der deutschen Gre* 
schichte zu durchforschen. Im Besitze eines ansämlichen 
Vermögens, und eines kräftigen,, gesunden, anstrengender 
Geistesarbeit fähigen Körpers, dabei höchst anspruchslos und 
in einem seltenen Grade frei von schriftstellerischer Eitel- 
keit, unterzog er sich jenen mühsamen und umÜEtssenden 
Arbeiten, durch welche er eine feste Grundlage für die 
deutsche Geschichte des Mittelalters geschaffen, und alle 
deutschen Geschichtsforscher bis in eine ferne Zukunil sich 
zum Danke verpflichtet hat« In der Vorrede zu seinem 
ersten Regestenwerke hat er selbst noch die Aeusserung dea 
Historikers Hahn erwähnt: die Beantwortimg der F^ge: 
ob eine Urkunde gedruckt ist oder nicht, gehört mehr in 
das Bereich göttlicher Allwissenheit als menschlicher Kennt'* 
niss. Das Verdienst dieser Leistungen wird daher durchaus 
nicht geschmälert durch die Tbatsache, dass nach diesen 
Regesten noch eine reiche Nachlese von Urkunden übrig ge* 
blieben ist. Es war für den bayerischen Historiker von 
Lang verhältnissmässig leicht, gegen Böhmer 183S mit einem 
Beiträge und Ergänzungen enthaltenden Sendschreiben her* 
vorzutreten. Dieser hatte unterdess die Urkunden der Karo- 
linger in der gleichen Regestenform bearbeitet, diessmal 
aber seinem Werke dadurch erhöhten Werth verliehen, dass 
er die auf die Regenten bezüglichen Zeit- und Ortsangaben 
der Aanalen zwischen den Urkundenauszügen eingereiht 
hatte« Bald folgte 1836 sein treffliches Frankftirter Urkun- 
denbuch, bis 1400 reichend, ein Musterwerk in seiner Art* 
Jm Jahre 1839 erschienen die Regesten Ludwig's des Bayern 
und seiner Zeit, natürlich auch von hoher Wichtigkeit für 
die Specialgeschichte Bayem's« 

Eine der werthvoUsten Gaben, die wir Böhmer's uner- 
müdlichem Fleisse verdanken, sind die drei Bände seiner 



V. Döürngeri Nt^nrohg auf Böhmer. 408 

Fontes, Geschichtsquellen Deutschlands. MöditenBS 
nur neun sein, statt der drei 1 Bekanntlich sind die älteren 
Sammlungcin der dentschen Chronisten und Geschichtschrei- 
ber grossentheils unbrauchbar, und Böhmer sagt mit Recht 
in der Vorrede zum dritten Bande seiner Fontes: Durch 
Pertz und seine Schule sei eine so grosse Umwandlung in 
der Beurtheilung und Behandlung unsrer Geschichtsquellen 
orfolgt, dass es jetzt schwer falle, sich rückwärts in das 
Dunkel zu versetzen, welches yor 30 (jetzt vor 40) Jahren 
über ihnen und der Art ruhte, wie sie zu behandeln waren. 
Böhmer fand, dass neben dem grossen, Vielen nicht zugäng- 
lichen, sehr langsam fortschreitenden und von Vollständig- 
keit noch so weit entfernten Nationalwerke der Pertz' sehen 
Monumenta eine compacte Handausgabe der Scriptoren, der 
hauptsächlichsten und der zerstreutesten, allen Forschem 
erwünscht, ja notbwendig, und dass eine solche Ausgabe ein 
unentbehrliches Beiwerk zu seinen Kaiserregesten aei. ]& 
war zudem im Besitze kostbarer Inedita, die er in dieser 
Weise gemeinnüt»g zu machen wünschte ; und endlich wollte 
er auch Quellen eines engeren Kreises, für welchen er eine 
' besondere Vorliebe hegte, nämlich seiner rheinischen Hei- 
math und „des süddeutschen Kemla^des Bayem^^ (diess sind 
seine Worte) mit den Allgemeineren Quellen verbinden. Wie 
reich und sorgfältig er seine > Sammlung ausgestattet hat, 
namentlich auch durch die gründlichen, Werth und Eigen- 
thümlichkeit jeder von ihm gegebenen Quelle würdigenden 
Vorreden, wissen die Kenner. Dass er einen vierten Band 
der Fontes fertig li^en habe, und dass in diesem auch ein 
wichtiger deutscher Chronist des 14. Jahrhunderts, Trucfa- 
sess von Diess^ihofen, zum erstemal erscheinen sollte, weiss 
ich von ihm selbst. 

Böhmer'» Hauptwerk wurde die neue Bearbeitung der 
Kaiserregesten von 1198 bis 1313 in zwei Quartbänden 
1844 — 1849; schon in den Einleitungen ist eine Fülle histo- 



4M OefmOHaie BUmm^ am 2B. N<^. 1863. 

rischer Quellenforschong niedergelegt. Es war d^ Band 
der Regesten von 1198 bis 1264, also der die Zeit Fried* 
rieb's II. enthaltende, welcbem die Göttinger Sodetät der 
Wissenscbaften im Jahre 1856 den Wedekind'schen Preis 
▼on 500 Thalem Gold zuerkannte. Der Stifter hatte näm* 
lieh die Gesellschaft ermächtigt, diesen Preis alle zehn Jahre 
dem besten in diesem Zeiträume erschienenen Werke über 
deutsche Geschichte zu ertheilen, so dass entweder ein Ver- 
fasser um den Preis sich förmlich durch Einsendung seines 
Werkes bewerbe, oder die Sodetät selbst das Werk^ das 
unter den im letzten Deoenninm erschienenen ihr als das 
würdigste gelte, auswähle. Das letztere fand damals statt, 
und ein gldchzeitig aus Göttingen geschriebener Brief m 
der Allgemeinen Zeitung bemerkte: es sei geschehen, obgleich 
entschiedene Gegensätze der Richtung, der Auffassung der 
Geschichte zwischen einzelnen hervorragenden Göttinger Mit- 
gliedern der Sodetät und dem Verfasser der Kaiserregesten 
bestünden. Die Prdszuerkennung sei. in der That für die 
Sodetät ehrmid, eben so sehr wie für den, der den Preis 
erhalten. ') 

Es ist hier ein Punkt berührt, der Böhmer manche 
Angriffe und Vorwürfe zugezogen hat. Man hat es ihm 
vielfach verargt, dass er in der Geschichte der StiMifai und 
der grossen Kämpfe zwischen Kaiserthum und Papstthum 
sich mehr auf die Sdte des letzteren geneigt, dass er be- 
sonders Friedricb 11., den grössten Feind des Papstthumes, 
allzu scharf und ungünstig beurtheilt habe. Am Rhein er- 
schien vor einigen Jahren dne eigne Schrift gegen Böhmer, 
ich glaube von dnem israelitischen Literaten, Runkd, welche 
der Ausführung dieses Vorwurfe gewidmet war. So mögen 
denn ein paar Worte über Böhmer's historischen Standpunkt 
hier vergönnt sein. Böhmer war der reinste Patriot, die 



(8) Allg. Zdi V. 21. lüns 1866. Beilage. 



V. IXaiingtr: Nekröhg auf B&mer. 405 

deutscheste Seele, die mir je vorgekommen; ich glaube, er 
hat auf jeden, der ihn näher kannte, den Eindruck gemacht, 
dass sein ganzes Wesen und Streben aufgehe in dem 6e- 
dank^i an das deutsche Gesammtvaterland, in dem Wirken 
fitr dessen Ehre und Gedeihen. Das kleine städtische Ge- 
meinwesen, dem er zunächst angehörte, konnte einen Geist, 
wie der seinige war, nicht befriedigen, nicht absorbiren» 
Dass „die Frankfurter edlen Geschlechter und ächtbaren 
Büiger bis zuletzt treu an Kaiser und Reich gehalten", das 
war es, was er ihnen in der Widmung seines Urkunden* 
buches nachrühmte. Auch jede dynastische Anhänglichkeit, 
jeder Partikularismus war ihm fremd. Er kannte und liebte 
eben nur das ganze Deutschland. Blieb er ja doch zeit- 
lebens unvermählt, um frei von Familienbanden und Sorgen 
mit ungetheilter Kraft seinem Volke dienen zu können. 
,^Was mich zu diesen Studien veranlasst bat, schrieb er im 
Jahre 1844, war die Ueberzeugung von dem unberechen- 
baren Werthe, weldien gerade dermalen für die deutsche 
Nation die richtige Kenntniss ihrer Geschichte haben könnte'^ 
Er habe , sagt er fünf Jahre später , für sich den Beruf ge- 
funden, das vaterländische Bewusstsein überhaupt und för 
alle Fälle zu stärken, so weit er es vermöge, namentlich 
durch geschichtliche Studien.^) 

Jene Ansicht der deutschen Geschichte, welche jetzt 
von einer Schule oder Partei im Injjeresse der Unterordnung 
Deutschlands unter Preussen und der Hinausdrängung Oest- 
reichs verbreitet wird , wies Böhmer mit Unwillen als eine 
Schändung der deutschen Ehre, einen Frevel an Deutsch- 
lands Macht und Wohlfahrt zurück. Die herrlichste Erwer- 
bung der Deutschen nannte er die Kaiserkrone, wenn sie 
auch, setzt er bei, ein bitteres Gift enthielt. „Welche Blüthe, 
sagt er, welcher Glanz würde unsrer Geschichte entzogen 



* (4) Begesttti von 1198—1264, p. LXYI^. 



406 (kffmmehe Sitßmg am 2B. Nm>. 18es. 

mit der Idee des Kaiserthumes I" — Deutschlands Bezüge 
zu Italien sind immer reich und auch befruchtend gewesen, 
ja auch heute noch, meine ich, dass beide Länder yorzugs- 
weise zu nützlichen Wecbselverhältnissen berufen seien. So 
äusserte er audi einmal gegen mich: „Gerade dieses lange 
Zusammengehen der beiden Hauptvolker, des urgermanischen 
und des urromanischen Volkes, der Deutschen und der Ita- 
liäner, die enge Verwebung ihrer beiderseitigen Geschichte, 
habe erst Leben und grossartiges Interesse in die Geschichte 
des Mittelalters gebracht. Er habe einmal die Geschichte 
Dänemarks näher kennen zu lernen versucht; aber sie sei 
ihm in ihrer skandinavischen Abgeschiedenheit, verglichen 
mit dem anziehenden Beichthum der deutschen^ doch allzu 
langweilig und interesselos vorgekommenes (Diess ist frei- 
lidi im Jahre 1841 geschrieben.) 

Ueberzeugt, dass die Nationefn darauf angewiesen sind, 
von ihrer Vergangenheit zu leben, die die Bäume von ihrer 
Wurzel, legte Böhmer stets den geschichthchen Maassstab 
an die Ereignisse der neueren Zeit und der Gegenwart an. 
Da wo er einen förmlichen Bruch mit der Vergangenheit, 
mit ^en rechtlich begründeten Verfassungszuständen der deufe- 
sdien Nation erkannte, da war sein Ürtheil strenge und ver- 
werfend. Die Antwort auf die Frage: wer den Untergang 
des deutschen Reiches und der letzten verfassungsmässigen 
Beste deutscher Einheit verschuldet habe, lautet bei ihm 
etwas anders als bei neueren und neuesten Historikern. „Der 
Untergang unseres Kaiserreiches, sagte er, knüpft sich zu- 
letzt an den 1795 von Preussen mit der französischen Re- 
publik geschlossenen Separatfrieden, welcher zugleich das 
ganze nördliche Deutschland aus dem Kampfe gegen den 
Reichsfeind zurückzog und demselben in den geheimen Be- 
dingungen das linke Rheinufer gegen dits Versprechen der 
Vergrösserung Preussens auf Kosten seiner deutschen Mit- 
stände preisgab. Der rheinische Bund war nur Folge und 



V. nmnger: Nebrolog a^f Bölmm. 407 

Nachahmung jenes Separatfriedena , hatte aber Yor demsel- 
ben die Entschuldigung voraus, dass die Selbsterhaltung zu 
seinem Abschluss gedrängt hatte/' Nun folgt eine Aeusserung, 
von der man glauben sollte, sie sei nicht im Jahre 1849, 
sondern gestern geschrieben: 

„Wenn Preussen mit Hülfe einer unitarischen Partei, 
die aber bei uns keine Wurzeln hat, wie 1795 das Reich, 
so nun den Bund zu sprengen, und Oestreich aus Deutsch* 
land hinauszudrängen suchen sollte, so wären für die süd- 
westlichen Stämme und Staaten * zunächst die Nöthigungen 
erneut, welche einst den rheinischen Bund erzeugten; aber 
unter yid günstigeren Umständen, weil man sich nicht auf 
das Ausland zu stützen brauchte, wohl aber auf Oestreich, 
als auf einen redlichen Freund rechnen könnte. Alles was 
den Bestand und die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft 
durch Jahrhunderte begünstigt bat, — und mehr noch — 
stünde diesem Bunde zur Seite, wenn man verständig, mann- 
haft und einig zu sein vermöchte/^ 

Den Gang und das Verfahren jenes deutschen Parla- 
ments des Jahres 1848, in dessen Hand für einige Zeit 
das Geschick Deutschlands gelegt war, jener in ihrer Art 
einzigen Versammlung, in der 118 Professoren sassen und 
das grosse Wort führten, hat Böhmer mit gespanntem In- 
teresse in unmittelbarer Nähe Tag für Tag verfolgt, und 
sein Urtheil darüber mit dem Griffel des Tacitus in kurzen, 
energischen, wie glühende Kohlen brennenden Worten, wahr 
und gerecht, in seinem Regestenwerke verzeichnet.^) Ich kann 
mir nicht versagen, den Schluss über den letzten Akt jenes 
unheilvollen Trauerspiels anzuführen : „Ehrwürdige National- 
erinnerungen wurden nun durch das verächtliche Zerrbild 
einer sc^enannten Kaiserwahl entwürdigt. Schmachvoll war 
der Pact, welcher ihr vorausgieng, frevelhaft die vollmacht- 



(5) Begasten, EiaL p. LXYI^ 
[1863. n, 4] 28 



408 OeffMHt^ Siieung am ^S. Nov. 1863, 

lose Amnassung, welche sich ihrer anterfieng, rerdient der 
Fall, der auf d^ Hochmuth folgte/' * . 

Man würde übrigens sehr irren, wenn man Böhmer bei 
seiner Vorliebe für die (jeschichte des Mittelalters auch für 
einen einseitigen Bewunderer mittelalterlicher Zustande hielte. 
Er wusste es wohl und er sprach es aus, dass der Ver- 
fall der deutschen Reichskraft und Einheit schon früh be- 
gonnen habe. Das Reich, sagte er, sei eigentlich schon an 

> 

dem Kampfe zwischen dem Luxemburgischen und dem Habs- 
burgischen Hause zu Grunde gegangen. 

Böhmer hat es nicht verhehlt, dass er in den grossen 
Kämpfen der Kaiser des Staufischen Hauses mit den Päpsten 
die Sache der letzteren meistens für die bessere hielt. Aber 
er war weit entfernt, alle Uebergriffe und Zumuthungen des 
päpstlichen Stuhles bezüglich Deutschlands, besonders in der 
nachstaufischen Zeit, zu billigen, und er tadelte es mitunter 
in seinen Regesten, dass sie nicht nachdrücklicher zurück- 
gewiesen wurden . 

Im Ganzen war seine Denkweise der alten Kirche, 
ihren Institutionen und Lehren günstig. In der schweren 
Krankheit, an deren Folgen er starb, äusserte er: er habe 
die katholische Kirche immer als eine Mutter betrachtet, 
der wir das beste, was wir besitzen, yerdanken; an den 
grossen Männern der Kirche habe er sich gehoben. Gleich 
allen deutschen Patrioten, die sich den christlichen Glauben 
bewahrt haben, wünschte er sehnlich, hoffte er auch, dass 
die religiöse Spaltung der Nation geheilt werden, dass es 
zu einer Wiedervereinigung kommen möge. Aber er setzte 
freilich eine Bedingung, welche die Sache in unbestimmte 
Feme hinausrückt; er meinte nämlich, sie würde erst dann 
eintreten, wenn die Kirche wieder auf der Höhe des geisti- 
gen Bewusstseins der Zeit stehen, wenn sie wieder eine 
wahrhafli geistige Macht geworden sein werde. Und er be- 
klagte es häufig, dass in diesem Sinne viel za wenig geschehe. 



V. DdOmger: Nekrolog auf Böhmer. 409 

Im Jahre 1854 erschienen Böhmer's Wittelsbachische 
Regesten von 1180 bis 1340, eine der wichtigsten und 
dankenswerthesten Bereicherungen der bayerischen und mit- 
telbar auch der deutschen Oeschichte. „Mein persönlicher 
Beruf, sagt er in der Vorrede, mich mit bayerischer Ge- 
schichte zu beschäftigen, lag auch darin, dass ich, der Bhein- 
pfak entstammend und dorten angesessen, dem Königreich 
Bayern näher angehöre, und dass bei öfter wiederholtem 
Besuche der Hauptstadt Land und Leute mir werth gewor- 
den sind/* In der That besass er das bayerische Indigenat. 
Und seine Neigung zu Bayern, zu München, gieng noch wei- 
ter, als er es hier gesagt hat. Er dachte nämlich eine Zeit 
lang (um die Jahre 1851 — 52) ernstlich daran, seine Stel- 
lung in Frankfurt aufzugeben und ganz nach München über- 
zusiedeln. Was ihn abhielt, diesen Plan, den er oft mit mir 
besprach, auszuführen, das war einmal die Besorgniss, dass 
ihm in München ein so unbeschränkter Gebrauch einer öf- 
fentlichen Bibliothek, wie er denselben in Frankfurt hatte 
und zu seinen Arbeiten bedurfte, nicht gestattet werden 
würde, und dann die Kunde, dass die Einleitung zu seinen 
Wittelsbachischen Begesten in München und zwar gerade in den 
Kreisen, auf welche er sich wissenschaftlich und literarisch 
speciell angewiesen gefunden hätte, böses Blut gemacht habe, 
dass man sich hier über manche seiner Aeusserungen sehr 
verletzt zeige. Wahr ist es, er hat in jener Einleitung ein 
scharfes Gericht gehalten über die Begehungs- und Unter- 
lassungssünden der „Bajuyarier", wie er halb im Scherz, 
halb im Unwillen die Personen nannte, welche sich in Mün- 
chen mit der Bearbeitung des einheimischen Geschichtma- 
terials beschäftigten. Diese Bajuvarier sind nun alle todt, 
Böhmer selbst ist ihnen in's Jenseits gefolgt, und wir mögen 
es jetzt wohl sagen, dass die Kritik, welche er über die 
Publicationen des Beichsarchiys, die Monumenta Boica, die 

Begesta Boica, überhaupt über die wissenschaftliche Thätig- 

28* 



410 OeffenÜiehe SitJBung am 28, N09. 186$. 

kdt oder vielmehr Nichtthätigkeit an diesem ArQhive er- 
gehen liess, manches Wahre und Beherzigenswertbe enthält. 
Unbillig ist eigentlich sein Urtheil nur bezüglich der grossen 
zwanzigjährigen Arbeit Schmeller's, des Katalogs der latei* 
nischen Handschriften der Staatsbibliothek, einer Leistung, 
deren hoher Verdienstlicbkeit gerade von einem Manne wie 
Böhmer freundlichere Anerkennung hätte zu Theil werden 
sollen. Uebrigens waren seine Rügen, wie scharf sie aus- 
gefallen, doch nur vulnera amantis, denn gerade weil er 
Land und Leute so lieb hatte, empfand er es schmerzlich, 
dass Bayem's historische Schätze so wenig im Lande ver- 
werthet, so fehlerhaft behandelt würden, und die Ehre 
Bayem's im übrigen Deutschland darunter leide. Wie gemo 
er einem bayerischen Geschichtswerke, wenn es nur von 
gründlicher und genauer Forschung Zeugniss gab, selbst bei 
sonstigen grossen Gebrechen Lob spendete, zeigt sein fast 
zu günstiges Urtheil über Buchner's bayerische Geschichte. 

In jener Einleitung hat Böhmer noch zuletzt drei Wünsche 
an das Reichsarchiv gerichtet: 1) eine Geschidite und Be- 
schreibung des Reichsarchivs als unentbehrlichen Führer für 
den Forscher. 2) einen räsonnirenden Katalog über die 
sämmtlichen Handschriften in Bänden, welche das Archiv 
besitzt. 3) eine Ergänzung und Berichtigung der Regesta 
Boica bis 1300 oder 1348. Jeder Fachgelehrte wird wohl 
diesen Wünschen beistimmen, und nur noch den Wunsch 
anschliessen oder vielmehr voranschicken, dass dieser unsrer 
historischen Schatzkammer bald e'.n Vorstand gegeben wer- 
den möge, welcher die Kraft, den Muth und den festen 
Willen in sich trägt, solche Aufgaben zu lösen. 

Wenige Gelehrte haben wohl in so hohem Grade, wie 
Böhmer, den Eindruck eines völlig reinen, von jeder Selbst- 
sucht, jeder Nebenabsicht freien Strebens gemacht. Ich 
glaube, dass jeder, der in nähere Berührung mit ihm ge- 
kommen, dies bezeugen wird. Er war freilich sehr günstig 



V. D&ttinger: Nekrolog auf Böhmer. 41 1 

Ton Haus aus gestellt: Aemter, Ehrenstellen, Auszeichnungen, 
Gelderwerb, das Alles konnte für ihn, den völlig freien^^ un- 
abhängigen Mann und Bürger einer Freistadt nichts Ver- 
lockendes haben. Er hatte auch weder Kinder noch Vettern 
zu versorgen. Er wollte einfach nur seiner Nation, Deutsch- 
land nach bestem Wissen und Gewissen dienen. Von der 
Hoheit und schrankenlosen Freiheit der Wissenschaft, hinter 
welchem Abstractum sich gewisse weit minder wohlklingende 
Goncreta zu verbergen pflegen, hat er nie geredet. Aber 
wie freute er sich, wenn ein gutes, gründliches und tendenz- 
loses Buch über deutsche Geschichte erschienen war. Mit 
welcher herzlichen, neidlosen Anerkennung sprach er dann 
mit jedem über den Verfasser und dessen Leistung. 

Wie er den ihm zuerkannten Wedekind'schen Preis 
nicht annahm, sondern zur Unterstützung wissenschaftlicher, 
die deutsche Geschichte fördernder Unternehmungen bestimmte^ 
80 erschien auch manches andere Werk in Folge seiner 
finanziellen Beihilfe, so Remling's Speyerisches Urkundenbuch« 
Er selber zahlte dem Verleger für jeden Band seiner Fon- 
tes 500 fl. und eben so grossmüthig benahm er sich bei der 
Herausgäbe seiner Kaiserregesten. 

Mögen die Männer, denen Böhmer den ehrenvollen 
Auftrag, seinen reichen und kostbaren Nachlass herauszu- 
geben, ertheilt hat, Deutschland nicht allzu lange warten 
lassen. 



412 OeffenOiehe Sitzw^g am 28. Nw. 1863. 



YerkündiguBg 

der von Seiner Majestät dem König bestätigten 

Neuwahlen : 

A. Als Ehrenmitglied: 
Bernhard Freiherr von Wüllersdorf-Urbair in Wien. 

B. Als ausserordentliches Mitglied: 

Mathematisch-physikalische Classe: 

Dr. Friedrich Knapp, Professor der Technologie an der k. 
Universität München. [Nun in Braunschweig.J 

C. Als auswärtige Mitglieder: 

a. Philosophisch-philologische Classe: 

1) Midiele Aman in Turin. 

2) Dr. Hermann Köchly, Professor in Zürich. 

3) Dr. Friedrich Haase, ordentlicher Professor an der Uni- 
versität Breslau. 

4) Dr. Ludolph Stephani, Staatsrath in St. Petersburg. 

b. Mathematisch-physikalische Classe: 

1) Dr. Bernhard Biemann, ordentlicher Professor der Ma* 
thematik an der Universität Göttingen. 

2) Dr. Karl Weierstrass, ordentlicher Professor der Mathe* 
matik an der Universität Berlin. 



Ntmoiimm, , 41S 

3) Dr. Ernst Heinrich Weber, ordentlicher Professor der 
Anatomie und Physiologie an der Universität Leipzig. 

4) Thomas Heinrich Huxley in London. 

c. Historische Glasse. 
Dr. Gervinus in Heidelberg. 

D. Als correspondirende Mitglieder: 
a. Mathematisch -physikalische Glasse: 

1) Karl G. Chr. von Staudt, ordentlicher Professor der 
Mathematik in Erlangen. 

2) Georg P. Bond, Director der Sternwarte in Cambridge 
in den vereinigten Staaten. 

3) Dr. Friedrich Mohr in Coblenz. 

4) Dr. Alexander Ecker, Professor in Freiburg im Breis- 
gau. 

5) Dr. Rudolph Euer, Professor der Zoologie an der Uni- 
versität in Wien. 

6) Dr. Meissner, Professor der Physiologie in Göttingen. 

7) Friedrich Hessenberg, Juwelier in Frankfiirt a. M. 

8) Dr. Bernhard Cotta, Professor der Geologie an der Berg- 
akademie in Freiberg. 

b. Historische Classe: 
Dr. Joachim Sighart, Lyceal-Professor in Freising. 

• Die Festrede des Herrn Buhl: 

„Ueber die Stellung und Bedeutung der patholo- 
gischen Anatomie^' 

ist besonders im Verlage der Akademie erschienen. 



414 Sitzung der phOas.-pkM, CUme vom 5, Dec. 1863, 



Philosophisch- philologische Classe. 

Sitzung Yom 5. December 1863. 



Herr Thomas hielt einen Vortrag 

„lieber den Periplus des Pontus Euzinus 
nach Münchener Handschriften". 

Derselbe wird in den Denkschriften erscheinen. 



Mathematisch -physikalische Classe. 

Sitzung vom 12. December 1868. 



Herr Bischoff erstattet Bericht über die der k. Aka- 
demie von den Herren Dr. W. Henneberg und Dr. F. Steh« 
mann übersendete Schrift: 

„Beiträge zur Begründung einer rationellen 
Fütterung der Wiederkäuer". Heft I. 1860. 
Heft n. 1864. Braunschweig. Schwetschke. 8^ 
(275 und 456 Seiten). 

Wenn ich schon geraume Zeit habe vergehen lassen, 
bis ich dem Auftrage der sehr geehrten Classe nachkomme, 
über das erste Heft vorstehender ihr übersendeten Schrift 
Bericht zu erstatten, so ist es geschehen, weil ich wusste, 
dass die weitere Fortsetzung der Untersuchungen der Ver- 
fasser zu erwarten stand, wonach sich deren Resultat würde 
in schärferem Lichte darstellen lassen. Dieses ist jetzt ge- 
schehen, und mit dem zweiten Hefte haben die Verfasser 



Bigchßff: Fütterung der WiederkäMer. 416 

wahrscheinlich ihre Beobachtungen, so weit sie sich nach 
der bisher befolgten Methode führen liessen, abgeschlossen ; 
ich halte es daher jetzt auch für ganz zeitgemäss, der ge- 
ehrten Klasse über die Resultate dieser grossartig angeleg- 
ten und mit einem beispiellosen Fleisse und der grössten 
Sorgfalt durchgeführten Untersuchungen, die gewünschte Mit* 
theilung zu machen. 

Die Verfasser sind die Vorsteher der, allem Anscheine 
nach sehr vortrefflich angelegten landwirthsdiaftlichen Ver-' 
Suchsstation zu Weende bei Göttingen, und haben die ihnen 
hier dargebotene Gelegenheit zu einer wissenschaftlichen 
Beantwortung der für die Landwirthschaft wie für die Phy- 
siologie gleich wichtigen und interessanten Frage nach einer 
rationellen Fütterung der Wiederkäuer, d. h. wohl nach den 
Gesetzen der Ernährung dieser Thiere, benützt. Sie haben 
grösstentheils mit zwei ausgewachsenen und ohne weitere 
Arbeit im Stalle gefütterten Ochsen expei*imentirt, und sich 
mit Recht vorläufig auf diesen einfachsten Fall der Ermit- 
telung der Emährungsbedingungen dieser Thiere beschränkt. 
Die Methode, welche sie dabei im Allgemeinen befolgten, 
war einfach die, dass sie unter steter Gewichtsberücksich- 
tigung der Thiere, die Einnahmen und Ausgaben derselben 
wenigstens an festen und flüssigen Bestandtheilen nach ihren 
Gewichtsverhältnissen und ilirer chemischen Zusammensetzung 
controllirten und daraus die Schlüsse über den Werth und die 
Bedeutung der verschiedenen Futterstoffe für die Thiere 
zogen. 

Diese Arbeit ist, wenn man die Grösse der Thiere, die 
Masse ihrer Nahrung und ihres Getränkes und die Quanti- 
täten der diesen entsprechenden Ausscheidungen in Koth 
und Harn, und andererseits die mannigfaltigen und grossen 
Schwierigkeiten bedenkt, welche sich der chemischen Unter- 
sudiung der betreffenden Materien noch entgegenstellen, eine 
ganz enorme. Und dennoch haben sie die Verfasser nach 



N'^ 



416 8iteun§ der malih.-phffs. CUuu «om 12. Dec, 1863. 

dem Urtheile aller Sachverständigen in eiaer ganz tadel- 
losen Weise durchgeführt. 

Es kann nicht meine Absicht sein, midi hier auf die 
von denselben befolgten Untersuchungsmethoden oder auch 
deren einzelne Resultate einzulassen. Nur in Beziehung 
auf die hier so wichtige Harnuntersuchung will ich bemer* 
ken, dass die Untersuchung des Rinderhams wegen seines 
ansehnlichen Gebaltes an Hippursäure und an freier und 
gebundener Kohlensäure weit mehr Schwierigkeiten darbot, 
als etwa der menschliche oder der Fleischfresser Harn. Na* 
mentlich konnte eben wegen des Gehaltes an Hippursäure^ 
die so sehr yereinfachende Bestimmung des Harnstoffes durch 
Titriren mit salpetersaurer Quecksilberlösung nach Herrn 
V. liebig's Methode nicht ohne Weiteres angewendet wer- 
den , daher die Verfasser im Anfang ihrer Untersuchungen, 
ausser der direkten Bestimmung der Hippursäure durch Be«^ 
handlung einer eingedickten und gewogenen Portion Harns 
mit einer bestimmten Menge Salzsäure und Auswaschen des 
Niederschlages mit einer bestimmten Menge Wassers (I. 119), 
auch noch den gesammten Stickstoffgehalt des Harns durch 
VerbrennuDg mit Natronkalk bestimmten, und den Harnstoff 
sodann nach Abzug des Stickstoffs der Hippursäure durch 
Rechnung ermittelten. Später, als es sich darum handelte, 
täglicli Stickstoff-Bestimmungen zu machen,^ was nur allein 
die Titrirmethode ermöglicht, modificirten die Verfasser das 
Liebig' sehe Ver&bren dahin, dass die Hippursäure vorher 
durch einen Zusatz von salpetersaurem Eisenoxyd fortge* 
schafft und dann mit salpetersaurem Quecksilber der Harn- 
stoff titrirt wurde (s. H! 1. p. 35), wobei sie Resultate er- 
hielten, die von den durch direkte Bestimmung des Stick- 
stoffes erhaltenen höchstens um 0,2 Proc. , durchschnittlich 
aber nur um 0,02 Froc. verschieden waren. 

Es sind nun, wie gesagt, wesentlich zwei Gesichtspunkte, 
aus welchen sich das Interesse an der Arbeit der Verfasser 



Bisehoff: Fütterung der Wiederkäuer. 417 

entwickelt : einmal der landwirthschaftliche und zweitens der 
physiologische. Es lag und liegt in der Natur der Sache, 
dass der erste für die Verfasser der zunächst vorliegende 
und massgebende war, und dass ihm der grösste Theil der 
Ausführung ihrer Arbeit gewidmet war. Die Erfolge, welche 
sie erzielt haben, sind unzweifelhaft Yon hohem Werthe für 
die Thierzucht in landwirthschaftlicher und ökonomischer 
Hinsicht. Allein so wie die Verfasser sich zur Erreichung 
dieser Erfolge stets wahrhaftig wissenschafUicher Methoden 
bedient haben, so haben sie auch wahrhaft wissenschaftliche 
Erfolge erlangt, und es ist wohl begreiflich, dass diese vor- 
züglich hier in diesem Berichte hervorgehoben werden. 

Das ganze Werk der Verfistöser zerfällt sowohl der Zeit 
als dem ganzen Charakter der Untersuchungen nach in zwei 
Abtheilungen. Die erste gehört der Zeit nach dem Jahre 
1858 und Anfang 1859 an, und wurden die betre£Penden 
Versuche sowohl, als auch die Berichterstattung über die- 
selbe ausgeführt, ehe die Verfasser mit der von mir und 
Herrn Professor Voit herausgegebenen Arbeit über die Er- 
nährung des Fleischfressers bekannt waren. Die Verfasser 
hatten sich dabei auf den früheren, auch noch in meiner 
ersten Schrift: „Ueber den Harnstoff als Maass des Stoff- 
wechsels'^ befolgten Standpunkt gestellt, nach welchem man 
die durch die Beobachtung erhaltenen Zahlenresultate, na- 
mentlich in Beziehung auf den Stickstoffgehalt der Nahrung 
und der Excrete, einfadi gegen einander stellt, und das 
erhaltene Resultat nur allein auf das Gesammtgewicht des 
Thieres bezieht, ohne auf dessen Körperzustand und dessen , 
Zusammensetzung aus stickstoffhaltigen und stickstofffreien 
Bestandtheilen Rücksidit zu nehmen. Da aber das Gewicht 
des Thieres sowohl von diesen als jenen abhängig ist, so 
kann ein einfacher Schluss von dem Gesammtgewicht auf 
das Verhalten des Stickstoffumsatzes unmöglich zu richtigen 
Resultaten führen. Die Verfasser waren daher, wie ich und 



418 Sitzung der maih-phpa. Qaase wm lü. Dee, 1863, 

andere Beobachter in früherer Zeit, zu dem falschen Schlüsse 
gelangt, dass meist ein ansehnlicher Antheil des Stickstoffes 
der Nahrung, ausser im Koth und Harn, auf anderen unbe- 
kannten Wegen aus dem Körper ausgeschieden werde und 
damit hatten sie sich wie frühere und andere Beobachter 
des Mittels beraubt gesehen, irgendwie bedeutungsToUere 
Resultate über die Ernährung der Thiere und den Ernäh- 
rungswerth der yerbrauchten Futterstoffe zu erlangen. Allein 
ihre Erfahrungen hatten ihnen bereits hinreichendes Beur- 
theilungsmaterial geliefert, so dass sie, als Ende 1859 un- 
sere Schrift über die Gesetze der Ernährung des Fleisch-^ 
fressers erschien, die Wahrheit und allgemeine Gültigkeit 
der in derselben entwickelten Gesetze nicht verkennen konn- 
ten, und schon in einem Anhange der ersten Abtheilung 
ihres Werkes, welche 1860 erschien, gaben sie eine Umar- 
beitung der von ihnen in ihren ersten Versuchen erhaltenen 
Zahlenresultate nach den von uns aufgestellten Principien, 
welche sich diesen bereits auf eine sehr befriedigende Weise 
anschloss. 

Allein mit Recht fühlten die Verfasser das Bedürfriiss, 
diese Principien auch noch in weiter fortgesetzten Beobach- 
tungen und Versuchen selbst zu prüfen, und so entstand 
die zweite Reihe derselben, welche sie uns in der jetzt 
YoUendeten zweiten Abtheilung ihrer Schrift vorgelegt 
haben. 

Sie überzeugten sich nun zunächst von dem oben be- 
rührten Lrrthum und sahen, dass, wenn man nur auf den 
Eörperzustand des betreffenden Thieres die geeignete Rück- 
sicht nimmt, man sich bald überzeugen kann, dass aller 
umgesetzte Stickstoff der Nahrung wirklich im Eoth und 
Harn erscheint, und dass somit, wie keine irgend erheb- 
liche andere positive Ausscheidungsquelle für den Stickstoff 
bekannt ist, so auch kein negativer Grund, kein Stickstoff- 
mangel es zweifelhaft oder unthunlich erscheinen lässt, den 



Bisehaff: FHUmmg der Wiederhäuer. 419 

in Eoth und Harn ausgesohiedenen Stickstoff ab Maass des 
Stoffwechsels in den stickstoffhaltigen Eörpertheilen zu be* 
nutzen. Sie fanden nämlich, dass es möglich ist, jedes 
Thier durch das geeignete Futter in einen soldien Behar« 
rungszustand seiner Ernährung zu versetzen, dass der in der 
Nahrung enthaltene Stickstoff nahezu vollständig im Eoth 
und Harn wieder erscheint, die Quantität des letzteren also 
direkt das Maass des Stickstoffumsatzes ist. Bleibt man 
unterhalb des zur Erzielung und Erhalten dieses Beharrungs* 
zustandes erforderlichen Maasses von stickstoffhaltiger Nah« 
rung, so erhält man in Harn und Eoth mehr Stickstoff, als 
in der Nahrung vorhanden war, und kann daher mit Sicher» 
heit schliessen, dass der übersdiüssige Stickstoff von dem 
Eörper des Thieres geliefert wurde, jedenfalls aber auch 
hier die erhaltene Gesammtmenge des Stickstoffs das Maass 
des Stoffwechsels in den stickstoffhaltigen Eörpertheilen ist. 
Und übersteigt man mit der Nahrung jenes zur Erhaltung 
des Beharrungszustandes nöthige Maass, so erhält man ein 
Deficit in dem ausgeschiedenen Stickstoff gegen den in der 
Nahrung erhaltenen, weil ein Theil des letzteren in dem 
Thiere in der Form von stickstoffhaltigen Eörpertheilen zu- 
rückgehalten wird; aber der ausgeschiedene Stickstoff ist 
auch hier wieder das Maass des Umsatzes. In der Regel 
wird das Gewicht des Thieres damit gleichen Schritt gehen ; 
es wird sich an Gewicht gleich bleiben, oder abnehmen, oder 
zunehmen; allein nothwendig ist dieses nicht, denn die Ver- 
hältnisse der stickstofffreien Eörpertheile, des Fettes und des 
Wassers, können hier so eingreifen, dass das Gesammtge- 
wicht die Verhältnisse des Stickstoffumsatzes allein nicht 
mehr ausdrückt. 

Somit gewannen die Ver&sser den Standpunkt, .dass 
sich aus der Quantität des in Harn und Eoth ausgeschie- 
denen Stickstoffs wirklich ein Schluss auf den Stickstoffum- 
satz im Eörper des Thieres ziehen, und bei Vergleich mit 



420 Sitnmg der fMth.-phyg, CUme wm X9. Dee. 1863. 

der in der Nahmng ejngefiihrtea Stickstofifaienge die Wir- 
kung derselben aaf die Ernährung des Thieres beortheilen 
lasse, und sahen sich in den Stand gesetzt, die Ernährung 
des Thieres so zu regdbi, dass dasselbe in Beziehung auf 
seine stickstoffhaltigen Eörpertheile sich entweder gleich- 
bleibt, oder zunimmt, oder abnimmt. 

Während sie sich aber so einerseits überzeugten, dasa 
der Stickstoffumsatz von dem Zustande abhängig ist, in 
welchem der Tbierkörper sich befindet, beobachten sie 
andererseits ebenso bestimmt, dass der Stickstoffgehalt der 
Nahrung auf diesen Umsatz den wesentlichsten Einfluss 
ausübt. Sie erfuhren, dass Steigerung des Stickstoffgehaltes 
der Nahrung sogleich auch den Stickstoffumsatz vermdirt, 
und ebenso umgekehrt ein Sinken jenes, auch diesen yer- 
mindert, die Stickstoffausscheidung aber niemals ganz auf- 
hört, auch wenn der Stickstoffgehalt der Nahrung auf ein 
Minimum herabsinkt, jene yielmdir alsdann diesen beträcht* 
lieh übersteigt, indem der eigne Körper den mangelnden 
Stickstoff der Nahrung hergiebt. ^ 

Endlich überzeugten sich die Verfasser auch davon, 
dass die stickstof&eien Nahrungsbestandtheile einen entschie- 
denen Einfluss auf den Stickstofiumsatz ausüben, in der Art, 
dass sie denselben bedeutend ohne Benachtheiligung des 
Thieres herabzusetzen yermögen. Sie finden daher, dass eine 
richtige Combination von stickstoffhaltiger und stickstofffreier 
Nahrung das wichtigste Ersparungsmittel für letztere ohne 
ii^end welche Beeinträchtigung des Gedeihens und der Kräf- 
tigung der Thiere ist, und dass somit in der Aufsuchung 
dieses richtige Verhältnisses, und je nach dem Zweck, wel- 
chen man mit dem Thiere erreichen will, das Geheimniss 
dner rationellen Fütterung liegt. 

Neben diesen Erfahrungen über den Einfluss und die 
Beziehung der stickstoffhaltigen und stickstofffreien Nahrung 
auf den Stidbstoffumsatz in dem Thierkörper, beobachten die 



Bisdio/f: FüUenmg der Wiederkäuer. 421 

Verfasser indessen auch überall den Einfluss der letzteren, 
der stickstofffreien Nahrung, auf die Fettl^ildung , und 
* in dieser Hinsicht hebe ich als besonders interessant, wenn 
gleich sich gewissermaassen als natumothwendig von selbst 
yerstehend, hervor, dass bei dem Wiederkäuer und Pflan- 
zenfresser nicht nur das Fett an und für sich, sondern auch 
das Stärkemehl und der Zucker einen bedeutenden Einfluss 
auf die Fettbildung ausüben; was wir in Beziehung auf den 
Fleischfresser für letztere Stoffe nicht konstatiren konnten. 

Allein so zuverlässig auch diese Beziehung der stick- 
stoffreinen Nahrung auf die Fettbildung im Thierkörper her- 
vortrat, so fanden die Verfasser doch auch bald, dass es 
uns bis jetzt und so lange an einer richtigen Beurtheilung 
des Werthes der Nahrung in. dieser Hinsicht fehlt, bis wir 
in den Excreten des thierischen Körpers ein ebenso sicheres 
Maass für seinen Kohlen- und Wasserstoffumsatz gefunden 
haben, wie wir ihn in dem Harnstoff, in Verbindung mit 
der Stickstoffbestimmung im Koth, für den Stickstoffumsatz 
besitzen. 

Denn die Berücksichtigung des Körpergewichtes allein 
neben der Berechnung des Stickstoffverhältnisses kann nie 
zu einer sicheren Einsicht über das Verhalten des Fettes 
fuhren, da jenes Körpergewicht ebenso gut durch Verän- 
derungen des Wassergehaltes, als durch Veränderungen in 
dem Verhalten des Fettes, verändert werden kann und ver- 
ändert wird. Die Verfasser sind daher, ebenso wie wir, 
durch ihre Untersuchungen zu der Ueberzeugung gekom- 
men, dass eine durchgreifende Einsicht in die Ernährungs- 
verhältnisse eines thierischen Körpers, vorzüglich in Be- 
ziehung auf Fett- und Wassergehalt, sovde in Beziehung auf 
Wärmebildung, durchaus einer ControUe seiner gasformigen 
Sekrete, namentlich der Kohlensäure und des Wasserdunstes 
bedarf. Sie sind daher auch schon seit geraumer Zeit be- 
schäftigt, den von Herrn Professor Pettenkofer hier kon- 



422 SiUung der ma4h.'phjf$. CUi$»e wm 1». Dee. 1863. 

struirten Respirations- Apparat, auch dort bei ihren fortge- 
setzten Untersnchungen in Anwendung zu bringen, und dür- 
fen wir von ihnen in dieser Beziehung mit Zuversicht d^n- 
nächst Beobachtungen bei Wiederkäuern erwarten, sowie 
dieselben hier von den Herren Pettenkofer und Voit für 
den Fleischfresser bereits ausgeführt sind. 

Alle diese ihre Erfahrungen fassen die Verfasser in 
folgendem Schlusssatz ihres Werkes zusammen: 

„In Uebereinstimmung mit neueren Beobachtungen am 
Hund (yon Bischoff und Voit), am Menschen (von Ranke jun.), 
an der Taube (von Voit) ist auch für das YoUjäbrige Bind 
anzunehmen, dass der Stickstoff des Futters, soweit er nicht 
im Körper des Tliieres verbleibt, sich wenn nicht vollstän- 
dig, so doch dem wesentlichsten Theile nach im Roth und 
Harn wieder findet. Der Fleischumsatz im Leibe des Thie- 
res (unter Fleisch die eiweissartigen Substanzen [Protein- 
substanzen] des Thierkörpers ohne Unterschied verstanden), 
mögen sie in diesem oder jenem Organ, in flüssigem oder 
festem Zustande enthalten sein, steigt und fällt mit der 
Menge der zur Verdauung gelangten stickstoffhaltigen Nähr- 
stoffe und wird dadurch beherrscht. Von einem gegebenen 
Futter aus bietet sowohl der Zusatz von stickstoffhaltigen 
als stickstoffreinen Nährstoffen ein Mittel dar, um den bis- 
herigen Fleischansatz zu verstärken oder den bisherigen 
Fleischverlust zu vermindern; die Zunahme des Fleischan- 
satzes, resp. die Abnahme des Fleiscbverlustes , gleicht sich 
jedoch niemals mit der Nährzufuhr von stickstoffhaltigen 
Nährstoffen aus, falls sie durch diese bewirkt ist, sondern 
bleibt weit dahinter zurück. — Ausser dem Futter ist die 
Fleischbildung auch von der Individualität und dem Ernäh- 
rungszustande des Thieres abhängig. Bei unverändertem 
Futter vermehrt sich der Fleischumsatz und vermindert sich 
der Fleischansatz um so mehr, je fleischreicher das Tbier 



Biaehoff: FüU&mng der Wiederkäuer. 423 

wird. Ohne Zahülfenahme von Bespirationsiintersachuiigen las- 
sen sich die Gesetze der Fleischbildnng nicht vollständig 
feststellen.'* — 

Alle diese Sätze stimmen vollständig mit unseren Re- 
sultaten überein, und nur in Bezug auf den letztem, dass 
auch die Gesetze der Fleischbildung sich nicht ohne Zu- 
hülfenahme von Bespirationsuntersuchungen vollständig fest* 
stellen lassen sollen, möchte es passend sein zu bemerken, 
dass die Verfasser damit nicht sowohl die Feststellung der 
Fleischbildung an und für sich, welche allein durch den 
Stickstoffumsatz vollkommen controUirt werden kann, als 
vielmehr die Erklärung der näheren Bedingungen derselben 
in geyrissen Fällen meinen. Die Verfasser meinen nämlich 
die Heft U. p. 439 u. ff. erwähnten Fälle, wo man ent- 
weder einen fortwährenden Fleischansatz oder auch einen 
fortwährenden Fleischverlust wahrnimmt, ohne dass eine 
gleichzeitige Zunahme oder Abnahme des Stickstoffnmsatzes 
wahrgenommen wird, wie man doch bei dem sonstigen Ein- 
flusB, den der Fleischreicbthum des Thierkörpers auf die- 
sen Umsatz ausübt, erwarten sollte. Die Untersuchung stellt 
auch hier die Thatsache der Grösse des Stickstoffumsatzes 
fest. Die Erklärung aber, wodurch hier eine scheinbare 
Abweichung von dem Gesetze des Einflusses des Körperzu- 
standes des Thieres bedingt ist, wird allerdings wohl erst 
durch die Beobachtungen über die Respiration gegeben wer- 
den können. So z. B. vermuthen wir, dass unsere, auch 
von den Verfassern angezogene Beobachtung, in welcher 
bei einer langen Brodfütterung der Hund stets einen Ver^ 
lust an stidcstoff haltigen Eörpertheilen erlitt, weil er mehr 
Stickstoff im Harnstoff entleerte, als er im Brod erhielt, 
und doch die tägliche Hamstoffmenge sich fast gleichblieb, 
obgleich sie bei der Abnahme der stickstoffhaltigen Körper* 
theile sich ebenfalls hätte vermindern sollen, darin ihre Er- 
klärung findet, dass der Hund auch fortwährend an Fett 

[1863.il 4.] 29 



424 tiitmng der matK-phys, C^ane wm 12. Dec. 1863. 

verlor und so eine fortwährende Steigerang des Stickstoff- 
nmsatzes herbeigeführt wurde, weil das stickstofifreie Respi- 
rationsmaterial täglich abnahm, Fett und Fleisch aber über- 
haupt in einem umgekehrten Verhältniss in Beziehung zu 
ihrem Verbrauch durch den Sauerstoff stehen. Die toU« 
ständige Bewahrheitung dieser unserer Erklärung wird durch 
die Ck)ntroIle der Bespirationsverhältnisse in diesen Zustän- 
den zu erwarten sein. 

Uebrigens kann ich nicht umhin zu gestehen, dass die 
vollständige Uebereinstimmung der Resultate einer so aus- 
gedehnten und sorgfältigen Untersuchung mit der unsrigen 
und diese Folge, welche unsere Untersuchungen bereits 
für die in ökonomischer Hinsicht so ausserordentlich wich- 
tige Ernährung des Rindes gehabt haben, für uns eine grosse 
Genugthuung in sich einschliesst. Was wollen die petulan- 
ten und entstellenden Angriffe eines Vogt, oder die an- 
massenden Räsonnements des Herrn Professor Funke, die 
auf keinerlei eigne Untersuchungen und Erfahrungen ge- 
gründet sind, sagen, gegen die Resultate der Untersuchungen 
zweier vollkommen unbefangener, äusserst sorgfältiger, vor- 
trefflich unterrichteter und wahrhaft erstaunenswerth fleissi- 
ger Beobachter ? Wir dürfen nun erwarten , dass feiner 
mehr in dieser Angelegenheit das Wort nimmt, dem nicht 
eigne und selbstständige, zahlreiche und sorgfältige 
Beobachtungen zur Seite stehen, und während dadurch die 
Menge vor Irrleitung geschützt wird, hoffen wir unsere Er- 
fahrungen auch noch femer befestigt, berichtigt und erwei- 
tert zu sehen. 

Ich habe, wie oben bereits erwähnt, geglaubt, darauf 
verzichten zu müssen, hier über die Versuche der Ver&sser 
im Einzelnen, und namentlich ihre landwirthschaftliche und 
ökonomische Bedeutung zu berichten. Dennoch kann ich 
es nicht unterlassen, wenigstens einiger Versuchsreihen kurz 
Erwähnung zu thun, welche mehrfaches Interesse darbieten. 



Büchoff: FMterung der Wiederkäuer. 425 

Es ist dies erstens eine bereits im Anfang der Unter- 
suchungen Ton Dr. Stohman^ ausgeführte Reihe von Füt- 
terungsversuchen mit Runkebrübenmelasse , eines Stoffes, 
dessen Fütterungswerth in neuerer Zeit von grösster ökono- 
mischer Bedeutung geworden ist, und dessen chemischer 
Charakter ebenso in physiologischer Beziehung interessant 
ist. Es ergab sich, dass sich die Ochsen an diesen Stoff 
in Verbindung mit Waizenstroh, Wiesenheu, Rapskuchen und 
Salz sehr leicht gewöhnen. Bei einem Zusatz von 2 — 4 Pfd. 
Rübensyrup auf 1000 Pfd. Lebendgewicht zu der nothwen- 
digen und näher angegebenen Menge obiger anderer Futter- 
stoffe bestanden die Thiere sehr gut, und man konnte bis 
zu 7,9 Pfd. Zusatz steigen, ohne dass nachtheilige Erschei- 
nungen eintraten, sondern deutliche Gewichtszunahme er- 
folgte. Nach mehrtägigem Genuss von 6 Pfd. Syrup konnte 
man den Zucker im Harn nachweisen, der aber bei reich- 
licherem Zusatz von plastischen Nährstoffen wieder ver- 
schwand. Bei 10 Pfd. Zusatz trat Durchfall und Krankheit 
der Thiere ein. Eine qualitative Untersuchung der Rüben- 
melasse ergab einen nicht unbedeutenden Stickstoffgehalt 
derselben, der aber nicht in der Form von Albumin zu- 
gegen war. Das Futter erwies sich übrigens in der ange- 
wendeten Zusammensetzung und Quantität nur als ein Er- 
haltungsfutter. Es trat zwar unter Zusatz von Rapskuchen 
eine . Zeitlang Steigerung des Lebendgewichts ein , die aber 
bei stärkerer Syrupzugabe wieder- verschwand, indem die 
Thiere erkrankten, wobei das Gewicht rasch wieder abnahm. 

Sodann verdienen auch noch zwei Reihen von Mastver- 
suchen, jedesmal mit zwei Ochsen, der eine aus dem Früh- 
jahr 1859, der andere aus dem Frühjahr 1860, besondere 
Erwähnung, weil sie einerseits das verschiedene Verhalten 
verschiedener Thiere, ja auch desselben Thieres zu verschie- 
denen Zeiten bei derselben Fütterung nachweisen, anderer- 
seits aber auch die Schlachtresultate nach den Gewichtsver-^ 

29* 



9,5 


7,0 


7,9 


62,6 


64,4 


62,0 


4,8 


4,4 


5,0 


9,8 


13,2 


13,2. 



426 SiUung der ma^.-ph^s. Ckme wm 12. Dee. 1863. 

Iiältiiissen der meisten Eötpertheile mitgetheilt sind. In 
ersterer Beziehung will ich beispielsweise nur erwähnen, 
dass in der zweiten Versuchsreihe der Ochs Nr. I. in 71 
Tagen um 146 Pfd., also per Tag um 2,06 Pfd., der Nr. IL 
in 45 Tagen um 71 Pfd.^ also per Tag um 1,51 Pfd. zu- 
nahm. Beide waren am Ende des Versuchs nicht so sehr 
Terschieden in Gewicht, nämlich L = 1150 Pfd und II. = 
1218 Pfd. In Beziehung auf die Gewichtsverhältnisse rq)ro- 
dadre ich hier nur die wenigen Zahlen nach Procenten des 
Körpergewichts. 

Nr. I. Nr. n. Nr. m. Nr. IV, 

Haut, Kopf, Beine 9,5 10,0 9,7 10,8 

Zunge und Eingeweide 8,7 

Fleisch und Talg 62,2 

Blut 4,9 

Magen und Darminbalt 9,1 
In Beziehung auf die Blutmenge stimmt diese relativ 
ziemlich mit der von mir bei dem durch Enthauptung ge- 
tödteten Menschen ermittelten überein, wo ich 5,1 und5,8Proc. 
des Körpergewichtes Blut erhielt. Die Masse des Magen- und 
Darminbaltes ist enorm; sie betrug absolut bei I. 125,1, 
bei n. 118,8, bei HI. 162,0, bei IV. 171,9 Pfd. Die Ver- 
fasser fänden daher auch, dass dieser enorme Darminhalt 
den Darm nur sehr langsam passirt. Sogenanntes Bauh- 
futter braucht durchschnittlich 5 Tage, ja wenn auf solches 
schwerverdauliches Futter ein verdaulicheres und nährstoff- 
reicheres folgte, so trat die diesem entsprechende tägliche 
Kothmenge erst 8 Tage nadi dem Zeitpunkte auf, wo Koth 
und Harn keine Rückwirkung des früheren Futters mehr 
zeigten (IL p. 451). 

Als besondere Modifikationen für den Stickstofi^misatz 
bei diesen grossen Wiederkäuern will ich noch die Erfah- 
rung der Verfasser hervorbeben, dass, während die stick- 
^offhaltige Substanz des Bohnenschrotes ganz verdaut wurde. 



V. JÜaHius: Die Fieber-Binde ete, 42 T 

von derjenigen des Rauhfutters, d. h. der Heu- und Stroh* 
arten, im Durchschnitt nur etwa die Hälfte, die andere 
Hälfte mit dem Eothe abgeht. Diese Ausnutzung der stick* 
stoffhaltigen Bestandtheile jenes Rauhfutters wurde noch 
vermindert und bis auf Vs herabgesetzt, wenn demselben 
grössere Quantitäten leicht verdaulicher Stoffe, Bohnenschrot, 
Zucker, Stärke, beigesetzt wurden. 

Von den stickstofffreien Bestandtheilen des Rauhfutters 
wurden 40 — 67 Proc. verdaut, aber unter diesen ergab sich 
als besonders bemerkenswerth, dass sich auch die Holzfaser, 
die sogenannte Gellulose, gegen die bisherigen Ansichten, 
als zu 50—60 Proc. verdaulich, erwies. 

Es ist bemerkenswerth, dass wir auch bei dem Hunde 
analoge Erscheinungen beobachtet haben. Wir fanden, dass, 
während der Stickstoff des Fleisches fast vollständig ver- 
daut wird, dieses bei dem Brode keineswegs der Fall ist, 
sondern der Brodkoth nach seiner Zusammensetzung als 
trockenes Brod zu betrachten ist, und V« — V» der Nahrung 
beträgt, und analog etwa dem Verhalten der Gellulose 
fanden wir, dass auch der Leim noch im Körper des Hun- 
des eine Ausnutzung erfuhr. 



Der Classensekretär Herr von Martins legt seinen 
Aufsatz 

„Die Fieber-Rinde, der China-Baum, sein Vor- 
kommen und seine Cultur'^ 

gedruckt in Buchner's N. Repertorium für Pharmade XH, 
8. 337 vor, mit dem Bemerken, dass er besonders wünsche, 
es in der bayerischen Akademie aktenmässig zu machen, 
dass auf seinen Betrieb die kaiserlich brasilianische Regie- 
rung unternommen habe, Chinabaum -Arten an mehreren 



428 Siteung der fnath.-ph^s. Gasse vom 12. Dec. 1663. 

Orten, zumal des Küstengebirges cultiviren zu lassen, und 
dass Theodor Peckolt in Ganta Gallo mit der Anlage sol- 
cher China-Pflanzungen betraut worden sei. 

Die obige Abhandlung bezwecke vorzüglich als Instruc- 
tion für die Unternehmung zu dienen. 

Das Vorkommen der Gattung Ginchona, als tropische 
Bergwaldbäume biete übrigens ein besonderes Interesse dar^ 
sofeme es in den Niederungen des weitausgedehnten Strom- 
beckens des Amazons nicht nachgewiesen sei, obgleich ihre 
Localitäten grösstentheils den atlantischen Wassergebieten 
angehören. Man könne aus dieser merkwürdigen Verbrei- 
tungsweise wesentliche Gründe gegen die Darwin'sche Theorie 
von der Abstammung und Verbreitung der Pflanzenarten 
ableiten. 



Herr von Siebold hält einen Vortrag 

„über seine Naturgeschichte der Süsswasser- 
fische von Mitteleuropa". 



Historische Classe. 

Sitzung vom 19. December 1863. 



Herr Roth hielt einen Vortrag 

„lieber die Secularisation des Kirchenguts 
im fränkischen Reicli unter Pipin". 



Eimendungen an Druckschriften. 429 



Einsendungen an Druckschriften. 



Von der Central- Thierareneischtde in München: 
Thierärztliche Mittheilungen. 3. Heft. 1863. 8. 

Von der Societe d* Anthropologie in Paris, 

a) Bulletins Tom. 4. 3. Fasel. Juin ä Aoüt 1863. 8. 

b) Memoires. Tom. 2. Fasel. 1. 1863. 8. 

Von der Universität in Heidelberg: 

Jahrbücher der Literatur. 56. Jahrg. 9 — 11. Heft. Septbr.^Novbr. 
1863. 8. 

Von der Bedaction des Correspondenzblattes für die gelehrten und 

ReaischuHen in Stuttgart: 

Correspondenzblatt. 9. Jahrg. Nr. 10, 11. October und November 
1863. 8. 

Von der SociäS Vaudoise des Sciences naturelles in Lausanne: 
Bulletin. Tom. 7. Nr. 50. 1863. 8. 

Von der American philosophical Society in Philadelphia: 
Proceedings. Vol. 9. January 1863. Nr. 69. , 

Vom historischen Verein für Niederhayem in Landshut: 
Verhandlungen. 9. Band. 3. und 4. Heft. 1863. Ö. 

Vom naturforschenden Verein in Brunn: 
Verhandlungen. 1. Band 1862. 1863. 8. 

Von der schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur in BresloAA: 

a) Abhandlungen. Abtheilung für Naturwissenschaften und Medicin. 
1862. Heft 2. 8. 



480 Einsendmtgm an Dnteksehriftm, 

b) 40. Jahresbericht. Generalbericht über die Arbeiten and Ver&n- 
dernngen der Gesellschaft im Jahre 1862. 1863. 8. 

Vom Offenbarer Verein für Nabirkunde in Offenbach a. M. 

a) Vierter Bericht vom 11. Mai 1862 bis 17. Mai 1863. 8. 

b) Denkschrift zur Säcnlarfeier der Dr. Joh. Christ. Senkenbergischen 

Stiftung am 18. August 1863. 4. 

Van der Academie des scienees in Paris: 

a) Comptes rendus hebdomadaires des seances. Tom. 57. Nr. 

16—21. Octbr.-Novbr. 1863 4. 

b) Tables des comptes rendus des seances. Premier Semestre 1863. 

Tom. 56. 4. 

Von der Commission zur Herausgabe der Kieler Üniversitäts-Schrifien : 

Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1862. Band 9. 
1863. 4. 

Vom Museo nazionale e degli scavi di anticMtä in Neapel: 

Herculanensium voluminum quae supersunt coUectio altera. Tomas 1. 
Fase. 1, 2, 3. 1861. gr. 4s 

Yon der SociHe des scienees naturelles in Luxemburg: 
Bapport. Tom. 6. Annee. 1863. 8. 

Vom landunrthschafUichen Verein in München: 
Zeitschrift. Noybr. 11. Deobr. 12. 1863 und Januar 1. 1864. 8. 

Vom umrttembergischen AUerthumsverein in Stuttgart: 

s) Jahresheft. 10. Heft. 1863. gr. Fol. 
b) Schriften. 6. Heft 1863. 8. 

Von der Sociiti des scienees physigues et natweUes in Bordeaux: 
Memoires. Tom. 2. 1863. 8. 

Von der medicai and chirurgical Society in London: 
Medico-chirurgical transactions. Yol. 46. 1863. 6. 



EinsendungeH an Druekaehr^Un, 431 

Von der Baiaviaaseh Genoatschap van KungUn en WeUnsehappen in 

Bakma: 

a) Yerhandelingen. Deel. 29. (A dictionary of the Sunda Language 

of Java by Jonathan Rigg.) 1862. 4. 

b) Tijdficbrift voor Indische Taal-Land-en Yolkenkonde. DeeL 11, 

4. Serie. Deel. 2. Aflevering 1—6. Deel. 12. 4. Serie. DeeL S. 
Aflevering 1—6. 1861. 1862. 

Von der pfälzischen Gesdlseliaft für Fharmacie und verwandte Fächer 

in Speier. 

Irenes Jahrbuch. Bd. 20. Heft 5, 6. Novbr. u. Decbr. 1868. Bd. 21. 
Heft 1. Januar 1864. 8. 

Von der Acadtmie imphriale des sdenees in 8t, Petersburg: 

a) M6moires. Tom. 4. Nr. 10, 11. 1862. 8. 

b) Bulletin. Tom. 4. Nr. 7, 8, 9. 

„ 6. Nr. 1, 2. 1862. 4. 

Vom Verein fUr mecklenburgische Geschichte und Jiterthumshunde in 

Schwerin : 

Jahrbücher. 28. Jahrg. Mit angehängten Quartalberiohten. 1863. 8. 

Von der deutschen geologischen Gesellschaft in Berlin: 
Zeitschrift. 15. Bd. 3. Heft. Mai-Juni-Juli 1863. 3. 

Vom Verein für Geschichte der Mark Brandenburg in Beriin: 
Märkische Forschungen. 5., 6., 7. Band. 1857. 1858. 1861. 8. 

Vom Verein zur Beförderung des Gartenbaues in den preussischen 

8t€iaten in Berlin: 

Wochenschrift. Nr. 42—52. Octbr.— Decbr. 1863. 4. 

Von der CJommission für das k. Weifen-Museum in Hannover: 
Das k. Weifen-Museum zu Hannover im Jahre 1863. 8. 

Vom Bezirksverein für hessische Geschidvte und Landeskunde in Hanam: 
Mittheilungen. Historische Beiträge zur Geschichte der Schlacht bei 



432 Emsmdungm an DrwiksehHftm. 

Hanau am 80. und 31. October 1813, von G. W. Röder zu Ha- 
nau. Nr. 3. 1863. 8. 

Vom Verein für Oeschichte und Jltertkumshunde Westphdlens in 

Münster: 

Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Alterthumskunde. 
Dritte Folge. 3. Bd. 1863. 8. 

Van der Universität in üpsäla: 

Nova Acta regiae societatis scientiarum üpsalensis. Seriei tertiae 
Vol. 4. Fase. 2. 1863. 4. 

Von der Boy dl astronomicäl Societyi in London: 
Memoirs. Vol. 31. 1863. 4. 

Von der Beale Äecademia deUe sdenze in Tu/rin: 
Memorie. 2. Ser. Tom. 20. 1863. 2. 

Von der k, Akademie der Wissensch. in Stockholm: 

a) Handlingar Bd. 4. 1. 1861. 1862. 4. 

b) Oefversigt of Förhandlingar. 19. Arg. 1862. 1863. 8. 

c) Meteorologiska Jakttagelser i Sverige. 3. Bd. 1861. 1863. 4. 

Von der schweizerischen naturforsehenden Gesellschaft in Bern: 

a) Verhandlungen bei der Versammlung zu Luzem 23. 24. 25. Sept. 

1862. 46. Versammlung. Luzem. 8. 

b) Die Hieracien der Schweiz. Von Chr. Christener. Bern. 1863. 4. 

Von der Senkenhergischen naturforschenden Gesellschaft in "Frankr 

fürt a. M,: 

Abhandlungen. 4. Bd. 3. u. 4. Lief. 1862. 1863. 4. 

Von der Gedlogical Society in London: 
Quaterly Journal. Vol. 19. Part. 4. Nr 76. Novbr. 1863. 8. 

Von der Finkländischen SodetöJt der Wissenschaften in Hdsingforsi 
a) Acta societatis scientiarum Fennicae. Tom. 7. 1863. 4. 



Einsendungen an DmcJcschriften. 433 

b) Oefversigt of Förhandlingar 6. 1857-1863. 9. 

c) Bidrag tili Kännedom af Finlands Natur och Folk. Heft 6, 7. 8. 

d) Bidrag tili Finlands Naturkännedom Etnographi och Statistik. 

Heft 8, 9. 1863. 8. 

e) Förteckning öf^er Boksamling. Ar 1862. 1863. 8. 

Vom Verein für Naturkunde in Mannheim: 
29. Jahresbericht. 1863. 8. 

Von der natural history Society in Montreal: 
Canadian Naturalist and Geologist. Vol. 8. Nr. 5. Octbr. 1863. 8. 

Von der üniversiti Caiholique in Löwen: 
Annuaire. 1864. 28»« Annee. 8. 

N 

Vom Institut historigue de France in Paris: 

L'investigateur. Journal. Trentieme Annee. Tom. 8. 4. Serie. 
1863. 8. 

Vom historischen Verein für Mittdfranhen in Ansbach: 
31. Jahresbericht. 1863. 4. 

Von der h. Akademie der Wissenstkaften in Berlin: 
Abhandlungen. 1862. 4. 

Von der AcadSmie de Stanislas in Nancy: 

a) Memoires. 1862. 1863. 8. 

b) Memoires. Documents pour servir a la description scientifique 

de la Lorraine. 1862. 8. 

Von der physikalisehen CreseUschaft zu Berlin: 

Die Fortschritte der Physik im Jahre 1861. 17. Jahrgang. 

1. Abth. enthaltend allgem. Physik, Akustik, Optik und Wärme- 

lehre. 

2. „ „ Elektricität und Magnetismus, Physik der 

Erde. 1863. 8. 



434 Einsendungen an Druekechriften. 

Van der naturfandienden GeoMsehaft in Damig: 
Schriften. Neue Folge. Ersten Bandes. 1. Heft. 1863. 8. 

Van der Äeadimie raycde de MSdecine de Bdgique in Brüssel: 
Bulletin. Ann^e 1863. Deuxi^me S^rie. Tom. 6. Nr. 8, 9. 8. 

Van der h Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt: 
Jahrbücher. Neue Folge. Hefb 8. 1868. 8. 

Van der archäölagischen GeseUsckaft in Berlin: 

a) Der Boryphoros des Polyklet. 28. Programm zum Winkelmanns- 

fest von Karl Friederichs. 1863. 4. 

b) Statut und Mitgliederliste. 4. Auflage. Januar 1863. 8. 



Vom Herrn G, v, Siebald hier: 
Die SÜBBwasserfische von Mitteleuropa. Leipzig 1863. 8. 

Vam Herrn W. Gümhd hier: 

Ueber die Clymeoien in den Uebergangsgebilden des Fichtelgebirge«» 
Gassei. 1863. 4. 

Vam Herrn Ferdinand Piper in Berlin: 

a) Der Baum des Lebens. 1863. 8. 
'b) Rom, die ewige Stadt. 1864. 4. 

Vom Herrn Emü Özymidnski in Krakau: 

Theorie der chemischen Verbindungen auf der rotirenden Bewegung 
der Atome basirt auf organische Verbindungen angewandt. 
1863. 8. 

Vom Herrn Ä, Grunert in Greifswdldei 
Archiv der Mathematik und Physik. 51. Th. 1.2. Heft. 1863. 1864. 8. 



Einsendimgen em Drucksekriften, 435 

Vom Herrn T. H, Safford in Ckmbridge: 

The obeerved motions of the companion of Sirius oonsidered with 
reference to the disturbing body indicated by theory. 1863. 8. 

Vom Herrn C. Struve in St. Petersburg: 
JahreBbericht am 14. Juni 1863. 8. 

Vom Herrn Henry James in London: 

Extension of the triangulation of the ordnance survey into France 
and Belgium with the measurement of an arc of parallel in 
latitude 52^ N. from Yalentia in Ireland to Mount Yremmel in 
Belgium. 1863. 4. 

« 

Vom Herrn Giovanni Bdloni in Neapel: 

Le glorie da Maria. Sonetti scritti in Somma Yesuviana l'Ottobre 
del 1863. 8. 

Vom Herrn James D. Dana in New-Haven: 

1. On parallel relations of the classes of vertebrates, and on some 

characteristics of the reptilian birds. 8. 

2. The Classification of animals based on the principle of cephali- 

zation. 8. 

Vom Herrn M. Beinaud in Paris: 

Relations politiques et commerciales de PEmpire Bomain avecrAsie 
Orientale. 1863. 8. 

Von den Herren Frone Bitter wn Hauer und Guido Stäche in 

Wien: 

Geologie Siebenbürgens. 1863. 8. 

Vom Herrn Carl Halm hier: 
Bhetores latini minores. Fase, posterior. Lipsiae. 1863. 8. 



436 JBinsenäungm an Druckschriften. 

Vom Herrn F. J. C, Mayer in Bonn: 

Aegyptens Vorzeit and Chronologie in Yergleichung mit der West- 
und Ost-Asiatischer Culturyölker. Ein Prodromos zur Ethnolo- 
gie des Menschengeschlechtes. 1862. 8. 

Vom Herrn B Blanehet in Lausanne: 

Lettres adressees k la Gazette de Lausanne sur les maladies des 
plantes et sur Phygiöne de l'homme et des animauz. Deoembre 
1863. 8. 

Vom Herrn Jenzseh in Erfurt: 

Zur Theorie des Quarzes mit besonderer Berücksichtigung derCirea- 
larpolarisat\on. 1861. 8. 



« 



Sach-Register. 



Abudjafar Ahmad 1. 28. 

Aerometrie 320. 

Africa 373. 

Alcacer (Schlacht 1578) 34. 

Allotropisirbarkeit 109. 

Almeria) dessen Topographie 28. 

Almubarrad 37. 

Annalen des fränkischen Reichs 147. 

Arabisches 1. 28. 34. 37. 38. 

Aristoteles 253. 



Blutkörperchen 117. 
Brasilien 43. 427. 



Catarrh-Croup 67. 
Gentral-Amerika 220. 
Chemie 215. 
China 155. 
Chinabaum 427. 
Clymenien 372. 



438 SaefhBegister. 

Diastase 98. 107. 

DichtigkeitsverhältniBse der Luft 320. 
Diphtherie 85. 



Smolsin 98. 106. 
EmähmngsproceBB 414. 
Escorial 1. 34. 37. 



Faserstoff-Exsudat 69. 99. 

,, epithelialer 70. 

„ desmoider 84. 
Fichtelgebirg 372. 
Fieber-Rinde 427. 
Flechtenschläuche 145. 
Frischlin Nicodemns 152. 
Fachs, seine Ranzzeit 44. 



Währung 107. 

Gallienus 41. 

Gehörorgan 55. 

Geographie (des Mittelalters) 414. 

Geschichte : 

Frankisches Reich 147. 428. 

Portugal 34. 

Spanien (maurisches) 1. 
Glossen althochdeutsche 259. 
Glycolsäure 219. 
Goldmünzen, gallische 152.^ 



Hämatit 234. 
Hefe 100. 106. 



Saeh-Begüfter. 439 



Herculanensische Rollen 40. 

Hessenbergit 230. 

Historia de la doncella Teodor 38. 



Ibnulkhatib, als Arzt 1. 

Ichthyologie 221. 428. 

Immunität 265. 

Isidor (Origg.) 258. 

Isomerien organischer Verbindungen 215. 



Kartoffelpflanzen 876. 

Kartoffelkrankheit 377. 

Katalytische Wirkungen organischer Materien 95. 

ihre Verbreitung in der Pflanzenwelt 97. 

in der Thierwelt 102. 
Keimfähigkeit der Samen 115. 
Kleber 97. 
Krystallographie, s. Mineralogie. 

Ihre Grundgesetze 350. 

Schema der letzteren 365. 



Lichtausstrahlungen 266. 

(ihre ehem. Wirkung.) 
Literatur (und Sprache) 

arabische 1 ff. 

brasilianische 43. 

deutsche 41. 43. 

römische 41 254. 



Mathematik und Krystallographie 350. 
Mikroskopische Beobachtung (gelöster Stoffe) 293. 
[1863. n. 4] 30 



440 SachrRegiHer. 

Miliartuberkel 89. 

Mineralogie 230. 234. 

Münchner Bibliothek 39. 41. 152. 164. 253. 260. 263. 414. 

Myrosin 99. 107.^ 



Ordale 262. 

Orlando di Lasso 154. 



Paramidobenzoesäure 218. 

Paranitrobenzoesäure 217. 

Paraoxybenzoesäure 215. 

Periplas des Pontus Euxinns 414. 

PersiuB 254. 

Pest, im 14. Jahrhundert 1. 28. 34. 

Petrarca 41. 

Pflanzen, narkotisirende 25. 

Pflanzenphysiologie 311. 

Pflanzenphysiologisches Institut 376. 

Philodemus m^i €va€ßtUcg 40. 

Phosphorleuchten 266. 

Photographie 304. 

Photographischer Apparat (neue Construction) 306. 

Photometrie 320. 

Physiologie (der Thiere) 44. 

(der Pflanzen) 116. 
Platin und Wasserstoffsuperoxyd 95 ff. 108. 116. 
Präparationsmethode des häutigen Labyrinthes im Gehörorgan 55. 
Pseudomembranen, auf Schleimhäuten u. s. w. 62. 69. 72. 

,. „ gefässlose-gefösshaltige 77. 



Bespirations-Apparat 422. 



Säugethier-£ier 48^ 

Schedel Hartmann 41. 

Schwarzes Meer 414. 

Schwefelwasserstoff 114. 

Sebastian von Portugal 34. 

Secularisation im fränkischen Reich 428. 

Seelgerät 260. 

Seidenraupenkrankheit 378. 

Spanien 373. 

Stärkekömer 119. 

Identität der Cellulose in ihnen und den Zellmembranen 121. 

unterschied zwischen Cellulose und Granulöse in Beziehung auf 
Jod 127. 

in Beziehung auf Löslichkeit 133. 

ihre chemische Verschiedenheit 272. 

grosse und kleine 288. 
Süsswasserfische (Mitteleuropas) 428. 



Tarifa (Schlacht a. 1340) 34. 

Tausend und eine Nacht 39. 

Tegemseer Urkunde 260. 

Testa seminis und ihre Oberhaut 811. 

Tibetanisches 149. 

Traubenkrankheit 378. 

TrebeUius PolUo 41. 

Triangulation und Vermessung durch Photographie 304. 



Venedig 152. 

30' 



442 SaehrBeffister. 

WahrscheinlichkeitB-Untenniohnng 820. 
Wiederkäuer 414. 



Sellmembranm 119. 
vgl. Starkekömer. 

Flechtenscliläache. 



Namen-Eegister. 



Amari (WaM) 412. 



Yon Bezold 850. 
Bischoff 44. 55. 414. 
Böhmer (Nekrolog) 899. 
Böttiger (Nekrolog) 391. 
Bond (Wahl) 412. 
Buhl 59. 418. 



Cotta (Wahl) 413. 



Despretz (Nekrolog) 885. 
Döderlein (Nekrolog) 380. 
Döllinger 891. 



Ecker (Wahl) 413. 



öervinuB (Wahl) 418. 
Giesebrecht 148. 



444 Namen-Begiskr. 

Jao. Grimm (Nekrolog) 881. 
Gümbel 372. 



Haase (Wahl) 414. 
Hessenberg (Wahl) 413. 
Huxley (Wahl) 413. 



JoUy 350. 



Kenngott (in Zürich) 230. 

Knapp (Wahl) 412. 

Kner (in Wien) 220. [Wahl] 413. 

Köchly (Wahl) 412. 

Eolbe (in Marburg) 216. 

Kunstmann 372. 



von Liebig 215. 375. 



von Kartius 43. 385. 427. 
Meissner (Wahl) 413. 
Mitscherlich (Nekrolog) 388. 
Mohr (Wahl) 413. 
Müller, M. J. 1. 34. 38. 380. 



Ifägeli 119. 272. 293. 



Pettenkofer 95. 
Plath 155. 



Biemann (Wahl) 412. 



Namen-Begister, 445 



Roth 428. 
Rüdinger 55. 



Schlagintweit 149. 

ScHönbein (in Basel) 95. 

Seidel 320. 

von Siebold 220. 428. 

Sighart (Wahl) 413. 

Spengel 40. 253. 

von Staudt (Wahl) 413. 

Steinheü 304. 

Stephani (Wahl) 412. 

Streber 152. 



Thomas 41. 152. 253. 414. 
Treviranus (in Bonn) 311. 



Vogel jun. 266. 
Voigt (Nekrolog) 394. 
Voltolini (in Breslau) 55. 



Wagner, Moriz 220. 
Weber (Wahl) 413. 
Weierstrass (Wahl) 412. 
Wüllersdorf-Urbair (Wahl) 412. 



% • 



• 



♦ . 



« 



./^ 



je: 



UNIVERSITY OF MICHIQAN 





3 9015 06442 2838 



H II >" 




flOQIS 06442 2838 




r 



{